Gregor Schneiders Projekt "Welcome" in Haus Esters in Krefeld.
Von Gregor Schneider erwarte ich im Grunde nicht weniger, als dass seine Projekte Fragen aufwerfen, die sich zwar auf leisen Pfoten anschleichen, mich aber dann mit um so größeren Nachdruck beschäftigen, weil es mir nicht gelingen will, sie klar zu formulieren. Geschweige denn, sie zu beantworten. Es wundert mich daher nicht, dass ich, wenn es um Charakterisierungen seines künstlerischen Tuns geht, auffällig häufig das Wort "unheimlich" lese. Unwillkürlich lauscht man diesem Wort hinterher, wenn man Gregor Schneiders Werk gut genug kennt, um zu wissen, dass es sich immer wieder um Haus und Heim dreht.
Die Beschreibungen dessen, was dieser Künstler denn nun eigentlich tut, liefern zunächst einen eher allgemeinen Begriff von dem, was ihn umtreibt: Nachlesen kann man, dass er "Räume" herstellt. Die sehen so aus, als würden sie von Menschen genutzt, denn sie verfügen über die Kennzeichen menschlichen Gebrauchs wie Türen und Fenster, Beleuchtung, Möbel oder Geschirr. Als begehbare Skulpturen sollen sie verstanden werden. Und es heißt, dass sie die Räume, in denen sie installiert wurden, verschwinden lassen. Das hört sich eher unspektakulär an. Schaut man sich Abbildungen seiner Projekte an, stellt sich allerdings ein bestimmter Eindruck ein: Gregor Schneiders Räume wirken auch dann, wenn sie wie im Falle seines "Haus u r" einer fiktiven Bewohnerin wie jener Hannelore Reuen zugeschrieben werden, als seien sie unbewohnt. Zwar verweisen sie eindeutig auf Menschen, aber auch mir präsentieren sie sich tatsächlich im eigentlichen Sinn des Wortes als un-heimlich.




Welcome?
Im Haus Esters läuft die Sache allerdings ein bisschen anders. Nicht Gregor Schneider hat hier etwas gemacht, sondern eine Familie, die er für diesen Zweck beauftragt hat. Diese Familie ist in Haus Esters, also einem Gebäude, das zum Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld gehört und früher ein Wohnhaus war, für ein paar Wochen eingezogen. Jetzt sind sie wieder weg, ihre Sachen sind mit ihnen verschwunden. In den Räumen des Hauses erinnern nur noch Spuren an ihre Anwesenheit: Zu sehen sind Tapeten, Vorhänge und Deckenleuchten. An einigen Stellen sind Bohrlöcher in den Wänden. Vielleicht war dort ein Regal befestigt. Wer genau hinschaut, findet weitere Gebrauchsspuren. Wäre es nicht so sauber, würde man sagen, hier ist gerade jemand ausgezogen, der das, was er andernorts nicht gebrauchen kann, einfach dagelassen hat. Zum Beispiel ein golden leuchtendes Relief aus Plastik, eine Kalligrafie mit einer Sure aus dem Koran, die an der Wand hängt, als sei sie einfach vergessen worden.
Eigentlich kann man nur Vermutungen anstellen, wer für das, was hier gezeigt wird, ursächlich verantwortlich ist. Aber während man durch die Räume geht, beginnt man unwillkürlich zu spekulieren: Ist es tatsächlich so, dass von den Bewohnern irgendetwas einfach zurückgelassen wurde? Zum Beispiel die grauen Topflappen, die in der Küche einsam an der Wand hängen? Die Mikrowelle, die dort nutzlos herumsteht? Oder gab es Regieanweisungen des Künstlers – nicht nur beim Auszug, sondern vielleicht schon beim Einzug, zum Beispiel bei der Auswahl der Vorhänge und Tapeten? Haben die Kurzzeit-Bewohner ihre Möbel mitgebracht? Und wenn nicht, wer kam für Ausstattung und Einrichtung auf? Gab es ein Ausstellungs-Budget, aus dem sie finanziert wurden? Und wohin gingen die Bewohner nach ihrem Auszug?
Sobald man beginnt, derartige Fragen zu stellen, verändert sich das Licht, in dem sich Gregor Schneiders Projekt zeigt. Die "Hinterfragung der Neutralität musealer Räume", von der in einem Ausstellungstext des Museums die Rede ist, verliert nach und nach vor allem eins – die Neutralität. Hier geht es nicht um Petitessen, die im Kontext des durch die Ausstellung angestoßenen Diskurses zurücktreten müssen. "Die Möbel und das ganze Inventar ist jetzt wieder bei mir in der Halle", berichtet der Künstler. Heißt das, dass die Interims-Bewohner hier, im Haus Esters der Krefelder Kunstmuseen, für eine begrenzte Zeit in einer Art Schnupperkurs eine selbstbestimmte Wohnästhetik antesten durften? Die Familie, von der hier die Rede ist, hört, so wies es das zeitweise installierte Klingelschild aus, auf den Namen "Alhmam Aldaas".


