Das keramische Werk von Akio Takamori.
Im zarten Alter von fünf Jahren besaß Akio Takamori eine Stoffpuppe, die annähernd so groß war wie er selbst. Von einfacher Machart, bestand ihr sackartiger Körper aus einem wächsernen, mit Holzspänen gefüllten Tuch. Darauf war der Kopf aus Gips aufgesetzt – Augen, Nase und Mund zeichneten sich in winzigen Punkten und Strichen ab. Sein liebstes Spielzeug, wich sie nicht von seiner Seite, was dem Vater zunehmend Sorge bereitete und ihm den Spott des Bruders eintrug – so berichtet es der japanisch-amerikanische Bildhauer in einem Interview. Unter diesen Umständen galt es für ihn, eine "vernünftige Lösung" herbeizuführen und das Verschwinden der Puppe selbst in die Hand zu nehmen. Und so erfand der kleine Junge eine plötzlich auftretende Krankheit, die eine Operation der treuen Gefährtin notwendig machte. Der Eingriff verlief nicht zum Wohle der Puppe und endete mit ihrem Tod. Somit war das Problem aus der Welt. In dieser Konfliktsituation offenbarte sich für Takamori erstmalig die Kluft zwischen eigenen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Erwartungen. Sie markiert den Beginn seiner lebenslangen Beschäftigung mit Gegensätzen und Widersprüchen.
Die Wiederkehr der Puppe
Man scheint eben jener Puppe aus Kindertagen zu begegnen, wenn man die aktuelle Ausstellung von Takamori im Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen besucht. In der Gegenüberstellung mit zahlreichen Figuren aus Keramik entsteht der Eindruck, sie sei in vielfältigen Erscheinungsformen zu neuem Leben erweckt worden. Zahlreiche Figuren stehen, liegen und sitzen, klammern sich aneinander, umarmen sich, hocken, nehmen sich Huckepack, kauern, schlafen. Entstanden sind die zumeist kindlichen Gestalten in Anlehnung an den japanischen Begriff des Karako, der das Spiel japanischer Kinder bezeichnet und als Metapher für die Unschuld und das unbeschwerte Glück der Jugend gilt. Für Takamori jedoch steht die Jugend nicht so sehr für Unerfahrenheit sondern bedeutet vielmehr die positive Energie des Potenzials zahlreicher Entwicklungsmöglichkeiten.



Um an dieser Stelle nicht vorschnell Kritik an einer gewissen Naivität zu üben, die sich in der vereinfachten, wenn auch sympathischen Auffassung von Figürlichkeit vermittelt, muss ein Blick auf den Lebenslauf von Takamori gerichtet werden. Liegt doch seinem gesamten künstlerischen Schaffen die anhaltende Auseinandersetzung mit kultureller Identität zugrunde.
Berührung mit Menschlichem
Akio Takamori wurde 1950 in Nobeoka, Präfektur Miyazaki in Japan, geboren. Im Japan der unmittelbaren Nachkriegszeit kam er früh mit Menschen verschiedener Milieus, aber auch prekären Lebensverhältnissen und Schicksalen in Berührung. Sein Vater war Urologe und Dermatologe mit eigener Klinik, die sich neben dem Familienwohnhaus in der Nähe des Rotlichtviertels befand. Die traurigen, vom Krieg gezeichneten Gestalten in dieser Umgebung und ihre ergreifenden Geschichten prägten ihn. Erste Einblicke in Darstellungen des Körpers gewährten ihm sowohl Nachschlagewerke der medizinischen Anatomie als auch Kunstbände seines Vaters. Die Nähe zum Menschen ergab sich jedoch nicht allein durch das Studium von Picasso-Reproduktionen, sondern vor allem aus dem privaten Umgang mit den Patienten des Vaters, die – so wie die angestellten Krankenschwestern – am Familienleben teilnahmen.


