Bildungsbürger(innen)
25 Kunstvereine gründeten sich in Deutschland bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Bürgerliche Epoche wird diese Zeit genannt, doch eigentlich hatte der Adel nach dem Sturz Napoleons seine Macht konsolidiert. Man spricht daher auch vom Zeitalter der Restauration, das mit der niedergeschlagenen 1848er-Revolution immer noch nicht vorbei war. Die Bürger hatten eingeschränkte Mitspracherechte: Württemberg war Monarchie. Alle Macht ging vom König aus. Erst seit 1819 gab es eine Verfassung und ein Parlament, in dem Bürger nur in der zweiten Kammer vertreten waren. Die Presse und alle Publikationen standen unter dem Vorbehalt der Zensur. Wenigstens auf der symbolischen Ebene der Kunst wollten führende Stadtbürger Stuttgarts aber etwas zu sagen haben: einen eigenen Ort; einen Treffpunkt, eigene Formen. Öffentliche Ausstellungsräume gab es damals noch nicht. Kunst befand sich in Schlössern, Kirchen und privaten Sammlungen. Die ältesten deutschen Museen, in München die Glyptothek und die Alte Pinakothek, in Berlin das Alte Museum befanden sich 1827 noch oder erst seit kurzem im Bau. Die Stuttgarter Staatsgalerie eröffnete erst 1843.
Wo immer sich zu jener Zeit Kunstvereine gründeten, in Hamburg und Bremen, München und Bamberg, Karlsruhe, Düsseldorf, Frankfurt oder Hannover, ging es wohl ähnlich zu. Doch es gab in Stuttgart auch einige Besonderheiten: Kunst war vor allem auf zwei Wegen ins Bewusstsein gerückt: Bereits 1761 hatte Herzog Carl Eugen eine Académie des arts gegründet, die dann Teil der Hohen Karlsschule wurde: eine Art Universität, an der die Offiziere, Beamten, Juristen, Mediziner und eben auch Künstler des Landes ausgebildet werden sollten. Friedrich Schiller studierte dort – und suchte das Weite. Ebenso Joseph Anton Koch, der vielleicht bedeutendste Landschaftsmaler vor William Turner und Caspar David Friedrich. Mit spitzer Feder karikierte er die Zustände an der Karlsschule und verbrachte dann nach einigen Wanderjahren den Rest seines Lebens in Rom. Als Carl Eugens Nachfolger und Bruder Ludwig Eugen die Schule 1794 wieder schloss, standen einige Künstler ohne Einkommen da. Und Stuttgart ohne Kunst. Mit einer Ausnahme: Johann Heinrich Dannecker, der durch Heirat mit Heinrike, der Schwester des Hofbankdirektors Gottlob Heinrich Rapp, in gesicherten Verhältnissen lebte und weit über Stuttgart hinaus als einer der führenden klassizistischen Bildhauer anerkannt war.
Das zweite, was unmittelbar zur Gründung des Kunstvereins beitrug, war eine mehrjährige Ausstellung der Sammlung altdeutscher und niederländischer Maler, welche die Brüder Sulpiz und Melchior Boisserée mit ihrem Freund Johann Baptist Bertram aus säkularisierten Kölner Kirchen zusammengetragen hatten. Zuvor schon im Heidelberger Schloss ausgestellt, kam die Sammlung 1819 nach Stuttgart, weil König Wilhelm I. sie erwerben wollte. Die Ausstellung im Offizierspavillon in der unteren Königstraße wurde ein enormer Erfolg. Schon fünf Monate nach der Eröffnung waren ungefähr halb so viele Besucher dagewesen, wie Stuttgart Einwohner hatte. Antonio Canova und Bertel Thorwaldsen reisten nach Stuttgart und äußerten sich in höchsten Tönen. Hofbankdirektor Rapp, Danneckers Schwager, der selbst in Kunst dilettierte und 1810 das allererste Lehrbuch zur neuen Drucktechnik der Lithografie herausgegeben hatte, beauftragte den Münchner Künstler Johann Nepomuk Strixner, etwa die Hälfte der Werke in großformatige Lithografien zu übertragen. Direkt vor Ort, im Offizierspavillon wurde dafür eine Werkstatt eingerichtet. In 38 Lieferungen gaben die Brüder Boisserée zusammen mit dem Verleger Johann Friedrich Cotta ab 1821 die Reproduktionen heraus.



