Yoko Ono, Cut Piece, 1964. Am 21. März 1965 aufgeführt von Yoko Ono im Rahmen von "New Works of Yoko Ono", Carnegie Recital Hall, New York, Foto: Minoru Niizuma, © Yoko Ono.

Trailblazing – Yoko Ono als Pionierin der Performance Art

Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und der Neue Berliner Kunstverein zeigen zurzeit die multidisziplinäre Praxis von Yoko Ono.

Eine junge Frau sitzt auf einer Bühne. Nacheinander treten Männer und Frauen aus dem Publikum an die Akteurin heran und schneiden ihr nach eigenem Ermessen mit einer Schere die Kleidung vom Leib. Hauptsächlich sind es Männer, die forsch nach vorne treten und teils große Stücke aus ihrer Kleidung herausschneiden. Die textilen Fetzen dürfen die Freiwilligen aus dem Publikum behalten und mit nach Hause nehmen. Geraune dringt aus der Menge, jemand lacht und vereinzelt ist Applaus zu hören. Die Mimik der Künstlerin bleibt dagegen unbewegt. Obwohl sie dem Willen des Publikums völlig ausgeliefert ist, rührt sie sich kaum. Die Performance dauert fort und die Freiwilligen legen immer mehr blanke Haut frei. Irgendwann rutscht der jungen Frau das Oberteil von der Schulter, sodass ihre Unterwäsche sichtbar wird. Das Publikum aber macht weiter, bis die entblößte Frau nur noch Fragmente ihrer Unterwäsche in den Händen hält. Daraufhin bricht die Akteurin das Geschehen ab und beendet somit die Aufführung.

"Cut Piece" ist bis heute ein eindringliches Erlebnis

Die junge Frau ist die heute 91-jährige Yoko Ono. Filmisch festgehalten lässt sich ihre Performance "Cut Piece" derzeit in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW erleben und hat bis heute nichts von ihrer Intensität eingebüßt. Erstmals 1964 in Kyoto aufgeführt, wiederholte die Performerin "Cut Piece" 2003 mit mittlerweile 70 Jahren in Paris anlässlich des Irak-Krieges. Nach eigener Aussage führte sie die Performance dieses Mal für die Liebe und nicht wie noch 1964 aus Wut auf. Einer Wut, welche sich gegen das damalige Frauenbild richtete, auch wenn die Anweisung zur Performance nicht unbedingt eine weibliche Performerin vorsah.

Vergleicht man die Stimmung im Publikum 1964 mit jener während eines nicht von Ono selbst durchgeführten Reenactments in der Neuen Nationalgalerie in Berlin im Jahr 2023, dann fällt auf, dass die Freiwilligen 2023 deutlich zögerlicher waren, sensibler vorgingen, teils nur winzige Stücke aus der Kleidung der Performerin herausschnitten. Besonders Männer trauen sich weniger auf die Bühne, einer schnitt ein Stück aus seiner eigenen Kleidung heraus und bedeckte damit die Performerin. Das Publikum scheint sich heute der verschiedenen Ebenen der Performance durchaus bewusst zu sein. Denn wer ist hier eigentlich Objekt? Und wird die Performerin bloßgestellt? Oder entblößt sich das Publikum öffentlich selbst?

Yoko Ono als Teil der Fluxus-Bewegung

Wer Ono hauptsächlich aufgrund ihrer Ehe mit Beatles-Sänger John Lennon (1940–1980) oder als Friedens- und Umweltaktivistin kennt, wird von der aktuellen Ausstellung im K20 überrascht sein. Denn hier steht Ono als Vorreiterin für performative und partizipative Kunst im Fokus – auch wenn Musik gemäß dem Titel "YOKO ONO. MUSIC OF THE MIND" in der chronologisch konzipierten Schau ebenfalls eingehende Betrachtung findet. Yoko Ono wurde 1933 in Tokio in eine wohlhabende Familie geboren, musste 1945 vor dem Zweiten Weltkrieg aus der Stadt fliehen und wurde später zurück in Tokio als erste Frau zum Philosophiestudium an der Gakushūin-Universität zugelassen. Im Jahr 1960 zog sie nach New York und veranstaltete gemeinsam mit dem Komponisten La Monte Young Events und Konzerte, welche sie zum Teil der New Yorker-Avantgarde werden ließen.