In Tokio studiert Takamori Skulptur und Industriedesign an der Universität der Künste. Weniger der verschulte Unterricht als die politischen Unruhen der Zeit um 1968 erweisen sich als lehrreich für den braven, wohlerzogenen Jungen vom Lande, wie sich Takamori selbst beschreibt. Obwohl er selbst keine kämpferische Position einnahm und das mitunter gewaltvolle Geschehen eher passiv begleitete, spiegelte das aufgeheizte Umfeld seinen inneren Drang wider, aus konservativen Strukturen auszubrechen und nach individueller Selbstverwirklichung zu streben.
Der Weg zu sich selbst – der Weg zur Figur
Während seiner Lehre in einer traditionellen japanischen Töpferei in Koishiwara, Präfektur Fukuoka produzierte er täglich bis zu 200 Vasen und Sake-Schalen an der Töpferscheibe: "Ich funktionierte wie eine Maschine." Gefangen in der Monotonie der Tätigkeit und einer hierarchischen Betriebsstruktur, die keine kreativen Spielräume ermöglichte, nahm sich Takamori hier und da kleine Freiheiten – und schmuggelte verstohlen kleine figürliche Tonkreationen in den Brennofen. Auch wenn dies schon Manifestationen eines zaghaften Aufbegehrens waren, sollte erst die Begegnung mit dem US-amerikanischen Keramiker Ken Ferguson den entscheidenden Impuls für Takamoris persönlichen wie künstlerischen Aufbruch geben. Ferguson ermutigte den schüchternen Lehrling ein Studium am Kansas City Art Institute aufzunehmen, wo er selbst lehrte. 1974 zog Takamori in die USA.
Zunächst zögerte er, die Arbeit an der Drehscheibe aufzugeben, galt diese doch in der traditionellen akademischen Auffassung als anspruchsvolleres Verfahren. Doch mit der Unterstützung Fergusons verließ er bald das Gefäß als Grundlage seiner bisherigen keramischen Produktion und schuf fortan freihändig figürliche Formen. Der Zeitpunkt war gekommen, an dem Takamori seine persönliche Neigung, die Hinwendung zur menschlichen Figur, ungehindert umsetzen konnte. Nach weiteren Stationen, unter anderem an der Alfred University in New York und der Archie Bray Stiftung in Helena, Montana, ließ sich Takamori in Seattle, Washington, nieder, wo er bis zu seinem Tod 2017 lebte und arbeitete. Neben einer Lehrtätigkeit an der dortigen Universität vertiefte er als freischaffender Künstler sein ureigenes Formen- und Themenrepertoire. Die Festigung seiner eigenen Sprache und die Erweiterung des Spektrums an Medien durch Zeichnungen und Drucke vollzogen sich stets im Spannungsfeld zwischen Einflüssen östlicher und westlicher Kultur.
Menschenbilder
Die Bandbreite von Takamoris ikonografischen Vorlagen umfasst sowohl den Kanon europäischer Kunstgeschichte als auch asiatische Traditionen und persönliche Erinnerungen, etwa an die Bewohner seines Heimatortes in Japan. Das Nebeneinander von kulturübergreifenden Stilen und Epochen bildet ein Amalgam aus kollektiver und individueller Geschichte. Sein Werk vereint Skulpturen der Renaissance, Tonfiguren der chinesischen Frühgeschichte und japanische Holzschnitte mit Gemälden von Pieter Bruegel, dokumentarischen Fotografien und dem griechischen Kouros. Es sind allesamt Darstellungen von Menschen, auf die Takamori zurückgreift und die er als Inspirationsquellen verinnerlicht, um seinem eigenen, universellen Bild vom Menschen Ausdruck zu verleihen. Daher weisen seine Figuren keine individuelle Charakterisierung auf, es handelt sich nicht um Porträts von Einzelpersonen. Takamori versteht seine figürlichen Darstellungen als Ausdrucksträger, deren Eigenschaften allgemeingültige Handlungen und Haltungen widerspiegeln und sie so als Träger von Gemeinsamkeiten ausweisen.

