Šejla Kamerić, Echoes of Power – Selbstbild, Erinnerung, Entwurf
Ausstellung in der Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 24. Oktober 2026 – 24. Januar 2027.
Die Ausstellung Echoes of Power – Selbstbild, Erinnerung, Entwurf versammelt Werke der bosnischen Künstlerin Šejla Kamerić aus unterschiedlichen Schaffensperioden. Von Film und Installation über Fotografie und Skulptur bis hin zu Crochet-Arbeiten entfaltet sich ein Werk, das sich insbesondere mit weiblicher Identität, dem weiblichen Körper und der weiblichen Erfahrung auseinandersetzt. Ausgangspunkt ist dabei Kamerićs eigene Lebenswirklichkeit als Frau, Mutter und Tochter, aber auch ihre Erfahrung als denkendes, fühlendes und handelndes Subjekt in einer von gesellschaftlichen Machtverhältnissen geprägten Welt.
Die Ausstellung entwickelt sich entlang einer Frage, die Kamerićs künstlerisches Schaffen durchzieht: Warum bleiben individuelle und kollektive Erfahrungen, die auf gesellschaftliche Missstände, Konflikte und ethische Widersprüche aufmerksam machen, politisch und sozial so häufig folgenlos?



Die Frage berührt ein grundlegendes Problem gesellschaftlicher Veränderung. Erfahrungen von Krieg, Gewalt, Ausgrenzung oder geschlechtsspezifischer Ungleichheit lassen zwar erkennen, dass bestehende Verhältnisse einer Veränderung bedürfen. Doch daraus entsteht nicht zwangsläufig ein Bewusstsein für die Ursachen dieser Erfahrungen – und ebenso wenig die Bereitschaft oder Fähigkeit, daraus Konsequenzen zu ziehen. Zwischen dem Erleben eines Missstands und seiner Überwindung liegt ein Lernprozess, der nicht von selbst stattfindet, sondern aktiv vollzogen werden muss. Genau hier setzt die Ausstellung an.
Kamerić nimmt eine reflexive und kritische Perspektive ein. Sie untersucht, wie individuelle Biografien mit geschlechtlichen Machtverhältnissen, politischen Konflikten und gesellschaftlichen Normen verflochten sind. Dabei begreift sie persönliche Erfahrungen und kollektive Geschichte nicht als voneinander getrennte Bereiche. Gesellschaftliche Verhältnisse wirken nicht allein von außen auf den Einzelnen ein; sie prägen auch unsere Wahrnehmung, unsere Selbstbilder und die Vorstellungen davon, welche Rollen uns selbst und anderen zukommen. Gerade in alltäglichen Routinen, vertrauten Bildern und scheinbar selbstverständlichen Zuschreibungen können sich Machtverhältnisse fortsetzen, ohne als solche erkannt zu werden.
In Kamerićs Werk erscheint das Persönliche weder als rein private Angelegenheit noch als Ausdruck eines unabhängigen, zeitlosen Selbst. Vielmehr wird es zum Ort, an dem sich gesellschaftliche Widersprüche und ungelöste Konflikte verdichten und das Politische konkret erfahrbar wird. Weibliche Identität entsteht dabei im Spannungsfeld von eigener Erfahrung, kollektiver Erinnerung, politischer Gewalt und kultureller Normierung. Sie ist nicht einfach gegeben, sondern wird unter historischen und gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu geschaffen und ausgehandelt.
Exemplarisch zeigt sich dies in Bosnian Girl. Die Arbeit verweist nicht allein auf die Kriegserfahrung in Bosnien und Herzegowina, sondern macht sichtbar, wie sich Gewalt in gesellschaftlichen Bildern und Zuschreibungen fortsetzt. Ein abwertender Graffitisatz eines internationalen Soldaten wird zum Zeugnis einer Wahrnehmungsordnung, in der nationale, ethnische und geschlechtliche Machtverhältnisse ineinandergreifen. Kamerić legt damit nicht nur eine persönliche Verletzung offen, sondern richtet den Blick auf jene gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Herabsetzung möglich wird und ihre Wirkung entfaltet. Die Arbeit fragt danach, weshalb Erfahrungen von Unrecht zwar erinnert werden können, aber dennoch so häufig keine Veränderung der Verhältnisse bewirken, aus denen sie hervorgegangen sind.
Auch der Titel Echoes of Power verweist auf dieses Fortwirken. Macht erscheint hier nicht allein als unmittelbare Ausübung von Herrschaft, sondern ebenso als Nachwirkung historischer Erfahrungen, die in der Gegenwart weiterleben und bestehende Strukturen stabilisieren. Das Echo bezeichnet dabei nicht nur die Wiederkehr des Vergangenen, sondern auch die Möglichkeit, es anders wahrzunehmen und zu beantworten. Denn erst wenn Erfahrungen reflektiert, in größere Zusammenhänge eingeordnet und kollektiv zugänglich gemacht werden, können sie zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderung werden.
In diesem Sinne lässt sich Kunst als ein Ort verstehen, an dem die noch uneingelösten Potenziale der Wirklichkeit sichtbar werden. Kamerićs Arbeiten bieten keine einfachen Antworten und versprechen keine unmittelbare Überwindung gesellschaftlicher Widersprüche. Sie eröffnen vielmehr einen Raum, in dem Erfahrungen neu gelesen, Selbstbilder hinterfragt und Zusammenhänge erkannt werden können, die im Alltag häufig verborgen bleiben. Erinnerungen, Selbstbilder und Entwürfe des eigenen Lebens werden so zu einem offenen Archiv gemeinsamer Reflexion. Darin liegt die Möglichkeit, aus dem Erlebten zu lernen und jene Handlungsspielräume zu erschließen, die eine Veränderung des Bestehenden überhaupt erst denkbar machen.
Šejla Kamerić. Echoes of Power – Selbstbild, Erinnerung, Entwurf. Kuratiert von Alejandro Perdomo Daniels. Städtische Galerie Villingen-Schwenningen, 24. Oktober 2026 – 24. Januar 2027.
galerie.villingen-schwenningen.de
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