Die Recherchen von Forensic Architecture zu Hanau und Oury Jalloh im Württembergischen Kunstverein
In zweierlei Hinsicht ist die Ausstellung Three Doors selbst für die Verhältnisse des Württembergischen Kunstvereins, wo politische Themen und multimediale Präsentationen an der Tagesordnung sind, doch ungewöhnlich: Zum einen sind die Dinge, die da in akribischer Feinarbeit zusammengetragen wurden und nun in Form von wandgroßen Diagrammen, Videos und Modellen im Ausstellungsraum zu sehen sind, nicht ästhetische Objekte, sondern eigentlich Beweismaterial, wie es in Gerichtsverfahren zum Einsatz kommt und dort auch schon gezeigt wurde. Das ist die Arbeitsweise der Gruppe Forensic Architecture und ihres Ablegers Forensis in Berlin. Zum anderen ist schon bei der Eröffnung die Atmosphäre ganz anders als sonst, weil vier Angehörige der Opfer der rassistisch motivierten Morde von Hanau und der Bruder des 2005 im Polizeigewahrsam in Dessau ermordeten Oury Jalloh (eigentlich Diallo) anwesend sind.
Der Begriff Forensik bezeichnet die verschiedenen von Gerichten und Staatsanwaltschaften zur Aufklärung von Verbrechen herangezogenen wissenschaftlichen Disziplinen und Verfahren. Forensic Architecture betreiben, wie Robert Trafford und Dimitra Andritsou hervorheben, die die Untersuchungen in beiden Fällen geleitet haben, eine Gegen-Forensik. Das heißt, sie werden tätig, wenn die Ermittlungsbehörden die Fälle nicht mit genügend Nachdruck verfolgen, vorzeitig einstellen, womöglich vertuschen, Täter aus den eigenen Reihen decken oder sich für nicht zuständig erklären. Eyal Weizman, Professor für räumliche und visuelle Kulturen am Goldsmiths College der Universität London, hat die Gruppe 2010 gegründet. Weizman ist Architekt, geboren und aufgewachsen in Israel. Aber er verwendet sein Fachwissen ganz anders als andere Architekten.
Eyal Weizman und die Gruppe Forensic Architecture
Kurz nach der Jahrtausendwende, nicht lange nach seinem Studienabschluss in London, fertigte Weizman mit seinem damaligen Partner Rafi Segal eine Studie zu den israelischen Siedlungen im Westjordanland an. Sie hätte 2002 auf dem Welt-Architekturkongress in Berlin gezeigt werden sollen, doch der israelische Architektenverband zog sie wieder zurück. Mit Sandi Hilal und Alessandro Petti versuchte Weizman ab 2007 in der Gruppe Decolonizing Architecture Art Research (DAAR), eine Zukunft Palästinas nach dem Ende der Besatzung und jenseits einer Zwei-Staaten-Lösung zu imaginieren. Auch Forensic Architecture hat vielfach zu Themen in Israel/Palästina gearbeitet, zuletzt auch zum aktuellen Geschehen in Gaza, unter anderem zu israelischen Angriffen auf Krankenhäuser und der weitgehenden Zerstörung archäologischer Stätten, vor allem des antiken Hafens Anthedon, an denen 2007 noch ein archäologisches Museum unter der Schirmherrschaft der Unesco geplant war.

Aber Forensic Architecture beschäftigt sich nicht nur mit dem Nahen Osten, sondern mit einem breiten Spektrum von Themen weltweit. Das 25-köpfige Team nahm unter anderem Flüchtlings-Pushbacks im Mittelmeer unter die Lupe, die Explosion im Hafen von Beirut 2020, die amerikanisch-mexikanische Grenze, den deutschen Genozid an den Herero und Nama, die Profite europäischer Waffenhersteller im Zusammenhang mit saudiarabischen Luftangriffen auf Jemen sowie in verschiedenen Instanzen auch den russisch-ukrainischen Konflikt seit 2014. In Deutschland und in der Kunstwelt gelangte die interdisziplinäre Forschungsgruppe zu größerer Bekanntheit vor allem durch ihre Recherchen zum NSU-Mord an Halit Yozgat in einem Internetcafé in Kassel, die 2017 auf der Documenta 14 gezeigt wurden und die nun auch der Württembergische Kunstverein vorstellt.

