White Cube, London, UK. 16 Apr, 2019. Sarah Morris mit Krieg der Rosen (Sound Grafik), 2019. Foto: Guy Bell / Alamy Stock Foto

Abstraktion?

Sarah Morris, All Systems Fail – bis zum 10. März zu sehen in den Kunstmuseen Krefeld.

Wenn man die Krefelder Innenstadt durchstreift, beschleicht einen nach und nach das Gefühl, dass das Geschäftsleben zwischen West- und Ostwall schon bessere Tage gesehen hat. Insofern gleicht das Bild des Krefelder Stadtzentrums dem vieler anderer Großstädte im Rhein-Ruhr-Gebiet. Sollte man dann in die südlich des Stadtwaldes gelegenen Viertel der Stadt weiterspazieren und schließlich in die Wilhelmshofallee einbiegen, ist man hingegen versucht zu glauben, die hier seinerzeit blühende Textilindustrie wäre niemals abgewandert. Die Straßen sind breit, die Grundstücke weitläufig und die auf ihnen platzierten freistehenden Häuser zeugen von Wohlstand wie auch von Kunstsinn, und das nicht erst, wenn man schließlich die beiden geschwisterlichen Mies-van-der-Rohe-Bauten "Haus Lange" und "Haus Esters" erreicht hat.

Quadratmeter

Nur wenige Anzeichen verraten, worum es hier in diesen Februartagen geht. Unter dem Titel All Systems Fail werden Werke der englisch-amerikanischen Künstlerin Sarah Morris gezeigt. Und zwar in beiden Häusern, denn die Ausstellung kommt aus den Hamburger Deichtorhallen – da ist viel Platz. Und auch in Bern und Stuttgart, wohin die Show im Anschluss an die Station in Krefeld weiterziehen wird, ist es sicher etwas geräumiger als in den beiden ursprünglich als "Landhäuser" geplanten früheren Privatbauten der befreundeten Seidenindustriellen Hermann Lange und Josef Esters.

Zwar lassen diese Häuser an Großzügigkeit nichts vermissen, doch listet der Katalog, allein was die "Paintings" betrifft, mehr als sechzig Positionen, die nun auch hier gezeigt werden wollen. Dass einige der Filme der Künstlerin nicht in der Wilhelmshofallee, sondern im Kaiser-Wilhelm-Museum am Joseph-Beuys-Platz gezeigt werden, mag man als unbequeme Fügung, genauso gut aber auch als glückliche Gelegenheit betrachten, auch den Hauptsitz der Krefelder Kunstmuseen mal wieder zu betreten und in die Stippvisite einzubeziehen. Das lohnt sich allemal.

Netzwerke

Sarah Morris ist, wenn man sich ihren Ausbildungsweg anschaut, gelernte Semiotikerin. Sie kennt sich aus mit Zeichen und ihren Interdependenzen. Schon als Studentin zeigt sie Mut und Selbstbewusstsein: Über eine Publikation, die sie herausgibt, knüpft sie Kontakte zu Künstlern wie Jeff Koons und Kunsttheoretikern wie Hal Foster. Beide Kontakte erweisen sich als wichtig für Ihre weitere Entwicklung. Sie nimmt auf Anraten von Hal Foster am Independent Study Program des Whitney Museums teil, bei dem es unter Anderem um künstlerische Praxis geht. Noch im selben Jahr wird sie Jeff Koons Assistentin und lernt so ein Stück weit den New Yorker Kunstbetrieb kennen. Kurze Zeit später ist es so weit: Sie bezieht ihr erstes "richtiges" Atelier in der 42. Straße in Midtown, Manhattan ("the first proper studio I had ..." heißt im Katalog zur Ausstellung in dem Gespräch, dass der Autor Christopher Bollen mit der Künstlerin führte).

Man könnte sagen, Sarah Morris ist nun mitten drin im Nervenzentrum des Kunstbetriebs der 1990er Jahre. Es geht aber nicht nur um Networking, die Verbindungen zu anderen Künstlern, sondern zugleich auch um ihre unmittelbare, alltägliche Umgebung, die ihr direkte Impulse liefert. Großformatige typografische Arbeiten ("text paintings" heißt in dem bereits erwähnten Interview) entstehen nun. In ihrer Strenge und Klarheit markieren sie die Quintessenz dessen, was ihr auf Werbe- und Hinweistafeln in den Straßen der Nachbarschaft begegnet. Direkt im Eingangsbereich der Ausstellung in Krefeld sind zwei dieser Bilder, "Nothing" (1995) und "Liar" (1995) zu sehen.

Sarah Morris, Nothing, 1995. Lackfarbe auf Leinwand, 152 x 254 cm. Foto: re-book kommunikation.
Sarah Morris, Liar, 1995. Lackfarbe auf Leinwand, 152,4 x 243,8 cm. Foto: Hehl, Krefelder Kunstmuseen.

