Porträt Claudia Emmert. Foto: Zeppelin Museum Friedrichhafen.

Utopien gesucht

Claudia Emmert übernimmt das Kunstmuseum Bonn. Wie sie arbeitet und worauf es ihr ankommt, zeigen aktuelle Ausstellungen in Friedrichshafen und Fellbach.

"Museen waren schon immer politisch", antwortet Claudia Emmert, angesprochen auf das Thema des 18. Internationalen Bodensee-Symposiums im Mai vorigen Jahres: Wie politisch ist die Museumsarbeit? Alle drei Jahre richten das deutsche, schweizerische und österreichische Nationalkomitee des International Council of Museums (ICOM) das Symposium aus, zuletzt 2024 in Friedrichshafen. Emmert leitet dort das Zeppelin Museum und gehört seit drei Jahren zum Vorstand von ICOM Deutschland. Auf dem Symposium moderierte sie eine Diskussion zum Thema Utopien gesucht. Ein Workshop der Bonner Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger stand unter dem Titel: Museum als Revolte! Museumspraxis als politische Praxis. Bonn suchte gerade eine/n Nachfolger/in für den scheidenden Intendanten des Kunstmuseums, Stephan Berg. Im Dezember übernimmt Emmert.

Wie sieht sie das Bonner Museum im Gegenüber zur deutlich besser ausgestatteten Bundeskunsthalle? Der Etat für Wechselausstellungen soll konstant bleiben, der Ankaufsetat sinken, das hat die Stadt Bonn schon vor der Ausschreibung der Stelle beschlossen. Wie soll sich das Kunstmuseum in Konkurrenz zu nahe gelegenen, großern Häusern wie dem Museum Ludwig in Köln oder der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf behaupten? Was Emmert vorhat, wird deutlicher, wenn man sich ansieht, was sie bisher gemacht hat.

Aktuelle Fragen

In Friedrichshafen hat vor kurzem ihre letzte Ausstellung eröffnet. Der Titel Bild und Macht unterstreicht ihre Aussage: Es ist eine politische Ausstellung. Dabei sollte es wieder einmal um den Zeppelin gehen. Das Museum besitzt zwei Sammlungen: die weltweit größte zur Geschichte der Luftschifffahrt und eine vorwiegend regional orientierte Kunstsammlung. Emmert ist durchaus technikaffin, wie Ausstellungen zu Themen wie Möglichkeit Mensch. Körper, Sphären, Apparaturen (2016) oder Innovationen! Zukunft als Ziel (2018) zeigen. Aber sie ist keine Technikfetischistin. Sie tat, was sie immer getan hat, seit sie in Friedrichshafen angefangen hat: Sie drehte die Perspektive um. Statt mit den historischen Fotos und Filmen aus ihrem Archiv die Geschichte des Zeppelins zu feiern, zeigt sie ihren Besucher/innen, wie diese Bilder für Propagandazwecke ge- und missbraucht wurden. Bis hin Fälschungen: Fake News vor der digitalen Ära.

In der Kolonialzeit sollten Bilder des Luftschiffs die technische und militärische Überlegenheit des Deutschen Reichs hervorheben. Im Ersten Weltkrieg wurden vom Zeppelin aus Bomben auf London abgeworfen, was die Engländer zuerst in Angst und Schrecken versetzte, dann aber auch gut für die Gegenpropaganda war: Denn für die Luftabwehr waren die Kolosse, die sich im Schneckentempo vorwärts bewegten, ein leichtes Ziel. Auch die Nazis schlachteten den Zeppelin-Mythos für Propagandazwecke aus. Bis die Katastrophe von Lakehurst 1937 der Herrlichkeit ein Ende setzte.

Dazu lud Emmert drei jüngere Künstler/innen ein, das Thema aus postkolonialer Perspektive zu beleuchten, und schuf eigens dafür ein neues Stipendium. Christelle Oyiri, Schwarze Künstlerin aus Paris, und die in England lebende Usbekin Aziza Kadyri haben im Archiv des Museums gearbeitet. Oyiri stellt etwa in einem Film, hergestellt auch mit den Mitteln der Künstlichen Intelligenz, die Geschichte der Havarie von Lakehurst den Anschlägen auf die New Yorker Twin Towers am 9. September 2001 gegenüber und konterkariert diese Medienereignisse mit den scheinbar naiven Fragen eines kleinen Jungen an Passanten. Die Künstler/innen hat allerdings nicht Emmert selbst ausgesucht, sondern Mara-Johanna Kölmel, die seit Anfang des Jahres die Kunstabteilung leitet.

