Mathildenhöhe Darmstadt, Ostseite des sanierten Ausstellungsgebäudes. Im Hintergrund rechts der Hochzeitsturm von Joseph Maria Olbrich. Foto: Jörg Hempel, Aachen.

Topographie einer Stadt der Künste

4 – 3 – 2 – 1 Darmstadt, Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe, 21.9.2024 – 27.4.2025

Zwölf Jahre lang war das Ausstellungsgebäude auf der Darmstädter Mathildenhöhe wegen Renovierung geschlossen. Mit dem Hochzeitsturm, dem Darmstädter Wahrzeichen, hat Joseph Maria Olbrich den Bau 1908 errichtet: auf einem Wasserspeicher, der schon seit 1880 die Stadt versorgte. Zwei nicht ganz identische Pavillons aus verputztem Stahlbeton und ein Verbindungstrakt an der Ostseite legten sich ursprünglich um einen offenen Hof: ein für damalige Verhältnisse moderner, nüchterner Bau. Dieser Rosenhof wurde in der Nachkriegszeit geschlossen und dem Bau als Halle 4 hinzugefügt, eine Fensterreihe nach Osten in den 1970er-Jahren vermauert, der Wasserspeicher blieb noch bis 1994 in Betrieb. Das Büro Schneider + Schumacher hat nun im vorderen Bereich ein Café eingerichtet, die Fenster an der Ostseite wieder geöffnet und mit einem neuartigen Konzept, das den Speicher zur Beheizung und Kühlung nutzt, den Primärenergiebedarf um zwei Drittel reduziert.

Das Ausstellungsgebäude hat in jüngerer Zeit einige wegweisende Ausstellungen gesehen: unter anderem zu Christian Boltanski; Serious Games von Harun Farocki und Antje Ehmann; oder zuletzt zum 100. Geburtstag von John Cage. Zur Wiedereröffnung hat sich das Institut Mathildenhöhe entschieden, auf die eigenen Bestände der städtischen Kunstsammlung zurückzugreifen, weil, wie die stellvertretende Leiterin Sandra Bornemann-Quecke sagt, bis zuletzt nicht ganz klar war, wie lange sich die Sanierung noch hinziehen würde. Die Sammlung besteht aus rund 30.000 Werken und wird wie die Kunst im öffentlichen Raum vom Institut Mathildenhöhe mit verwaltet. Gegenstand einer Ausstellung war sie zuletzt vor 40 Jahren. Die Eröffnung war zugleich Welterbefest, denn seit drei Jahren gehört die Mathildenhöhe zum Unesco-Weltkulturerbe.

Die Sammlung einer Stadt mit rund 150.000 Einwohnern ist nicht zwangsläufig von überregionalem Interesse. Aber Darmstadt ist doch keine Stadt wie jede andere. Die Mathildenhöhe: das ist die Künstlerkolonie, ab 1901 eines der Zentren des Jugendstils und der Arts and Crafts-Bewegung, der sich ein eigenes Museum widmet, gleich nebenan, ebenfalls betreut vom Institut Mathildenhöhe. Peter Behrens wurde hier mit seinem eigenen Wohnhaus zum Architekten. Aber es gab auch die Darmstädter Gespräche. Deren erstes, 1950, verbunden mit einer Ausstellung zum Menschenbild unserer Zeit, wurde durch den Streit zwischen Willi Baumeister und dem Kunsthistoriker Hans Sedlmayr zum richtungweisenden Fanal für die bildende Kunst der Nachkriegszeit. Tonangebend wurden die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik auf Schloss Kranichstein. Auf der Mathildenhöhe, in nächster Nähe zu Museum und Ausstellungsgebäude, befinden sich das Institut für Neue Musik und Musikerziehung (INMM) und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die seit 1923 den höchsten deutschen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis verleiht.

Säle und Stadtviertel

4 – 3 – 2 – 1, der Ausstellungstitel, suggeriert den Countdown zur Wiedereröffnung. Er bezieht sich aber auch auf die vier Säle des Ausstellungsgebäudes und auf die in den vier Himmelsrichtungen gelegenen Stadtteile. Besonders sinnfällig wird dies, wenn der Blick aus dem Ostfenster auf die Rosenhöhe fällt, die im entsprechenden Ausstellungsteil auch thematisiert ist. Straßennamen auf dem Boden und vergrößerte Stadtplanausschnitte an den Wänden bilden die Topographie ab. Die Ausstellung bietet eine exzellente Gelegenheit, die Stadt Darmstadt kennenzulernen, auch für Menschen aus Darmstadt selbst, die lange auf die Wiedereröffnung haben warten müssen. Bis hin zu populär-historischen Aspekten wie dem Mundartstück und Ausflugslokal Datterich. Die topographische Anordnung bedingt aber auch, dass die gewohnten Zeitraster der Stilepochen und Kunstrichtungen ein wenig durcheinander gewürfelt werden. Romantische Ansichten von Schloss Kranichstein stehen den Ferienkursen gegenüber.

