Zur Position des amerikanischen Künstlers Fareed Armaly
Die Akademie der Künste, Berlin, wird in diesem Jahr keinen Käthe-Kollwitz-Preis vergeben. Der amerikanische Künstler Fareed Armaly lehnt ab. Obwohl, wie er in einem zweiseitigen Antwortschreiben an den Akademie-Präsidenten Manos Tsangaris im August letzten Jahres betont, diese Auszeichnung für ihn aus verschiedenen Gründen von besonderer Bedeutung sei: Als Anerkennung seines Lebenswerks, vergeben von einer der ältesten Institutionen ihrer Art in Europa; weil die Zusammensetzung der Jury – Ayşe Erkmen, Mona Hatoum, und Eran Schaerf – die Veränderungen in der Kunst reflektiere, seit er Ende der 1980er-Jahre in Westdeutschland zu arbeiten begann; und weil die Arbeit der Namensgeberin Käthe Kollwitz von Empathie für diejenigen getragen sei, die keine Macht und keine Stimme haben.
"Heute werde ich mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet in einem historisch prekären Moment, der von einem verstörenden Trend der Zensur geprägt ist", kommt Armaly auf der zweiten Seite seines Antwortschreibens zur Sache. "Seit mehreren Jahren ist eine stark politisierte, reaktionäre Wende in der offiziellen Kulturpolitik festzustellen, die darauf abzielt, diejenigen, die sich für die Rechte der Palästinenser nach internationalem Recht einsetzen, zum Schweigen zu bringen. Dies hat zu einer länger werdenden Liste von Absagen geführt – Ehrungen, Buchpreise, Ausstellungen, Lehrverträge, Einladungen zu Diskussionen und Vorträgen." Armaly spricht von einem "Gespenst der Lackmustests und Treueschwüre" und fährt fort: "In einem solchen Kontext der Einschüchterung scheinen liberale Kulturinstitutionen eine Haltung der Selbstgerechtigkeit und Selbstzensur einzunehmen." Resultat sei eine "ständige Entmenschlichung der Palästinenser", denen "ihre Handlungsmacht und ihre Stimme verdunkelt und entzogen werden."
Es geht, um es kurz zu machen, um zehntausende Menschenleben, um die Sprengkraft mehrerer Hiroshima-Bomben auf einer Fläche kleiner als Köln, aber doppelt so dicht bevölkert, um die Vernichtung nahezu der gesamten Bebauung und Infrastruktur, des Ackerlandes und eines reichen Kulturerbes, mit Waffen, die zu einem nicht unbedeutenden Teil auch aus Deutschland kommen. Und um ein gespenstisches Schweigen, da jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleichgesetzt wird.
Auf Nachfrage verweist Armaly auf das Archive of Silence, eine Liste von mehr als 200 Absagen seit dem 7. Oktober 2023. Es beginnt allerdings schon früher: 2020 war Achille Mbembe eingeladen, die Eröffnungsrede der Ruhrtriennale zu halten. Fünf Jahre zuvor hatte der kamerunische Historiker noch den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Nun beschuldigte ihn Felix Klein, der Beauftragte der Bundesregierung, des Antisemitismus, weil er mit der BDS-Bewegung sympathisiere. BDS heißt Boykott, Divestment and Sanctions und versteht sich als gewaltfreie Alternative des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Zu den Unterstützerinnen zählen die Philosophin Judith Butler, die nicht mehr in Deutschland auftritt, weil sie die Meinungsfreiheit hier nicht gewährt sieht, und die kanadische Autorin Naomi Klein, die im Online-Gespräch mit dem Kulturzentrum Oyoun in Berlin-Neukölln sagt: "I’m one of the first Jews to be censored by Germany." Der Berliner Senat hatte Oyoun die Mittel gestrichen, weil dort eine Veranstaltung der Jüdischen Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost stattgefunden hatte. Jüdinnen und Juden, die für einen gerechten Frieden eintreten, so die verquere Logik, sind Antisemiten.
