Hans Thoma, Kinderreigen, 1872. Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.

Der Fall Thoma

100 Jahre nach seinem Tod häufen sich die Ausstellungen zu Hans Thoma. War Thoma Antisemit?

"Doch ich bin gar kein Antisemit und muss ruhig zusehen, wenn sie [die Juden] dem deutschen Volke jetzt auch was vormalen", schreibt Hans Thoma 1905 an Cosima Wagner, die Witwe des Komponisten, eine glühende Antisemitin. Hatte das Land Baden-Württemberg den Namen nicht gerade erst aus seinem Kunstpreis gestrichen, weil Thoma Antisemit war? Er verkörpere "ein völkisch, antimodernes Weltbild, vertrat […] zeitweise Positionen zugunsten reaktionärer Kreise, die sich gegen französische Einflüsse in der deutschen Kunst aussprachen, und er äußerte sich auch antisemitisch", so die Begründung des Wissenschaftsministeriums.

1950 wurde der Preis vom Land Baden erstmals vergeben, seit 1952 als Landespreis Baden-Württembergs. Auf einer Feier zum 110. Geburtstag Thomas 1949 hatte der badische Staatspräsident Leo Wohlleb die Initiative ergriffen, um der strukturschwachen Region um Thomas Geburtsort Bernau im Hochschwarzwald, am Fuß des Feldbergs, Auftrieb zu geben. Gleichzeitig richtete Ludwig Baur, der Bürgermeister der Kommune, im Rathaus eine Gedenkstätte ein, aus der das Hans Thoma Museum hervorging. Dort wird der Preis seitdem verliehen, verbunden mit einer Ausstellung des oder der Geehrten. Zur Sammlung des Museums gehören 600 Werke von Thoma selbst sowie Arbeiten sämtlicher Preisträger. Dies waren zunächst badische Künstler, doch längst ist der Preis mit Namen wie Otto Dix, Anselm Kiefer, Karin Sander oder Ulrike Ottinger zu einem Who’s who der neueren, zunehmend aktuellen Kunst geworden. Die diesjährige Preisträgerin ist Nevin Aladağ.

Im Zuge einer Untersuchung zur Rolle der Ministerien in der NS-Zeit, die der Heidelberger Historiker Frank Engehausen ab 2014 im Auftrag des Landes durchführte, stieß dieser auch auf die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Thomas im Jahr 1939. Theresia Bauer, die Wissenschaftsministerin, wollte wissen, ob es da einen Zusammenhang mit dem Landespreis gäbe. So kam es, dass unter Engehausens Regie nun auch die Thoma-Verehrung im Nationalsozialismus und der Preis durchleuchtet wurden. Allerdings wollte der Historiker, wie er im Vorwort der 2022 erschienen Publikation ausdrücklich hervorhebt, keine Handlungsempfehlungen geben, "weil er meint, dass Historiker nur dazu berufen sind, einen Orientierungsrahmen für die zivilgesellschaftlichen Diskussionen" zu geben.

Wie Rober Neissen in seinem Beitrag zum Thoma-Preis feststellt, vertrat Wohlleben einen Heimatbegriff "in impliziter Abgrenzung zum Nationalsozialismus", "seiner völkisch-rassistischen Konnotationen entkleidet und demokratisiert". Thomas eigene politische Einstellungen bewerten Simon Metz und Isabelle Löffler dagegen anhand des eingangs zitierten Briefs als "äußerst widersprüchlich". Trotz dubioser Äußerungen und Freundschaften des Künstlers kam es aber zunächst nicht zu einer Umbenennung. Erst als Marcel van Eeden, Preisträger 2023 und Rektor der Karlsruher Kunstakademie, nach Recherchen zu einer Reise Thomas nach Amsterdam in Bernau seinen Zyklus 1898 vorstellte, hatte Bauers Nachfolgerin Petra Olschowski genug. Thoma stand in engem Kontakt mit Julius Langbehn, mit seinem Buch Rembrandt als Erzieher seinerzeit ein Bestsellerautor und Wegbereiter der Kunsterziehung, aber eben auch ein wüster Antisemit. Heute heißt der Preis nur noch ganz neutral Landespreis für Bildende Kunst.