Ihre erste Einzelausstellung hatte Ono 1961 in der AG Gallery von George Maciunas, dem Vordenker der Fluxus-Bewegung. Fluxus, von lateinisch "das Fließen", versammelte interdisziplinär arbeitende Kunstschaffende aus allen kulturellen Bereichen auf der Suche nach neuen provozierenden Aufführungsformen. Mit einer von den Avantgarden übernommenen Forderung nach der Verschmelzung von Kunst und Leben strebten die Nachkriegskünstler:innen nach einer Entgrenzung der traditionellen Kunstgattungen. Vom Begründer der Moderne, Marcel Duchamp, bereits vorgeprägt, äußerte sich zunehmend Kritik am erstarrten Gattungsbegriff, dem geschlossenen Werk als solchem und an den Institutionen der Kunst. Anknüpfend an die Errungenschaften von Futurismus, Dadaismus und Surrealismus entstanden folgend verschiedene neue Kunstströmungen wie Body Art, Performance und Fluxus.

Die Künstler:innen betraten plötzlich eigens die Bühne, sodass sich der Körper als künstlerisches Mittel zum Gestaltungswerkzeug wandelte. Des Weiteren wurde in Anknüpfung an das Theater auch in der Kunst die vierte Wand als unsichtbare Grenze zwischen Bühne und Zuschauenden durchbrochen, indem sich die Rolle der Rezipierenden von der passiven Betrachtung zur aktiven Partizipation als fester Bestandteil des Kunstwerks veränderte. Auch wenn die betrachtende Position immer schon im Werk vorgesehen war, fand sich das Publikum mit Allan Kaprows "New Yorker Happenings" Ende der 1950er-Jahren erstmals in einer aktiv handelnden Rolle wieder.

Die Anfänge der Konzeptkunst

Bei Maciunas präsentierte Yoko Ono ihre sogenannten "Instruction Paintings", in denen das Publikum zum Beispiel zum Betreten einer auf dem Boden liegenden Leinwand aufgefordert wurde. Diese Arbeiten entwickelte die Künstlerin im Anschluss weiter und reduzierte sie zu schriftlichen Instruktionen, die sie nach ihrer Rückkehr nach Tokio 1962 der Öffentlichkeit vorstellte. Zwei Jahre später erschien ihr Buch "Grapefruit" im Selbstverlag, eine Sammlung von zwischen 1953 und 1964 verfassten schriftlichen Instruktionen, welche die Leser:innen zum aktiven Handeln ermutigen sollten. Darin finden sich beispielsweise Anweisungen wie "Listen to a Heartbeat (Höre einen Herzschlag)" oder "Step in all the puddles in the city (Trete in alle Pfützen der Stadt)".

Diese Anweisungen muten wie poetische Partituren an, um den eigenen Körper und Verstand zum Klingen zu bringen, in Schwingung zu versetzen. In der Düsseldorfer Retrospektive sind solche vom Publikum zu aktivierenden Bereiche mit gelben Markierungen versehen. So dürfen sich in "Bag Piece" (1964) Ausstellungsbesucher:innen einen schwarzen Sack übergestülpen und frei von Vorurteilen dem jeweiligen Gegenüber begegnen. An anderer Stelle sind in "Painting to Shake Hands (Gemälde zum Schütteln von Händen)" (1961) Freiwillige dazu aufgefordert, einer fremden Person durch eine Wand hindurch die Hand zu reichen oder in "Shadow Piece (Schatten-Stück)" (1963) den jeweils anderen Schatten zu zeichnen.

