Präsident Donald Trump spricht mit Journalisten anlässlich seines Besuchs des John F. Kennedy Center for the Performing Arts in Washington, Montag, 17. März 2025. Foto: picture alliance / via Reuters, Jim Watson.

In schwierigem Fahrwasser

Trotz Millionen Besucher:innen und riesengroßem gesellschaftlichen Vertrauen geraten Kunstmuseeen zunehmend unter Druck.

Seit mehr als fünfzig Jahren sind die Kunstmuseen auf einem langen Weg der Öffnung, der Demokratisierung, der Inklusion. In ihnen sollen alle Teile der Gesellschaft und gerade bisher kunstferne Milieus, sollen Menschen mit Fluchtbiografien oder Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderungen oder Diskriminierungserfahrungen willkommen sein. Beispielhaft für den Anspruch, "die gesamte Gesellschaft in den Blick zu nehmen", ist das seit 2018 von der Kulturstiftung des Bundes aufgelegte Programm "360°", durch das man "kulturelle Vielfalt" an Museen, Theatern und anderen Einrichtungen fördern und "strukturelle Ausschlüsse im Kulturbetrieb verminder[n]" will. Deshalb wurde etwa auch ein eigener "Diversitätskompass" mit "praxisnahen Tipps" zur "Öffnung von Kulturinstitutionen" entwickelt.1

Getragen sind solche Projekte von der Überzeugung, dass es sich dabei um Ziele handelt, für die keine Grenzen existieren. Letztlich soll jede Hemmschwelle gefallen, jede Chancenungleichheit überwunden sein. Und das nach und nach überall: Institution um Institution, aber genauso Land um Land. Damit gehört dieser lange Weg der Öffnung auch in den Prozess der Globalisierung, der seinerseits auf immer mehr Teilhabe von immer mehr noch so unterschiedlichen Partnern angelegt ist. Ihm gegenüber schien es nach Ende des Kalten Kriegs ebenfalls keine nennenswerten Widerstände mehr zu geben. Man glaubte, es sei nur eine Frage der Zeit, bis allenthalben derselbe offene Geist, derselbe Pluralismus, dieselbe Gleichberechtigung – die sogenannten 'westlichen Werte' – durchgesetzt seien.

Der "Rückbau" der Globalisierung

Spätestens mit der zweiten Wahl von Donald Trump – für viele schon früher, sei es mit dem Brexit, mit Putins Neoimperialismus oder mit dem Wiederaufstieg Chinas zu einer Großmacht – ist der Prozess der Globalisierung nach westlichem Vorbild jedoch in der Rückabwicklung begriffen. Statt auf Austausch und Vernetzung wird nun vermehrt wieder auf Abgrenzung und Unterwerfung, auf autokratische statt auf demokratische Prinzipien, auf eine multipolare und nicht auf eine freie Welt gesetzt. Damit aber geraten auch jene Ziele von Öffnung und Inklusion neu in den Blick, die Transformationsprozesse westlicher Kulturinstitutionen, ihre Initiativen für mehr Integration und generell ihr gesellschaftspolitisches Engagement erscheinen nicht länger selbstverständlich. Oder wecken sogar Misstrauen: War man vielleicht zu naiv, aber auch zu selbstgewiss und zu einseitig, so dass die nun vermehrt vernehmbaren Rufe nach einer Kehrtwende, ja der Boom an programmatischen Vokabeln, die mit 'Wieder-', 'Rück-' oder 'Re-' beginnen, als eine Notbremsung, zumindest aber als eine natürliche Reaktion einzuschätzen sind?

Tatsächlich ist es aktuell sehr beliebt, jeden rechtspopulistischen Aktivismus, jeden neuen Autoritarismus, jeden demokratiefeindlichen Standpunkt damit zu erklären, ja gar damit zu entschuldigen, dass mit der Wokeness, mit der Rücksicht auf noch so kleine Minderheiten übertrieben worden sei. Und gerade der Kulturbetrieb, in dem man, was die Sensibilität gegenüber Diskriminierungen, aber generell eine Moralisierung und Politisierung des Diskurses anbelangt, weiter fortgeschritten war als in vielen anderen Bereichen, erscheint dann als besonders fragwürdig – und korrekturbedürftig.

