Imi Knoebel im Kunstraum am Limes im Westerwald, 23.09.2024-19.03.2025.
Der Kunstraum am Limes in Hillscheid im Westerwald beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen von Imi Knoebel. Seit September ist diese dort in einer großen Überblicksausstellung zu sehen. Nun kommt die Idee auf, in Hillscheid ein eigenes Forschungszentrum für den Künstler einzurichten.

"Kunstraum am Limes" - wer denkt da nicht zuerst an ein Museum für den römischen Grenzwall. Dieser verlief tatsächlich ganz in der Nähe des kleinen Westerwaldortes Hillscheid. Doch vom Kreisverkehr am Ortsausgang auf den großen Parkplatz einbiegend, fällt sofort ein großes Transparent ins Auge, das für ihn wirbt: Imi Knoebel. In einer ehemaligen Getränkehalle und einem modernen Anbau ist eine museumsreife Retrospektive des Düsseldorfer Künstlers zu sehen. Die Werke stammen aus der Sammlung von Axel Ciesielski. Der 2019 verstorbene Inhaber der Firma Wepa Apothekenbedarf in Hillscheid war ein "guter Kunde der Galerie", erzählt Christian Lethert bei einem Besuch in der Kölner Galerie. Als die Erben überlegten, wie sie mit der Sammlung ihres Vaters samt Ausstellungshalle weiter verfahren sollten, beauftragten sie Christian Lethert als neuen Kurator. Ihm und seinen "guten Kontakten" zu Imi Knoebel ist es zu verdanken, dass nun in Hillscheid 50 Arbeiten aus allen Werkgruppen ausgestellt sind, die allesamt aus dem Bestand von Axel Ciesielski stammen. Knoebel selbst hatte viele seiner Werke lange nicht mehr gesehen, als er persönlich zum Aufbau vor Ort erschien. "Es ist die erste große Museumsausstellung seit zehn Jahren", betont Lethert. Und zieht einen weiteren Trumpf aus der Tasche: Die Ausstellung soll zu einer Dauerpräsentation ausgebaut werden. "Die Idee ist, die Werke so zu belassen, wie sie jetzt installiert sind. Nur bei Leihanfragen von Museen werden Werke entfernt und ersetzt." Alles spreche dafür, in Hillscheid ein Imi-Knoebel-Forschungszentrum einzurichten, sagt Lethert. "Die gesamte Literatur ist bereits vorhanden, erste Doktoranden haben sich dort niedergelassen, um über Knoebels Werk zu forschen."
In den völlig entkernten Hallen des ehemaligen Getränkelagers findet Imi Knoebels Werk eine adäquate, offene und großzügige Architektur, in der es seine ganze Energie (und Ironie) entfalten kann. Zu sehen ist sein gesamtes Formenvokabular, das seit 1967 die Grundlage für sein abstrakt-minimalistisches Werk bildet. Es war die Zeit, in der Maler wie Jörg Immendorf seine Kollegen aufforderten, mit dem Malen aufzuhören. Darauf fand Knoebel eine radikale Antwort, indem er den unbespannten Keilrahmen zum Kunstwerk erhob und so den Träger von Malerei als solchen sichtbar machte.
In seiner Kunst verschmelzen Architektur, Skulptur und ikonisches Bild zu einem integralen Gebilde, das Knoebel zugleich subversiv hinterfragt.
Verteilt auf drei Hallen eröffnet der Kunstraum Limes in einer vom Künstler kuratierten Präsentation den Blick auf dieses radikale Werk, auf ein Spiel mit "positiven" und "negativen" Konstruktionen, mit Farbe und Form, mit Sein und Nichtsein. Symbolisch baut Knoebel mit seinen geometrischen Figuren und Formen das Tafelbild immer wieder auf, um es dann wieder einzureißen.
Die Ausstellung beginnt mit einer luftigen Präsentation der ersten raumgreifenden Arbeit, dem achtteiligen Werk "Schwules Bild" von 1975. Hier dekliniert Knoebel die Möglichkeiten abstrakter Formen durch, vom Vollkreis in Schwarz über Polygone in Neon und Pastell bis hin zu Cut-outs in Türkis, die genauso an das Werk von Henri Matisse erinnern wie an Reste eines Schnittmusters. Das "Schwule Bild" ist Knoebels erster Versuch, mit Farbe zu experimentieren. Was daran schwul sein soll, erschließt sich nicht wirklich, scheint aber den damaligen Zeitgeist bedient zu haben.


Ein zweiter, dahinterliegender Raum zeigt Knoebels Linienbilder. Noch als Kunststudent zeichnete sich Imi Knoebel zwischen 1966 und 1968 um Kopf und Kragen. Monatelang trug er rund 250.000 Mal gerade Linien – mal eine, mal zwei – auf Papier auf, dicke, dünne, mit denen er den bildnerischen Raum erforschte.
Erkennbarer Bezugspunkt für Knoebel ist das Werk von Kasimir Malewitsch. Von ihm übernimmt er die reduzierte Bildsprache, das geometrische Formenvokabular, die anfängliche Verneinung der Farbe.