Gegen den Strich
Diese Gründungsgeschichte reflektiert die Ausstellung, mit der der Kunstverein nun seinen Werdegang aufzuarbeiten beginnt. Zu sehen sind außerdem einige Original-Kunstwerke, zahlreiche Ausstellungsplakate der Nachkriegszeit und eine benutzbare Bibliothek mit Katalogen und Büchern zu Themen, die den Verein und seine Geschichte betreffen. Auf fünf großen Stelltafeln setzen die Direktor:innen Iris Dressler und Hans D. Christ erste Akzente. Auf einer Tafel sind die zahlreichen Standorte verzeichnet, an denen der WKV im Lauf seiner 200-jährigen Geschichte ausgestellt hat. Eine weitere, betitelt Der Bürger und der Souverän, zeigt einige der wichtigsten Protagonisten der Gründungsphase, darunter die vier württembergischen Könige, Rapp, seine Frau und seine mit Dannecker verheiratete Schwester, weitere Gründungsmitglieder wie Cotta, den Ministerialregistrator Heinrich Wagner oder Gustav Schwab, wenig später Redakteur des von Cotta mit Rapp ins Leben gerufenen Morgenblatt für gebildete Stände, der führenden Literaturzeitschrift ihrer Zeit. Daneben sind sechs Blätter von Daniel Nikolaus Chodowiecki abgebildet, die das affektierte Verhalten des Adels dem "natürlichen" des Bürgertums gegenüberstellen.
Die Gründungsgeschichte kommt vor allem auf einer weiteren Tafel zur Sprache, die unter dem Titel steht: "Bezähmung der Wildnis durch die Schönheit". So deutete Dannecker selbst sein Hauptwerk, die Ariadne, die auf dem Panther reitet. Es war das einzige Werk, das er ohne Auftrag anfertigte und dann an den Frankfurter Bankier Simon Moritz von Bethmann verkaufte, weshalb sich das Original heute im Liebighaus befindet. Die Skulptur ist ein Sinnbild dafür, was Schiller in Über die ästhetische Erziehung des Menschen beschrieben hatte: Eine ästhetische Erziehung sollte helfen, zu vermeiden, dass die Befreiung von der Fürstenwillkür in einer Gewaltorgie endete wie in der Französischen Revolution. Schillers Schrift formuliert das Programm des deutschen Bildungsbürgertums, das Dannecker in ein anschauliches Bild übersetzt.
Der WKV erzählt diese Geschichte allerdings nicht einfach nach, sondern liest sie ein wenig gegen den Strich. Zu Hilfe kommt ihm dabei die Scherenschneiderin Luise Duttenhofer. 1776 in Waiblingen geboren und hoch begabt, hätte sie gerne Kunst studiert, was ihr jedoch ihre Eltern nicht erlaubten. Ihre Scherenschnitte sind kleine Meisterwerke. Auf den ersten Blick biedermeierliche Handarbeit, sind sie nicht nur technisch und darstellerisch äußerst gekonnt, sondern kommentieren auch, nicht selten spöttisch, das Zeitgeschehen. Da sitzt Dannecker vor seiner Ariadne und meißelt an einer Schillerbüste. Gottlob Heinrich Rapp, seiner Bedeutung nach einen Kopf kleiner, schreitet mit einem Kerzenleuchter Johann Wolfgang von Goethe voran, der bei ihm in Stuttgart logierte. Angelika Kauffmann, die Künstlerin, die geschafft hat, was Duttenhofer verwehrt blieb, sitzt in ihrem römischen Atelier. Von Duttenhofer sind auch einige Originale zu sehen, zur Verfügung gestellt aus einer Privatsammlung, darunter ein Scherenschnitt mit dem Titel Grenzen der Weiblichkeit: Zwei Damen, umgeben von vier Männern, sitzen in einer Kutsche, gezogen von Schweinen.


Indem er sich äußert, in Wort und Bild, wird der Bürger zum Subjekt der Geschichte: Der "(weiße, männliche) Bürger", wie Iris Dressler und Hans D. Christ schreiben, denn eine Frau wie Duttenhofer konnte nur auf der privaten Ebene partizipieren, indem sie sich ihrem Mann, dem Kupferstecher Anton Duttenhofer unterordnete. Ein weiterer Scherenschnitt zeigt sie, wie sie ihm, in gebückter Haltung, Flügel an die Fersen heftet, damit er, ein moderner Hermes, besser voran kommt. Diese feministische Lesart der Geschichte setzt die Ausstellung fort, indem sie einen weiteren Schwerpunkt auf Alice Widensohler legt, die – bis auf Iris Dressler – einzige Frau, die bisher den Kunstverein geleitet hat. Sie war es, die es nach den Krieg fertigbrachte, den Kunstverein "zu einer Institution zu entwickeln, die heute weit über Stuttgart und die Grenzen unseres Landes hinaus auch im Ausland Beachtung und Anerkennung findet", wie der Bürgermeister und Vereinsvorsitzende Josef Hirn 1965 in eine Rede zu ihrem Abschied bemerkt. Schon vom ersten Jahr an zeigte sie wieder moderne Kunst, knüpfte sobald es ging internationale Kontakte, auch nach Osteuropa, stellte aber auch Stuttgarter Größen vor, die in der NS-Zeit nicht hatten ausstellen können wie Oskar Schlemmer, Ida Kerkovius oder den nach New York emigrierten Reinhold Nägele. 1961 eröffnete sie das wiederaufgebaute Kunstgebäude mit einer Ausstellung zu Adolf Hölzel und sein Kreis.
