Die Documenta, 1955 gegründet, um Kunst zu zeigen, die in der NS-Zeit nicht gezeigt werden konnte, wird die Schatten der Vergangenheit nicht los.
Schon im Herbst 2019 hatte das Selbstbild der Documenta Risse bekommen. Im Zuge einer Emil-Nolde-Ausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) waren der Historiker Bernhard Fulda und die Kunsthistorikerin Julia Friedrich auf die NSDAP-Mitgliedskarte des ersten Documenta-Kurators Werner Haftmann gestoßen. Dann fand Vincenza Benedettino bei Recherchen zu ihrer Doktorarbeit heraus, dass dieser bereits 1933 in die SA eingetreten war. Zu Beginn der NS-Zeit hatte er für die Zeitschrift Kunst der Nation gearbeitet, die sich für den Expressionismus als "deutsche Kunst" einsetzte. In einem seiner Beiträge schreibt er 1934: "Der große Vertreter dieser erregten und leidenschaftlichen Form ist Nolde, in ihm fasst sich all das mystische und leidvoll erregte dieser brennenden Zeit in seiner Weise noch einmal ganz voll zusammen." Wollte er als Kurator der Documenta also nur jene Kunst rehabilitieren, für die er schon im Nationalsozialismus eingetreten war? Den jüdischen Künstler Rudolf Levy strich er jedenfalls wieder von seiner Teilnehmerliste, wie Julia Voss im Gespräch mit der Bildhauerin Emy Roeder herausfand, einer der wenigen Künstlerinnen der ersten Documenta: offenbar um seine These aufrecht erhalten zu können, es habe keine signifikanten jüdischen Beiträge zur Moderne gegeben. Schließlich deckte der Historiker Carlo Gentile im Juni 2021, wenige Tage vor Eröffnung der DHM-Ausstellung Documenta. Politik und Kunst in der Süddeutschen Zeitung auf, dass Haftmann zudem für Folter und Mord an italienischen Partisanen verantwortlich war.


Wie Puzzlesteine setzten sich die Funde der Historiker und Kunsthistorikerinnen zu einem neuen Bild zusammen. Es stimmt zwar, dass die Ausstellung in Kassel Werke zeigte, die in der nationalsozialistischen Zeit nicht gezeigt werden konnten. Doch die Documenta war keine "Stunde Null". Wie die gesamte deutsche Nachkriegsgeschichte war sie stärker als bisher gedacht mit den Greueln der NS-Zeit verbunden. Der Mythos war entzaubert.
Eine Atmosphäre von Denunziation
Während die unschönen Seiten in Haftmanns Biografie sorgfältig recherchiert waren, lässt sich dasselbe über die Vorwürfe des Kasseler Bündnis gegen Antisemitismus gegen die Kuratoren der nächsten Documenta nicht sagen. Im Januar 2022, fünf Tage nach dem Ende der Ausstellung des DHM, beschuldigte das Bündnis das indonesische Kollektiv Ruangrupa, antisemitische Vorurteile zu bedienen. "Dem Bündnis geht es darum, Menschen zu denunzieren, die die Besatzungspolitik Israels kritisch sehen", zitiert drei Wochen später die Hessische/ Niedersächsische Allgemeine (HNA), die zuerst die Vorwürfe publik gemacht hatte, den Historiker Ulrich Schneider. "Der pauschale Vorwurf des Antisemitismus wird bei ihnen bewusst als Totschlagargument eingesetzt." Der Nahost-Experte Werner Ruf sagt aus eigener Erfahrung mit dem Bündnis: "Bei dieser Gruppe kann man tun und lassen, was man will. Sie bauen sich einfach ihr Feindbild auf."