Der Fall Böcklin / Der Fall Thode

Thomas Brief an Cosima Wagner steht im Kontext eines Schlagabtauschs zwischen den Kunsthistorikern Julius Meier-Graefe und Henry Thode, der als "Impressionismusstreit" in die Geschichte eingegangen ist. In seinem Buch Der Fall Böcklin hatte Meier-Graefe, Anhänger des französischen Impressionismus, Arnold Böcklin und die deutsche Kunst für beschränkt erklärt. "Als die Deutschen nicht mehr wussten, was Kunst war, nannten sie dieses Theater 'Deutsche Kunst'", spottete er und: "Was Böcklin abging, was diesem Deutschtum fehlt, ist in letzter Hinsicht dasselbe. Der Fall Böcklin ist der Fall Deutschland." Er schrieb auch: "Der Fall Böcklin ist der Fall Thoma." Aber nicht deshalb griff Thoma in die Debatte ein, sondern weil er gebeten worden war, Thode beizuspringen, der Meier-Graefe in seiner Heidelberger Vorlesung zu Böcklin und Thoma diametral widersprochen hatte. Als Wissenschaftler umstritten, seit ihm in einem Aufsatz über Albrecht Dürer schwere Fehler unterlaufen waren, wollte der Schwiegersohn Cosima Wagners in der deutschen Kunst einen "starken Gefühlsausdruck" bemerkt haben. Die französische Kunstauffassung, so glaubte er, werde Deutschland von einem kleinen Berliner Kreis aufgezwungen.

Daraufhin meldete sich nun Max Liebermann zu Wort. Auf der Titelseite der Frankfurter Zeitung warf er dem Kunsthistoriker vor, mit Argumenten aus der "Rüstkammer des Antisemitismus" daherzukommen. Liebermanns Schlagzeile: Der Fall Thode. Im Wortsinn antisemitisch hatte sich Thode zwar nicht geäußert, doch mit dem kleinen Berliner Kreis war die Secession gemeint, also die jüdischen Vettern Bruno und Paul Cassirer und Liebermann selbst. Aufgefordert, Thode beizuspringen, der die direkte Auseinandersetzung scheute, antwortete Thoma ebenfalls in der Frankfurter Zeitung mit einem "fast schon inflationären Gebrauch des Wortes 'deutsch'", wie es Metz und Löffler noch höflich umschreiben. Auf Liebermanns Antisemitismus-Vorwurf äußert sich Thoma indes so: "Es würde mir herzlich leid tun, wenn diese Frage sich in das künstlerische hineinmischen sollte." Zu Begründung führt er an: "Denn der Kunstsinn vieler Juden ist doch zu fein und ihr Verständnis für deutsches Wesen in der Kunst ist doch zu groß, als dass er sich bestechen ließe und eine Frage, die Unheil in sich schließen könnte, an eine Kunstfrage anschließen wollte."

Thomas Nachsatz, er müsse "ruhig zusehen, wenn sie" – die Juden – "dem deutschen Volke jetzt auch was vormalen", bezieht sich auf Richard Wagners Aufsatz Das Judenthum in der Musik, mit dem der Komponist, "dessen Antisemitismus schon fast zwanghafte Züge aufwies", wie Metz und Löffler schreiben, "maßgeblich die antisemitische Stimmung in Deutschland an[heizte]." Wagner schwadronierte von einer beherrschenden Stellung der Juden in der Musik. Thomas gleichmütiges "und muss ruhig zusehen" zeugt nun aber gerade nicht von paranoiden Wahnvorstellungen, sondern eher von einer gewissen Altersmilde. Er hatte gar nichts gegen Liebermann, er war selbst Ehrenmitglied der Berliner Secession, wo er mehrfach ausgestellt hatte.

Man versteht Thoma wohl nur, wenn man Herkunft und Werdegang berücksichtigt. Er stammte aus einem Dorf. Dort regelt man die Dinge im Konsens. Vier Jahre nach dem Streit bekennt er in einem Brief an Thode, "ich bin ein Jasager aus Bequemlichkeit". Er wollte es allen recht machen. So schrieb er Cosima Wagner, was sie hören wollte, und bediente antisemitische Klischees, die er im selben Atemzug schon wieder abschwächte. Zu bedenken ist, dass sich der Erfolg für Thoma erst spät eingestellt hatte. Seine Malerei ist – wie die Wilhelm Leibls – wesentlich geprägt von Gustave Courbet. Das war aber bei den "Philistern" nicht angekommen, den Anhängern der akademischen Malerei, die für ihn ein viel größeres Problem darstellten. Einen Durchbruch erlebte er erst 1890, im Alter von über fünfzig Jahren, mit einer Einzelausstellung im Münchner Kunstverein.

