Watch! Watch! Watch! Henri Cartier-Bresson im Bucerius Kunstforum in Hamburg, 15. Juni bis 22. September 2024.
Auf seinen Reisen als Bildreporter für die durch ihn 1947 mitbegründete Agentur Magnum Photos gelangte Henri Cartier-Bresson durch die ganze Welt: Er erlebte 1948 Mahatma Gandhi in Neu-Delhi kurz vor dessen Ermordung, fotografierte im selben Jahr den Goldrausch in Shanghai und das Ende der Kuomintang, beobachtete 1954 den Alltag der Menschen im kommunistischen Moskau, dokumentierte 1962 von Westberlin aus die unterbundenen Wege und Blicke entlang der errichteten Mauer und porträtierte im selben Jahr kurz nach der Kubakrise Fidel Castro und Che Guevara. Bis Anfang der 1970er-Jahre war Henri Cartier-Bresson ständig auf Reisen und fotografierte vielzählige gesellschaftliche Großereignisse – dafür kennt man ihn ebenso wie für seine Bilder aus Paris, London, Madrid, Sevilla, Rom, Venedig, New York oder Los Angeles von Menschen inmitten ihres Lebensumfeldes, durch die er Meilensteine der Street Photography setzte.
Auf die Frage nach seiner liebsten Reise in Marcel Prousts Fragebogen, den der noch junge Schriftsteller Ende des 19. Jahrhunderts als Spiel zur Selbsterkenntnis entworfen hatte, antwortete Henri Cartier-Bresson rückblickend: "Meine dreimalige Flucht aus der Kriegsgefangenschaft."
Freiheitsberaubung als Wendepunkt
Die Freiheitsberaubung im Zuge seiner Kriegsgefangenschaft zwischen 1940 und 1943 ist zu einer lebensbestimmenden Erfahrung für Henri Cartier-Bresson geworden. Und sie bildet in der von Ulrich Pohlmann kuratierten Ausstellung Watch! Watch! Watch! Henri Cartier-Bresson im Bucerius Kunstforum in Hamburg auf bemerkenswerte Art ein Punctum im Sinne Roland Barthes’: ein Moment, der aus der Fülle der Exponate aus 240 Schwarzweißfotografien, Magazinausschnitten und filmischen Bildern heraustritt und sich als etwas Ungreifbares, doch Präsentes in ihre Betrachtung hineinlegt.
1931 hatte Henri Cartier-Bresson (1908–2004) eine Leica-Kamera erworben, mit der er sehr bald schon neben ersten, vom Surrealismus geprägten fotografischen Bildfindungen für die Presse zu fotografieren begann. Durch Kontakt zur Nykino-Gruppe um den amerikanischen Fotografen Paul Strand und seine Assistenz beim französischen Filmemacher Jean Renoir begann Cartier-Bresson zudem, sich dem Film zu widmen und drehte 1937/38 als Mitglied einer Kooperative drei Dokumentarfilme über den Spanischen Bürgerkrieg.
Henri Cartier-Bressons fotografisches Interesse umfasst von Beginn an das individuelle Leben der Menschen und ihre Weisen des Wahrnehmens ihres Umfeldes, wie seine 1937 im Auftrag der kommunistischen Tageszeitung Ce Soir angefertigten und in Regards veröffentlichten Fotografien zeigen: Hier setzte er nicht die Krönung des britischen Königs George VI. in London und die Repräsentation von Macht ins Bild, sondern die Gesichter des Volkes, die den Krönungsakt durch Spiegel, Sehhilfen oder gegenseitiges Schultern zu erblicken suchten.


Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Fotograf als Gefreiter im Filmdienst der französischen Armee mobilisiert und 1941, am Tag nach dem im Wald von Compiègne geschlossenen Waffenstillstand, von den Deutschen in den Vogesen gefangen genommen. Drei Jahre verbrachte Cartier-Bresson in Lagerhaft, leistete Zwangsarbeit und war nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen wochenlang in einer Strafkompanie in einer Zelle interniert. Es ist Juli 1943, als Henri Cartier-Bresson dann die Flucht aus der deutschen Kriegsgefangenschaft aus dem Stalag V A Ludwigsburg gelingt – und nach seiner Rückkehr nach Frankreich durch Hilfe einer französischen Widerstandsgruppe mit gefälschten Papieren noch im selben Jahr erneut zu fotografieren beginnt.
Es wird inmitten dieser seit 20 Jahren erstmals in Deutschland so umfassenden Retrospektive deutlich, dass es Henri Cartier-Bressons unmittelbar nach seiner deutschen Kriegsgefangenschaft entstandenen Fotografien und Filmbilder sind, die sein Sehen und seine Fotoreportagen nachhaltig geprägt haben.
Zeugenschaft
Auf einem cremeweißen Karton sind entlang eines mit Bleistift gezeichneten Rasters 39 Miniaturabzüge aufgeklebt, die in ihrer Größe jeweils der eines Negativs entsprechen. Die aus Nummern und Buchstaben bestehenden Beschriftungen eines jeden Bildes erzählen davon, dass es sich um eine Reihe handelt, die aber nachträglich erst auf diesem Karton mit Ansichten aus verschiedenen Filmen zu einem assoziativen Kontaktbogen arrangiert worden ist: Bilder, die Henri Cartier-Bresson im November 1944 in dem von der deutschen Waffen-SS zerstörten Oradour-sur-Glane aufgenommen hat. Die SS hatte den Ort nördlich von Toulouse im Juni 1944 zerstört, niedergebrannt und nahezu die gesamte Dorfbevölkerung ermordet. Ein paar der Menschen, die dieses Massaker überlebten, finden sich in Cartier-Bressons Aufnahmen. Sie stehen inmitten der Ruinen des Dorfes, eine Frau mit einer Tasche, ein Mann mit einem Regenschirm, eine weinende Frau, die Blumen zu einem Grab nahe einer Kirche bringt, in der die Frauen und Kinder ermordet und verbrannt worden sind. Am Ende der von Cartier-Bresson arrangierten Miniaturansichten findet sich eine mehrere Aufnahmen umfassende Sequenz: Sie zeigt einen Mann, der durch die Ruinen des Dorfes geht und auf Orte zeigt, die nicht mehr existieren. Cartier-Bresson hat notiert: "Un des 5 rescapés d’Oradour […] raconte son histoire." Einer der fünf Überlebenden aus Oradour erzählt seine Geschichte. Ein Soldat protokolliert die Worte des Mannes, während Cartier-Bresson mit seinen Fotografien seine Existenz und das von ihm Erlebte durch festgehaltene Gesten im Bild bezeugt.