Gleichwohl steht schon am Anfang auch die Künstlerkolonie, in Person des Verlegers Alexander Koch, der 1898 mit einer Denkschrift Großherzog Ernst Ludwig zur Gründung anregte und mit seinen Publikationen viel zu ihrem Erfolg beitrug. Im Original zu sehen sind ein von Patriz Huber entworfener Flügel und eine Bronzefigur der Tänzerin Loïe Fuller von Bernhard Hoetger aus Kochs Besitz. Von dort aus führt eine Linie zu einer von Elizabeth, der Schwester von Isadora Duncan, 1911 gegründeten Mädchen- und Tanzschule, die nur bis zum Ersten Weltkrieg bestand, und zu einer Performance von Annegret Soltau in den 1980er-Jahren im Felsenmeer, etwa 20 Kilometer südlich, fotografisch festgehalten in 40 Bildkacheln von Baldur Greiner.

Mit dem Ersten Weltkrieg endet auch die Geschichte der Künstlerkolonie. Doch schon 1915 beginnt mit der Künstlergemeinschaft Die Dachstube um den Autor Kasimir Edschmid, den Maler Carl Gunschmann und den SPD-Politiker Carlo Mierendorff der Darmstädter Expressionismus. Und die Vorgeschichte der Darmstädter Sezession: Für die Zeitschrift Das Tribunal gelang es Mierendorff, Künstler wie Max Beckmann, Karl Schmidt-Rottluff und Ludwig Meidner zu gewinnen. Meidner wurde Sezessionsmitglied und stellte in Darmstadt aus. In der NS-Zeit als jüdischer Künstler mit seiner Frau Else nach London emigriert, verbrachte er, ohne sie, seine letzten Jahre in Darmstadt, das auch seinen Nachlass verwahrt. Seine Werke, ein großes, gemaltes Porträt des Schriftstellers Max Hermann-Neisse, ein kleines, gezeichnetes von Jakob von Hoddis sowie die Blicke von Else auf Ludwig und umgekehrt bilden einen ersten Höhepunkt der Ausstellung.

Interdisziplinäres Miteinander

Im zweiten, an der Ostseite gelegenen Saal kommt die Nachkriegsgeschichte in den Blick. Zum einen, weil hier 1950 gleich neben dem Ausstellungsgebäude anstelle einer zerstörten Mietshausgruppe die Werkkunstschule entstand; vor allem aber wegen der Neuen Künstlerkolonie. Nachdem Darmstadt seine Funktion als Hauptstadt, zuletzt des Volksstaats Hessen, an Wiesbaden abtreten musste, wollte Prinz Ludwig, der jüngere Sohn des Künstlerkolonie-Gründers Ernst Ludwig, an die frühere Bedeutung als Kunststadt anknüpfen. In den sieben Atelierhäusern lebten unter anderem die Schriftsteller Karl Krolow und Gabriele Wohmann, der Theaterintendant Gustav Rudolf Sellner, der Theaterkritiker Georg Hensel, der Komponist Hans Ulrich Engelmann, Sohn eines Holocaust-Opfers und schon 1946 Teilnehmer der ersten Ferienkurse, und der Bildhauer Wilhelm Loth. Krolow und Wohmann sind in beachtlichen, großformatigen Porträts von Eberhard Schlotter festgehalten, Engelmann gemalt von Karl-Heinz Schnabel. Engelmanns Frau Rosemarie, genannt Roma, war eine eigenwillige Künstlerin, die auf der Mathildenhöhe 1952 eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen aus aller Welt organisierte, in Reykjavik unterrichtete und in der Ausstellung mit einem beeindruckenden Batik-Wandbehang vertreten ist.