Wer in Deutschland israelische Kriegsverbrechen anprangert oder Menschenrechte für Palästinenser einfordert, ohne zuvor den Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 durch Adjektive wie heimtückisch oder hinterhältig zu kennzeichnen, riskiert in Deutschland seinen Job. Darauf wollten es Tsangaris und sein Stellvertreter Anh-Linh Ngo wohl nicht ankommen lassen. Sie betonen, die Akademie wende sich "gegen jede Art von Zensur und Selbstzensur, zu der auch die Cancel-Culture, Boykott-Aufrufe und politische Beeinflussung zählen." Die von Armaly angesprochene, spezifisch deutsche Form der Cancel Culture gegenüber denen, die sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, erwähnen sie mit keinem Wort und nehmen so selbst an jenem Schweigen teil, das Armaly beklagt.
Armaly ist anderen Diskursen und Loyalitäten verpflichtet. Als amerikanischer Künstler mit palästinensischen und libanesischen Eltern, Verwandten und Bekannten teilt er die Kritik internationaler Künstler:innen, wie sie sich vor einem Jahr im Boykottaufruf Strike Germany artikulierte: gegen einen McCarthyismus der deutschen Politik, gegen die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die Kritik an Israel als Antisemitismus bezeichnet, und einen damit verbundenen strukturellen Rassismus. "Um meine Stimme als Künstler zu behalten", schreibt Armaly, "muss ich diesen Preis ablehnen".



Selbst- und Fremdbilder
Dabei ist Armaly kein Künstler-Aktivist wie Nan Goldin, Kollwitz-Preisträgerin 2022, die zur Eröffnung ihrer Retrospektive vor dem Eingang der Neuen Nationalgalerie sprechen musste, um ihre Kritik an Israel und Deutschland nicht in die heiligen Hallen der Kunst eindringen zu lassen. Er definiert sich auch nicht als Palästinenser, sondern als Amerikaner – wenn es jemand genau wissen will: in Deutschland lebender Amerikaner palästinensisch-libanesischer Abstammung. Seine "Bindestrich-Identität" resultiert freilich nicht aus einer Addition arabischer und amerikanischer Elemente. Vielmehr ist Armalys Erfahrung geprägt von Differenz: davon, aufgrund seines Namens als anders eingeordnet zu werden – vergleichbar etwa mit der Lage junger Afrodeutscher, die ständig mit der Frage konfrontiert werden, woher sie den "eigentlich" kämen, auch wenn sie im Schwarzwald oder in der Lüneburger Heide geboren und aufgewachsen sind. Mit Stuart Hall sucht er nach Routes statt Roots, Wegen in die Zukunft statt Wurzeln in der Vergangenheit. Ihn interessiert, wie sich Selbst- und Fremdbilder konstituieren.
Genau dies war Thema seiner ersten größeren Einzelausstellung The (re)Orient 1989 in der Galerie Sylvana Lorenz in Paris, in der er, auf den Spuren von Edward Saïd, der Konstruktion des Orient und damit des Ost-West-Gegensatzes nachging. Als ehemaliger Assistent Joseph Kosuths sensibilisiert für die Mechanismen der Bezeichnung, vermied er, wie noch das Cover von Saïds 1978 erschienenem Buch, das Problem an der Oberfläche orientalistischer Klischees in der Malerei des 19. Jahrhunderts zu verorten. Er wollte das Verhältnis von Bilddarstellungen und Machtverhältnissen grundlegender reflektieren. 1989 war, als zentraler Bestandteil von François Mitterands Grands Projets, die gläserne Pyramide von Ieoh Ming Pei als neuer Eingang in den Louvre eröffnet worden. Der Louvre sollte das größte Museum der Welt werden – wie schon 1802 unter Vivant Denon, dem ersten Direktor des Museums in den Räumen des ehemaligen Königsschlosses: Hier beginnt die Geschichte des modernen Museums. Im selben Jahr erschien auch Denons illustrierter Reisebericht Voyage dans la Basse et la Haute Egypte, gefolgt von Übersetzungen ins Englische und Deutsche und vierzig weiteren Auflagen. Entstanden war diese erste Beschreibung der altägyptischen Stätten in Wort und Bild auf Napoleons Ägyptenfeldzug 1798. Auf einer Tafel stellt sich der Autor selbst beim Zeichnen der Ruinen von Hieraconpolis dar. Den zentralen Teil dieses Stichs: der Zeichner und die Ruine vor der aufgehenden Sonne, brachte Armaly in der Lünette über dem Eingang der Galerie Lorenz an.
