Szenenbild aus dem Fernsehspiel "He Joe" von Samuel Beckett. 1966, © SWR / Hugo Jehle.

Quadrat im Quadrat

Über Fernsehen, Beckett. Württembergischer Kunstverein, 19. Oktober 2024 – 12. Januar 2025.

"He Joe", flüstert die Stimme, langsam, gedehnt, eindringlich. "An alles gedacht? Nichts vergessen?" Der Darsteller hat die Vorhänge aufgerissen, kurz den Kopf hinausgestreckt, sie wieder zugezogen, unter das Bett geschaut. Jetzt sitzt er da, vorgebeugt, stumm, vergräbt das Gesicht in den Händen. "Das beste kommt noch, sagtest du …" Ganz langsam fährt die Kamera auf ihn zu, bis nur noch das Gesicht im Bild ist: tiefe Stirnrunzeln, ein bitterer Zug um den Mund, die Augen weit aufgerissen, den Blick zur Seite gerichtet. "Aber da war eine, die Grüne, die Schmale … Das war Liebe … Du hast sie erledigt …" Bis sich am Schluss sein Blick in die Kamera richtet, ein zynisches Lächeln um die Lippen.

1966 hat Samuel Beckett He Joe, sein erstes Fernsehspiel, produziert: im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart (SDR). Sechs weitere sollten bis 1985 folgen. Sie sind nun im Württembergischen Kunstverein (WKV) ausgestellt. Ein achtes, Not I, in der BBC produziert, wurde 1977 mit Geistertrio und … nur noch Gewölk … ebenfalls in Stuttgart ausgestrahlt. Die Ausstellung im Württembergischen Kunstverein kommt zustande auf Initiative des irischen Künstlers Gerard Byrne und der Kunsthistorikerin Judith Wilkinson, die sich 2006 im Zuge der Feiern zum 100. Geburtstag Becketts kennengelernt haben. Byrne, der an der Frankfurter Städelschule unterrichtet, beschäftigt sich seit langer Zeit mit Beckett. Wilkinson hat an der Goldsmiths University über ihn promoviert. Sie überlegten, wo sie eine Ausstellung zu Becketts Fernsehspielen zeigen könnten und kamen auf Stuttgart.

Sieben Fernsehspiele hat Beckett in Stuttgart realisiert. Werner Spies, der gerade erst anfing, Kunstbücher zu schreiben, war damals für den SDR in Paris, um Autoren nach Stuttgart zu vermitteln. Leiter der Abteilung Fernsehspiel war seit 1961 Reinhart Müller-Freienfels, ein Theatermann, der in der Pionierzeit des Fernsehens beim Hessischen Rundfunk gearbeitet hatte, zwischenzeitlich aber zum Theater zurückgekehrt war. Beckett sagte zu. Es gab nicht viele Literaten, die sich mit dem Fernsehen abgaben. Doch Beckett, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, hatte sich dem Medium, wenn auch eher unbeabsichtigt, schrittweise angenähert.

Zwischen den Medien

Wie Jay David Bolter und Richard Grusin in ihrem Buch Remediation gezeigt haben, übernimmt ein neues Medium immer zuerst die Formen eines bestehenden. Das Fernsehspiel entstand als Übertragung des Hörspiel-Formats, seinerseits eine Art Schauspiel ohne Bild, auf das neue Medium Fernsehen. Becketts erstes Hörspiel All That Fall entstand 1957 und im selben Jahr die Pantomime Akt ohne Worte (Acte sans paroles): auf Anregung des Tänzers Deryk Mendel, dem Darsteller von He Joe. Beckett bewegte sich zwischen den Medien. Das Einpersonenstück Krapp’s Last Tape (Das letzte Band) dreht sich um eine Tonbandaufzeichnung. Der rumänische Komponist Marcel Mihalovici hat daraus eine Oper gemacht, der Bayrische Rundfunk, ohne Becketts Zutun, eine Inszenierung mit Fritz Kortner fürs Fernsehen. Spiel (Play) wurde 1963 in Ulm uraufgeführt. Eine leere, dunkle Bühne bildet die Kulisse, die 1965 entstand, auf Einladung von Becketts amerikanischem Verleger Barney Rosset, dem Gründer der Grove Press, der Film Film mit dem 68-jährigen Buster Keaton. Der Titel zeigt an, dass es sich um einen Film über den Film handelt. O (Objekt) nennt Beckett den Protagonisten, dem E (Eye), die Kamera folgt. Es geht um die Blickbeziehungen: sehen und gesehen werden.

Vieles davon kehrt in den Fernsehspielen wieder. Es sind zumeist Einpersonenstücke, zumindest sehr stark auf eine Person konzentriert. Die dunkle, leere Bühne wird auch metaphorisch zum Innenraum. Musik spielt in zwei Stücken eine tragende Rolle, in Geistertrio Beethovens Klaviertrio Opus 70, während in Nacht und Träume eine Männerstimme die letzten Worte aus Franz Schuberts gleichnamigem Lied anstimmt: "Oh holde Träume, kehret wieder". Von Becketts bekanntestem Fernsehspiel, Quadrat, eine abstrakte Choreographie ohne Text, gibt es zwei Versionen, eine in Farbe, die andere in Schwarzweiß. Vier Darsteller, mit Kapuzenmänteln, an mittelalterliche Beerdigungen erinnernd, betreten nacheinander ein Quadrat, bewegen sich mit schnellen Schritten entlang der Außenlinien und der Diagonalen, wobei sie sich in der Mitte ausweichen. Gilles Deleuze hat über diese leere Mitte philosophiert.