Zugleich erkennt man in ihnen stille Erzeugnisse eines Handwerks, das nicht nur einem technischen Vermögen, sondern vor allem der inneren Motivation von Takamori folgt. Nach der ersten Zeichnung, die das Motiv fixiert, hält er in weiteren Skizzen Maße und Proportionen fest. Diesen Angaben folgend baut er die hohle Figur aus der schichtweisen Überlagerung von dicken Tonwülsten auf. Durch Ausübung von Druck von innen nach außen modelliert er die grobe Form nach ihrer Fertigstellung. Dabei werden individuelle Arbeitsspuren in der ohnehin unregelmäßigen Textur nicht kaschiert, um die Oberfläche für spontane Entscheidungen offen zu halten. Ausgehend von diesen schlichten Grundformen und zurückgenommenen Posen, trägt Takamori die Farbe auf, wodurch die Figuren ihre charakteristische Anmutung erhalten. Zunächst legen sich die aquarellartig lasierenden Farben der Unterglasur in vielen wässrigen Schichten über den Korpus. Nach dem Brennvorgang, der mitunter mehrmals wiederholt wird, führt Takamori die physiognomischen Merkmale und Attribute mit schnellen und doch kalligrafisch präzisen Pinselstrichen aus, die an Tuschezeichnungen erinnern. In der finalen Gestalt treten Zeichnung und bildhauerische Form in ein faszinierendes Wechselspiel zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Auf die ästhetische Wirkung einer Hochglanz erzeugenden Glasur wird zugunsten einer matten, von Partikeln und kleinsten Körnern durchsetzten und damit etwas rauen Oberfläche verzichtet. Sie lässt die Figuren nicht als kostbare Preziosen – Anschauungsobjekte mit unantastbarer Aura – erscheinen, sondern verleiht ihnen eine bodenständige, geradezu handfeste Ausstrahlung: als wären sie dazu aufgestellt, als Spielzeug in Gebrauch genommen und in immer neuen szenischen Konfigurationen eingesetzt zu werden.
Von einem alles durchdringenden Humanismus geprägt, nutzt Takamori die Tonmasse als Einschreibefläche für seine subjektiv motivierten Inhalte, die (s)ein Dasein zwischen den Welten und damit eine existenzielle Dualität verhandeln. Die Opposition zwischen Mann und Frau, Kind und Greis, Berg und Wolke, Tragende und Getragene geht in ein harmonisches Gleichgewicht über.
Und tatsächlich entstehen Takamoris Geschöpfe aus dem Bemühen, die eigenen Erfahrungen, die erlebten Widersprüche und Gegensätze in Einklang zu bringen. Die letzte Werkgruppe von Akamori bringt die Geste der öffentlichen Entschuldigung in Zeichnungen und Skulpturen zur wirkungsvollen Anschauung. Im Eingangsbereich der Ausstellungsfläche in Höhr-Grenzhausen ist eine knieende Figur platziert deren Haltung unverkennbar Willy Brandt ausweist (s. Startseite). Im historischen Kniefall des Politikers erkennt Takamori das japanische Ritual zur Wiederherstellung der sozialen Harmonie und zugleich die Geste für universelle Wiedergutmachung. Wie die Puppe als Trost spendendes Kinderspielzeug entspringt sie dem menschlichen Wunsch nach Heilung oder sogar Überwindung der Geschichte. Sich selbst sieht Takamori in der Rolle des Vermittlers, der in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft zur Versöhnung beiträgt.
Sicherlich wäre es übertrieben, Takamoris Kreationen als Akt der Wiedergutmachung an der einst so unsanft zum Verschwinden gebrachten Puppe zu verstehen. Und doch liegt etwas Berührendes, etwas Beruhigendes in der friedlichen Zusammenkunft seiner Figuren, die mit sich und der Welt im Reinen sind.
Akio Takamori, Rücksicht. Ausstellung im Keramikmuseum Westerwald in Höhr-Grenzhausen, 26. Januar - 7. April 2024.
Für unseren Beitrag konnten wir Bildmaterial verwenden, das durch das Keramikmuseum Westerwald und durch das Kunstforum Solothurn zur Verfügung gestellt wurde. Wir bedanken uns für die freundliche Unterstützung.