(re)Orient spielt mit der Doppelbedeutung von Orient und orientieren: "You’re running through the Louvre", heißt es im gedruckten Führer, einem wichtigen Teil des Projekts, zu einer ersten, wiederkehrenden Videoprojektion aus Jean-Luc Godards Film Bande à part, in der tatsächlich Schauspieler durch den Louvre rennen. "No, you’re not", schärft der Text die Wahrnehmung, Teil eines mehrfach gefilterten Darstellungs- und Wahrnehmungsprozesses zu sein: "You identify: people running through the Louvre. You identify: actors playing 'running through the Louvre.'" Armalys Exponate sind nicht autonome Kunstwerke im White Cube der Galerie. Sie sind Anhaltspunkte, um mit Hilfe des Führers die Wahrnehmung zu Stichworten wie Wahrheit, Beschreibung, Beobachtung, Erinnerung, Zeitlosigkeit neu zu justieren: sich zu re-orientieren. Die Galerie ist Kamera im griechisch-arabisch-lateinischen Wortsinn: ein Apparat der Bildproduktion. Sie wirft Licht auf die Objekte und damit auf das Thema, den Orient, der sich durch die Bilddarstellungen erst konstituiert.
Der Zeitpunkt der Ausstellung war gekennzeichnet vom epochalen Umbruch von einer bipolaren zu einer multipolaren Weltordnung. Im März 1989 hatte in Berlin das Haus der Kulturen der Welt eröffnet, von Mai bis August im Centre Pompidou in Paris die Ausstellung Magiciens de la terre stattgefunden, die erstmals den Kanon der westlichen Gegenwartskunst auf andere Weltregionen erweiterte, wobei beide an einem Konzept regional begrenzter Kulturen festhielten. Wenige Tage nach dem Ende der Ausstellung fiel die Berliner Mauer.
Die Darstellung des Orient als eines zeitlosen Anderen geht einher mit einer epistemischen Gewalt. Es ist der Westen, der definiert, was der Osten ist. Dies resultiert auch in physischer Gewalt. Eine Granathülse aus dem Besitz der Familie, in die zwei Pyramiden und eine Lkw-Kolonne eingraviert sind, erinnerte als Objekt und Bild an den Ersten Weltkrieg. Ein Fundstück: eine aufgeschlagene Doppelseite des Katalogs der Firma Letraset zeigte links ein Porträt Napoleons, rechts eine Landkarte des Libanon und das Bild eines amerikanischen Militärhubschraubers. 26 Karten in einem ähnlichen Stil addierten sich zu einem Bild des bürgerkriegsgeplagten Beirut. Es handelt sich um ein Myriorama: erfunden im Jahr 1802, in dem auch Denons Voyage erschien, um den Blick junger Bildungsreisender auf die antiken Stätten zu schulen. In immer neuen Permutationen lassen sich die Karten zu wechselnden Landschaftbildern zusammensetzen: Ein sarkastischer Kommentar zu den täglichen, aus immer gleichen Stereotypen zusammengesetzten Medienbildern.