Die Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft war mit weiteren Ausschlüssen verbunden. Iris Dressler und Hans D. Christ ziehen eine Linie von einer "Polizei-Verordnung gegen Vaganten und andere der öffentlichen Sicherheit gefährliche Personen", die der Regierungsrat Karl Eberhard von Wächter, WKV-Gründungsmitglied, 1807 erlassen hatte, zum Vagabundenkongress 1929 und zu einer Ausstellung "vom Leben und vom Überleben auf der Straße" 1982 unter dem Titel Wohnsitz: Nirgendwo. Denn, das wird anhand der Plakate und Kataloge deutlich, spätestens unter den Direktoren Uwe M. Schneede und Tilman Osterwold, also ab 1968, hatte der WKV ein ausgesprochen politisches Programm. Hier möchten Iris Dressler und Hans D. Christ anknüpfen.



Partizipative Forschung
Worum es dem Direktorenpaar eigentlich geht, steht über einer weiteren Stelltafel: "Die ungelösten Probleme der bürgerlichen Gesellschaft". Das war ebenfalls ein Ausstellungstitel, nämlich zu Honoré Daumier 1975. Denn die bürgerliche Gesellschaft, die sich zur Zeit der Gründung des Kunstvereins konstituiert hat, existiert bis heute. Ausgeschlossen waren nicht nur Frauen und Wohnsitzlose, sondern auch Menschen aus anderen Weltregionen. Eine ganze weitere Stelltafel ist der Kolonialgeschichte gewidmet. In derselben Gewerbehalle, in der 1927 der Deutsche Werkbund die Ausstellung Die Wohnung veranstaltete, im Zuge derer die Weißenhofsiedlung entstand, fand ein Jahr später eine Kolonialausstellung statt.
Allerdings ist vieles in der Geschichte des Vereins noch gar nicht richtig erforscht. Die NS-Zeit zum Beispiel, aber auch die Ausstellungen und Mitglieder der vorangegangenen Jahre. Daraus ergeben sich spannende Fragestellungen: Welche jüdischen Mitglieder hatte der Verein und was ist aus ihnen geworden? Welche Künstler, die vor 1933 ausgestellt haben, erhielten danach Berufsverbot oder sind emigriert? Aber auch über Alice Widensohler ist im Grunde wenig bekannt. Sie muss umfassende Kenntnisse und gute Kontakte gehabt haben, um von 1946 an ein so ausgesprochen niveauvolles Programm zu gestalten. Bereits ihr Vater, der Fotograf Theophil Hermann Widensohler, hatte 1910 bis 1921 den Kunstverein geleitet.



Solchen Fragestellungen möchten Iris Dressler und Hans D. Christ nachgehen. Und zwar nicht allein, sondern mit Hilfe ihrer Mitglieder und weiterer interessierter Personen. Insbesondere die künstlerische Forschung soll nun zunehmend eine Rolle spielen. In der ersten Ausstellung, genannt Konstellation 1, sind noch nicht viele Arbeiten vertreten. Am auffälligsten vielleicht eine mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz erarbeitete Serie von Daniel García Andújar unter dem hier doppeldeutigen Titel Cancel Culture. Der Künstler hat der KI Bilder beschrieben, die Szenen des Aufstands, Straßenkämpfe oder Denkmalstürze in Stuttgart zeigen. Er wollte wissen, wie viel die KI zensiert, um die Nerven der Betrachter zu schonen oder problematische Inhalte zu blockieren. Herausgekommen sind Bilder, die vor allem eines zeigen: dass die Künstliche Intelligenz immer nur eine vage Ähnlichkeit mit den realen Verhältnissen erzielt.
In der Konstellation 2, ab 24. Mai, sollen schon weitere neu produzierte künstlerische Arbeiten zu sehen sein, die sich mit der Geschichte des Vereins beschäftigen. Die Vorbereitungen darauf sind in vollem Gang, die Konstellation 1 dient auch dazu, Material und Anknüpfungspunkte zu bieten. Ab 23. August folgt dann, als Konstellation 3, die jährliche Mitgliederausstellung, die diesmal thematisch auf die Vereinsgeschichte ausgerichtet ist. Dazu sollen weitere Forschungen treten, die schließlich die Konstellation 4 ab 17. Oktober 2026 befähigen, ein umfassenderes Bild zur 200-jährigen Geschichte des Vereins zu zeichnen. Und der Lehren, die daraus zu ziehen sind.
Konstellation 1: 23.3.-4.5.
Konstellation 2: 24.5.-1.8.
Konstellation 3: 23.8.-21.9.
Konstellation 4: 17.10.2026 – 17.1.2027
https://www.wkv-stuttgart.de/programm/2025/ausstellungen/200-jahre-gegenwart-konstellation-1