Oswald Egger in der Galerie Werner Klein in Köln
"Das sind keine Illustrationen", betont Oswald Egger und zeigt auf seine Bilder. "Das sind Auslöser, Motive." Der 1963 im Südtiroler Lana geborene, vielfach ausgezeichnete Schriftsteller gehört längst zu den herausragenden Vertretern der deutschsprachigen experimentellen Literatur. Sprache ist für ihn kein abgeschlossener Bereich - sie ist durchzogen von Linien und Formen, die längst auch auf dem Papier ein Eigenleben entwickeln. "Ich zeichne immer erst, bevor ich schreibe", erklärt Egger, wovon seine zahlreichen Buchveröffentlichungen zeugen, in denen Bild und Text miteinander verwoben sind. 2024 wurde er für sein literarisches Werk mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
Der Schriftsteller, der in Bildern spricht
Für Werner Klein, der seit genau 25 Jahren seine Galerie in Köln betreibt, war die renommierte Auszeichnung jedoch kein Anlass, auf den Erfolgskurs aufzuspringen. "Den Wunsch, sein zeichnerisches Werk hier zu zeigen, hatte ich schon wesentlich früher", betont Klein. Dennoch vergingen Monate, bevor die Pläne für Eggers erste Einzelausstellung konkret wurden — gerade weil Klein nicht wollte, dass die Kunst als bloße Begleiterscheinung literarischer Ehren abgetan wird. Ein gutes halbes Jahr nach der Preisverleihung in Darmstadt treffe ich den zeichnenden Schriftsteller oder den schreibenden Künstler, wie man will, und seinen Galeristen kurz vor der Vernissage der Ausstellung "Fließt - alles? Zwischenbilder".

Eine gewisse Anspannung ist ihnen anzumerken. Klein ist neugierig, wie die von ihm konzipierte Hängung der Werke beim Künstler ankommt, während Egger, der bislang seine Arbeiten vor allem in Buchprojekten oder experimentellen Zusammenhängen zeigte, nun eine gewisse Unsicherheit spürt. "Ich werde ja nicht genuin zu den Künstlern gezählt", sagt er lächelnd. Die Ausstellung sei deshalb auch eine Befragung seines Tuns, "welche Funktion diese Bilder jenseits ihrer Buchkontexte haben könnten." Doch, räumt Egger ein, habe sich die Gewichtung im Laufe der Jahre in Richtung Bild verschoben.
Ein Fluss als Inspirationsquelle
So haben auch seine Aquarelle des italienischen Flusses Tagliamento, dem die meisten seiner Arbeiten in der Ausstellung gewidmet sind, immer mehr Zeit und Aufmerksamkeit beansprucht. Irgendwann habe er auf die Fragen des Galeristen Werner Klein geantwortet: "Jetzt nützt es nichts mehr. Jetzt muss ich einfach sagen, das sind Zeichnungen, das sind Aquarelle."