Kunst sollte und durfte für den Vertreter des Suprematismus nichts abbilden. Malewitsch postulierte einen "Nullpunkt der Form", das Kunstwerk als Ort, an dem sich das Selbst "verwandeln" könne. "Weißes Quadrat" von 1968/96 und "Schwarzes Quadrat" von 1968/96 sind frühe Arbeiten, die bereits zu Akademiezeiten entstanden. Mit ihnen erweist er auf seine Weise dem Pionier der Abstraktion Malewitsch Reverenz.
Doch Knoebel scheint Zweifel an der quasireligiösen Überfrachtung der Möglichkeiten des Kunstwerks auszudrücken, wenn er Farbe als neues ästhetisches Gestaltungsmittel einführt und diese nicht etwa auf Leinwand, sondern auf Aluminium oder Holz aufträgt, um Räumlichkeit zu suggerieren.
Form als Ausgangspunkt zur Raumerfahrung
Zur Sammlung des Kunstraums am Limes gehört auch das einzige existierende Modell von "Raum 19", der ersten raumgreifenden Installation, die Knoebel 1968 im gemeinsamen Raum realisierte, den er mit Blinky Palermo und seinem engen Freund Imi Giese an der Düsseldorfer Kunstakademie teilte. Als einer der ersten Meisterschüler von Joseph Beuys wurde Knoebel von seinem Lehrer in seinen Bemühungen um eine ungegenständliche Kunst unterstützt - zu einer Zeit, als sich sonst niemand dafür interessierte. Das Modell von "Raum 19" sieht aus wie eine Mischung aus Atelier, Depot und Ausstellung. Das Modell zeigt geometrische Grundkörper: Würfel, Halbkreissegmente und geschichtete Holzplatten. "Raum 19" gilt als ein Schlüsselwerk Knoebels. Es zeigt die Beziehungen zwischen geometrischen Körpern und flächigen Schichtungen, ihre Übergänge und Verbindungen. Knoebel spielt mit ihren Eigenheiten, die für ihn eine Vielfalt künstlerischer Möglichkeiten darstellten.
Manche seiner Bilder kippen auch ins Dreidimensionale, wenn eine Pyramide oder zwei aufeinander gestellte Dreiecke sanft in den Raum zu wachsen scheinen.
Die größte und letzte der drei Hallen bietet auch das größtmögliche Angebot an Perspektiven auf Knoebels Werk. Der Künstler nutzt die beeindruckende Höhe des Raumes aus. Lichtstrahlen fallen durchs Oberlicht und treffen auf geometrische Formen und teilweise poppig-grelle Farbsetzungen des Malers. "Diese Form der Salonhängung macht eindrücklich Entwicklungen, Wendepunkte und Verbindungslinien nachvollziehbar und unterstreiche eindrücklich, dass die Anfänge nicht an Relevanz verloren haben", heißt es in einer Mitteilung der Galerie Christian Lethert. Zugegeben springt Knoebel in seiner Hängung in der Zeit über verschiedene Phasen hinweg und macht deutlich, dass er sein Vokabular immer wieder aufgreift und weiterbearbeitet. Ab den 1990er Jahre arbeitet er mit Aluminiumträgern, die jeweils mit einer Farbe mit sichtbarem Pinselstrich bemalt sind und zu einem dreidimensionalen Bild zusammengebaut werden. Diese Schichtung schafft mitunter sogar immersive Erfahrungen für den Betrachter. Für "Alte Liebe" (2009) oder "Anima Mundi" (2010) arbeitet Knoebel mit handbemalten Acrylfolien. Schmale Farbstreifen umrahmen ein größeres rechteckiges oder quadratisches Mittelfeld. Dieses Schichtverfahren variiert er mit Holzplatten, Aluminium oder Hartfaser, bemalt oder beklebt mit Plastikfolie. Es entstehen koloristische Effekte, die sich im Licht wie grelle Farbblitze entladen und miteinander interagieren. Ein Fest der Farben, in dem Perfektion und Schönheit das Grundprinzip zu sein scheinen. Aber auch ein Fest der unterschiedlichen Techniken und Materialien. Das zeigt auch, wie wichtig Knoebel das serielle Arbeiten ist. Geometrische Formen als kleinster gemeinsamer Nenner werden in Knoebels Bezugssystem immer wieder neu arrangiert und kombiniert. Die Farbwahl von grell bis pastellig, wirkt dabei absolut zeitgemäß, wenn nicht sogar visionär. Für "Figure 5" von 2018 hat Knoebel sogar zur Rakel gegriffen. Die Eingriffe sind deutlich zu erkennen, aber sie verweisen wieder nur auf sich selbst, auf das, was sie sind, Farbschichten. Auf Barnett Newman und sein Werk "Who’s afraid of Red, Yellow and Blue" antwortet der deutsche Kollege mit einem Bild in Rot, Gelb und Blau. "Ich nicht" nennt er es.