Im Kern drehten sich die Vorwürfe um das von Ruangrupa eingeladene palästinensische Kollektiv The Question of Funding: eine nach eigenen Angaben kleine Gruppe kultureller Akteure, die sich drei Jahre zuvor im Khalil Sakakini Kulturzentrum in Ramallah gegründet hatte. Die in verschiedenen Einrichtungen arbeitenden Beteiligten hatten festgestellt – daher der Name –, dass sie sich in ihren Förderanträgen eher nach den Kriterien der internationalen Geldgeber richteten als nach ihrer eigenen Agenda. Auf seiner Website vertreten sie keine bestimmte Politik oder Agenda, sondern stellen lediglich eine Reihe von Fragen an die eigene Community, unter anderem, welche Rolle das Kollektiv auf der Documenta spielen könne. Das Kasseler Bündnis warf nun dem Namensgeber des Kulturzentrums, dem 1878 in Jerusalem geborenen christlichen Autor und Reformpädagogen Khalil Sakakini vor, mit den Nationalsozialisten kooperiert zu haben. Ein Gerücht, sagt der in Toronto lehrende Nahost-Historiker Jens Hanssen, der im Online-Magazin Jadaliyya, herausgegeben vom Arab Studies Institute in Washington (auf Deutsch auszugsweise in Geschichte der Gegenwart) aufgearbeitet hat, wer Sakakini tatsächlich war. "Glaube ja nicht, dass Hitler der Luther unsere Zeit ist!" warnt dieser 1934 seinen Sohn und beschreibt den Nationalsozialismus, so Hanssen, als "eine Folge von Krisen und Katastrophen, die die gesamte Menschheit auf den Holzweg führen werde und uns alle noch zu Bestien werden lasse".
Nicht alle, die über das Kasseler Bündnis schrieben, machten sich wie die HNA auch die Mühe, zu durchleuchten, wer sich dahinter verbarg. Es erhob sich ein medialer Shitstorm, der oftmals bereits als erwiesen betrachtete, was vorerst nur eine schwach begründete Anschuldigung war: dass diese Kuratoren aus Südostasien "ein Antisemitismus-Problem" hätten, wie es ein Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit süffisant formulierte. Um dem zu begegnen, setzte die Documenta unter dem Titel We Need to Talk eine Experten-Gesprächsreihe an, die an drei Terminen im Mai online stattfinden sollte. Doch dann schaltete sich Ende April der Zentralrat der Juden ein. In einem über die Deutsche Presseagentur (dpa) weit verbreiteten "Brandbrief" an Kulturstaatsministerin Claudia Roth monierte dessen Präsident Josef Schuster, nicht genügend eingebunden zu sein.

Die Documenta wollte über "das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie" diskutieren und damit auch über rassistische Äußerungen gegenüber den indonesischen Kuratoren und ihren Gästen. Widersprüche sollten "ausgehalten und produktiv diskutiert werden können". Schuster wollte dagegen keine Widersprüche aushalten, sondern dem Antisemitismus entschlossen entgegentreten. Er wunderte sich "dass die Thematik des antipalästinensischen Rassismus Eingang in das Programm gefunden hat" und konnte keinen Zusammenhang erkennen. Dass ein Zusammenhang bestand, zeigte bald darauf ein Fall von Vandalimus in den Räumen der Gruppe The Question of Funding mit versteckten Morddrohungen. Das Gespräch war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert. Unter dem massiven Druck der medialen Debatte hatten sich einige Teilnehmer zurückgezogen. Daraufhin sagte die Documenta die gesamte Reihe ab.
Der Eklat
Man muss diese aufgeheizte Atmosphäre von Denunziation und Verdächtigungen Revue passieren lassen, in der schon der Versuch eines klärenden Gesprächs auf erregten Widerstand stieß, um den Eklat bei der Eröffnung der Documenta zu begreifen. Niemand hat bestritten, dass zwei der Figuren auf dem zwölf Meter hohen Banner People’s Justice der Gruppe Taring Padi antisemitische Klischees enthalten. Aber wer Taring Padi eigentlich ist, warum dieses Banner so prominent platziert wurde und was es in seinem ursprünglichen Kontext bedeutet hatte: solche naheliegenden Fragen wurden nicht gestellt.
