Der Klang der Plastik als Gesellschaft
Lamin Fofana / Hanne Lippard / Michaela Melián / Ari Benjamin Meyers / Raphael Sbrzesny / Naama Tsabar.
Im Jahr 2025 widmet die Städtische Galerie Villingen-Schwenningen ihre Herbstausstellung einem Phänomen, das in der zeitgenössischen Kunst zunehmend an Bedeutung gewinnt: Der Klang der Plastik als Gesellschaft. Die Ausstellung richtet den Blick auf künstlerische Praktiken, die bewusst auf Brüche zielen – Brüche mit überlieferten Grenzen der Kunstproduktion ebenso wie mit eingeübten Formen der Wahrnehmung. Sie bewegt sich in einem Grenzraum, in dem Skulptur, Klang, Raum, Installation und performative Situationen in ein oszillierendes Verhältnis treten und sich einer eindeutigen Kategorisierung entziehen.
Im Zentrum der Ausstellung steht ein künstlerisches Verständnis, das Raum und Klang nicht als getrennte Dimensionen, sondern als miteinander verschränkte, plastische Kräfte begreift. Raum wird dabei gleichermaßen als physisch erfahrbare Ausdehnung wie als gesellschaftlicher Schauplatz verstanden – als Ort, an dem Körper, Ereignisse und Beziehungen in Erscheinung treten. Klang wiederum fungiert als Ausdruck von Bewegung, als kulturell aufgeladene Schwingung, die sich niemals isoliert vollzieht, sondern stets in Resonanz mit physischer und sozialer Umgebung steht. Beide Elemente – Raum und Klang – werden so zu Materialien, die formbar sind, prägen und geprägt werden.


Mit Arbeiten von Lamin Fofana, Hanne Lippard, Michaela Melián, Ari Benjamin Meyers, Raphael Sbrzesny und Naama Tsabar versammelt die Ausstellung sechs internationale Positionen, die exemplarisch ein breites Spektrum zeit-, klang- und raumbasierter Kunstpraxis entfalten. Ihre Werke entwerfen die Plastik als ein vielschichtiges, zeitlich expandiertes Ereignis, das nicht nur materiell greifbar, sondern auch akustisch, atmosphärisch und sozial erfahrbar wird. Sie erzeugen Zonen, in denen Kunst als Prozess der Verortung sichtbar wird – zwischen Selbstreferenzialität und gesellschaftlicher Reflexion, zwischen individueller Körperlichkeit und kollektiver Erfahrung.
Was entsteht, ist ein sinnlicher Raum der Konvergenz, in dem Abstraktes und Konkretes, Empfinden und Bedeutung, Singularität und Vielstimmigkeit miteinander verschmelzen. Die Ausstellung eröffnet damit nicht nur neue ästhetische Zusammenhänge, sondern formuliert eine Haltung: dass Kunst Resonanz schafft – zwischen Dingen, Körpern, Stimmen, Erinnerungen und gegenwärtigen sozialen Dynamiken.
Der Klang der Plastik als Gesellschaft versteht sich zugleich als zeitgenössische Fortführung avantgardistischer Traditionen. Es sind jene historischen Bewegungen – von den Dadaisten über Fluxus bis zu den frühen Klanginstallationen der 1970er Jahre –, die den gesellschaftlichen Resonanzraum der Kunst stets mitbedachten und die Grenzen zwischen Material, Medium und Bedeutung radikal neu definierten. Die Ausstellung ist keine Rückschau, sondern eine Fortschreibung: Sie führt die Idee der Avantgarde als offenes Experimentierfeld fort und fragt, wie sich deren Impulse im 21. Jahrhundert aktualisieren lassen.
In diesem Sinne tritt das Projekt bewusst in Dialog mit den Donaueschinger Musiktagen 2025. Während dort die avanciertesten Formen zeitgenössischer Musik im Vordergrund stehen, öffnet sich in Villingen-Schwenningen ein paralleles Feld: ein Raum, in dem Klang nicht ausschließlich musikalisch gedacht, sondern als plastische und räumliche Erfahrung inszeniert wird. Es geht dabei weder um eine Vermengung künstlerischer Disziplinen noch um eine Neuauflage des historischen Wettstreits der Künste (Paragone). Vielmehr um ein produktives Zusammenklingen – um die Idee, Kunst als vibrierendes Gewebe zu begreifen, in dem Bedeutung, Materie, Zeit, Raum und Gesellschaft wechselseitig aufeinander reagieren.
So wird Der Klang der Plastik als Gesellschaft zum Resonanzraum im doppelten Sinne: als begehbare Ausstellung und als gedankliche Zone, in der Kunst gesellschaftliche Sensibilität gewinnt. Eine Einladung, das Plastische hören und den Klang als Form begreifen zu lernen – und darin neue Möglichkeiten gemeinsamen Erlebens zu entdecken.
Der Klang der Plastik als Gesellschaft
19. Oktober 2025 bis 18. Januar 2026
Dienstag bis Sonntag, 13 – 18 Uhr
Donnerstag, 13 – 20 Uhr
Sonderöffnungen 1.11., 25.12., 26.12. und 6.1., 13 – 18 Uhr
Schließtage Mo & 24.12., 31.12., 1.1.
Städtische Galerie Villingen-Schwenningen
Friedrich-Ebert-Straße 35
78054 Villingen-Schwenningen
https://galerie.villingen-schwenningen.de
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