Der Elefant im Raum

Thoma war sechzig Jahre alt, als er 1899 Direktor der heutigen Karlsruher Kunsthalle und gleichzeitig Professor der Akademie wurde. "Als wir seine Schüler wurden", so Karl Hofer, der zwei Jahre zuvor in Karlsruhe sein Studium aufgenommen hatte, in seinen 1953 erschienenen Lebenserinnerungen, "war er bereits im Fahrwasser des falschen Altmeisterlichen, des deutschtümelnden, im Schlepptau des Hauses Wahnfried. […] Die Atmosphäre Wahnfried dürfte wohl die fatalste gewesen sein. Rückschauend sehen wir die Geistesverwandtschaft mit dem Tausendjährigen Reich."

Die Ausstellungen zum 100. Todesjahr befinden sich nun alle in der Verlegenheit, einen Maler zu ehren, der in Verruf geraten ist. Bernau hat seine Dauerausstellung neu gestaltet und verschweigt ebenso wenig die Problematik wie die Wessenberg-Galerie in Konstanz, die bereits im vergangenen Jahr anlässlich einer Schenkung eine Thoma-Ausstellung veranstaltet hat. Die Karlsruher Kunsthalle, derzeit im ZKM, hat dort zwei kleinere Bereiche zu Thoma eingerichtet, zu seiner Sammeltätigkeit und mit eigenen Werken. Das Ergebnis ist nicht gerade überraschend, aber es sind schöne Arbeiten dabei: Es beginnt mit einer Schwarzwälder Spinnstube von Wilhelm Hasemann, gewissermaßen ein Leibl im Schwarzwald. Aber Thoma schätzte auch Carlos Grethe, den in Uruguay geborenen, in Hamburg aufgewachsenen, damals in Stuttgart lehrenden Künstler, der mit drei Lotsen auf Landgang vertreten ist. Thomas Raufende Buben aus dem Jahr 1872, eine Studie von fünf bewegten Körpern in wechselnden Perspektiven, zeigen den Schwarzwald einmal nicht als pures Idyll. Ein beeindruckender Blick vom Pilatus entstand 1904 auf einer Reise mit dem badischen Großherzogpaar in die Schweiz.

Umfassender behandelt das Freiburger Augustinermuseum den Maler in einer Ausstellung, die sich, ausgehend von den eigenen Beständen, auf Druckgrafik konzentriert. Es beginnt durchaus unproblematisch mit Landschaften, Genre- und Tierdarstellungen, Porträts und Selbstporträts. Wie sich zeigt, hat Thoma die Themen seiner Gemälde in der Grafik immer wieder recycelt. Er betätigte sich auch als Entwerfer für das Kunsthandwerk, durchaus mit Humor, wenn sich etwa auf einer geschnitzten Stuhllehne Hase und Fuchs zum Gutenachtsagen die Hand reichen. Thoma popularisierte seine eigene Kunst, die er in Lichtdrucken – also Massenware, keine Originalgrafik – mit Rahmen in Brandmalerei nach eigenem Entwürfen verbreitete. Märchen und religiöse Themen sind freilich von Kitsch manchmal nicht mehr weit entfernt. Hier wird erkennbar, was Meier-Graefe störte, wenn etwa ein Meerweib Böcklinscher Art, die Konturen vom Gold der aufgehenden Sonne gefasst, seinen verlockenden Busen dem männlichen Blick darbietet. Ein Kapitel zu mythologischen Themen verortet Thoma zwischen Italiensehnsucht und der Lebensreformbewegung.

Dem Kurator Felix Reuße war es jedoch nach eigenen Angaben auch wichtig, "Thomas politische und weltanschauliche Haltung kritisch zu beleuchten", und zwar nicht nur in Form von Ausstellungstexten, sondern auch "als ästhetische Position in Konfrontation zu Thomas Bildwelt". Da ihn van Eedens Zyklus 1898 sehr beeindruckt hatte, wandte er sich an den Künstler, zunächst mit der Idee, einen Freiburg-Bezug herzustellen. Als sich dazu wenig einschlägiges Material fand, kam van Eeden auf den Gedanken, sich Bayreuth und Wagner vorzuknöpfen. Der Künstler arbeitet mit Schwarzweißfotos, von denen er Gummidrucke anfertigt, die alt wirken, auch wenn es sich um heutige Aufnahmen handelt. Er fotografierte den Weg von Wagners Haus Wahnfried zum Festspielhaus, wie schon in Bernau durchsetzt mit ausgewählten Zitaten: von Thoma und Thode, aber auch Houston Stewart Chamberlain, einem weiteren Schwiegersohn Cosima Wagners, der mit seinem Buch Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts ein Hauptwerk des rassistischen Antisemitismus verfasst hatte.

