Ferdinand Brütt, Gemäldegalerie, 1887. Öl auf Leinwand, Museum Giersch, Frankfurt. Foto: Museum Giersch.

Wunderkammer Museum

Museum der Museen. Eine Zeitreise durch die Kunst des Ausstellens und Sehens, Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln, 11.10.2024 bis 9.2.2025.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts veröffentlichte der Arzt und Naturforscher Michael Bernhard Valentini eine dreibändige, reich illustrierte Enzyklopädie mit dem Titel "Museum Museorum". Sein "Museum der Museen" beschrieb en detail, was aus der Mineralien-, Pflanzen- und Tierwelt gesammelt und genutzt werden konnte, die dazu dienlichen Instrumente sowie verschiedene Kunst- und Naturalienkammern seiner Zeit.

Ein Band dieser Publikation, die heute als ein frühes Werk der Museologie gilt, ist in der Bibliothek von Ferdinand Franz Wallraf (1748–1824) erhalten und Exponat der aktuellen Ausstellung. Das Wallraf-Richartz-Museum hat das 200. Todesjahr seines Stifters zum Anlass genommen, im Kontext der aktuellen Debatte um die Zukunft der Kunstmuseen einen Blick auf die Geschichte musealen Ausstellens zu werfen. Dieses Unternehmen führt mutig durch knapp 450 Jahre von der Spätrenaissance bis in die digitale Gegenwart und hat dazu interessante Anknüpfungspunkte in der Kölner Kunst und Historie gefunden.

Makrokosmos im Mikrokosmos

Mit den heute so genannten Kunst- und Wunderkammern, die sich bereits im 16. Jahrhundert zunächst in Gelehrtenkreisen und an Fürstenhöfen etablierten, beginnt der Rundgang. In eigens eingerichteten Räumen wurde gesammelt, was rar und besonders erschien; zu den Wunderdingen der abendländischen Natur, Kunst und Technik gesellte sich allerlei Exotisches aus den gerade neu "entdeckten" Teilen der Welt. Neben der Wissbegierde motivierte manchen Sammler wohl auch die Freude am Besitz des Kostbaren und Kuriosen und das Prestige, das man daraus bezog. Zudem waren die Objekte Anlass amüsanter lehrreicher Gespräche, wie der als Wandtapete abgebildete Kupferstich der Kunstkammer des Ferrante Imperato vermittelt, und das im Wallraf anwesende Ausstellungspublikum vor den Vitrinen mit der Sternenuhr oder dem präparierten Igelfisch bestätigt.

Die Wunderkammer war eigentlich schon aus der Mode gekommen, als der Theologe, Mediziner und Hochschullehrer Wallraf Ende des 18. Jahrhunderts zum universalen Sammler wurde. Während Napoleons Besetzung der linksrheinischen Gebiete, die mit der Entmachtung von Adel und Klerus und der Säkularisation große Mengen von Kunstgütern herrenlos werden ließ, rettete er unter anderem bedeutende Werke der Kölner Malerschule. Zum chaotischen Zustand seiner irgendwann auf fast 80.000 Objekte angewachsenen Kollektion zitiert eine Wandschrift den empörten Johann Wolfgang von Goethe. Die Ausstellungsbesucher:innen erhalten eine Vorstellung von dieser Überfülle, wenn sie eine Federzeichnung von B. Nikolas Salm betrachten. Der ihm gewidmete Raum wirkt übersichtlich, und man hat keine Mühe, unter den an der Wand aufgereihten Grafiken Preziosen wie eine kleine Rembrandt-Radierung zu entdecken. Die der Stadt hinterlassene Sammlung, die heute verschiedene Kölner Häuser bereichert, wurde 1827 im sogenannten Wallrafianum erstmals öffentlich ausgestellt.

Von der Wunderkammer zum Kunstmuseum

Die Herausbildung von Ordnungskriterien für die stetig wachsenden Sammlungen nach dem fortschreitenden Wissensstand hatte im 18. Jahrhundert zur Aufgliederung in Naturalienkabinette, Antikensammlungen und Bildergalerien geführt. Mit dem Geist der Aufklärung kam die Öffnung der Kunstsammlungen für ein breiteres Publikum und mit der öffentlichen Präsentation und fachlicher Wissenschaft auch ihre Neuorganisierung nach Epochen und Schulen.

In der Ausstellung dient das Galeriebild der Veranschaulichung des entwicklungsgeschichtlichen Übergangs von der Wunderkammer zur repräsentativen barocken Gemäldegalerie bis zu den öffentlichen Kunstmuseen. Launige Varianten dieser Galerieinterieurs aus dem späten 19. Jahrhundert haben die Kunstbetrachtung, also das Publikum im Fokus, das sich in den Trubel der populären Kunstsalons oder zum Sonntagsausflug in die Gemäldegalerie begeben hat.

