Der weibliche Blick
Die Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn, zeigt Frauenporträts von Mary Ellen Mark.
Obwohl kürzlich bereits eine Retrospektive zu Mary Ellen Marks Lebenswerk im Foto-Ausstellungshaus C/O Berlin zu sehen war, ist die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn, die ältere. Sofort nach dem Tod der Fotografin 2015 wollte Anne Morin, die Direktorin der Agentur diChroma photography in Madrid, die seit 2004 Fotoausstellungen für Museen und Galerien produziert, etwas zu ihrem Werk machen. Mit 93 Aufnahmen ist die Ausstellung kleiner, aber fokussierter als die in Berlin, denn sie konzentriert sich ganz auf Frauenporträts. Nach Stationen in fünf anderen Ländern kommt sie nun erstmals nach Deutschland, an die nach dem Unternehmer Ernst Franz Vogelmann benannte Heilbronner Kunsthalle, die seit 2010 moderne und zeitgenössische Skulptur, Malerei und Fotografie ausstellt.
Wenn es ihn gibt, den weiblichen Blick im Gegensatz zum „Male Gaze“, der Frauen zum Objekt erniedrigt und ein Machtgefälle zwischen dem Betrachter und dem Gegenstand seiner Begierde herstellt, so ist er bei Mary Ellen Mark zu finden. Ihre Aufnahmen sind geradezu prototypisch das Gegenteil dieses objektifizierenden Blicks, denn die 1940 geborene Fotografin hat immer zuerst mit den Porträtierten Kontakt aufgenommen, um etwas über sie zu erfahren und ihre Vertrauen zu gewinnen, bevor sie die Kamera auspackte. Drei Wochen lebte sie mit der wohnungslosen Familie Damm, die 1987 von Colorado nach Kalifornien gekommen war. Das Foto der vierköpfigen Familie in ihrem Auto sei das schwierigste gewesen, das Mark je gemacht habe, meint Morin. Sie kam wieder: Sieben Jahre später hatten die Eltern, drogenabhängig, zwei weitere Kinder bekommen. Die Familie lebte in einem verlassenen Farmhaus in einem Zustand der Verwahrlosung.



USA 1998. Foto: Mary Ellen Mark.
Das Elend der Welt
Mary Ellen Mark wollte wirklich wissen, wie es den Menschen erging, die sie im Auftrag von Magazinen wie Life und vielen anderen – über 100 führt eine ihr gewidmete Website auf – oder auch auf eigene Initiative aufnahm. Deshalb hielt sie auch längerfristig Kontakt. Mehr als 30 Jahre im Fall von Erin Blackwell, die sie 1983 als dreizehnjährige Kinderprostituierte Tiny in Seattle im Halloween-Kostüm porträtierte: magere Arme, ein Netz-Schleier über der Nase, ein entschlossener, vielleicht auch verhärmter Mund, aber ein klarer selbstbewusster Blick in die Kamera. Für das Magazin Life sollte sie eine Reportage über das damals, im Amerika Ronald Reagans, neue Phänomen der Straßenkinder anfertigen. In Seattle gab es so etwas angeblich nicht. Doch sie fragte sich durch und fand schließlich in der Pike Street um die fünfzig Kinder und Jugendliche, darunter Tiny. Marks Mann, der Dokumentarfilmer Martin Bell, drehte über Tiny den Film Streetwise. Sie selbst kehrte immer wieder zu Tiny zurück, fotografierte sie schwanger, ihre zehn Kinder, die nach und nach erwachsen wurden und wieder Kinder bekamen und widmete ihr 2015 ihr letztes Buch.
Mark schreckte vor nichts zurück. Sie fuhr in die Appalachian Mountains zu den „Hillbillies“, den Hinterwäldlern, und zu den französischstämmigen Acadians nach Louisiana, fotografierte wohlhabende Seniorinnen bei der Wassergymnastik in Florida und sogar den Ku Klux Klan in Tennessee, dessen Anhängerinnen auf einem vereinzelten Bild in der dritten Etage der Ausstellung, ohne Männer, vielleicht etwas zu harmlos erscheinen. Sie nahm wiederholt Heroinsüchtige und psychisch Kranke in den Blick, am spektakulärsten in der Langzeitreportage Ward 81: Als Setfotografin hatte sie 1975 die Arbeiten zu Milos Formans Film Einer flog über das Kuckucksnest dokumentiert, der im Oregon State Mental Hospital gedreht wurde. Die Station 81 war eine geschlossene Abteilung für Frauen, die eine Gefahr für andere darstellten. Sie erhielt die Erlaubnis, sich dort einzuquartieren und lebte sechs Wochen lang mit den Internierten zusammen.