Aber im Zentrum der Ausstellung stehen der rassistisch motivierte Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020, dem neun Menschen zum Opfer fielen, bevor der Täter seine Mutter und sich selbst erschoss; und der Mord an dem Guineer Oury Jalloh im Dessauer Polizeigewahrsam 2005. In Auftrag gegeben haben die Untersuchungen die Initiative 19. Februar Hanau, die Anwälte der Familie Gültekin und die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Zum Zustandekommen der Ausstellung ist noch zu sagen, dass diese, auf dem damaligen Stand, zuerst 2022 m Frankfurter Kunstverein gezeigt wurde und nun in enger Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur im Stuttgarter Kulturamt nach Stuttgart geholt wurde, kurzfristig ermöglicht durch einen mit großer Mehrheit gefassten Beschluss des Gemeinderats.
Trauer und Wut – und die Beweislage
So kommt es, dass Emiş Gürbüz, die Mutter von Sedat Gürbüz, Niculescu Pӑun, der Vater von Vili-Viorel Pӑun, Said Etris Hashemi, Bruder des getöteten Said Nesar Hashemi und selbst damals schwer verletzt, Ajla Kurtović, die Schwester von Hamza Kurtović und Saliou Diallo, der Bruder von Oury Jalloh, bei der Eröffnung anwesend sind. Und das ändert etwas: nicht nur, weil sie unter anderen Umständen möglicherweise niemals einen Kunstverein betreten hätten; sondern vor allem, weil die Ausstellung dadurch tatsächlich zu so etwas wie einem Lern- und Gedenkort wird. Nicht nur die Angehörigen der Opfer haben nach vier und mehr Jahren immer noch Schwierigkeiten, ihre Trauer und Wut zu verbergen. Wer sich die Ausstellung ansieht, das heißt mit den Mordfällen beschäftigt, kann, wenn er nicht vollkommen gefühllos ist, ebenfalls nicht umhin, Trauer und Wut zu empfinden: Anteilnahme mit den Angehörigen, deren Kinder und Geschwister abrupt aus dem Leben gerissen wurden; und Zorn auf den teils latenten, teils manifesten Rassismus, der nicht nur in den Taten, sondern auch bei den Ermittlungsbehörden zutage tritt.

Die erste der im Ausstellungstitel angesprochenen drei Türen ist die der Zelle von Oury Jalloh in Dessau. Die Polizisten hatten behauptet, sie sei verschlossen gewesen, sie hätten erst später bemerkt, dass sich der an Händen und Füßen gefesselte, auf einer feuerfesten Matratze liegende Jalloh mit einem heimlich eingeschmuggelten Feuerzeug selbst angezündet habe. Dass diese Aussage mehr als unglaubwürdig war, hat schon der erste Richter festgestellt, der den Fall bearbeitet, die Beamten aber dennoch freigesprochen hat. Forensic Architecture haben die Zelle in Originalgröße nachgebaut. Anhand der von den Überwachungskameras festgehaltenen Brandspuren an den Wänden weisen sie nach, dass sich der Rauch ungehindert auf den Korridor vor der Zelle ausgebreitet hat und nicht etwa durch die Ritzen einer verschlossenen Tür. Die Beamten haben gelogen.
