Überraschende Verwandtschaften
Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Meine erste Begegnung mit Kunst aus der DDR kann ich genau datieren. Sie fand im Sommer 1983 statt, als die Ausstellung "Zeitvergleich – Malerei und Grafik aus der DDR" im Lenbachhaus in München Station machte. Davor war diese in mehrerlei Hinsicht ungewöhnliche Ausstellung schon in Hamburg, Stuttgart und Düsseldorf zu sehen, danach noch in Nürnberg und Hannover. Sie hatte vier sehr unterschiedliche Verantwortliche, war einerseits vom Staatlichen Kunsthandel der DDR, andererseits von der Galerie Brusberg in Hannover organisiert; über die Exponate entschieden ferner Uwe M. Schneede, Leiter des Kunstvereins in Hamburg, sowie Axel Hecht, Chefredakteur des Kunstmagazins "art". Zu sehen waren Werke von dreizehn Künstlern (ja, nur von Männern): von Willi Sitte, dem langjährigen Präsidenten des Verbands Bildender Künstler der DDR, bis hin zu Außenseitern wie Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus. Ausdrücklich sollte also ein plurales Bild der Kunst in der DDR gezeichnet werden, aber natürlich ging es von Seiten der DDR auch um außenpolitische und ökonomische Interessen. So war ein Teil der ausgestellten Werke sogar zum Verkauf vorgesehen.
Für mich, damals 16 und mit noch wenig Seherfahrung, waren Altenbourg und Werner Tübke am aufregendsten, aber auch Volker Stelzmann und Sighard Gille beeindruckten mich: Spielarten von technischer Akribie und ikonografischer Finesse, die ich aus der damaligen Kunst in Westdeutschland, die entweder abstrakt oder von den Neuen Wilden geprägt war, so nicht kannte. Es gab also einen Exotismus-Faktor und entsprechend große Neugier. Dazu kam, dass die Ausstellung in einer der kältesten Phasen des Kalten Kriegs stattfand: als der NATO-Doppelbeschluss umgesetzt wurde, ein Atomkrieg sehr real schien und das Lebensgefühl vieler meiner Generation mit der Losung 'No Future' knapp und klar umschrieben war. Da zu sehen, dass es auch 'auf der anderen Seite' Ängste gab, die sich in vielerlei Bildentwürfen äußerten, war tröstlich, gar ein Zeichen der Hoffnung, es könnte vielleicht doch Möglichkeiten der Verständigung und des Aufeinander-Zugehens geben.

So weit nicht von einander entfernt
Im Rückblick erscheint diese Ausstellung umso wichtiger. Denn im Wissen darum, wie respektlos und erniedrigend nach der Wende von westlicher Seite wiederholt mit Kunst aus der DDR umgegangen wurde, wirkt sie als Gegenbeispiel, ja vermittelt eine Idee davon, wie die deutsch-deutsche Kunstgeschichtsschreibung nach 1990 deutlich besser hätte verlaufen können. Geradezu provokant versöhnlich ist etwa ein Essay von Günter Grass im Katalog von "Zeitvergleich". Darin betont er, in Ost und West hätte die Kunst angefangen, "sich zu gleichen", da auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs "Schwerter nicht zu Pflugscharen werden dürfen". Jeweils also bilde sich "grenzenloses Erschrecken" ab, wobei er den Künstlern aus der DDR attestiert, "deutscher" zu malen. Sie trügen "schwerer und ausfluchtloser an der deutschen Vergangenheit", ihre Kunst sei daher existenzieller und radikaler; sie hätten Dix und Beckmann als große Referenzfiguren, im Westen seien hingegen eher, wie bei den Neuen Wilden, die Grass guthieß, Kirchner und Nolde der Maßstab.1
In Rezensionen der Ausstellung wurde ebenfalls auf Ähnlichkeiten von Ost und West hingewiesen. So schrieb Peter Sager in der ZEIT: "'Zeitvergleich': Eine Angst geht um in Deutschland, und sie findet gemeinsame Chiffren, vergleichbare Bilder. Mattheuers panischer 'Albtraum' und Helmut Middendorfs apokalyptischer 'Flugzeugtraum'; Rainer Fettings 'Kreuzigung' (West) und Volker Stelzmanns 'Kreuzabnahme' (Ost); Immendorffs 'Café Deutschland' und Heisigs deutsche Szenen: Das ist so weit nicht voneinander entfernt, wie Stil- und Systemkritiker auf beiden Seiten wohl annehmen möchten.2 In der FAZ diagnostizierte Eduard Beaucamp eine "überraschende Verwandtschaft" der Kunst in Ost und West – und zwar "in der malerischen Unrast, in einer ebenso angstvollen wie aggressiven Expression und in schweifenden Versuchen, dem Lebensgefühl wieder Ausdruck zu geben, dafür Räume zu erschließen und Identifikationsfiguren zu erfinden." Und wie Grass sah auch er die Kunst aus der DDR als überlegen an, erkannte eine "Fähigkeit zum Bild", die der Kunst im Westen "abhanden gekommen" sei, da sie sich "auf weiten Strecken in formalen Strategien" sowie in einem "Autonomiedenken verstieg[en]" habe.3
