Ausstellungsdokumentation HMKV Dortmund "Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz"
5 Min. Lesezeit

Zwischen Spionagegeschichten und Meissener Porzellan

Seit dem 14. März 2026 zeigt der HMKV Hartware Medienkunst Verein die Ausstellung Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz.

Von Kombinat und Kybernetik über Spionagegeschichten und Meissener Porzellan bis zur heutigen Re-Industrialisierung Sachsens als „Silicon Saxony“: Seit dem 14. März 2026 zeigt der HMKV Hartware Medienkunst Verein die Ausstellung Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz und widmet sich damit einem Kapitel ostdeutscher Industriegeschichte, das im Westen bis heute erstaunlich wenig bekannt ist.

Seit den 1960er Jahren verändert der Siegeszug von Computern und Mikroelektronik die Welt – heute als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnet. In der DDR stand vor allem der Name Robotron für die neue, alle Bereiche der Wirtschaft verändernde Technologie. Im Rückblick auf die Geschichte des VEB Kombinats werden die technischen Möglichkeiten und die daran geknüpften gesellschaftlichen Hoffnungen deutlich, aber auch die politischen und ökonomischen Widersprüche, die schließlich zum Scheitern der DDR führten. Wie lässt sich diese Geschichte anhand künstlerischer Positionen erzählen − und lassen sich vielleicht auch Parallelen zur Industriegeschichte (insbesondere der De-Industrialisierung) und den damit verbundenen Erfahrungswelten im Westen ausmachen? Gibt es gar verbindende Erfahrungen im kollektiven Gedächtnis − und was bedeutet eigentlich der irritierende Untertitel Arbeiterklasse und Intelligenz? Die Ausstellung begibt sich auf eine vielschichte Spurensuche und versucht, die ostdeutsche Industriegeschichte dem Ruhrgebiet ein Stück näherzubringen.

Bei den Werken der 20 Künstler*innen handelt es sich um Fotografien, filmischen Erzählungen, Videos, Installationen, skulpturale und grafische Arbeiten, die zum Teil in der DDR entstanden sind und die die vielfältigen intellektuellen und ästhetischen Impulse zeigen, die bis heute von dieser Episode ausgehen. Ein breit gefächertes Veranstaltungsprogramm, das zu öffentlichen Führungen, einer Katalogvorstellung, (Artist-)Talks, Lesungen, Workshops und Yoga einlädt, wird die Ausstellung begleiten.

Wandessay von Jan Wenzel rahmt die Ausstellung

Im Ausstellungsraum entfaltet sich ein Essay entlang von Fragen, die die Geschichte von Robotron betreffen, aber auch für ein Verständnis unserer technologisch geprägten Gegenwart relevant sind. Er beleuchtet Zusammenhänge von Geopolitik und Weltmarkt, die krisenhafte Produktion nach Plan in der DDR und die Rolle von internationalen Wirtschaftsembargos. Dabei stellt er gängige Vorstellungen infrage, die sich in der Erzählung einer „sozialistischen“ Vergangenheit festgesetzt haben. Geschrieben wurde der Essay von Jan Wenzel, Verleger und Mitbegründer des vielfach ausgezeichneten Leipziger Verlags Spector Books, der auch Teil des kuratorischen Teams ist.

Werkauswahl: Operation ZWIEBELMUSTER und eine Tech-Opera im YouTube-Format

Robotron erzählt keine lineare Technikgeschichte und ist keine kulturhistorische Ausstellung. Stattdessen gibt es – wie oft im HMKV – eine große Bandbreite an künstlerischen Medien zu sehen: Fotografien, Videos, skulpturale Arbeiten, Zeichnungen, Ölgemälde und Installationen. Hier sticht unter anderem die Arbeit Operation ZWIEBELMUSTER hervor: Ein Meissener Kaffeeservice als geheimer Datenspeicher. Die Künstlerin Antye Guenther greift den Toshiba-Skandal der 1980er Jahre auf, als westliche Chiptechnologie über Umwege in die DDR gelangte. Die Toshiba-Manager, die Informationen über Computer-Chips leakten, sollen dabei von der Stasi unter anderem mit Meissener Porzellan bezahlt worden sein. In Guenthers Arbeit verschmelzen Baupläne eines 1-Megabit-Chips mit dem traditionellen blau-weißen Meissener Zwiebelmuster. Zwischen Stasi-Akten und Fiktion wird Porzellan zum Träger einer verborgenen Mikroelektronik-Geschichte – und zum Sinnbild für Technologie zwischen Mangel, Mythos und Machtpolitik.