"Was mir aufgefallen ist, dass auch häufig die Rollladen runter waren"
Wie kam "Welcome" zustande? Die Familie Alhmam Aldaas kam aus Syrien zu uns. Ein Familie also, vor dem Krieg geflohen, bestehend aus einem Ehepaar und zwei Töchtern. Die beiden Töchter kamen in Deutschland zur Welt. Aus einem Beitrag des WDR erfährt man, dass der Mann bei einem Fahrdienst beschäftigt sei, "unter seinem Ausbildungsniveau, wie so oft, wenn Zertifikate nicht anerkannt werden". Anfang April zog die Familie in Haus Esters ein und wohnte dort einige Wochen, in denen das Gebäude für den Publikumsverkehr geschlossen blieb. Im Begleittext zur Ausstellung heißt es, dass sie von Gregor Schneider selbst eingeladen wurde, an seinem Projekt mitzuwirken. Dort liest man außerdem, "wo die Familie hingezogen ist und heute lebt", bleibe offen. Da fragt man sich, wie das sein kann, wenn stimmt, was uns das Museum andernorts (auf einer Plattform für Pressetexte) mitteilt, dass nämlich Gregor Schneider der Familie Alhmam Aldaas seit sechs Jahren eine Wohnung in Mönchengladbach vermiete.
What you see is what you get?
Ob Schneiders "Welcome" ernstgemeint war oder gewissermaßen nur Teil einer Mimikry des Künstlers, die letztendlich auf die Politisierung seiner Kunst zielt, kann man als Besucher der Ausstellung nicht eindeutig beantworten.



Aber man kann sich noch einmal die Abbildungen anderer Arbeiten Gregor Schneiders anschauen. Auffällig ist, dass, trotz vereinzelter, sorgfältig herausgestellter Details wie einem Lüftungsschlitz hoch oben an der Wand, einem offenen Pappkarton in einer Kellerecke oder einer gefalteten Decke auf einer Liege, viele dieser Arbeiten eine ausgeprägte Kargheit der Ausstattung kennzeichnet. Trotzdem geht es nicht um Minimalismus, denn Schneiders Räume liefern mehr als nur das Sichtbare. Die Reduzierung auf das Wesentliche führt einerseits zu einem klarem Raumeindruck und, auch das kann man an verschiedenen Stellen nachlesen, zugleich zu einer Art "Angstlust". Auch das Attribut "verstörend" taucht in diesem Zusammenhang auf.
Das alles gilt auch für den Anblick der hinterlassenen Räume der Familie Alhmam Aldaas. Zumindest mir geht es allerdings so, dass bei diesem Projekt die Architektur Mies van der Rohes nicht einfach in Gregor Schneiders Installation verschwinden will. Der magische Trick misslingt, sie bleibt als Verlust präsent.
ʿan mādhā yadūru hādhā al-maʿraḍ?
Die Räume des Hauses Ester sind, obwohl sie Gregor Schneider nicht gestaltet hat, nachdem sich von der Familie Aldaas verlassen wurden, zu Räumen Gregor Schneiders geworden. (Was, nebenbei angemerkt, der Künstler verdeutlicht, indem er über die VG Bildkunst Urheberrechte geltend macht.) Aber die konzeptionellen Überlegungen des Künstlers tragen das Projekt nicht weit genug.


Worum geht es eigentlich? Das Museum beantwortet diese Frage, wenn überhaupt, dann eher vage, indem es selbst Fragen stellt: nach dem "ästhetischen Einfluss", den die Interims-Bewohner auf das Museum genommen haben. Der Künstler gibt in diesem Zusammenhang Folgendes zu Protokoll: "Es gibt Geschäfte, in denen sich Menschen mit Migrationshintergrund Möbel kaufen. Das sind Geschäfte, die ich so auch noch nicht kannte." Heißt das, er hatte eigentlich etwas anderes erwartet? Vielleicht, im Zusammenhang mit einem Mies van der Rohe-Bau, ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl für die Empfindlichkeiten westeuropäischer Geschmackskultur?
Wahrscheinlich ist er da nicht allein. Denn eigentlich kann jeder Museumsbesucher, der westeuropäisch sozialisiert ist und weiß, dass das Bauhaus mehr als nur eine Baumarktkette ist, sofern er die Frage des Museums nach dem ästhetischen Einfluss ehrlich beantwortet, nur eins sagen: "ungut". So weit geht die Rezensentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung natürlich nicht, spricht aber von einem "Culture Clash" und fragt sich, ob es "angemessen" sei, "Flüchtlinge für eine Kunstprojekt zu instrumentalisieren". Immerhin. Dass sie außerdem von "beklemmenden Räumen", "irritierenden Perspektivwechseln" und dem "Unbehagen einer voyeuristischen Grenzüberschreitung" spricht, fällt dann trotzdem gar nicht so sehr ins Gewicht, weil es in ihrem Text eher undeutlich bleibt, ob sich diese Aussagen konkret auf das Projekt oder eher ganz generell auf die Arbeitsweise des Künstlers beziehen.
Gregor Schneiders Konzept ist vielleicht gut gemeint, aber ihm liegt ein feudaler Gestus zugrunde. Wir sollten das in unserer Kunstbeflissenheit nicht übergehen. "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen"; das wäre in dem Kontext, der hier aufgerufen wird, vielleicht gar nicht so schlecht. Was dann aber nicht nur für den Künstler, sondern für alle Beteiligten gelten müsste, zumal ja auch der vorliegende Text, der sich im gleichen Kontext wie Gregor Schneider bewegt, gar nicht anders kann, als die Familie Alhmam Aldaas zu einem Objekt zu machen. Wer aber stattdessen lieber die guten Seiten eines derartigen Diskurses in den Vordergrund rücken möchte, der ist ja vielleicht auch der Meinung, dass Hagenbecks Völkerschauen eben doch als Beitrag zur Völkerverständigung betrachtet werden können.