Die Ausstellung zeigt exemplarisch, wie Emmert in ihren elf Jahren in Friedrichhafen immer wieder vorgegangen ist. Als sie anfing, hielten manche die Abteilung Kunst für verzichtbar. Die Kunstsammlung des Zeppelin Museums besteht aus 3.882 Werken seit mittelalterlicher Zeit. Nach dem Krieg neu aufgebaut, nachdem eine ältere Sammlung zerstört worden war, war sie später allerdings nur noch wenig gewachsen. Emmerts Strategie bestand darin, an beide, die Kunst wie die Technik, aktuelle Fragen zu stellen: auch aus der Perspektive der Gegenwartskunst. Eine Dauerausstellung beleuchtet derzeit die Provenienz der Kunstsammlung: Sie will aber nicht nur zeigen, welche Werke vielleicht zurückerstattet werden müssten, sondern erarbeitet das gesamte Netzwerk aus Künstler/innen, Galeristen, Sammlern und Politik, aus dem die Sammlung in der Nachkriegszeit hervorgegangen ist.

Vertraut mit Politik, Wirtschaft und Verwaltung

Von Emmert kuratiert, zusammen mit ihrer langjährigen Mitarbeiterin Ina Neddermeyer, läuft derzeit in Fellbach bei Stuttgart die 16. Triennale Kleinplastik. Kleinplastik: das klingt nach nicht viel. Aber es steckt einiges dahinter. Bereits 1980 hat der Fellbacher Oberbürgermeister Friedrich Wilhelm Kiel die Triennale ins Leben gerufen. Er wollte Monumentalität vermeiden: Nicht das Format sollte sprechen, sondern Witz und Ideen. Die Triennale wurde von Mal zu Mal größer, konfrontierte westeuropäische Kunst mit solcher aus Osteuropa, dann auch aus Mexiko, Ostasien und Afrika. In den 1990er-Jahren war dies noch ziemlich einzigartig. Allerdings musste die Triennale vorübergehend nach Stuttgart umziehen, da der Fellbacher Gemeinderat seinem OB die Gefolgschaft verweigerte. Seit 2001 findet sie wieder in Fellbach statt, unter dem beeindruckenden Dach der Alten Kelter.

Mit der Triennale schließt sich für Emmert ein Kreis. Sie ist in Fellbach geboren und aufgewachsen und hat hier ihre ersten Schritte ins Berufsleben gemacht. Nach Ausstellungsführungen auf der Triennale 1992 wurde sie stellvertretende Leiterin des Fellbacher Kulturamts und kuratierte erste Ausstellungen in der Städtischen Galerie. Für zehn Jahre wechselte sie anschließend zum Deutschen Sparkassenverlag und wurde dann Leiterin der Städtischen Galerie Erlangen, die sie, auf der Suche nach einer kürzeren URL, in Kunstpalais umbenannte. Hier veranstaltete sie erste ambitionierte, politische Ausstellungen.

Darunter eine zum Thema Töten. "Killerspiele, Amokläufe, Ehrenmorde, Kindstötungen", hieß es in der Ankündigung, "Lustmorde, Selbstmorde, politische Morde, Völkermorde, Selbstmordattentäter, Terroranschläge, Kriege und Bürgerkriege, Töten von Zivilisten, getötete Soldaten, vom Töten traumatisierte Soldaten: Das Töten scheint in unserer medialisierten Welt allgegenwärtig geworden." Emmert interessierten die künstlerischen Perspektiven auf das Tabu-Thema. Es folgte eine Ausstellung zum Thema Freiheit, mit Künstler/innen des Arabischen Frühlings, aber auch Ai Weiwei, der sein Land damals nicht verlassen konnte. Vier Jahre war sie in Erlangen, bevor sie ans Zeppelin Museum wechselte.

Fokus Nachhaltigkeit

Emmerts Triennale steht unter dem Titel Habitate. Sie zeigt 44 künstlerischen Positionen aus allen Teilen der Welt: solche, die schon auf anderen Biennalen zu sehen waren wie Sammy Baloji aus der Demokratischen Republik Kongo, aber auch viele, mit denen Emmert zu verschiedenen Zeiten schon einmal zusammengearbeitet hat. Da sie in Fellbach frei schalten und walten konnte, zeigt die Triennale am besten, worauf es ihr ankommt. Habitat heißt Lebensraum. Es ist eigentlich ein Begriff aus der Biologie, eine Unterabteilung des Biotops. Das ist hier durchaus auch gemeint, aber auch der Lebensraum des Menschen, auch das Zusammenleben mit anderen Arten, wenn etwa, schön sinnfällig, das Kollektiv Blockadia*Tiefsee auf mehreren Erdbetten Kunstwerke mit Regenwürmern ko-kreiert.