Das riesige agitatorische Werk war 2002 nach dem Rücktritt des Diktators Suharto entstanden, dessen eiserner Faust mehr als eine halbe Million Menschen zum Opfer fielen. Es handelt sich um eine Art säkulares Jüngstes Gericht mit hunderten von Figuren: Auf der linken Seite sind die Täter des Suharto-Regimes dargestellt, darunter Agenten verschiedener Geheimdienste von der CIA bis zum KGB und eben auch eine Figur mit der Aufschrift "Mossad" am Helm. Der Davidstern an dessen rotem Halstuch bezeichnet nicht, wie in der NS-Zeit, die verfolgten Juden, sondern fungiert als Hoheitszeichen des Staates Israel, dessen Geheimdienst durchaus, wenn auch nicht in erster Linie in Indonesien, verdeckte Morde, Folterungen und Sabotageaktionen nachgesagt werden. Weiter zur Mitte ist die zweite problematische Figur zu sehen: ein Anzugträger mit Schläfenlocken und einer Zigarre im Mundwinkel, mit gezackten, vorstehenden Zähnen und roten Augen. Ein antisemitisches Juden-Klischee, paradoxerweise aber gekennzeichnet durch SS-Runen am Hut. Auf der rechten Seite sind dagegen die Kämpfer gegen das Suharto-System zu sehen, das einfache Volk: im Mittelpunkt ein Mann mit Reisstrohhut, der eine Fahne schwenkt, auf der steht: "Resistance Culture Movement".
Niemand hat sich die Mühe gemacht, die Gesamt-Ikonografie des Banners zu entschlüsseln. Dazu blieb auch wenig Zeit: Es wurde verhüllt und dann abgehängt. Genozid- und Holocaust-Experten wie Michael Rothberg von der University of California, Los Angeles, oder Anthony Dirk Moses vom City College of New York haben immerhin versucht, die beiden inkriminierten Figuren zu kontextualisieren. Wie Jeffrey Hadler, 2017 verstorbener Professor für Indonesian Studies der University of Berkeley gezeigt hat, war der Antisemitismus in Indonesien ein Import der niederländischen Kolonisatoren und in der NS-Zeit dort lebender Deutscher. Es gab aber nur eine verschwindend kleine jüdische Minorität. Die antisemitischen Klischees wurden eher auf die Chinesen übertragen, die als fremde Drahtzieher wahrgenommen wurden. Es gab auch Pogrome gegen Chinesen, allerdings nicht von Seiten der Suharto-Gegner, sondern von Suharto selbst. Später – dafür steht die Figur des Mossad-Agenten – verbanden sich diese Negativ-Bilder aufgrund des Nahostkonflikts mit einer antiisraelischen Haltung. Die Zähne und roten Augen der zweiten Figur stammen dagegen aus der traditionellen Darstellung von Bösewichten im javanischen Schattenspiel.
Eine solche Kontextualisierung fand allerdings, abgesehen von den Kommentaren weit entfernter Beobachter wie Rothberg und Moses, nicht statt. Das Banner bestätigte, was das Kasseler Bündnis, also Jonas Dörge, Zeit-Autor Thomas E. Schmidt, der Zentralrat und alle anderen schon immer gewusst oder allmählich begriffen hatten, ohne es vorerst beweisen zu können: Ruangrupa hatte ein Antisemitismus-Problem. Da halfen keine Entschuldigungen: Die Kurator:innen und Künstler:innn hatten, ohne es auch nur zu merken, ein Tabu verletzt. "Nun müssen harte Konsequenzen folgen", forderte die Jüdische Allgemeine kurz nach der Eröffnung, "auch für Kulturstaatsministerin Claudia Roth": quasi im Chor mit der Bild-Zeitung, die bereits am Vortag in einem Video gefordert hatte: "Claudia Roth muss zurücktreten". Roth ruderte zurück. Sie warf den Kuratoren Wortbruch vor, zitierte sie vor den Kulturausschuss des Bundestags. "Zentralrat der Juden erhöht den Druck auf Claudia Roth", vermeldete die Bild-Zeitung zwei Wochen später. Roth knickte ein. "Hätte lauter und deutlicher sein müssen", zitiert sie Der Spiegel. Später drohte sie der Documenta mit finanziellen Konsequenzen.