Das "(re)" im Titel der Ausstellung lässt sich in zwei Richtungen lesen: Einmal als eben jene Reiteration des immer Gleichen, die auch ein weiteres Exponat ansprach: eine große Scheibe, auf der im Kreis herum 48 Buchumschläge angeordnet waren. Auf dem Rücken stand immer "Voyage", im Stil von Denons Bericht. Die Vorderseite zeigte Cover und Einzelseiten von Reiseberichten aus zwei Jahrhunderten, fotokopiert aus der Bibliothèque Nationale: Ein Blatt zeigt eine schematische Darstellung des von 1921 bis 1938 stark gewachsenen syrisch-libanesischen Außenhandels. Le Voyage du général de Gaulle en Syrie et au Liban steht, ganz in napoleonischem Duktus, auf einem Bericht aus dem Jahr 1942. Bienvenue au Liban, grüßt ein Prospekt zur Année Touristique 1955. Es endet im Jahr der Ausstellung mit einem gekürzten Reprint der Description de l’Égypte, erschienen 1809 in 23 Bänden auf den Spuren von Denons Reisebericht, nun neu herausgegeben vom Institut du monde arabe: einem weiteren von Mitterands Grand Projets. Die Geschichte dreht sich im Kreis. Die arabische Welt selbst betrachtet sich durch die Linse des Orientalismus.
Die andere Lesart des "(re)" wäre, die Blickrichtung zu ändern. Gleich zu Beginn des Ausstellungsführers erinnert Armaly an den Marsch für Gleichheit und gegen Rassismus von Marseille nach Paris im Jahr 1983. Ein weiteres Exponat war die Tafel 359 der Animal Locomotion Series des Fotografen Edweard Muybridge. Die Bewegungsstudie zeigt einen mehr oder minder nackten Mann, der sich mit einem Gewehr mit aufgesetztem Bajonett von links nach rechts bewegt: wie immer bei Muybridge vor einem dunklen Grund mit hellem Quadratraster. Die klassische Tradition der Aktdarstellung, die wissenschaftliche Vermessung der Welt und militärische Aggression verbinden sich zu einem Sinnbild des europäischen Mannes. Wer am hinteren Ende der Ausstellung angelangt war und sich umdrehte, sah sein eigenes Bild in einer Reihe von Spiegeln. Sie trugen auf der Rückseite das Raster der Muybridge-Fotos, am unteren Rand aber arabische statt lateinischer Zahlen: Eine Erinnerung daran, dass die Bewegungsrichtung von links nach rechts nicht naturgegeben ist.
Nummer 359 hat als einzige der 781 Tafeln von Muybridge eine Fehlstelle, die Armaly auf dem Cover seiner kürzlich erschienenen Publikation zu dem Projekt in den Mittelpunkt rückt. Das Buch erschien anlässlich des Ankaufs, eigentlich einer Rekonstruktion der Arbeit durch das Museum moderner Kunst (mumok) in Wien. Armalys Projekt hat auch nach 35 Jahren nichts an Aktualität verloren. Wie eine Karikatur auf die Umwidmung des Louvre in ein Museum wirkt etwa die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses mit Geldern eines gesichert antisemitischen Großspenders zur Ausstellung kolonialer Raubgüter, die nun, nach den Empfehlungen von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy an den französischen Staatspräsidenten, schrittweise restitutiert werden.
Die neue, Wiener Version von (re) Orient enthält einen Beitrag von Akram Zaatari. Ein Foto aus dem Jahr 1990 zeigt das zerstörte Cinema Rivoli in Beirut. "Orient" steht in nicht mehr intakter Leuchtschrift über der Fassade. Im Mittelpunkt stehen drei Bücher: In einer kleinen, französisch-amerikanischen Dokumentation unter dem Titel Beirut City Center halten renommierte Fotografen den Zustand der Stadt nach dem Ende des Bürgerkriegs fest. Aber es sind keine Menschen zu sehen. Für den Blick von außen spielen die Bewohner der Stadt offenbar keine Rolle. Um dem entgegenzuwirken, hat Zaatari 1997 mit anderen die Arab Image Foundation gegründet, wie er in Armalys Publikation ausführt. Weitere Beiträge aus den Jahren 1990 bis 2023 beleuchten die Entstehungsgeschichte von Peis Pyramide und den Louvre Abu Dhabi, dazu Themen wie Inag(in)ing Geography und The Orient and Other Others, ergänzt um ein Interview mit dem Psychologen Robert K. Beshara zu seinem Buch Freud and Said. Contrapuntal Psychoanalysis as Liberation Praxis.