Einerseits spüren nun diejenigen Rückenwind, die schon lange gegen die Programme von Museen und Theatern, von Kunstvereinen und Literaturhäusern wetterten, ihre Abneigung nun aber umso markiger, umso aggressiver formulieren, ja in krassen Fällen sogar regelrechte Vernichtungsphantasien ausleben. So forderte Ulf Poschardt angesichts der Berufung des Konservativen Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister nicht weniger, als dass der "weitgehend steuerfinanzierte Kulturbetrieb [...] im Zweifel kaputtgemacht werden" müsse.2 Zugleich trauen sich nun viele hervor, die mit der Praxis der Öffnung und Pluralisierung auch noch nie einverstanden waren, aber missmutig schwiegen, solange die DEI-Politik – das Bekenntnis zu den Zielen Diversität, Gleichberechtigung (Equality), Inklusion – an Museen, in Ausstellungshäusern sowie in anderen Kulturinstitutionen unumstritten war. Wollten sie nicht als weiße alte Männer und Looser dastehen, wittern sie nun Morgenluft und holen, oft mit lang gereifter Wut, zum Gegenschlag aus.

Sie haben dafür auch ziemlich effiziente Mittel gefunden. Am liebsten operieren sie mit simplifizierenden Gleichungen, identifizieren also etwa Kurator:innen oder Künstler:innen, die sich in ihrer Arbeit für und mit Minderheiten auf 'postcolonial studies' berufen, seit dem 7. Oktober 2023 pauschal als propalästinensisch und BDS-nah, um sie dann im nächsten Schritt auch gleich des Antisemitismus zu bezichtigen. Auf diese Weise ließ sich schon mancher Shitstorm auslösen, manche Ausstellung verhindern und mancher Fördertopf schließen. Und aus Angst, sich eventuell angreifbar zu machen oder in kulturrelativistische Debatten zu geraten, haben Kunstinstitutionen auch diverse Projekte abgebrochen und Programme geändert, ja vor allem die Zusammenarbeit mit Leuten aus dem Globalen Süden sowie aus Ländern reduziert, in denen andere historische Erfahrungen zu anderen Einschätzungen der aktuellen politischen Lage führen können.

Gegenwind: "Celebrations of Identity"

Andererseits gibt es Leute, die ihre Meinung ändern und widerrufen, was sie selbst lange Zeit proklamiert hatten. Das mag Opportunismus sein oder von schlechten Nerven zeugen, manchmal drückt sich darin aber vielleicht auch hochkulturell-bildungsbürgerlicher Dünkel aus, der eine Zeitlang zurückgedrängt gewesen sein mag, nun aber umso manifester wird. So schrieb Dieter Roelstraete, bekannt geworden als einer der Kuratoren im Team von Adam Szymczyks hochpolitischer Documenta 14 im Jahr 2017, im Januar 2025 in seiner Kolumne bei "Monopol" ganz überraschend, "dass die Identitätspolitik die zeitgenössische Kunst zerstört hat". Sei es "fortschrittlichste Politik" gewesen, sich für Minderheiten einzusetzen, so habe man damit letztlich die "rückschrittlichsten und konservativsten Formen" gefördert, habe Dinge wie "Weberei und Keramik" kunstwürdig gemacht oder der "figurativen Malerei" erneut die Tore der Kunstinstitutionen geöffnet. Auf diese Weise habe man aber der Kunst selbst geschadet.3 In anderen Worten: Wollte Roelstraete so lange politisch fortschrittlich sein, solange man damit viel Beifall bekam, ist er mittlerweile lieber wieder bezogen auf Kunst fortschrittlich, was für ihn gleichbedeutend damit ist, Schwieriges, Voraussetzungsreiches, eben Noch-nicht-Durchgesetztes, bevorzugt aus den eigenen, westlichen Kunstsparten zu mögen.