Aber auch einfache figurative Bildmotive, die ihre Herkunft aus der Welt der Werbung nicht verleugnen, wandern befreit von ihrer werblichen Funktion auf ihre Leinwand und zeigen dort ihren zeichenhaften Wesenskern. Für Sarah Morris’ Farbgebung ist nicht der Pantone-, sondern eher der RAL-Fächer maßgeblich, denn sie verwendet ausschließlich Farben, wie sie für gewerbliche und industrielle Zwecke hergestellt werden und in jedem Baumarkt erworben werden können. Ihr Einsatz der Farbe wird gern als Verbindung zu minimalistischen Künstlern wie zum Beispiel Donald Judd gesehen, doch sobald man Farbgebung und Motive zusammensieht und dann noch Zeichnungen aus dieser Zeit hinzunimmt, rückt eher noch eine Nähe zu den Protagonisten der Pop-Art in den Vordergrund.

Wenn man in der Ausstellung die frühen Werke mit ihren unmissverständlich gegenständlichen Bezügen hinter sich gelassen hat, scheint es so, als gelange man anschließend in eine andere Galaxie, in der die Gesetze der Abstraktion Gültigkeit beanspruchen. Erste Orientierungsversuche umkreisen nun Begriffe wie "Hard Edge" oder "Op-Art", unwillkürlich denkt man an Ellsworth Kelly, Frank Stella oder Bridget Riley. Doch so einfach ist die Sache nicht. Denn immer noch ist es die unmittelbare Umgebung, die Sarah Morris’ Bildwelt beeinflusst. Auch die streng geordneten, geometrischen Rasterungen, mit denen wir uns hier konfrontiert sehen, haben eine Entsprechung in der New Yorker Wirklichkeit. Es handelt sich um die Porträts von Hochhausfassaden in der Nachbarschaft des Times Square. Was sich in ihren "text paintings" ankündigt, rückt hier nun deutlich in den Vordergrund: Sarah Morris arbeitet gern seriell. Die Hochhausfassaden zum Beispiel ordnen sich, je nachdem, auf welchen Ort sie sich beziehen, zu urbanen Landschaften, die "Midtown", "Miami" oder "Capital" heißen.

Auch in den weiteren Reihen bleibt es bei der aus dem Alltag der Künstlerin herrührenden Motivik. Immer wieder ergibt sich dabei eins aus dem anderen: Im Zusammenhang mit der "Origami"-Reihe, für die sie als Vorlagen Baupläne für Origami-Figuren nutzte, wird sie in einen Rechtsstreit verwickelt. Die Papiere und Akten, die sich in diesem Zusammenhang auf ihrem Schreibtisch einfinden, werden wiederum von Klammern zusammengehalten. Deren Gestaltung liefert den Anstoß zu ihrer Reihe "Clips and Knots", in der nun neben waagerechten, senkrechten und diagonalen Linien auch runde Formen auftauchen. Und mit ihrer Formensprache entwickelt sich auch die Haltung der Künstlerin weiter: Die Kunstwelt, die ihr am Anfang ihrer Karriere die Möglichkeiten für wichtige Weichenstellungen bot, offenbart nun als "Spiderweb" ein eher ambivalentes Bild – "… the structure that we are in is grotesque."

Sarah Morris, Midtown - Paine Webber Building (with Neons), 1998, 214 x 214 cm. Foto: re-book kommunikation.

Bewegte Bilder

Für ihre erste Einzelausstellung geht Sarah Morris im Jahr 1996 nach London. In Jay Jopling, dem Gründer der White Cube Gallery, findet sie einen Galeristen, den ihre Arbeit überzeugt und der sich für sie einsetzt. Diese Zusammenarbeit führt zu einem sechsjährigen Aufenthalt in Europa, ein Zeitraum, in dem Morris beginnt, gewissermaßen als Referenz zu ihrer Malerei, Filme zu machen.

In der Zusammenarbeit mit einem Kamerateam und dem Musiker Liam Gillick, der auch die Musik für ihre späteren Filme gemacht hat, entsteht "Midtown" – in Krefeld neben anderen filmischen Arbeiten zu sehen in der früheren Küche von Haus Lange.

Man braucht einen Moment, um in Sarah Morris’ Filmen mehr zu sehen als zufällig zusammengefügtes Footage. (Und es ist sicher kein Zufall, dass sich Christopher Bollen ausdrücklich darum bemüht, Sarah Morris’ filmische Arbeiten von "Aufnahmen" abzugrenzen, die der "Beigeschmack eines Reiseberichts" kennzeichnet.) Irgendwann wird allerdings klar, dass die Kamera von Profis geführt wird, und auch die Musik von Liam Gillick lässt keinen Zweifel aufkommen, dass hier ein Profi am Werk war.

Im Gespräch mit Isabelle Graw (https://www.deichtorhallen.de/ausstellung/sarah-morris) erinnert sich Sarah Morris daran, dass in einer ihrer früheren Ausstellungen einer der Kuratoren davon sprach, ihre Filme wirkten wie "Outtakes", also wie das Filmmaterial, das es nicht in den eigentlichen Film geschafft habe. Morris bestätigt ausdrücklich, dass dies so gesehen werden könne, und unterstreicht damit zugleich die Offenheit ihres filmischen Schaffens für dessen Interpretation. An dieser Stelle zeigt sich ein Problem, das nicht nur für die Filme, sondern zugleich auch für die Bilder gilt.

Sarah Morris, Midtown - Seagram with Fluorescents, 1999, 214 x 214 cm. Foto: re-book kommunikation.

Der kritische Überbau

Natürlich gibt es zur Ausstellung einen Katalog. In ihrem gemeinsamen Vorwort beleuchten Dirk Luckow, Katia Baudin, Nina Zimmer und Ulrike Groos das frühe Schaffen von Sarah Morris vor den Hintergrund des "ausufernden Geniekults" der vorausgegangenen 1980er-Jahre. Ihre wie auch die Werke anderer nachrückender Künstler:innen kennzeichne "das Bedürfnis nach Realitätsbezügen und einer modernen, an Digitalität und Medienreflexion orientierten Kunst".

Dem kann man sicher zustimmen, was in Hinblick auf die übrigen Deutungs- und Einordnungsversuche, die der Katalog anbietet, etwas schwerer fällt. Der bereits erwähnte Christopher Bollen beginnt sein Gespräch mit der Künstlerin mit der Behauptung, ihr Werk würde "als einschüchternd wahrgenommen" (wobei die Übersetzung von "intimidating" mit "einschüchternd" eine sehr moderate Wahl ist, man hätte genauso gut "bedrohend" schreiben können).

Ähnlich heißt es bei Bettina Funcke gleich zu Anfang ihres Katalogbeitrags: "Der Ausstellungstitel All Systems Fail trifft uns wie ein Schlag in die Magengrube." Nun ja. Systemausfälle sind, das weiß jeder Bundesbahnnutzer, in unserer hochkomplexen Welt längst Alltagserfahrung. Man kann also die Ausstellung betreten, ohne sich einem Akt der Gewalt ausgesetzt zu fühlen. An Bettina Funckes "Essay" fällt außerdem auf, dass es die Biografie der Künstlerin mit zeitgeschichtlichen Ereignissen verbindet, jedoch über das, was die Bilder de facto zeigen, den Nachweis dieser Verbindung nicht liefern kann. Offenbar soll so der Eindruck entstehen, dass das Schaffen der Künstlerin eine künstlerische Reaktion auf das Zeitgeschehen sei. Und obwohl sich Sarah Morris selbst in dieser Hinsicht nicht unbedingt eindeutig positioniert, steht Bettina Funcke mit der Deutung ihres Werkes als Systemkritik nicht allein da.

Wer zu solchen Mitteln greift, verlagert den Erwartungshorizont in Bereiche, die dem Werk der Künstlerin eigentlich nicht gerecht werden können. Hingegen ist nicht zu bezweifeln, dass Sarah Morris mit ihrer Arbeit auf ihre Umgebung reagiert, sich dabei aber darauf konzentriert, sich mit deren Oberflächen auseinanderzusetzen. Wem dies genügt, der/die kann den Systemausfall der kuratorischen Begleitung, so wie er sich im Katalog niederschlägt, sehr gut verschmerzen. Den Besuch der Ausstellung in Krefeld kann man allemal uneingeschränkt empfehlen.


Am Sonntag, den 10. März, findet in Haus Esters und Haus Lange zwischen 14 und 15 Uhr eine Führung mit der Kuratorin Juliane Duft statt.
Außerdem findet ebenfalls am Sonntag, den 10. März, die Finissage der Ausstellung statt.

Im Anschluss an die Präsentation in den Kunstmuseen Kreffeld wandert die Ausstellung zunächst nach Bern und ist anschließend in Stuttgart zu sehen:
Sarah Morris, All Systems Fail, Zentrum Paul Klee, Bern, 29.03.2024–04.08.2024
Sarah Morris, All Systems Fail, Kunstmuseum Stuttgart, 21.09.2024–09.02.2025

Und hier können Sie sich das Gespräch zwischen Sarah Morris und Isabelle Graw ansehen:
All Systemns Go: Sarah Morris in conversation with Isabelle Graw (aufgezeichnet in den Deichtorhallen Hamburg, 11.07.2023).