Die zweite Tür ist der Notausgang der Arena Bar in Hanau. Hier kamen zwei Menschen, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi, ums Leben, nachdem der Täter zuvor schon sieben andere erschossen hatte, drei davon zuletzt in einem der Bar vorgelagerten Kiosk. Die Besucher der Bar haben die Schüsse gehört, sind jedoch nicht zum Notausgang gerannt, wie die Aufzeichnungen der Überwachungskameras zeigen. Sie wussten, dass er abgeschlossen war, wie Zeugen mehrfach bestätigten, und zwar auf Anordnung der Polizei, die in der Bar häufig Razzien durchführte und verhindern wollte, dass jemand durch den Hinterausgang entkommt. Die Staatsanwaltschaft Hanau hat dazu ermittelt, den Fall aber 2021 eingestellt, weil "nicht mit hinreichender Sicherheit" davon ausgegangen werden könne, dass den beiden Opfern die Flucht durch den Notausgang geglückt wäre. Die Ermittlungen von Forensic Architecture ergeben, dass sich mit hoher Wahrscheinlichkeit alle Besucher der Bar hätten in Sicherheit bringen können.
Die dritte Tür ist die im Haus des Täters und seiner Eltern, zu dem er nach den Morden zurückkehrte. Die Tür war, nachdem die Polizei eingetroffen war, längere Zeit unzureichend gesichert. Forensic Architecture haben mehrere tausend Seiten Ermittlungsakten durchgearbeitet und die Aufnahmen eines Hubschrauber ausgewertet, dessen Besatzung aber offenbar gar nicht wusste, worauf sie achten sollte. Anhand eines physischen und eines digitalen Modells des Hauses hat die Gruppe ermittelt, wer die drei Schüsse, mit denen der Täter seine Mutter und sich selbst tötete, gehört haben müsste. Sie stießen auf zahlreiche Widersprüche und Ungereimtheiten, die darin gipfeln, dass ein Sondereinsatzkommando drei Stunden vor dem Haus ausharrte, das sie erst stürmte, als der Täter nicht mehr am Leben war. Die Beamten müssen die Schüsse gehört haben. Wie sich ein Jahr nach dem Anschlag herausstellte, nahmen 13 der 19 Beamten an rechtsradikalen Chatgruppen teil.
Kunst als Forum
Physische und digitale Architekturmodelle, Aufzeichnungen von Überwachungs- und Hubschrauberkameras, physikalische Untersuchungen zur Ausbreitung von Schall und Rauch: Dies sind, neben einer detaillierten Auswertung der Aktenlage, die Mittel, mit denen Forensic Architecture in beiden Fällen gearbeitet hat. Ihre Ergebnisse zu Hanau zeigt die Gruppe in zwei Videos und zwei wandgroßen Diagrammen, von denen eines minutengenau den Tag und sekundengenau die Stunde des Anschlags analysiert, das andere den vierjährigen Prozess der Aufarbeitung vor Gerichten und Untersuchungsausschüssen. Durch Einkreisung besonders hervorgehoben sind die Momente, in denen die Untersuchungen eingestellt wurden. Die zum Auftrag an Forensic Architecture geführt haben.
Die Gruppe arbeitet prinzipiell zu Fällen staatlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Ihre Ermittlungen sind bereits diversen Gerichten als Beweismaterial vorgelegt worden, unter anderem dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof und dem Internationalen Strafgerichtshof, für den Weizman auch als technischer Berater tätig ist. Materialien von Forensic Architecture wurden auch der Generalversammlung der Vereinten Nationen gezeigt. Was aber hat das mit Kunst zu tun? Spätestens seit der Documenta X und 11 von Catherine David und Okwui Enwezor kann Kunst auch eine Plattform sein, um Dinge vorzustellen und zu diskutieren, die auf anderen Gebieten, nach der Theorie Niklas Luhmanns etwa den Systemen des Rechts oder der Wissenschaft, keinen Raum finden. Dazu gehören auch forensische Untersuchungen außerhalb des juristischen Apparats wie die nun im WKV vorgestellten Recherchen zu Kassel, Dessau und Hanau. Die Angehörigen der Opfer und die Initiativen zeigen sich außerordentlich dankbar, dass ihnen der Kunstverein dafür ein Forum bietet.
Württembergischer Kunstverein Stuttgart, Three Doors. Forensic Architecture / Forensis, Initiative 19. Februar Hanau, Initiative in Gedenken an Oury Jalloh, 16. März bis 1. September 2024. Der Eintritt ist frei, Sie können stattdessen für die Initiativen spenden.