Diese im Bucerius Kunstforum gezeigten Aufnahmen auf Cartier-Bressons gestaltetem Kontaktbogen sind klein, in der Präsenz der sie umringenden groß abgezogenen Bilder kaum sichtbar, doch birgt sich in seiner Kartografie über jenes Massaker, das noch immer in Frankreich als das Symbol für die Nazi-Barbarei gilt, eine Wesentlichkeit, die für Henri Cartier-Bressons nachfolgende Bilder essenziell geworden ist: dem, was er fotografierte, mit Wachsamkeit und Würde zu begegnen.
Dieses Bewusstsein zeigt sich wenige Monate später in Aufnahmen, die Cartier-Bresson im Mai und Juni 1945 im Zuge der Befreiung überlebender Zwangsarbeiter:innen in Dessau gemacht hat, die oftmals als Häftlinge aus Konzentrationslagern in die sogenannten Außenlager der Junkers-Werke zur Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion der deutschen Luftwaffe gebracht worden waren. Cartier-Bresson zeigt in seinen Fotografien die Befreiten, die mit Säcken oder Koffern über eine Brücke als lange Reihe einen Fluss überqueren, junge Männer, die ein Bild von Josef Stalin hochhalten, Frauen, die im Lager für Displaced Persons zwischen der amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone mit dem Insektizid DDT desinfiziert werden, Kinder, die mit bittenden Augen leere Essensschalen hochhalten, Menschen, die erschöpft auf ihren Taschen liegen oder sitzen und weinen.
In seiner berühmtesten Bildserie aus dieser Zeit zeigt Cartier-Bresson eine Denunziantin, eine ehemalige Informantin der Gestapo, die von einer Frau erkannt wird, die vormals von ihr denunziert worden war. Die sieben Fotografien, die im Bucerius Kunstforum in einer Reihe nebeneinander gezeigt werden, lassen Cartier-Bressons Auge fürs Detail erkennen, etwa, indem er nicht nur die Blicke und Blickbeziehungen der auf den Fotografien Sichtbaren einfängt, sondern auf die Gestiken ihrer Hände fokussiert und dadurch die Dramatik der Szene unterstreicht.
Dieses Moment ist ferner Teil des Films Le Retour (Die Rückkehr, 1945/46), den Henri Cartier-Bresson im Auftrag des United States Office of War Information realisierte, um von der Befreiung der Deportierten und Kriegsgefangenen in Deutschland sowie der Rückkehr dieser Menschen in ihre Heimatländer zu berichten. Durch anonyme und eigene Kamerabilder verarbeitete Cartier-Bresson als Regisseur auch seine eigene deutsche Kriegsgefangenschaft in diesem Film, der am Gare de l’Est in Paris endet, wo sich Zurückgekehrte und Verwandte in den Armen liegen – die Stadt, die für Cartier-Bresson immer wieder Bezugspunkt seines Lebens und Fotografierens war.
Schauen, Beobachten
Nach dem Verlassen der Black Box, wo in der Hamburger Ausstellung der Film Le Retour zu sehen ist, entfaltet sich das umfangreiche Œuvre Henri Cartier-Bressons vor den sensibilisierten Augen der Betrachter:innen. Über die Zeit seiner Kriegsgefangenschaft und des Krieges sagte er: "Das hat mich sehr geprägt, und ich denke, es hat jeden geprägt, der ein Bewusstsein hat." Situationen, die soziale und politische Realitäten widerspiegelten oder sichtbar machten, bildeten fortan eine Essenz für seine Fotografie.
Bedingung der Reproduktion seiner Bilder für Reportagen war, stets das gesamte Negativformat wiederzugeben: Ausschnitte, Vergrößerungen von Details oder Retusche lehnte er ab, ja, er lieferte gar Kurztexte zu seinen Fotografien, um den reinen Informationsgehalt des Bildes zu stützen. Henri Cartier-Bresson forderte eine authentische Sichtbarkeit dessen, was er ins Bild gefasst hatte. In Interviews rückte er immer wieder das Beobachten in den Fokus seiner Tätigkeit als Fotograf. Und nachdem er das Fotografieren schon längst aufgegeben hatte, antwortete er auf die Frage, wie er seine Tage verbringe: "Ich schaue."
Auf sein Sehen verweist das erste Bild in der Ausstellung, ein 1933 in Italien nahe Siena entstandenes Selbstporträt: Henri Cartier-Bresson liegt auf einer Mauer, sein Blick führt entlang seines Körpers bis zu den Fußspitzen, die in eine Landschaft nahe einer Wohnsiedlung ragen. Er ist derart eingebettet in Sujet und Bild, als hätte jemand anderes diese Fotografie gemacht von einem, der keine Differenz zwischen sich und der Welt, die er sah, markierte.