Die Tagliamento-Serie entstand im Jahr 2021, als der Schriftsteller nicht wie sonst in Neuss oder auf der Raketenstation Hombroich, sondern dank eines Stipendiums in Venedig lebte. In dieser Zeit erlangte der Fluss, der ungezähmt durch das Friaul mäandert, für Egger eine tiefere Bedeutung. Nicht zuletzt auch stark beeinflusst durch das Schaffen Pier Paolo Pasolinis. In dessen Biografie spielt der Fluss eine zentrale Rolle, sowie auch im literarischen Werk, etwa dem Roman "Amado mio", in dem Pasolini eine homosexuelle Liebe an den Ufern des Tagliamento spielen lässt. Pasolinis Auseinandersetzung mit diesem Fluss machte Egger auf ein besonderes, im Wortsinn ausuferndes Naturphänomen aufmerksam, das er in den präsentierten Aquarellen von der Quelle in den Alpen bis zur Adria verfolgt. "Die Aquarelle zeigen wirkliche Abschnitte aus diesem Fließgefüge des Tagliamento, eines der allerletzten, nicht regulierten Flüsse in Europa."
Eggers Faszination für die Anastomose
Nun scheinen die Bilder auch über die Wände der Galerie zu mäandern, was ihre Übergänge, Verästelungen und Verwandlungen noch stärker ins Blickfeld rückt. Ihre Linien, Punkte und Striche eröffnen einen weiten Assoziationsraum, der auch an anatomische oder biologische Vorgänge denken lässt. Egger bestätigt, dass ihn die Anastomose, also die natürliche Verbindung zwischen Blutgefäßen, Lymphgefäßen oder Nerven, in vielerlei Hinsicht interessiert: "Die Anastomose gibt es bei Gefäßen genauso wie bei Flüssen. Stränge oder Prozesse verzweigen sich, es entsteht eine Art Geflecht." Nach dem Mississippi, dem er bereits 2021 ein Buch mit Zeichnungen gewidmet hat, und der Ätsch, "einem Bach meiner Kindheit", von dem eine frühe Zeichnung in der Ausstellung zu sehen ist, ist nun also auch der Tagliamento Teil von Eggers "poetischer Geographie", wie er sie bezeichnet.
Das Mäandern der Linien und Gedanken
Als Vorbereitung für die Serie hat Egger viel Zeit in das Studium von topographischen Karten investiert. Anfangs verwendete er Techniken wie das Punktieren, um Grauwerte zu erzeugen. Doch mit der Aquarelltechnik änderte sich seine Herangehensweise: Sie wurde fließender, organischer. Dabei überträgt er den Flussverlauf auf das Papier als ein Netzwerk aus feinen Linien und Verästelungen. Die Arbeit mit Aquarellfarben erlaubt ihm, die Landschaft in einem dynamischen Flusszustand einzufangen, bei dem sich die Farben verflechten und ausbreiten. Blau dominiert als alles verbindendes Element in der Ausstellung, obwohl diese Farbe natürlich nicht der realen Wasserfarbe des Flusses entspricht. Der ungezähmte Verlauf des Tagliamento sei sowieso, wenn überhaupt, nur aus der Luft zu erfassen. Die Zeichnungen von Oswald Egger sind weder realistische Darstellungen noch abstrakte Werke im klassischen Sinne. Sie scheinen vielmehr wie Spuren eines Denkprozesses, der sich direkt auf das Papier überträgt.
"Harlekinsmantel": Vom Buch zum bewegten Bild
Neben den Tagliamento-Aquarellen sind auch farblich verwandte Arbeiten zu sehen, die sich dem sogenannten "Harlekinsmantel" widmen, einer literarischen Figur, der Egger ein ganzes Buch gewidmet hat. Hier in der Galerie sind nur Fragmente, "Zwischenstufen", zu sehen, die von ihm zu einem kurzen Film animiert wurden. Geometrische Formen und Linien verschieben sich, verschwimmen und brechen auseinander. So entstehen Kompositionen, die zwischen Figuration und Abstraktion changieren. Auf seinem Smartphone zeigt Egger, wie der animierte Harlekinsmantel zu einem Fisch, vielleicht einer Qualle oder einem Tintenfisch mutiert. Vom Ergebnis war er selbst ganz verblüfft: "Und dann wollte ich mir nochmal anschauen, was ich da beschrieben oder mir ausgedacht habe, noch mal visualisieren, und dann kommt so eine schöne Schwimmbewegung raus."
In den ausgestellten Serien vereinen sich die blaue Farbigkeit und die Offenheit der Formen, die sowohl Eggers Interesse an der Mathematik, der Natur und auch am Spielerischen zeigen. "Ich habe mich damit beschäftigt, weil ich Sachen probiere und verstehen will", sagt Egger.



Mathematik, Natur und das Spielerische im Werk
Im Kontext seiner bildnerischen Arbeiten verweist Egger auch auf seinen vielbeachteten Leibniz-Vortrag. Darin legte er dar, wie sehr seine Texte von mathematischen und naturwissenschaftlichen Konzepten geprägt sind. Die Idee des Unendlichen, die Theorie der Kombinatorik und die Strukturen von Mustern und Netzwerken spielen nicht nur in seinem literarischen Werk eine Rolle, sondern spiegeln sich auch in seinen Zeichnungen wider. Die "Harlekinsmantel"-Arbeiten sind ein anschauliches Beispiel dafür, wie Eggers künstlerische Sprache immer wieder mit mathematischen und geometrischen Prinzipien flirtet.
Seine Ausstellung "Fließt - alles? Zwischenbilder" zeigt, dass Oswald Egger die Grenzen zwischen den Disziplinen immer wieder spielerisch auflöst. Was bleibt, ist das Fließen selbst: zwischen Bild und Wort, Ordnung und Chaos, Wissenschaft und Kunst.