Claudia Roth ist nicht zurückgetreten. Aber Opfer mussten gebracht werden. Bereits kurz nach der Eröffnung trat die Documenta-Geschäftsführerin Sabine Schormann zurück. Im November 2023 folgte Ranjit Hoskoté, ein Mitglied der Findungskommission, und dann aus Solidarität mit ihm die gesamte Findungskommission. Hoskoté hatte 2019 eine Petition gegen eine Veranstaltung des israelischen Generalkonsulats in Mumbai unterschrieben. Das Plakat stellte Theodor Herzl und Vinayak Damodar Savarkar, die Begründer des Zionismus und des Hindu-Nationalismus als "Leaders of Nations" gegenüber. 1948 hatte sich im Nahen Osten der jüdische Staat Israel gegründet. Die Palästinenser wurden vertrieben. Im selben Jahr, nach dem Ende der britischen Kolonie, fand die indische Teilung in einen muslimischen Norden, Pakistan, und das heutige Indien statt, der nach groben Schätzungen eine Million Menschen zum Opfer fielen. Die Hindutva-Partei, die ein geschwungenes Hakenkreuz als Symbol verwendet, betrachtet Angehörige anderer Religionen als Gäste im eigenen Land, das eigentlich den Hindus gehört. Premier Narendra Modi wird eine führende Rolle bei den anti-muslimischen Gujarat Riots 2002 nachgesagt. Die Veranstaltung stellte eine Verbindung zwischen beiden Bewegungen her. Dagegen richtete sich die Petition der Gruppe BDS India.
BDS und die zwei Definitionen von Antisemitismus
BDS bedeutet Boycott, Divestment and Sanctions. Die Bewegung entstand nach der zweiten Intifada, dem bewaffneten Aufstand der Palästinenser 2000 bis 2005, als gewaltfreie Alternative des Widerstands gegen die Besatzung. Vorbild ist der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Die Bewegung wird unterstützt von pazifistischen, feministischen, auch jüdischen und christlichen Gruppen wie dem American Friends Service Committee der Quaker, der wohl ältesten pazifistischen Organisation der westlichen Welt. Divestment bedeutet Desinvestition. Die Bewegung ist stark vor allem in den USA, auch in Kanada und Großbritannien, und hat bisher ihre größten Erfolge erzielt, wo sie Unternehmen, die von Bodenschätzen oder billigen Arbeitskräften in den besetzten Gebieten, also vor allem in der Westbank profitieren, zum Rückzug bewegen konnte. BDS-Kampagnen versuchen immer wieder auch Waffenlieferungen an Israel zu verhindern. Zum Boykott israelischer Kultur- und Bildungseinrichtungen sind die Meinungen dagegen geteilt.


In Deutschland wird BDS jedoch, vor allem seit einer Bundestagsresolution 2019, mit dem Boykott jüdischer Geschäfte in der NS-Zeit gleichgesetzt. "Die Aufrufe" heißt es dort, "erinnern zudem an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte. 'Don't Buy'-Aufkleber der BDS-Bewegung auf israelischen Produkten wecken unweigerlich Assoziationen zu der NS-Parole 'Kauft nicht bei Juden!' und entsprechenden Schmierereien an Fassaden und Schaufenstern." Die Resolution, ursprünglich von der AfD ins Parlament eingebracht und leicht abgewandelt von fast allen Parteien getragen, ist rechtlich nicht bindend, hat keine Gesetzeskraft, aber Wirkung. In der Praxis steht jeder, dem auch nur angelastet wird, BDS zu unterstützen, unter Antisemitismusverdacht. Das bedeutet, nach der Resolution und geübter Praxis, dass Journalist:innen aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entfernt, Kulturinstitutionen nicht mehr gefördert und Redner wieder ausgeladen werden, nicht nur wenn sie BDS aktiv unterstützen, sondern bereits, wenn ihnen Sympathien für die Bewegung nachgesagt werden.
Eben deshalb unterstützt der israelische Architekt Eyal Weizman, wie er in einem Interview mit der englischen Literaturzeitschrift Granta unterstreicht, BDS: weil Palästinenser durch die Bundestagsresolution mundtot gemacht würden. Das von Weizman gegründete Recherchenetzwerks Forensic Architecture, das im vergangenen Jahr den Right Livelihood Award, dem so genannten Altenativen Nobelpreis erhielt, ist in Deutschland vor allem aufgrund seiner auf der Documenta 14 vorgestellten Recherchen zum NSU-Mord an Halit Yozgat bekannt. Forensic Architecture arbeitet grundsätzlich zu Menschenrechtsverstößen im Auftrag der Opfer, auch in Israel und Palästina. Weizman berät auch den Internationalen Gerichtshof. Das Banner von Taring Padi empfand er als einen "terrible stab in the back" für seine Bemühungen.