Nicht nur in den USA, in vielen Ländern war sie unterwegs, unter anderem in Indien, wo sie bereits 1968 in Bombay (heute Mumbai) auf die Prostituierten der Falkland Road aufmerksam wurde. Zehn Jahre später beauftragte das Magazins Geo sie mit einer Reportage. Während sie sonst fast immer in Schwarzweiß arbeitete, folgte sie hier dem Wunsch der Dargestellten nach Farbe. Geo befand freilich, ihre Aufnahmen seien für das amerikanische Publikum zu verstörend. Daher wurden sie 1981 in Deutschland im Stern veröffentlicht. In der Ausstellung liegen Exemplare der Zeitschrift aufgeschlagen in einer Vitrine. So ist an einer Stelle auch dokumentiert, wie die Fotos verwendet wurden, und die Farbbilder unterbrechen nicht das Schwarzweiß an den Wänden.

Kleine Menschen
In Indien hatte Mary Ellen Mark auch die dortige Zirkuskultur kennengelernt, vielleicht die älteste der Welt. Viele Jahre später erhielt sie durch ein Stipendium Gelegenheit, sich dem Thema näher zuzuwenden. Ähnlich wie heute Johanna-Maria Fritz, deren Zirkusbilder aus islamischen Ländern im vergangenen Jahr im Stadthaus Ulm zu sehen waren, interessierte sie sich mehr für die Menschen als für waghalsige Akrobatiknummern. Effektvolle Bilder lieferten Dompteure und Dompteusen von Wildtieren, die heute in Indien im Zirkus verboten sind. Sehr jung waren einige der Porträtierten. Damit leitet die Ausstellung, die Rita Täuber für die Kunsthalle Vogelmann eingerichtet hat, über zu einem zentralen Aspekt der Arbeit der Fotografin: Kinder bezeichnete Mary Ellen Mark lieber als „kleine Menschen“. 1965, mit einem Reisestipendium in der Türkei, war sie der kleinen Emine begegnet. Das Porträt des vielleicht achtjährigen Mädchens betrachtete die Fotografin als ihr erstes wichtiges Bild, als Wendepunkt ihrer Karriere.
Kinder genauso ernst zu nehmen wie Erwachsene; Menschen in schwierigen, teils extremen Lebenslagen nicht als Problemfälle, sondern als gleichwertiges Gegenüber zu sehen: Das war die große Stärke von Mary Ellen Mark. Nie richtete sie einen voyeuristischen Blick auf die Niederungen des Daseins, immer setzte sie die Dargestellten würdevoll ins Bild. Diese Identifikation mit dem Gegenüber findet vielleicht ein optisches Äquivalent in einer letzten, eher heiteren Serie, mit der die Ausstellung endet. In Twinsburg, Ohio, finden seit 1976 jedes Jahr die Twins Days statt, ein Festival, zu dem heute um die 3000 Zwillingspaare anreisen. 1998 war Mary Ellen Mark zum ersten Mal dort und beschloss wiederzukommen. In einem Studiozelt, vor neutral grauem Hintergrund, posieren die Zwillinge in identischer Kleidung. Alle Aufnahmen sind Unikate, aufgenommen mit einer Sofortbildkamera im ungewöhnlich großen Format von 50 x 60 Zentimeter.
Mary Ellen Mark (1940-2015), The Lives of Women, 23. März –28. Juli 2024 in der Kunsthalle Vogelmann, Heilbronn.
A European Collection
Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw - ab 30. April 2026 im Christian Schad Museum.
Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert
Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.
Cihan Çakmak, like a warrior
Das Museum Morsbroich in Leverkusen richtet die erste museale Einzelausstellung der Künstlerin Cihan Çakmak aus.