Bildung des Kunstempfindens

Ins 20. Jahrhundert gelangt die Schau mit Alfred Hagelstange, Direktor des Wallraf-Richartz-Museums von 1908 bis 1914. Vertraut mit der Museumsreformbewegung, hatte er kurz nach Amtsantritt erklärt: In den Museen, die im 19. Jahrhundert mit der Fülle ihres Reichtums die Wände tapezierten, gelte es "erst einmal Platz zu schaffen für eine nach modernen Geschmacksprinzipien angeordnete Aufstellung des Kunstgutes". Das meinte zum einen die streng qualitätsorientierte Auswahl aus dem Bestand, denn eine Kunstsammlung sollte "in erster Linie etwas lehren", und zum anderen die einreihige Hängung der Bilder mit ausreichendem Abstand zugunsten der Autonomie des einzelnen Kunstwerks. In diesem Kapitel sind einige Prachtstücke des Wallraf-Richartz-Museums zu sehen. Denn Hagelstange hatte noch vor der Kölner Ausstellung des Sonderbunds 1912 nicht nur Max Liebermann oder Max Slevogt erworben, sondern mit Auguste Renoir oder Vincent van Gogh auch einige der damals in deutschen Museen noch höchst umstrittenen Franzosen.

Mit einem großen Sprung geht es dann ins Köln der 1970er Jahre. Der vor Kurzem verstorbene Künstler Daniel Spoerri hatte 1979 im Kölnischen Kunstverein sein "Musée sentimental de Cologne" eingerichtet, das anhand von "Reliquien und Relikten aus zwei Jahrtausenden Köln Incognito" ein Porträt der Stadt aus ihrer Dingwelt entwarf. Die Gegenstände waren zu Köln-charakteristischen Begriffen ausgewählt und aus der ganzen Stadt zusammengetragen worden. Allein unter A wie Konrad Adenauer kam da so Gegensätzliches zusammen wie eine Aktentasche, ein Federkopfschmuck oder eine Rosenschere, über deren historischen bzw. anekdotischen Bezug kurze Texte informierten. Der Nouveau Réaliste hatte die Stadtgeschichte mit den verschiedenartigen Objekten in die Beziehungsebene alltäglicher menschlicher Erfahrung verrückt. Ein Konzept, das die Museumslandschaft nachhaltig inspirierte. Die Ausstellung erinnert daran mit einem "Musée sentimental de Wallraf", das Wissenswertes zu Wallrafs Wirken vermittelt.

Eine kuratorische Komposition für ein Museum stellt die Ausstellung mit "Rolywholyover A Circus" (1991–1993) vor. Der Avantgarde-Komponist und Künstler John Cage, in dessen Werk das Zufallsprinzip eine zentrale Rolle spielte, entwickelte sie für das Museum of Contemporary Art in Los Angeles. Das Wallraf-Richartz-Museum hat nun Elemente daraus aufgegriffen und 17 Kölner Museen und Sammlungen eingeladen, mit Hilfe des Zufalls jeweils drei ihrer Werke auszuwählen. Aus diesem Fundus wählte wiederum der Zufall, genauer ein Computerprogramm diejenigen aus, die tatsächlich ausgestellt sind. In dieser Konstellation lässt sich dann sogar überraschend eine Analogie zwischen dem zeitgenössischen Gemälde einer koreanischen Festtracht und der Schweizer Flagge der Olympischen Spiele in 1924 entdecken. Die nicht erwählten Objekte verbleiben übrigens in einem Schaudepot oder werden demnächst noch platziert.

Richtung Zukunft

Am Ende des Rundgangs betritt man eine Museumswelt, die sozusagen nicht mehr an Ort und Zeit gebunden ist. In Buchform erschien ab 1947 das "Musée imaginaire" des Autors und Verlegers André Malraux und bot mittels der Reproduktionen Kunstwerke aus diversen Kulturräumen und Epochen zur vergleichenden Betrachtung an. Ingo Günthers imposanter zweiteiliger "Museumsnavigator" lockt die Besucher:innen auf den digitalen Weg zur Kunst rund um den Globus.

Die großformatige Farbfotografie von Michael Wesely im selben Raum zeigt eine Innenansicht des 1968 eröffneten Museu de Arte de São Paulo. In diesem rigoros modernen Bauwerk der Architektin Lina Bo Bardi erhielt die Kunstsammlung Ausstellungssäle ohne Zwischenwände und mit vollständig verglasten Längsseiten. Die Gemälde wurden mit ihrem Rahmen an senkrecht stehenden Glasscheiben fixiert, denen kleine Betonwürfel als Basis und Halterung dienten. Der Blick sollte ungehindert zwischen ihnen umher oder auch in den nahen Stadtpark wandern können. In Weselys Langezeitbelichtung über vier Stunden verschwinden die sich durch den Raum bewegenden Personen beinahe zwischen den feststehenden Bildern und die Szene erscheint seltsam unwirklich.

Die Fotografie entstand am Abend der Wiedereröffnung des Museums 2015 nach einer längeren Schließung und noch nicht abgeschlossenen baulichen Sanierung. Im "Museum der Museen" dient das Bild dem Blick zurück auf die Tradition der Gemäldegalerien. Aber man kann es auch als eine Allegorie auf die Situation der vielen in die Jahre gekommenen Museen interpretieren, die gegenwärtig mit solcherart Problemen konfrontiert sind. Das Wallraf-Richartz-Museum wagt dennoch den Blick in die Zukunft und hat fünfzehn Kundige gefragt: "Wo steht das Museum in zehn Jahren?". Ihre Statements sind im Katalog nachzulesen.


Kuratiert wurde die Ausstellung von Anne Buschhoff und Ricarda Hüpel nach einer Idee von Wulf Herzogenrath. Das "Musée sentimental de Wallraf" konzipierte Marie-Louise von Plessen.
Der Katalog zur Ausstellung ist im Wienand Verlag erschienen und im Museumsshop erhältlich.

Zur Website der Ausstellung