Ono als transnationale Künstlerin

In der fortlaufenden Reduktion, Klarheit und Sensibilität von Onos Arbeiten spiegeln sich neben der Anbindung an die westliche Moderne aber auch ihre japanischen Wurzeln wider. Entsprechend erwächst unmittelbar in der Eingangshalle der Kunstsammlung ein sogenannter "Wish Tree" aus dem steinernen Boden, von denen Ono bereits an unterschiedlichsten Orten Exemplare aufstellen ließ. Er führt eine japanische Tradition fort, in welcher Wünsche auf kleine Zettel geschrieben und an Bäume rund um buddhistische Tempel gehängt werden. Das Platzieren der Wünsche wird so lange fortgesetzt, bis jeder Zweig mit einem Stück Papier ausgestattet ist. Andere Beispiele für den Einbezug japanischer Traditionen sind das rituelle Abschneiden der Haare als Witwe, welches Ono nach dem Tod von Lennon vollzog, oder ihre Arbeit mit dem Titel "Mend Piece" aus dem Jahr 1966. In letzterer betreiben Teilnehmer:innen die alte japanische Technik des "Kintsugi", um gebrochenes Porzellan zu reparieren. Statt die Bruchstellen so unauffällig wie möglich zu verstecken, wird beim Kintsugi mit einem mit Gold versehenen Lack gearbeitet. Die Risse werden nicht verdeckt, sondern gegenteilig sogar hervorgehoben. Die Geschichte des jeweiligen Objektes bleibt somit erhalten. Das entspricht einer Philosophie, die Brüche und Unregelmäßigkeiten als elementaren Bestandteil von Wachstum versteht, Schönheit in der Unvollkommenheit erkennt.

Diese Philosophie durchdringt Onos Werk, welches Aufmerksamkeit auf die unscheinbar anmutenden Dinge richtet und auf dem Leitgedanken "mind over matter" basiert. Die Gemeinschaft nimmt dabei stets eine wichtigere Rolle ein als die Einzelperson, was der teils gemeinschaftlichen Durchführung von schriftlichen Instruktionen bei Ono entspricht. Das zeigt sich besonders in der Arbeit "Promise Piece", in welcher Teilnehmer:innen eine Vase zerbrechen und sich folgend gegenseitig das Versprechen abnehmen, diese in zehn Jahren im Verbund zu reparieren. Diese Zusammenkunft lässt sich auf "Ichi-go ichi-e", das Verständnis der Besonderheit eines Treffens, zurückführen. Immer wieder tauchen Metaphern der Heilung und Wiederherstellung in Onos Werk auf. Traditionelle Techniken wie Kintsugi finden zudem wiederholt Verwendung. Nicht zuletzt gab Ono zeitweise Unterricht in Origami und japanischer Kalligrafie. Mit ihrem herkunftsgeprägten Erfahrungsraum traf Ono in der Nachkriegszeit einen Nerv, herrschte doch ohnehin großes Interesse am Zen-Buddhismus, was sich beispielsweise an der Bewegung "Zen 49" erkennen lässt. Es scheint, als würden sich westliche Moderne und japanische Tradition perfekt ergänzen.

Frieden für die Welt

Besonders aktuell erscheint aber das "White Chess Set (Weißes Schachspiel)" (1966) mit ausschließlich weißen Figuren. Es lässt sich kaum vermeiden, dass die Spieler:innen über die Dauer des Duells sukzessive den Überblick über die eigenen und gegnerischen Figuren verlieren. Entsprechend steht am Ende einer Partie weder ein Sieg noch eine Niederlage. Das Schachspiel lässt sich als eindeutiger Appell für den Frieden lesen. Yoko Onos Antikriegshaltung zieht sich beständig durch ihr Werk und stellt auch das Grundmotiv der gemeinsam mit Lennon realisierten Performance "Give Piece a Chance" dar. Lennon und Ono lernten sich infolge von Onos Umzug nach London 1966 und im Kontext ihrer Ausstellung in der Indica Gallery kennen. Der im K20 präsentierte Film "BED PEACE (Bettfrieden)" (1969) dokumentiert nach Amsterdam ihr zweites gemeinsames sogenanntes "Bed-In" in Montreal. Während des Vietnam-Kriegs setzte das Paar auf diese Weise ein gewaltfreies Zeichen für den Frieden und empfing vom Bett aus sogar Pressevertreter:innen sowie andere Prominente.