Die Frage der Institutionen
Mit dem Band ist Armaly wieder da angelangt, wo er Ende der 1980er-Jahre angefangen hat: beim Publizieren. Waren es damals zwei Musikzeitschriften, die keine waren, da sie jeweils nur einmal erschienen, so wendet er sich heute mangels größerer Aufträge, von denen seine großen, wichtigeren Arbeiten immer abhängig waren, erneut seinen ersten Ausstellungen zu. Das zweite Buch, Orphée 1990, steht kurz vor dem Erscheinen.
Orphée 1990 war Armalys erste Ausstellung in einer Kulturinstitution: der Maison de la Culture et de la Communication (MCC) in Saint-Étienne in der Region Rhône-Alpes. Es war zugleich eine Ausstellung über diese Institution, gegründet Ende der 1960er-Jahre als Teil des groß angelegten Kulturhaus-Programms des Ministers für kulturelle Angelegenheiten André Malraux, der im ganzen Land Tempel der Hochkultur einrichten wollte. Wie eine moderne Akropolis thront das voluminöse brutalistische Gebäude, auf einem Hügel im Zentrum der Stadt. Ursprünglich erbaut für Kulturveranstaltungen aller Art, dient der Bau nur noch als Oper: mit einem Saal mit 1.200 Plätzen, erstaunlich groß für eine Stadt von damals 200.000 Einwohnern. Die Eröffnung, als Haus für Kultur und Freizeit, fand im Februar 1969 statt, kurz vor Ende der Amtszeit Malraux‘, den die Verhältnisse vor Ort in den einzelnen Kommunen wenig interessierten. In der 68er-Zeit gerieten die Maisons de la Culture weiter in die Kritik. Solche Widersprüche waren es, die Armaly interessierten.
Am Personaleingang, Titelmotiv von Armalys Publikation, haben alle Beteiligten, vom Architekten bis zum einfachen Arbeiter, ihre Handabdrücke im Beton hinterlassen. Sie korrespondieren auf seltsame Weise mit den Händen des Orpheus, der in Jean Cocteaus Film Orphée aus dem Jahr 1949 einen dreiteiligen Spiegel abtastet beim Versuch auf die andere Seite zu gelangen. Zwischen diesen beiden Polen, Cocteaus Film und der Maison de Culture selbst, inszeniert Armaly ein Vexierspiel, das sich von Filmausschnitten im Eingangsbereich bis in die Rahmenwerkstatt neben dem Vorraum der Galerie in der fünften Etage erstreckt.
Die andere Seite des Spiegels: Dieses Motiv, das eigentlich aus Lewis Carrolls Through the Looking-Glass stammt, hat Cocteau aus einem der Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke übernommen. Bei Cocteau ist die andere Seite des Spiegels die Unterwelt. Zugleich empfängt der moderne Orpheus, ein Dichter, dem die Inspiration abhanden gekommen ist, Signale aus einem Radioapparat. Armaly hat diese Szenen im Wechsel mit dem originalen Soundtrack, der an die Musique concrète von Pierre Schaeffer und Pierre Henry erinnert, mit Aufnahmen aus dem Rundfunkarchiv von Saint-Étienne unterlegt. Weitere Monitore in der sonst nicht für das Publikum geöffneten Rahmenwerkstatt zeigten eine andere Unterwelt: die kahlen Gänge für die Arbeiter im Unterbühnenbereich. Auf einem Tisch lagen Lokalzeitungen aus. An den Wänden des Vorraums der Galerie hingen, sauber gerahmt, nicht eigene Werke, sondern Kinderzeichnungen. Der Ausstellungsraum selbst blieb unzugänglich, verbarrikadiert durch eine Glastür aus der Bauzeit des Kulturhauses, die Armaly aus dem Depot wieder hervorgeholt hat: undurchdringlich wie Cocteaus Spiegel, dessen Form in einem leeren Rahmen weiter hinten um Raum wieder auftauchte. Die hehren Ideale der Hochkultur konterkarierte die Ausstellung so immer wieder mit den gegenläufigen lokalen, marxistischen und pädagogischen Ansätzen der Nach-68er-Zeit.