Doch ob die Ausstellung "Zeitvergleich" in der Bundesrepublik auch dann zu einer derart selbstkritischen Revision der eigenen Kunst geführt hätte, wenn eine Wiedervereinigung schon als realistische Option empfunden worden wäre? Schon bald nach der Wende blickte man jedenfalls viel misstrauischer auf die Werke aus der DDR, betonte nun vor allem die Unterschiede. Zum Teil geschah das in einer Heftigkeit, die zumindest alle überraschen musste, die das konstruktive Diskursklima rund um die "Zeitvergleich"-Ausstellung mitbekommen und diese, wie ich, als kanonbildend im Gedächtnis behalten hatten. Plötzlich erfuhren etliche der Künstler, die man dem Westen noch wenige Jahre zuvor geradezu als Vorbilder präsentiert hatte, scharfe Ablehnung oder fanden sich sogar in Schmähausstellungen wieder. Am schlimmsten trieb man es 1999 in Weimar, in der Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne", die Teil des Programms der damaligen Kulturhauptstadt Europas war. Hier wurden mehrere hundert Werke von Kunst aus der DDR nicht nur zusammen mit Kunst aus der NS-Zeit präsentiert und dieser damit gleichgestellt, sondern zudem ohne thematische Gliederung eng an eng in mehreren Reihen vor Plastikfolie gehängt, wie sie sonst für Müllsäcke verwendet wird – als habe der (westdeutsche) Kurator Achim Preiß sie komplett entsorgen wollen.
Kunst oder nur Geschichte?
Viel häufiger ließ man Kunst aus der DDR in den Jahrzehnten nach der Wende aber einfach verschwinden: aus ideologischer Absicht, infolge der Überzeugung, zu den Siegern der Geschichte zu gehören, oder vielleicht auch nur, weil es sich nicht mehr gehörte, sie ernst zu nehmen. Uwe M. Schneede, der für die Auswahl von "Zeitvergleich" mitverantwortlich war und im Katalog zur Ausstellung Willi Sitte als Künstler beschrieben hatte, der in der DDR oft angeeckt sei, vor allem aber "mit seinen Bildern, den großen und den kleinen, den politischen und den intimeren, den 'konventionellen Sehschlitz' des sozialistischen Realismus weit geöffnet" habe4, erwähnte ihn in seinem 2001 publizierten Buch "Die Geschichte der Kunst im 20. Jahrhundert" kein einziges Mal mehr. Und auch sonst ließ er die Kunst aus der DDR, der er knapp zwei Jahrzehnte zuvor einen langen, verständnisvollen, werbenden Katalog-Essay gewidmet hatte5, nahezu vollständig unter den Tisch fallen.
Nicht wenige stellten nun wie der Kurator Siegfried Gohr (im Jahr 2009) die rhetorische Frage: "Gehört die 'DDR-Kunst' nicht eher in ein historisches Museum als in ein Kunstmuseum?" Sie bestünde aus "zeitgebundenen, situationsbedingten und oft epigonalen Werke[n]". Und wegen Stimmen wie der von Beaucamp, die die Kunst aus der DDR verteidigt hatten, folgerte Gohr gehässig, "Kunst, die [...] ihre Autonomie einfordert", sei im Westen wohl doch "nicht wirklich verankert"; offenbar sympathisiere man mit unfreier, im Auftrag entstandener Kunst.6
2017 gab es die vorerst letzte Etappe dieses ‚Bilderstreits’, ausgelöst von einer Neuhängung in der Galerie Neuer Meister im Dresdner Albertinum. Viele 'Ossis' empörte es, dass Hilke Wagner, Direktorin aus dem Westen, Kunst aus der DDR ins Depot verbrachte und sich am westlichen Kanon der Klassischen Moderne orientierte. Paul Kaiser, Kunsthistoriker ostdeutscher Provenienz, beklagte, man könne beim Rundgang durch die Museumsräume den Eindruck gewinnen, "dass es die DDR nie gegeben habe".7 Im selben Jahr fand im Albertinum aber auch die letzte Station der Wander-Ausstellung "Geniale Dilettanten" statt, die für diese Etappe erweitert wurde und sich gleichberechtigt den künstlerischen und musikalischen Subkulturen der 1980er Jahre in der Bundesrepublik und in der DDR widmete. Hier wurden endlich wieder Ähnlichkeiten zwischen beiden Deutschlands sichtbar, zugleich entstand ein sehr anderes Bild von der Kunst in der DDR als ehedem bei "Zeitvergleich", zeigte man doch etwa auch die Autoperforationsartisten, A.R. Penck oder Cornelia Schleime.