Nachhaltigkeit ist Emmert sehr wichtig. Sie gehört einer Arbeitsgruppe Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Deutschen Museumsbund an und hat einen Leitfaden zum Thema mit formuliert. Eine der interessantesten Arbeiten der Triennale behandelt den Abbau seltener Erden in Baotou in der Inneren Mongolei, China. 95 Prozent der in unserer batteriegetriebenen, computergestützten, digitalen Bildschirmwelt so dringend benötigten Rohstoffe werden hier gewonnen. Hinter dem Projekt steckt die interdisziplinäre Recherchegruppe Unknown Fields um Liam Young und Kate Davies, die in wechselnden Missionen verschiedene Gebiete der Welt bereist, um wie der Name besagt, unbekannte Gebiete zu erforschen. Unautorisierte Filmaufnahmen und Fotos zeigen die ökologischen Verwüstungen, die der Abbau der Mineralien anrichtet. Drei Vasen aus schwach radioaktivem Klärschlamm führen die Abfallmengen vor Augen, die etwa bei der Herstellung eines Smartphones anfallen.

Tiefseebergbau im Pazifik; Kalkabbau für die Betonherstellung; aus schwarzem Glas nachgebildete, in Erdöl getunkte Vogelkadaver aus dem Persischen Golf: Dies sind die Themen einiger Arbeiten. Andere beschäftigen sich mit einer Forschungsstation in der Antarktis, der Ausbreitung von Pandemien, globaler Satelliteüberwachung oder Bodenspekulation und Gentrifizierung in Istanbul – bis hin zur Gefahr eines nuklearen Infernos. Aus einer Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt stammen Modelle von Protestcamps, vom Tahrir-Platz in Kairo bis Lützerath. Aber die Triennale will nicht nur Probleme, sondern auch Lösungsansätze aufzeigen: Julia Lohmann etwa hat Membranen aus Algen über Rattangewebe gezogen; entstanden sind formschöne Skulpturen, das Material könnte einmal Kunststoffe ersetzen. Das dänische Kollektiv Superflex baut mit hautfarbenen, scheinbar organischen Lochziegeln, die bei steigendem Meeresspiegel Fischen als Domizil dienen könnten. Raumlabor Berlin hat einen Baukasten entwickelt, der zum Umdenken anregen soll: Flugzeuge, die wegen des Klimawandels nicht mehr fliegen, werden als Baumaterial recycelt. Die Bee DAO, eine netzbasierte Dezentrale autonome Organisation, widmet sich dem Wohlergehen von Bienen.

Und nun Bonn

Bei ihrer Bewerbung in Bonn setzte Emmert alles auf eine Karte. Sie wolle keinen White Cube wie ihr Vorgänger, der vorwiegend klassische Einzelausstellungen gemacht habe. Das Museum soll ein "aktivistischer Verhandlungsort für Gegenwarts- und Zukunftsfragen" werden. Sie beruft sich auf die neue Museumsdefinition, die der ICOM 2022 in Prag verabschiedet hat. Barrierefrei und inklusiv soll das Museum sein, heißt es da; von Diversität und Nachhaltigkeit ist die Rede, die Museen sollen "partizipativ mit Communities" arbeiten. "Museen sind politische Akteure", unterstreicht Emmert. Dies lasse sich an folgender Frage ablesen: Wen oder was repräsentiere ich und was nicht?

"Grundsätzlich müssen Museen wieder deutlich streitbarer werden", fordert sie. "Wir haben uns seit einigen Jahrzehnten in einer Konsensgemütlichkeit eingerichtet. Nun geht es darum, einen Wechsel von der Konsens- zur Dissenskultur im Sinne der Ethik des konstruktiven Streits zu gestalten. Da muss man auch Haltung zeigen, Nerven bewahren und mit Sicherheit auch durch Krisen hindurchgehen können." Ein möglicher Politikwechsel nach den Bonner Kommunal- und OB-Wahlen im September schreckt sie nicht: "Die Kultur muss mit jeder politischen Veränderung klarkommen, ganz gleich ob in Bonn oder in Berlin", erklärt sie und zitiert Alexander Kluge: "Die Künste beherrschen den Konjunktiv, das Futur II, den Optativ, das Konjugieren der Wünsche. Vor allem verstehen sie sich auf das Probehandeln in Geiste."