Mit seinem seriellen Betonformstein-System prägte Karl-Heinz Adler das Erscheinungsbild moderner Architektur in der DDR. Seine geometrischen Ordnungen stehen für die Hoffnung, Gesellschaft durch Struktur formbar zu machen. Bereits 1970 analysierte A. R. Penck in seiner Zeichnung Computermodell Gesellschaft als Zeichensystem, während Carlfriedrich Claus Sprache, Kybernetik und kommunistische Kosmologie zu vibrierenden Textlandschaften verdichtete. Diese drei Positionen stehen in der DDR auch in hartem Gegensatz zur offiziell erwünschten und geförderten figurativen Malerei der Leipziger Schule (in der Ausstellung vertreten durch Werner Tübke). Den Arbeitsalltag in der Mikroelektronik halten Marion Wenzel und Helga Paris fest: Reinräume, Pendler*innen, Messetrubel – und die oft unsichtbaren Frauen an den Maschinen. Diese rückt Irma Markulin mit perforierten Porträts ins Zentrum. Auch Ramona Schacht und Luca Bublik erzählen von weiblich geprägter Halbleiterproduktion – darunter polnische Arbeiterinnen, die täglich über die Oder pendelten. Während Tina Bara 1988 in den Buna-Werken heimlich Umweltzerstörung und Arbeitsbedingungen dokumentiert, untersucht Francis Hunger die statistische Sprache der DDR-Bürokratie als quasi-hypnotischen Verwaltungsapparat. Und Nadja Buttendorf entwirft eine alternative Zukunft: Was wäre gewesen, wenn Robotron und Siemens sich tatsächlich auf Augenhöhe zusammengeschlossen hätten?

Kuratorisches Team: Inke Arns (Kuratorin, Autorin und Direktorin des HMKV Hartware MedienKunstVerein), Sabine Weier (Autorin, Kuratorin und Teil des Teams der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig), Jan Wenzel (Autor und Verleger bei Spector Books), Mathias Wittmann (ehemaliger Kaufmännischer Geschäftsführer des HMKV), Franciska Zólyom (Kunsthistorikerin, Kuratorin und Direktorin der GfZK – Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig)
Initiiert von Jochen Becker

Künstler*innen:
Karl-Heinz Adler, Tina Bara, Horst Bartnig, Nadja Buttendorf, Carlfriedrich Claus, Karl Clauss Dietel, Georg Eckelt, Antye Guenther, Margret Hoppe, Francis Hunger, knowbotiq, Irma Markulin, Helga Paris, A. R. Penck, Ramona Schacht und Luca Bublik mit Rita Große, Sandra Schäfer, Su Yu Hsin, Suzanne Treister, Werner Tübke, Marion Wenzel, Ruth Wolf-Rehfeldt


Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz, 14. März 2026 – 26. Juli 2026, Dortmunder U, Ebene 3.
Der Eintritt ist frei.
https://www.hmkv.de/ausstellungen/ausstellungen-detail/Robotron_Arbeiterklasse_und_Intelligenz.html


Haben wir Sie neugierig gemacht?
Hier finden Sie noch mehr:
Haben wir Sie neugierig gemacht? Hier finden Sie noch mehr: HABEN WIR SIE NEUGIERIG GEMAC H T ? Hier finden Sie noch mehr:

Ausdrucksmittel auf Augenhöhe

Unter dem Titel "Trouble and Appearance" präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Dana Schutz.

6 Min. Lesezeit

Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert

Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.

3 Min. Lesezeit