Mit BDS verbindet sich die Frage, was unter Antisemitismus genau zu verstehen sei. Dazu gibt es eine nicht rechtsverbindliche Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die weniger umstritten wäre, hätte der Bundestag sie nicht 2017 um einen Satz ergänzt, der neben dem Hass auf Jüdinnen und Juden und Angriffen auf jüdische Einrichtungen auch Angriffe auf den Staat Israel als Kriterium benennt. Offen bleibt, was mit "Angriffe" gemeint ist: militärische Gewalt oder auch Kritik an Kriegsverbrechen, Menschenrechtsverletzungen und Verstößen gegen das Völkerrecht, wie sie der Internationale Gerichtshof Israel in der Tat anlastet. In der Praxis führt diese Unsicherheit häufig zu Absagen und Ausladungen, da niemand das Risiko eingehen will, des Antisemitismus beschuldigt zu werden. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat das nach dem Rücktritt des Direktors des Jüdischen Museums in Berlin, Peter Schäfer, so formuliert: "Man darf Kritik an Israel nur dann äußern, wenn man nicht im Verdacht steht, Antisemit zu sein; aber äußert man Kritik an Israel, steht man von vornherein unter Antisemitismus-Verdacht. Damit ist die Diskussion beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat."
Der IHRA-Definition steht seit 2021 die Jerusalem Declaration gegenüber, die Illouz mit formuliert hat. Sie definiert Antisemitismus als Sonderform des Rassismus und unterscheidet zwischen Antisemitismus und Antizionismus, der, wie Boykottaufrufe, nicht automatisch als antisemitisch eingestuft wird.
Nach der Eröffnung der Documenta 15 wurde intensiv nach weiteren antisemitischen Werken gesucht. Als antisemitisch wurden etwa Zeichnungen algerischer Frauen aus dem Jahr 1988 eingestuft, die israelische Soldaten zeigen, die Waffen auf Kinder richten: im Westjordanland allerdings ein alltäglicher Anblick. Auch eine Reihe von Gemälden unter dem Titel Guernica – Gaza, von Mohammed Al-Hawajri, der zu der von The Question of Funding eingeladenen Künstlergruppe Eltiqa aus Gaza gehört, sollte antisemitisch sein. Die vom Goethe Institut geförderte Gruppe betrieb eine Galerie, die im Herbst 2023 von israelischen Bomben zerstört wurde. "Mohammed Al Hawajri", hält eine Bildunterschrift auf der Website der Deutschen Welle (dw) fest, "setzt im Titel der Bilderreihe 'Guernica Gaza' Israelis mit Nazis gleich: ein Fall von Täter-Opfer-Umkehr". Die Serie zitiert, nach Gaza versetzt, berühmte Kunstwerke. Allerdings konzentriert sich Al Hawajri, wie Picasso, nicht auf die Täter, sondern auf die Perspektive der Opfer, die Leiden und den Widerstand der Palästinenser. Die Bildunterschrift der dw steht nicht etwa unter Al-Hawajris Version von Guernica, sondern unter der von Eugène Delacroix‘ Die Freiheit führt das Volk. Wenn schon von vornherein feststeht, was dem Künstler anzulasten ist, erübrigt sich ein näheres Hinsehen.
Die Provinzialisierung der Documenta
"Die documenta in Kassel ist die bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst weltweit", verkündet die Website der Stadt Kassel. Ähnlich formuliert es die Documenta selbst, gefolgt von fast allen, die über sie schreiben. Bis zur Jahrtausendwende bezog sich dieses "weltweit" nahezu ausschließlich auf Europa und Nordamerika. Erst mit Okwui Enwezor erweiterte sich der Radius auf den gesamten Globus. Letztlich erhebt die Documenta, etwas anders als die Biennale von Venedig, die mit ihren Länderpavillons stärker dezentral organisiert ist, den Anspruch, den jeweils aktuellen Stand in der Entwicklung der Kunst zu definieren. An der Documenta 15 zeigt sich jedoch, dass sie diesem Anspruch, auf die gesamte Welt bezogen, aus verschiedenen Gründen immer weniger gerecht werden kann.