Die Sammlung des Bonner Kunstmuseums ist mit rund 9.000 Kunstwerken zwar mehr als doppelt so groß wie die des Zeppelin-Museums, lässt sich allerdings mit denen großer Häuser mit internationaler Ausstrahlung kaum vergleichen. Der urspüngliche Schwerpunkt liegt auf August Macke und dem rheinischen Expressionismus, wurde aber von den Vorgängern im Lauf der Jahre immer wieder, vor allem im Bereich Kunst in Deutschland nach 1945 (mit den Schwerpunkten Malerei, Fotografie und zeitbasierte Medien) erweitert. Emmert gehört auch zur Ankaufskommission der Bundeskunstsammlung. In Bonn steht ihr jedoch kein nennenswerter Ankaufsetat zur Verfügung. Und auch der Ausstellungsetat kann sich mit dem der Bundeskunsthalle oder anderer großer Häuser nicht messen. "Ich werde immer wieder auf das vergleichsweise kleinere Budget des Kunstmuseums angesprochen", gibt Emmert zu bedenken. "Das wäre nur dann relevant, wenn wir im Kampf um Blockbuster gegeneinander antreten wollten. Mir geht es tatsächlich mehr um Themen, um aktuelle Fragestellungen unserer Zeit und um den Diskurs, der diese bestimmt – sowie um einen engen Austausch mit den verschiedenen Communities."

Wie das vor sich gehen soll, erläutert sie am Bau des Museums selbst. Das Bonner Kunstmuseum, in den 1980er-Jahren geplant und 1992 eröffnet, entstand gleichzeitig mit dem neuen Plenargebäude des Bundestags von Günter Behnisch und in einem Zug mit der Bundeskunsthalle: ein repräsentatives Ensemble aus zwei gleich großen Quadraten beidseits des neu so benannten Museumsplatzes. Verglichen mit den postmodernen, spitzen Kegeln auf dem Dach der Bundeskunsthalle ist das Kunstmuseum architektonisch allerdings der interessantere Bau. Er stammt von Axel Schultes, wie später das Bundeskanzleramt, genannt "Kanzlerwaschmaschine" in Berlin. Das Bonner Museum, nach drei Seiten weitgehend geschlossen, zeigt dem Museumsplatz seine einladende Seite. Außen- und Innenraum gehen fließend ineinander über. Eine flache Dachplatte auf dünnen Rundpfeilern –wie später bei der Münchner Pinakothek der Moderne – definiert die Kante zum Platz und gewährt Einlass in einen beide Etagen umfassenden, offenen Raum, der sich weiter hinten auch wieder nach oben öffnet. Dieses Dach zeigt mit einer Spitze nach links, wo die Fassade ganz unterbrochen ist und eine Diagonale ins Innere führt. Im Erdgeschoss werden Teile der Sammlung und im Bedarfsfall Sonderausstellungen gezeigt. Hier befindet sich auch das Café des Museums. Eine sanduhrartige Treppe im Zentrum führt hinauf in die Bel étage, den Bereich, der überwiegend den Wechselausstellungen vorbehalten ist.

Hier setzt Emmerts Konzeption ein. Sie möchte die Erdgeschossebene nutzen, gern auch den Museumsplatz einbeziehen und Initiativen einladen, ebenso UN-Einrichtungen, die es in Bonn in großer Zahl gibt. Sie will thematische Ausstellungen machen, ausgehend von ihren Beständen. "Wie können wir unsere Sammlung neu herausfordern?", fragt sie: "Zu Orten der unbedingten Frage werden?" Das Kunstmuseum soll sich "zu einem performativen Verhandlungsort, einem Netzwerkmuseum weiterentwickeln." Das offene Erdgeschoss will sie in eine Art Agora verwandeln: ein öffentlicher Raum, in dem für die Gesellschaft wichtige Themen besprochen werden, die dann die Kunst auf der oberen Ebene noch einmal anders reflektiert. Sodass, wer aus der Ausstellung kommt, nicht auf sich selbst zurückgeworfen nach Hause zurückkehrt, sondern andere Menschen und Anknüpfungspunkte findet, wo er oder sie sich einbringen kann.

Eine Utopie? Vielleicht eher eine Heterotopie. Michel Foucault zufolge sind Heterotopien "wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind."


17.07.2025: Einige der Angaben, die unsererseits im Abschnitt "Und nun Bonn" über das Kunstmuseum Bonn gemacht wurden, wurden durch die Redaktion in Abstimmung mit dem Autor nachträglich - aufgrund entsprechender Hinweise der Presseabteilung des Hauses - korrigiert. Diese Angaben betrafen im Wesentlichen den Umfang und die Ausrichtung der Sammlung des Hauses sowie die Nutzung seines Erdgeschosses.