Billboard-Aktionen im öffentlichen Raum

Das Ringen um Weltfrieden war und ist angesichts aktueller Kriege damals wie heute von trauriger Aktualität. Passend dazu liest sich der Satz "PEACE is POWER (FRIEDEN ist STÄRKE)" (2017) großformatig auf der Fassade der Kunstsammlung NRW. Parallel lässt der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.) auf einer Plakatwand Onos Anweisung "FLY" an der Kreuzung Friedrichstraße/ Torstraße verlauten. Es ist die erste von insgesamt zwei Plakatwänden, die im Rahmen der Billboard-Reihe des n.b.k. zeitversetzte Interventionen im öffentlichen Raum Berlins bilden. Diese sollen in enger Kooperation mit dem Studio Yoko Ono als Aufruf zur Befreiung und Ermächtigung dienen. Die zweite Plakatwand wird von März 2025 an für weitere sechs Monate den öffentlichen Raum bespielen.

Yoko Ono setzte ihre Medienmacht sowie Mittel der Werbesprache bereits in der Vergangenheit ganz bewusst ein, indem sie beispielsweise im Rahmen ihrer Billboard-Aktionen gemeinsam mit Lennon den Times Square mit "War is over! – if you want it (Krieg ist vorbei! – wenn du es willst)" plakatieren ließ. Nicht weniger zeitgenössisch erscheint zudem der Aspekt der Partizipation in Onos Œuvre. Für Ono realisiert sich Kunst in der Imagination, kann ähnlich zu Joseph Beuys jeder Mensch zur künstlerisch tätigen Person werden. Onos konzeptionelle Instruktionen verlieren jedoch eingebettet in den musealen Raum an subtiler Poesie, sodass sich die mit den gelben Markierungen gekennzeichneten Bereiche zur geforderten Partizipation weniger spielerisch als vielmehr didaktisch anfühlen. Trotzdem stimuliert der Ausstellungsbesuch den Geist, wird die Imagination allein durch die schriftlich rezipierten Anweisungen im Nachgang kräftig angekurbelt. Fast ist man verlockt, eigene Instruktionen zu entwerfen oder die Welt vielleicht sogar ganz neu zu denken.

Von ungebrochener Aktualität

Yoko Ono machte konzeptionelle und partizipative Kunst, als es in den frühen 60er-Jahren noch keinerlei Theorie zur Performance Art gab. Feministisch konnotierte Performances wie "Cut Piece", aber auch "FLY (FLIEGE[N])" (1970–71), in der eine Fliege über den Körper einer nackten Frau wanderte, oder "Freedom (Freiheit)" (1970), in welcher sich Ono vergeblich von ihrem BH zu befreien versuchte, inspirierten nachfolgende Generationen an Performance-Künstler:innen. "Rythm 0" von Marina Abramović aus dem Jahr 1974 ging basierend auf "Cut Piece" noch einen Schritt weiter.

In der wie ein soziales Experiment anmutenden Performance von Abramović waren dem Publikum nunmehr keinerlei Grenzen gesetzt, sodass dieses die Künstlerin bis auf den nackten Körper entblößte oder sie sogar mit einem Revolver bedrohte. In einer Raumsituation ohne Bühne existierte keine Trennung zwischen Performerin und Publikum, kam es physisch wie psychisch zur völligen Entgrenzung. "Rythm 0" wäre ohne Onos Performance als Vorläuferin wohl kaum denkbar gewesen. Gemeinsam mit Carolee Schneemann setzte Ono in ihren gleichermaßen persönlichen, alltäglichen und entmaterialisierten Performances Maßstäbe, die bis heute in der zeitgenössischen Kunst fortwirken. Die in Zusammenarbeit mit der Tate Modern in London organisierte Retrospektive wird in diesem Jahr von Düsseldorf aus in den Berliner Gropius Bau weiterwandern – Yoko Ono scheint endlich ihren verdienten Platz in der Kunstgeschichte zu erhalten.


"Yoko Ono. Music of the Mind" in der Kunstsammlung NRW, K20, bis 16. März 2025. Anschließend, vom 11. April bis 31. August 2025, ist die Ausstellung im Berliner Gropius Bau zu sehen.
Katalog: Yoko Ono. Music of the Mind, 304 Seiten, deutsch, 42 Euro.
www.kunstsammlung.de

"Yoko Ono. Fly" an der Kreuzung Friedrichstraße / Torstraße, Neuer Berliner Kunstverein n.b.k., bis 23. Februar 2025. Zweiter Teil ab März 2025.
www.nbk.org