Zum einen will Deutschland, wie der Streit um die Documenta zeigt, seine eigenen, aus der deutschen Geschichte abgeleiteten Grundsätze zum Maßstab für die gesamte Welt machen. Auf der Grundlage der Jerusalem Declaration wäre ein Konsens wohl nicht schwer zu erzielen, denn gegen Rassismus positioniert sich auch der globale Süden. Mit der deutschen Staatsräson der bedingungslosen Unterstützung Israels, der Antisemitismusdefinition der IHRA, insbesondere in der deutschen Version, und der BDS-Resolution des Bundestags stimmt jedoch ein Großteil der Welt nicht überein. Ehemalige Kolonialländer fühlen sich von der Vertreibung der Palästinenser seit 1948, der Besatzung der Westbank und den Angriffen auf den Gazastreifen eher an die eigene Geschichte erinnert und bewerten den Staat Israel eher als siedlerkolonialistisches Projekt. Eine Diskussion hierüber, wie sie in der Gesprächsreihe We need to talk geplant war, findet jedoch nicht statt. Dazu müssten beide Seiten einander zuhören. Deutschland müsste also auch die Untaten der Suharto-Diktatur einschließlich der Beteiligung westlicher Länder als Geschichte anerkennen, die aufgearbeitet werden muss; aber auch die Leiden der Palästinenser, die noch nicht Geschichte sind, sondern schmerzhafte Gegenwart. Anders gesagt: Die moralisch-ethischen und politischen Kriterien, nach denen sich die Documenta richtet, sind einseitig von Deutschland geprägt.
Dipesh Chakrabarty hat in seinem im Jahr 2000 ershienen Buch Provincializing Europe darauf hingewiesen, dass die Werte der Aufklärung zwar auch in anderen Weltregionen emanzipatorische Wirkung entfalten können, aber doch geprägt sind von der spezifischen Geschichte Europas. Europa zu provinzialisieren heißt für ihn, alles was sich von Europa aus über die Welt verbreitet hat, nicht als universal, sondern vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte zu begreifen. Denn nur so lassen sich die Differenzen zwischen den verschiedenen Begriffs- und Wertsystemen überhaupt wahrnehmen und aushandeln. Der Antisemitismus ist in Europa entstanden, zunächst in Form einer Ausgrenzung von Menschen anderen Glaubens, dann verschärft in Form der Rassentheorie. Ein antisemitisches Klischee auf einem indonesischen Großplakat kann nur auf einen Import aus Europa zurückgehen. Allein dies sollte zu ein bisschen Vorsicht gemahnen, bevor mit dem Finger auf andere gezeigt wird, die dieses Klischee, wohl in Unkenntnis der Hintergründe, verwenden.
Zu den europäischen Errungenschaften, die sich über die gesamte Welt verbreitet haben, gehört auch die moderne und zeitgenössische Kunst. Man kann argumentieren, die Moderne sei, anders als die Kunst des 19. Jahrhunderts, keine rein europäische Angelegenheit, da sie wesentlich mit der Rezeption außereuropäischer Formen im sogenannten Primitivismus verbunden ist. Kunst im europäischen Sinn gab es umgekehrt bereits in der kolonialen Welt, auch in Indonesien. Zeitgenössische Kunst hat sich, wie Charlotte Bydler in The Global Art World Inc. On the Globalization of Contemporary Art beschreibt, allerdings erst nach 1989 über den gesamten Globus verbreitet. Mittlerweile findet auf fast 300 Biennalen in allen Teilen der Welt, in einem internationalen Kuratoren-Netzwerk, eine fortwährende Neu-Aushandlung von Wertmaßstäben statt. Globale Standards in Bezug auf die Qualität der ausgestellten Werke spielen dabei ebenso eine Rolle wie lokale Wertmaßstäbe, wie etwa die Frage der Kopf- und Körperbedeckung in den islamischen Ländern zeigt.