Porträts gibt es so viele wie Landschaften und Stadtansichten, sind es doch immer Persönlichkeiten, die eine Kunststadt prägen. Dokumentarisches ergänzt die Kunstbestände. Interdisziplinäre Bezüge finden sich schon im ersten Saal, wo Literatur, Musik, Tanz und bildende Kunst zusammenkommen. Mit der Neuen Künstlerkolonie werden sie zum Prinzip. Schnabel hat auch den Fotografen Pit Ludwig porträtiert, der wiederum bei den Darmstädter Ferienkursen Pierre Boulez, Bruno Maderna und den Flötisten Severino Gazzelloni aufgenommen hat. Die Wege kreuzten sich in der Neuen Sezession, unter dieser Bezeichnung gleich 1945 wiedergegründet. Wilhelm Loth, von 1953 an Präsident, hat das erste Darmstädter Gespräch angeregt. Baumeister bedankte sich mit dem ausgestellten Gemälde Sieg der blauen Mitte. Spätere Vorsitzende waren Eberhard Schlotter, Carl Gunschmann und Pit Ludwig. Aber auch Wolfram Steinecke, der Gründer der Ferienkurse, war Mitglied der Sezession.

Bis heute

Darmstadt ist keine Insel. In den verbleibenden beiden Sälen auf der Nord- und Westseite spiegelt sich die Entwicklung der Kunst in verschiedenen Epochen, in der Stadt und darüber hinaus. Ernst Vogel, seit 1919 Mitglied der Sezession, fand von Baumeister ausgehend zu eigenen Formen. In Stuttgart, bei Baumeister selbst, studierte Charlotte Prinz, die ihr Atelierhaus 1993 der Stadt vermachte mit der Auflage, ein Stipendium für Akademieabsolventen einzurichten. Ausgestellt sind Tagebuch-Blätter der Koreanerin Ankabuta und eine großformatige Arbeit von Genaro Strobel zur Grube Messel in einer eigenständigen Mischform aus Fotografie und Holzschnitt.

Aufmerksamkeit verdienen die vielen Werke von Künstlerinnen, angefangen mit Hermione von Preuschen, die bereits 1869 im Alter von 15 Jahren in Karlsruhe studierte. Zur selben Zeit gründeten Luise Büchner, die Schwester des Schriftstellers, und Großherzogin Alice, Tochter von Queen Victoria, einen Verein und eine Schule zur Berufsausbildung von Frauen, die ab 1875 auch Zeichenunterricht anbot. Zur städtischen Sammlung gehört ferner der mit 14 Gemälden größte Bestand von Werken Arnold Böcklins, eine Stiftung des Sammlers Maximilian von Heyl. Sie ist wie ein Werkkomplex von JosephBeuysdauerhaft im Landesmuseum Darmstadt ausgestellt, beide sind in der Ausstellung mit je einer Arbeit vertreten. 1963 gründete Laura (Polly) Williams, die Schwester des Fluxus-Künstlers Emmett Williams, mit dem Künstler Etzel Klomsdorff die Galerie Ordo. Letztlich fehlte dafür in Darmstadt das Publikum, die Galerie musste nach einem Jahr wieder schließen. Doch der Stadt bleibt der Nachlass.

Im letzten, nach Westen, zur Innenstadt hin gelegenen Saal dominieren zwei Themen: die Zerstörung Darmstadts im Zweiten Weltkrieg und der Kunstpreis der Stadt Darmstadt. In einer einzigen Bombennacht im September 1944 wurde die Stadt zu 80 Prozent zerstört, von der Innenstadt blieben nur Ruinen. Mehr als 11.000 Menschen kamen ums Leben. Mehrere Künstlerinnen und Künstler haben die zerstörte Stadt gemalt, unter anderem Karl Deppert, dessen Sohn in einem Video dazu Auskunft gibt. Den Kunstpreis vergibt die Stadt seit 1955. Seit 1995 heißt er nach dem Initiator und – mit Helmuth Lortz – ersten Preisträger Wilhelm-Loth-Preis. Ungefähr jede/n dritte/n der Preisträger/in stellt die Ausstellung vor, die letzten waren Harun Farocki, Gregor Schneider sowie 2018 Olaf Nicolai. Als letzter Ankauf der städtischen Sammlung ist schließlich ein Video von Mila Hundertmark zu sehen mit dem ironischen Titel: Was man die absolute Realität nennen könnte. Eine innerstädtische Straße entpuppt sich als Foto-Ausdruck. Eine Zunge bohrt sich ein Loch durch das Papier, ein lippenstiftroter Mund verspeist nach und nach das gesamte Bild.

Auf die eigenen Bestände greifen Museen angesichts der horrenden Versicherungssummen für Leihgaben und knapper Kassen immer häufiger zurück Und zumindest vor Ort stößt dies in der Regel auf großes Interesse. Darmstadt ist nicht München oder Berlin, hat aber eine interessante Geschichte und die Sammlung dementsprechend einiges zu bieten.