Bei seiner Rückbesinnung auf das, was ehedem als gute und wahre Kunst galt, berief Roelstraete sich auf den Kunstkritiker Dean Kissick, der bereits einige Wochen zuvor im "Harper's Magazine" eine Generalabrechnung mit der zeitgenössischen Kunstwelt vorgelegt hatte. Dabei deklarierte er die Arbeiten in Ausstellungen, in denen in den letzten Jahren Kunst von Frauen und Queeren, aus dem Globalen Süden und von People of Colour gezeigt wurde, als Exzesse identitätspolitischer Huldigung ("celebrations of identity"), die zwar inhaltlich fortschrittlich sein mögen, ihrer Form nach aber traditionell und konservativ seien ("progressive in content, but conservative in form").4 Und so gelangte auch er zu dem Schluss, dass die Kunst nicht mehr innovativ oder interessant sei, seit in ihr vor allem die Stimmen von Marginalisierten in Erscheinung träten, ja dass die Identitätspolitik zum Totengräber jeglicher relevanten, aufregenden Kunst geworden sei.

Zwar vollziehen Roelstraete und Kissick ihre Kehrtwende nicht auch politisch, plädieren also nicht für einen reaktionär-autoritären Kurswechsel, aber der Zeitpunkt ihrer Interventionen ist zumindest so gewählt, dass sie Museen und anderen Kulturinstitutionen damit massiv in den Rücken fallen. Gerade jetzt, wenn diese wegen des weltweiten Rechtsrucks, wegen immer unverhohlener demokratieverachtender Kräfte, die das Recht des Stärkeren preisen und jegliche Rücksichtnahme auf Randgruppen abwickeln wollen, ohnehin schon heftigen Gegenwind spüren, haben sie also auch noch gegen unsolidarische Stimmen aus dem eigenen Milieu zu kämpfen. Als wären sie nicht bereits voll damit beschäftigt, ebenso kurzfristige wie massive, manchmal sogar existenzielle Kürzungen ihrer Etats sowie politische Einmischungen in ihre Projekte abzuwehren, müssen sie jetzt zudem auf Vorwürfe reagieren, sie hätten im Grunde seit Jahren alles falsch gemacht.

Selbstverständlich kann man einiges, was unter Schlagworten wie 'Inklusion' oder 'Diversität' durchgeführt wurde, für übertrieben oder schlecht gemacht halten, kann auch beklagen, dass Berufungen auf einen Minderheitenstatus immer mal instrumentalisiert wurden, kann schließlich auch etwas resigniert erkennen, dass man sich vielleicht doch nicht so gut an die Artefakte von Menschen aus Minderheiten oder aus lange unterdrückten Kulturen gewöhnte, wie man das erhofft hatte, aber das alles rechtfertigt nicht die Unterstellung, identitätszentrierte Kunst sei per se formal altbacken und ästhetisch minderwertig. Derartige Pauschalurteile zeugen nicht gerade von Sachverstand und hermeneutischem Differenzierungsvermögen, sind aber vor allem katastrophal in Zeiten, in denen Angehörige von Minderheiten ohnehin zunehmend dem Verdacht oder gar Vorwürfen ausgesetzt sind, sie hätten einen Job, ein Stipendium oder irgendetwas sonst nur bekommen, weil sie wegen ihres Status bevorzugt worden seien, hätten somit letztlich vermeintlich bessere Leute verdrängt, die keiner Minderheit angehören.

Wer aus alter hochkultureller Sehnsucht lieber wieder mehr Konzeptkunst, mehr Hermetisches, Provokantes oder Anspielungsreiches, ja vor allem Werke sehen will, die möglichst viel mit der eigenen Bildungsbiografie zu tun haben, sollte also aufpassen, nicht unfreiwillig autoritären und rechten Kräften Schützenhilfe zu leisten. Denn wenn diese Erfolg haben, bekommt man umso weniger eine Kunst, die avanciert und anspruchsvoll ist. Vielmehr werden Museen und andere Kunstinstitutionen dann dazu genötigt, wieder den sogenannten gesunden Menschenverstand zu repräsentieren, in Ausstellungen konservative Familienkonzepte und traditionelle Rollenbilder zu bedienen sowie Ideen von Nation, Heimat, Tradition, Heldentum zu pushen. Daher sollte allen, die nicht sowohl politisch als auch ästhetisch rückschrittlich sein wollen, sehr daran gelegen sein, die Kulturinstitutionen in diesen für sie schwerer werdenden Zeiten zu schützen.