Thoma entwarf auch die Kostüme für die Aufführung des Ring des Nibelungen im Jahr 1896. "Der Ring erfuhr durch Thoma jetzt die Angliederung an die offizielle imperialistische und militant rassistische Nibelungenpropaganda", schreibt dazu 1980 der Kunsthistoriker Ulrich Schulte-Wülwer: ein Zitat, das van Eeden aufgreift, Reuße aber nicht in den Katalog aufnimmt. Eine "plakative Grobschlächtigkeit", wie sie Schulte-Wülwer bemerkt, vermag der Kurator nicht zu erkennen. Er weist vielmehr nach, dass Thomas Vorbilder durchweg in der Antike oder in der Renaissance zu finden sind. Reuße hält fest: "Radikale antisemitische oder rassistische Einstellungen, wie sie Cosima Wagner und vor allem Chamberlain vertraten, finden sich weder im künstlerischen Werk Thomas (etwa in Form von Karikaturen oder Hetzbildern), noch lassen sie sich in öffentlichen Äußerungen des Künstlers bislang belegen." Er spricht aber von einer "Vereinnahmung Thomas durch die völkische Bewegung".

Wenn der Fall Thoma eines zeigt, so zu allererst, dass es falsch ist, in dieser Diskussion den Blick allein auf den Künstler zu richten. Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich, ein begeisterter Anhänger Chamberlains, dekretierte 1899 nach einem Ankauf impressionistischer Werke durch die Berliner Nationalgalerie, alle Neuerwerbungen müssten fortan von ihm genehmigt werden. Zwei Jahre später verkündete er: "Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr."

Wenn man den Blick nur auf Thoma richtet und sich nicht an das Haus Wahnfried herantraut, entsteht ein schiefes Bild: Richard Wagner ist der Elefant im Raum, neben seiner Witwe Cosima und Chamberlain. Von ihnen ging der Antisemitismus aus, dem Thoma nur halbherzig widersprach. Seine Tragik besteht darin, dass sein Erfolg so lange auf sich warten ließ, bis ihn die Völkischen für sich entdeckten. Dagegen konnte er sich schlecht wehren. Und nicht wissen, wohin dies führen würde, auch wenn er – als Argument gegen Liebermann – den Antisemitismus als "eine Frage, die Unheil in sich schließen könnte" bezeichnet.

Thoma war nicht nur der "Lieblingsmaler des deutschen Volkes", wie ihn Meyers Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1909 bezeichnet. Er war auch, neben Leibl, der Lieblingsmaler Adolf Hitlers. Dass Thoma durch den Wagner-Kreis in ein dubioses Umfeld geriet, wurde schon früh wahrgenommen: "Nichts ist Thoma gefährlicher geworden als die Deklamationen seiner kunstfremden Bewunderer", schrieb schon 1919 der renommierte Kunstkritiker Karl Scheffler, auf den Wagner-Kreis anspielend. "Eine entscheidende Rolle bei der Vereinnahmung von Hans Thoma im 'Dritten Reich' spielten seine Freunde", stellen auch Metz und Löffler fest. Thomas Nachlassverwalter Josef August Beringer organisierte im April 1933 in Mannheim unter dem Titel Kulturbolschewistische Bilder die allererste "Schandausstellung" der NS-Zeit. Auch Sophie Bergmann-Küchler, Tochter eines der ersten Förderer Thomas und mit Beringer 1922 Gründerin der Hans-Thoma-Gesellschaft, war eine begeisterte Nationalsozialistin. Dass das Land Baden-Württemberg jeden Anschein vermeiden will, sich in diese Tradition zu stellen, ist nachvollziehbar.

Die Geschichte ist damit immer noch nicht zu Ende. Als die Verantwortung für den Hans-Thoma-Preis vom Land Baden an das Bundesland Baden-Württemberg überging, schaffte es Bergmann-Küchler, 1952 einen Preisträger durchzusetzen, der sich weniger durch künstlerische Qualität als durch stramme Linientreue ausgezeichnet hatte. Als dies im nächsten Jahr nicht wieder gelang, nahm die Hans-Thoma-Gesellschaft dies mit "äußerstem Befremden" wahr. In einem Schreiben an den zuständigen Ministerialbeamten Wolf Donndorf hielt das südbadische Regierungspräsidium fest, dass bei dieser Gesellschaft "nur noch das Hakenkreuz fehle, um dort das dritte Reich voll aufleben zu lassen". Damit immer noch nicht genug, holte der ehemalige Stuttgarter Gestapo-Beamte Alfred Hagenlocher, der sich, um der Verfolgung zu entgehen, nach dem Krieg eine neue Identität als Künstler und Kunstmanager zurecht fabriziert hatte, die Hans-Thoma-Gesellschaft 1953 nach Reutlingen. Der Kunstverein Reutlingen, der daraus hervorgegangen ist, und das von Hagenlocher gegründete Kunstmuseum Albstadt sind erst jetzt dabei, dies aufzuarbeiten.

Appendix: Der Fall Hugo Ball

Museen sind keine Spruchkammern. Aber gerade das Augustinermuseum zeigt, was eine Ausstellung in einem Fall wie Thoma leisten kann. Sie erreicht ein breiteres Publikum als die Historiker, die den Grund für die Aufarbeitung seiner völkischen Positionen gelegt haben. Aber indem sie Arbeiten aus allen Lebensphasen zeigt, führt sie auch sinnlich vor Augen, dass dies nur ein Aspekt vor allem der späteren Jahre des Künstlers war. Marcel van Eeden fügt dem etwas hinzu, was mit Thomas Werken allein nicht gezeigt werden kann: eine heutige, zeitgenössische Sicht. Diese kann aber die historische und kunsthistorische Arbeit nicht ersetzen, die in Teilen wiederum zu anderen Schlüssen gelangt. Wo die Historiker Widersprüche entdecken, die sie nicht aufzulösen vermögen, bietet das Zusammenspiel von Ausstellung, zeitgenössischem Blick und Katalog so einen Orientierungsrahmen, der dem Betrachter oder der Betrachterin erlaubt, eigene Schlüsse zu ziehen. Denn es geht nicht darum, einen Maler wie Thoma zu verurteilen oder freizusprechen. Es geht darum, aufzuklären: die Zusammenhänge zu verstehen, zu durchleuchten. Erkennbar wird dabei auch, dass der Fall Thoma kein Einzelfall war, sondern einem dominierenden Trend in der deutschen Gesellschaft des Kaiserreichs entspricht.

2023 kam es in Pirmasens zu einem Eklat, als die Künstlerin Hito Steyerl den Hugo-Ball-Preis ablehnte, mit Verweis auf antisemitische Passagen im Werk des berühmten Sohnes der Stadt. Der Dada-Begründer hatte im Januar 1919 unter dem Titel Zur Kritik der deutschen Intelligenz eine wütende, anti-protestantische pazifistische Kampfschrift veröffentlicht, die auch einige antisemitische Passagen enthielt, diese aber in der Zweitauflage 1924 gestrichen. Da sie auch in der Neuauflage 1970 nicht auftauchten, blieben sie unbemerkt, bis 2005 eine historisch-kritische Ausgabe erschien. Die Stadt Pirmasens setzte den Preis aus und veranstaltete eine Podiumsdiskussion, die auch Steyerls Beifall fand, sowie eine Tagung mit Schülerinnen und Schülern zum Umgang mit Stereotypen / Vorurteilen in der Kunst. Der Hugo-Ball-Preis heißt weiter so, wird nun aber ergänzt nun um einen Förderpreis, mit dem die Stadt "ein Zeichen gegen jede Form der Ausgrenzung und Diskriminierung setzen" will.


Hans Thoma. Ein Maler als Museumsdirektor, Studioausstellung der Kunsthalle Karlsruhe im ZKM, bis 2. März. https://www.kunsthalle-karlsruhe.de/ausstellung/hans-thoma-ein-maler-als-museumsdirektor/

Hans Thoma – Zwischen Poesie und Wirklichkeit, Augustinermuseum Freiburg, bis 30. März. Katalog 256 Seiten, im Museum 26,90 Euro. www.freiburg.de/hans-thoma

Hans Thoma (1839.1924). Zur Rezeption des badischen Künstlers im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit, hrsg. von Frank Engehausen, Ostfildern 2022.