Helfried Foron, einer der vier Darsteller, damals Leiter des Tübinger Zimmertheaters, erzählt: Beckett habe zunächst mit Balletttänzern der Compagnie von John Cranko gearbeitet, sei aber nicht zufrieden gewesen. Er hätte das Projekt aufgegeben. Doch Foron sprang ein und führte dann auch in Nacht und Träume Regie. Auch mit den Trommlern der farbigen Version war Beckett nicht zufrieden: Sie machten zu viel Wirbel. Er stimmte dann zwar doch zu, produzierte aber noch eine zweite Version, in Schwarzweiß. Diesmal ist nur das Geräusch der Schritte zu hören, verstärkt durch Schmirgelpapier unter den Schuhsohlen.

Im Raum der Kunst

Dass sich Byrne und Wilkinson an den WKV gewandt haben, ist als Glücksfall zu betrachten. Der Ausstellungsraum, 1961 eröffnet als Anbau des wiederaufgebauten Kunstgebäudes, ist selbst ein Quadrat. In dieses Quadrat baute Byrne mit dem Kunstvereins-Team eine in die Diagonale gedrehte Installation aus vier Kino-Boxen um einen quadratischen Raum, der dem Bühnenset von Geistertrio nachempfunden ist. Die Videos starten in allen vier Boxen gleichzeitig und enden jeweils, gleichzeitig in allen vier Boxen, mit beiden Versionen von Quadrat. Um anschließend von einer zur anderen Box zu wechseln, bewegen sich die Besucher/innen durch das mittlere Quadrat ähnlich wie die Darsteller des Fernsehspiels.

Wilkinson und Byrne haben das SWR-Archiv besucht und waren überrascht, wie viel Material sie da noch vorfanden. Statt nun die originalen Dokumente – Fotos, Briefe, Zeichnungen, Konzepte – auszustellen, entschied sich Byrne, sie auf dem Archivtisch auszulegen und abzufotografieren. Sie sind nun als durchlaufender Fries, von Rahmen in wechselnden Größen gerahmt, an der Rückwand des Ausstellungsraums zu sehen. Ergänzend läuft auf einem Bildschirm der Film Film, auf einem zweiten Ausschnitte aus dem Film Der Deutsche Herbst: weil Becketts Geistertrio, … nur noch Gewölk … und Not I am 1. November 1977, zwei Wochen nach den dramatischen Ereignissen um die Entführung von Hanns-Martin Schleyer und im Hochsicherheitstrakt von Stammheim, ausgestrahlt wurden.

Hans D. Christ hat die Bänder für die Ausstellung digitalisiert. Angesichts der damaligen Technik erreicht er eine Qualität, die auch für das größere Format der Kinoboxen geeignet ist. In dieser Größe waren sie noch nie zu sehen. Ursprünglich liefen sie im Abendprogramm kurz vor Programmschluss. Zu He Joe zeigt der WKV auch die einleitenden Erklärungen, die der Sender damals meinte, dem Publikum mitgeben zu müssen. Iris Dressler findet es symptomatisch, dass der Sprecher die geflüsterten Worte offenbar nicht als Frauenstimme identifiziert. Allerdings handelt es sich nicht einfach, wie in der Ankündigung steht, um einen Fernsehansager, sondern um Walter Boehlich, den Cheflektor des Suhrkamp-Verlags. Selbst Übersetzer aus vier Sprachen, hatte dieser 1957 die bei Suhrkamp erschienene Übersetzung von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit barsch kritisiert und war daraufhin von Peter Suhrkamp eingestellt worden. Seinetwegen erschien Beckett bei Suhrkamp.

Alle acht Fernsehspiele sind erstmals an einem Ort versammelt. Was damals im Fernsehen geschah, sei heute nur noch in der Kunst möglich, meint Christ. Bruce Nauman und Stan Douglas haben früh auf Becketts Fernsehspiele reagiert. Quadrat war 2012 in Vidéo Vintage, der wegweisenden Ausstellung des Centre Pompidou zur frühen Videokunst zu sehen. In Becketts Fernsehspielen sind Handlung und Bühnenbild auf das Essentielle reduziert. Die Zeit scheint aufgehoben, in Endlosschlaufen oder eingefroren wie in He Joe. Was damals Fernsehspiel hieß, ähnelt nach heutigen Begriffen eher der Videokunst oder der Performance. Schon in Film landet Buster Keaton am Ende in einem geschlossenen Raum, mit sich selbst konfrontiert. Das war es, was Beckett am Fernsehen interessiert haben dürfte: die Intimität der Nahaufnahme, der Flüsterstimme und des Innenraums – die sich im Wohnzimmer der Zuschauer spiegelt.

In Stuttgart scheint sich der Autor, nach den Fotos zu urteilen, recht wohl gefühlt zu haben. Zumindest im Rundfunk. Über die Neckarstraße, die Rue Neckar, verfasste er ein Gedicht. Es endet, in der Übersetzung von Karl Krolow, mit den Worten: "Und der Verdacht ist groß/ hier war schon früher nichts los."