Widerstand gegen den "antiintellektuellen Kampf"

Je länger die zweite Präsidentschaft von Donald Trump währt, desto deutlicher wird, wie krass ein autoritäres Regime gerade auch in kulturellen Fragen Macht ausübt. Nicht genug damit, dass von den Kulturinstitutionen verlangt wird, sämtliche DEI-Projekte aufzugeben, ordnete Trump Ende März etwa per Dekret an, dass das Smithonian, ein Verbund von Museen und Forschungseinrichtungen, fortan bei sämtlichen Projekten und Ausstellungen die Auffassung vertreten müsse, es gebe nur zwei Geschlechter und es gebe klar voneinander unterscheidbare Rassen. Was unter dem Titel "Restoring Truth and Sanity to American History" verlautbart wurde,5 stellt einen der größten Eingriffe in Kulturinstitutionen sowie in die Diskurse einer freien, modernen Welt dar und hat entsprechend zu scharfen Reaktionen geführt. In einem ungewöhnlichen Schritt verfassten etwa der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, sowie seine designierte Nachfolgerin Marion Ackermann gemeinsam ein Statement, in dem sie diesen "Angriff" auf die unabhängigen Museen als "antiintellektuellen Kampf" kritisieren, "der gegen alles zielt, was den Menschen frei macht".6

Gewiss haben die beiden bei ihrem Protest nicht nur an die US-Regierung, sondern auch an Europa gedacht: an ein Land wie Ungarn, wo Kultureinrichtungen – wie unter der PIS-Regierung zuvor bereits in Polen – ebenfalls unter starkem Druck stehen, so dass, metaphorisch gesprochen, alle Regenbogenflaggen durch Flaggen in Nationalfarben ersetzt werden müssen. Aber selbst in Deutschland drohen vergleichbare Eingriffe. Wenn in einzelnen Bundesländern erst einmal die AfD mitregiert oder auch nur Minderheitsregierungen unterstützt, kann sie ihrerseits direkt Einfluss nehmen auf Stellenbesetzungen, Etats und programmatische Schwerpunkte in Museen und anderen staatlichen Kultureinrichtungen.

Man mag unken, die Museen seien selbst schuld, wenn sie nun unter politischen Druck gerieten, hätten sie sich doch ohne Not ihrerseits stark und parteiisch gesellschaftspolitisch engagiert und damit exponiert. Wären sie neutral, ja unpolitische Kunsttempel geblieben, müssten sie sich jetzt auch nicht vor einer gewandelten politischen Großwetterlage fürchten. Doch wer so denkt, übersieht, welche Legitimationsprobleme die Museen in den letzten Jahrzehnten (zurecht) bekommen hätten, wären sie die Bastionen einer kleinen gebildeten Elite geblieben, die sie die längste Zeit ihrer Geschichte waren. So jedoch, dank ihrer jahrzehntelangen Strategie der schrittweisen Öffnung, gehören sie mittlerweile zu den erfolgreichsten und wichtigsten Institutionen überhaupt. Mag den einen die Inklusion nicht schnell genug vorangehen und mag den anderen zu viel Wert darauf gelegt worden sein, so ist jedenfalls nicht zu bestreiten, dass es allein dem Kurs der letzten Jahrzehnte zu verdanken ist, wenn Museen heute zu den Institutionen gehören, denen mit am meisten Vertrauen entgegengebracht wird.

Diese Stellung auch nur halbwegs zu bewahren, ist in wechselhaften, polarisierten Zeiten extrem schwer, zumal wenn man sieht, dass andere Institutionen, die lange Zeit kaum umstritten waren, etwa der öffentlich-rechtliche Rundfunk, bereits voll ins tagespolitische Kreuzfeuer geraten sind. Doch je mehr abschreckende Beispiele aus anderen Ländern es gibt, was die Gängelung und ideologische Bevormundung von Kulturinstitutionen betrifft, desto besser stehen vielleicht auch die Chancen, dass genügend Leute hier merken, wie viel verloren ginge, dürften die Museen ihren langen Weg der Öffnung nicht fortsetzen.


1 360°. Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft.

2 Ulf Poschardt, Die Kultureliten sollten diesen Mann fürchten, in: Welt, 02.05.25.

3 Dieter Roelstraete: Ende des 'goldenen Zeitalters'. Hat die Politik die zeitgenössische Kunst zerstört?, in: Monopol 1/2025.

4 Dean Kissick: The Painted Protest, in: Harper’s Magazine 12/2024.

5 The White House, Presidential Actions, Restoring The Truth And Sanity To American History.

6 Instagram-Account der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.