Die Documenta bestimmt diese Fragen ohnehin nicht allein oder an erster Stelle. In dem Maß, in dem sie die Lehren aus der eigenen, deutschen Geschichte zum Maßstab für die gesamte Welt machen will, statt in der Geschichte, den Leiden und Emanzipationsbestrebungen in anderen Teilen der Welt prinzipiell gleichberechtigte Anliegen zu erkennen, offenbart sie jedoch eine provinzielle Perspektive. Von der öffentlichen Debatte dazu gedrängt, provinzialisiert sie sich selbst. Ein überwiegender Teil der Welt sieht die Dinge, die während der Documenta 15 in Deutschland erregt diskutiert wurden, nun einmal anders.
In die Documenta 15 hat jedoch auch eine andere Art von Provinzialität Einzug gehalten. Das Ruangrupa-Konzept versucht, wie das Sinnbild der Reisscheune verdeutlicht, indonesische Maßstäbe auf Deutschland zu übertragen. Allerdings verlief die Entwicklung der Gegenwartskunst seit den 1990er-Jahren in Indonesien anders als in Europa. Sie war zuerst geprägt vom Interesse internationaler Sammler, im Anschluss an den Boom chinesischer Kunst, und dann vom Widerstand gegen Suharto. Beides hat nicht dazu geführt, dass sich eine Art von zeitgenössischer Kunst etablieren konnte, wie sie sich in Europa im Verlauf der letzten Jahrzehnte entwickelt und bis dato auch die Qualitätskriterien der Documenta bestimmt hat. Kunst in Indonesien ist, salopp gesagt, keine raffinierte Konzeptkunst, die kein Mensch versteht, sondern bunt, laut, aussagekräftig. Es darf bezweifelt werden, dass es dort Ausbildungs- und Ausstellungseinrichtungen wie in Europa überhaupt gibt. Ruangrupa hat selbst wohl nicht ohne Grund eine Bildungsplattform, genannt Gudskul, mit ins Leben gerufen. Kunst findet vielfach im öffentlichen Raum statt, mit Postern, Comics und Performances. Die Hervorhebung des Kollektivs richtet sich gleichermaßen gegen den marktgerechten Künstler, wie sie den Versuch darstellt, zu eigenen Werten zurückzufinden.
Manches davon mag auch für die westliche Welt interessant erscheinen. Aber es kann die Qualitätsmaßstäbe, die sich im Verlauf der sieben Jahrzehnte, seit es die Documenta nun gibt, herauskristallisiert haben, nicht ersetzen. Ein Kritiker der New York Times kam nach dem Ende der Documenta 15 zu dem Ergebnis: "The World’s Most Prestigious Art Exhibition Is Over. Maybe Forever". Im Untertitel fügt er hinzu: "Was immer als nächstes kommt, es wird nie mehr das sein, was es vorher war."
Die Documenta feiert derzeit ihr 70-jähriges Bestehen, zum Programm hier: 70 Jahre Documenta.
Am 18. März hat Naomi Beckwith, die Kuratorin der Documenta 16, erste Einblicke in ihr Vorgehen gegeben.
Unter dem Titel Kunst im Streit. Antisemitismus und postkoloniale Debatte auf der documenta fifteen arbeitet die Documenta in einem eigenen Buch, das am 18. April vorgestellt werden soll, herausgegeben von Meron Mendel und Heinz Bude, die Ereignisse auf.
Im Ausweichquartier der Villa Stuck, München, soll nun ab 3. Mai eine Gesprächsreihe stattfinden, in der auch die Documenta 15 verhandelt wird; die Reihe unter dem Titel The Condition of No. Gespräche zu Boykott, Zensur und Protest in Deutschland entstand im Zusammenhang mit einer Ausstellung von Tania Bruguera im vergangenen Jahr und war ursprünglich für Januar, dann im März angekündigt, dann aber auf Druck der Stadt München abgesagt worden. Der Termin und die Gesprächspartner zum Thema der Documenta stehen im Moment noch nicht fest.