Wenn es etwas gibt, was Malraux – der auch den Begriff des Musée imaginaire geprägt hat – mit den 1968er-Studenten verbindet, so die Hervorhebung der Imagination. "Forget all you have learnt. Begin dreaming", heißt es im Ausstellungsführer: eine Aufforderung, Kulturinstitutionen wie das MCC nicht als gegeben, unveränderlich zu betrachten, sondern aus den konträren Ansätzen, die sich in ihnen verkörpern, eigene Schlüsse zu ziehen und neue Perspektiven zu entwickeln. Diesen Ansatz hat Armaly auch in anderen Projekten verfolgt, etwa im Kunstverein München oder im Palais de Beaux-Arts in Brüssel, und am Künstlerhaus Stuttgart zu einer Neuprogrammierung entwickelt, die seine Nachfolger:innen freilich nicht aufgegriffen haben. Ein ähnlicher Ansatz bestimmt aber auch seine Documenta-Arbeit zu Palästina, From/To, ursprünglich entwickelt für das Museum Witte de With in Rotterdam, und seine konzeptionelle Beteiligung an der archäologischen Ausstellung Gaza – à la croisée des civilisations 2007 im Musée d’art et d’histoire in Genf: Palästina und Gaza sind nicht unveränderliche Gegebenheiten, sondern das, was wir – die Ausstellungsbesucher, eingeladenen Fotografen und Filmemacher – uns darunter vorstellen.
Es wirkt ein wenig ironisch, wenn Tsangaris in seiner Antwort an Armaly meint, die Akademie – eine mehr als 300 Jahre alte Einrichtung – sei keine Institution, sondern eine freie Vereinigung von Künstlern, die nur ihrem eigenen Gewissen folgen würden. Die Akademie lebt im Wesentlichen von Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Diese hat der Documenta im November 2023, nachdem bekannt wurde, dass Ranjit Hoskoté einen BDS-Aufruf unterzeichnet hatte, offen mit einem Entzug der Fördergelder gedroht und damit den Rücktritt der gesamten Findungskommission ausgelöst: ein unmissverständliches Signal an die Kulturwelt, auf keinen Fall von der Linie der deutschen Politik abzuweichen, die BDS mit Antisemitismus gleichsetzt.
Eran Schaerf, der aus Israel stammt und seit 40 Jahren in Deutschland lebt, bedauert, dass der Präsident der Akademie Armaly im Alleingang geantwortet hat, statt die Jury zu konsultieren. Dafür hat Tsangaris 20 Tage gebraucht, sechs Monate hingegen, um die Absage an die Öffentlichkeit zu tragen. Die Begründung der Jury, warum sie sich für Armaly entschieden hat, bleibt nun auf einen Absatz in der Pressemitteilung beschränkt, während zu allen seitherigen Preisträgern ausführliche Stellungnahmen im Netz stehen. Schaerf vermisst zudem ein Engagement des Präsidiums für die Mitglieder, die wie Candice Breitz, aber auch wie er selbst im Zusammenhang mit dem Gaza-Konflikt von Absagen betroffen waren und sind.
Armaly hat sich nichts vorzuwerfen. Er ist seinem Grundsatz treu geblieben, sich für diejenigen einzusetzen, die keine Macht und keine Stimme haben; die das Bild, das sich die Welt von ihnen macht, nicht selbst bestimmen. Von einer Institution, die zum Leiden der Palästinenser schweigt, wollte er sich nicht auszeichnen lassen.
Armalys Website: https://www.fareedarmaly.net/
Stellungnahme der Akademie: https://www.adk.de/de/presse/pressemitteilungen.htm?we_objectID=67641
Archive of Silence: https://docs.google.com/spreadsheets/d/1Vq2tm-nopUy-xYZjkG-T9FyMC7ZqkAQG9S3mPWAYwHw/edit#gid=1227867224