In ähnlicher Lage wie Goya, Grünewald, Raffael?
Ausstellungen wie diese könnte es gerne noch häufiger geben. Zugleich aber wäre es sicher lohnend, sich der Kunst aus der DDR – ihren offiziellen Spielarten – nochmal neu zuzuwenden, diesmal jedoch, gerade weil sie oft im Auftrag entstand und nicht in derselben Weise autonom war wie im Westen. Denn mittlerweile gibt es ja viele neue Formen offener oder verkappter Auftragskunst, die etwa im Namen von Kurator:innen für Biennalen oder für Sammler:innen und einen nachfrageorientierten Markt entsteht; zugleich boomen politische und aktivistische Bewegungen, die Kunst instrumentell einsetzen, ebenso kooperieren Künstler:innen gerne mit Modelabels, Designstudios, Wissenschaftsinstitutionen oder NGOs. In all diesen Fällen hat die Kunst keine absolute Stellung mehr, sondern muss sich erst mit anderen Interessen, ja mit Vorgaben und Zielen ins Benehmen setzen, die Dritte bestimmen.
Damit aber bieten sich Vergleiche mit Künstler:innen in der DDR an: Man kann studieren, wie sie künstlerische und gesellschaftspolitische Anliegen gegeneinander abgewogen und miteinander verbunden haben oder welches Selbstverständnis sie aus ihrer staatstragenden Rolle gewannen. Aussagen, wie sie etwa Bernhard Heisig im Zuge der Ausstellung "Zeitvergleich" in einem SPIEGEL-Interview getätigt hat, erscheinen dann in anderem Licht, sind nicht mehr nur von historischem Interesse. So sah er sich "in ähnlicher Lage wie Goya, Grünewald, Raffael", die ihrerseits mit von außen kommenden Anforderungen umzugehen hatten, sich daher aber auch wichtig und gebraucht fühlen konnten. Kein Außenseiter zu sein, der auf sich allein gestellt ist, erschien Heisig ausdrücklich als Vorteil: "Ich bedarf einer Umgebung, die mich auch fordert, geistig trägt, die mir ein Zentrum anbietet."8 In ein paar Jahren gibt es also vielleicht die erste Ausstellung, die mit der These auftritt, dass Kunst aus der DDR aufschlussreicher für die Gegenwart ist als vieles dessen, was zeitgleich im Westen entstanden ist. Aber das führt dann sicher zu einem neuen 'Bilderstreit'!
1 Günter Grass: Sich ein Bild machen, in: Zeitvergleich – Malerei und Grafik aus der DDR, Hamburg 1982, S. 11–13.
2 Peter Sager: Kunst im Maßanzug. Die progressiven Rückzüge – ein gesamtdeutsches Phänomen, in: ZEIT 48/1982, auf: https://www.zeit.de/1982/48/kunst-im-massanzug/komplettansicht.
3 Eduard Beaucamp: Zwei Sprachen?, in: FAZ vom 14. Mai 1983
4 A.a.O. (Anm. 1), S. 181.
5 Ebd., S. 14–29.
6 Siegfried Gohr: Die DDR-Kunst war nur ein Nebenkriegsschauplatz, in: WELT vom 2. Juni 2009, auf: https://www.welt.de/welt_print/article3843354/Die-DDR-Kunst-war-nur-ein-Nebenkriegsschauplatz.html.
7 Paul Kaiser: Wende an den Wänden, in: Sächsische Zeitung vom 18. September 2017.
8 "Rembrandt hatte auch nicht immer recht". Bernhard Heisig über die Bedingungen der Kunst in der DDR, in: DER SPIEGEL 27/1984, auf: https://www.spiegel.de/kultur/rembrandt-hatte-auch-nicht-immer-recht-a-1a0dcfd5-0002-0001-0000-000013508073.
Weitere Beiträge aus unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" finden Sie hier:
Teil 1: Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten - Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Teil 2: Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhaben - Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR
Teil 4: Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst - Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst
Teil 5: Luise Wolf: "Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen". Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR.
Teil 6: Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR