Besinnung auf die Wurzeln.
"Er zeigte mir sein Elternhaus in Ottersdorf, das er zurückgekauft hatte", erzählt Wim Wenders in einem Interview zu seinem Film Anselm – Das Rauschen der Zeit in der Zeitschrift Architectural Digest. Im Exil, dem Lokal des aus Wien geflüchteten Autors Oswald Wiener in Berlin-Kreuzberg, hatte er Anselm Kiefer 1991 kennengelernt. Kiefer hatte damals eine große Einzelausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Er galt als umstritten: in Deutschland. In den USA hatte er kurz zuvor einen "Triumphzug" gefeiert, wie ein Kritiker meinte. Zwei Jahre später kehrte er Deutschland den Rücken und zog nach Südfrankreich, wo er sich auf einem ehemaligen Industrieareal niederließ. Viele Jahre später lud er Wenders dorthin ein, der in den riesigen Hallen den größeren Teil seines Films drehte, einige Szenen aus Kiefers Kindheit jedoch in seinem realen Elternhaus in Ottersdorf.


Ottersdorf gehört heute zu Rastatt, von dem es seit Anfang der 1990er-Jahre durch das Mercedes-Benz-Werk getrennt ist. Das Dorf, drei Kilometer vom Rheinufer entfernt, ist idyllisch geblieben: alte Fachwerkhäuser, eine Kirche und ein Pfarrhaus aus dem frühen 19. Jahrhundert. Etwas jünger das Haus Kiefer: anfangs ein eingeschossiges Schulgebäude, das in den 1930er-Jahren aufgestockt und in ein Wohnhaus für Lehrer umgewandelt wurde. Es steht in einer Straßengabelung nahe der Ortsmitte, perfekt restauriert, aber ansonsten, in seinen Brauntönen, mit Satteldach, Sprossenfenstern und Fensterläden, wenig spektakulär. Nur der Schriftzug "Haus Kiefer" über der Tür an der rechten Seite verrät, dass es sich um ein Ausstellungshaus handelt.
"Ich habe das Haus 2019 erworben", präzisiert Kiefer auf Anfrage "Vielleicht wäre es auch früher möglich gewesen, aber es war ja bewohnt. Ich fand es sehr schade zu sehen, dass das Haus in keinem guten Zustand war und hatte deshalb die Idee, es wieder herstellen zu lassen und Ausstellungen darin zu zeigen. Die Restaurierung hat einige Jahre gedauert, denn sie sollte handwerklich und vom Material her von guter Qualität sein." Seit Mai ist das Haus freitags und samstags für Besucher geöffnet. Kiefer, der im März 80 Jahre alt geworden ist, hat dort die ersten sechs Jahre seiner Schulzeit gelebt. Eine Zeichnung des Elfjährigen zeigt akkurat, wie es in der Straßengabelung steht, ein Garten dahinter. Man meint, das Motorrad am vorderen Bildrand knattern zu hören. In einem Aquarell ist die katholische Kirche von Ottersdorf festgehalten, in der Kiefer als Ministrant gedient hat. "Meine Erziehung war streng katholisch", erläutert der Künstler. "Sonntags musste man zur Kirche gehen und einmal im Jahr zur Beichte, möglichst zur Osterzeit."

Des Malers Palette
Eine geflügelte Palette schwebt über einem Grab in dem 1974 entstandenen Gemälde Resumptio, der Titel eine Verschmelzung von Resurrectio – Auferstehung – und Assumptio – Mariä Himmelfahrt. Das Grab ist durch das christliche Symbol des Kreuzes gekennzeichnet, doch schon hier sucht Kiefer sein Heil in der Malerei. "Ich habe mich schon sehr früh, seit Beginn meiner künstlerischen Arbeit, für religiöse und spirituelle Ideen interessiert", führt der Künstler aus, "und tue dies auch weiterhin, denn die Wissenschaft kann ja keine wirklich zufriedenstellenden Antworten auf die Fragen geben, woher wir kommen und wohin wir gehen." Ein anderes Bild zeigt einen schwarzen Engel, der wieder eine Palette bringt. Der Titel Der Eingeborene bezeichnet dagegen nicht etwa eine anthropomorphe Darstellung Jesu Christi, sondern eine hochformatige Bleitafel mit getrockneten Pflanzen am unteren Rand. 1986, als das Werk entstand, war Kiefer bereits aus der Kirche ausgetreten. "Der Anlass war der Skandal um den Banco Ambrosiano in den achtziger Jahren, der spätestens bekannt wurde, als einer der Hauptbeteiligten tot unter einer Londoner Brücke hing." Es handelte sich um Roberto Calvi, Präsident der mehrheitlich im Besitz des Vatikan befindlichen Bank. In alle möglichen dunklen Geschäfte wie Geldwäsche und Drogenhandel verwickelt, war er erhängt unter der Blackfriars Bridge aufgefunden worden, nach Auffassung der italienischen Staatsanwaltschaft ein Opfer der Mafia.
In der Eröffnungsausstellung sind, jedenfalls für Kiefers Verhältnisse, eher kleine Formate ausgestellt. Für seine großformatigen Leinwände wären die Räume des Hauses viel zu klein. Ein Leitmotiv ist die Malerpalette, ein dominierendes Thema dagegen der Nationalsozialismus. Kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat sich so intensiv mit diesem finstersten Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigt wie Kiefer. Die Titel Hagenbewegung und Wintergewitter bezeichnen Decknamen von Operationen des Russlandfeldzugs, des wohl grausamsten Abschnitts der NS-Geschichte und des Zweiten Weltkriegs, im Zuge dessen Millionen Juden ermordet wurden und die russische Bevölkerung regelrecht ausgehungert wurde. Schwarze, nächtliche Ackerfurchen, von Schnee bepudert, verjüngen sich zum Horizont, menschenleer. Ein weiteres, ähnliches Bild trägt den Titel Noch ist Polen nicht verloren, nach der Nationalhymne des Landes.#

In die Rolle der Täter versetzen
"Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg Offizier", antwortet Kiefer auf die Frage nach den Gründen für sein Interesse an der NS-Zeit, "aber zuhause und in der Schule erfuhren wir sehr wenig, was mir im Nachhinein unbegreiflich ist. Die Wehrmacht war bei uns zu Hause etwas Sakrosanktes. Über Kriegsverbrechen wurde nie gesprochen. Durch die Ruinen, in denen ich gespielt habe, wusste ich vom Krieg. Aber über die abscheulichen Verbrechen der Nazis, über die radikale Auslöschung der Juden habe ich nichts erfahren. Wir bekamen weder Bilder noch Filme über die Lager von Auschwitz zu sehen. Das Dritte Reich wurde auf gleiche Weise behandelt wie Alexander der Große oder Julius Cäsar."
Das änderte sich erst im Kunststudium. "Primärer Auslöser für meine intensive Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus", so Kiefer, "war das Hören einer Schallplatte mit Ausschnitten mir völlig unbekannter Reden von Hitler, Goebbels und Göring, als ich bereits an der Kunstakademie in Karlsruhe war, also mit etwa 23 Jahren. Das war eine von den Amerikanern aufgenommene Schallplatte zur Entnazifizierung der Deutschen. Diese Aufnahmen haben eine Art Schock bei mir ausgelöst, ich fand sie einerseits abstoßend und lächerlich, aber auch so unglaublich und faszinierend, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte."
Aus diesem Wunsch, der Sache auf den Grund zu gehen, entstand seine Abschlussarbeit an der Karlsruher Kunstakademie: eine Serie von Schwarzweißfotos, die den Künstler an verschiedenen Orten des von den Nazis besetzten Europa zeigen, den rechten Arm zum Hitlergruß ausgestreckt. Diese Fotos verletzten ein Tabu und machten Kiefer ungewollt zu einer umstrittenen Figur. Der Künstler selbst erklärt die Serie, die am Beginn seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus steht, folgendermaßen: "Daraufhin habe ich 1969 meine Aktion der Besetzungen in der Wehrmachtsuniform meines Vaters durchgeführt, um mich in die Rolle der Täter zu versetzen und mich zu fragen, was ich damals getan hätte. Ich wollte einer Erklärung dieses Wahnsinns näherkommen, denn wirklich verstehen kann man ihn ja nicht."
Andere Bilder sind freundlicher. Für Julia – Himmel und Erde, 1972 entstanden, zeigt eine Waldlandschaft ähnlich Dürers Weiher im Walde. Die Donauquelle spielt auf Kiefers ersten Wohnort Donaueschingen an, Eberbach (für Julia) auf einen späteren im Odenwald. Doch immer wieder kommt der Künstler auf die NS-Geschichte zurück, auch mit zwei Werken zu den bekanntesten Zeilen aus Paul Celans Todesfuge: Dein blondes Haar, Margarethe steht auf einer Leinwand, die Haarfarbe übersetzt in aufgeklebtes Stroh. Dein schwarzes Haar, Sulamith, zeigt dagegen eine entblößte Frauenfigur unter groben, schwarzen Pinselstrichen neben drei Hochhäusern. Imaginäre, oder – nach einer Israelreise zu Beginn der 1980er-Jahre – auch vor Ort gesehene Landschaften vom See Genezareth bis zum Auszug aus Ägypten beziehen sich gleichwohl mehr auf die biblische Geschichte als auf die reale Topografie. Weitere Arbeiten spielen an auf eine Gedichtzeile von Victor Hugo oder auf das Gedicht In Flanders Fields des kanadischen Arztes John McCrae aus dem Ersten Weltkrieg, wiedergegeben als Grabkreuz in einem Mohnfeld, woran auch Des Malers Atelier erinnert.
Faszination Wagner
Empfand der junge Kiefer, als er völlig unvorbereitet die Reden Adolf Hitlers und Joseph Goebbels' hörte, neben Abscheu auch eine Spur von Faszination, so verhielt es sich bei Richard Wagner genau umgekehrt. "Als ich vielleicht vierzehn Jahre alt war, hörte ich mit meiner Mutter im Radio Wagners Lohengrin", erinnert sich der Künstler. "Das war eine Übertragung der Bayreuther Festspiele, die ja nach dem Krieg nur einige Jahre ausgesetzt und seit 1951 fortgeführt wurden" – wie Kiefer heute weiß. "Diese Oper hat mich damals stark beeindruckt. Dass Wagner Antisemit war, von Hitler verehrt und von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke missbraucht, habe ich erst viel später als Erwachsener erfahren. Da hat sich mir dann die Frage gestellt, ob Wagners Musik und seine Schriften Wegbereiter für den Nationalsozialismus waren und ich habe viel dazu gelesen und gearbeitet."
Richard Wagner hat mit seiner Hetzschrift Das Judenthum in der Musik wesentlich zu Verbreitung des Antisemitismus beigetragen und kann mit seiner rückwärtsgewandten Germanenmythologie als einer der Wegbereiter des Nationalsozialismus gelten. Kiefer ist allerdings der Meinung, dass man Person und Werk trennen sollte und verweist auch auf Martin Heidegger und Louis-Ferdinand Céline: "Es wäre fatal, ihre bedeutenden Werke mit biografischen Argumenten zu zerstören." In seinen Werken beschäftigt sich der Künstler denn auch weniger mit der Person und dem Werk Wagners selbst, als vielmehr mit der problematischen Rolle, die sie im Nationalsozialismus gespielt haben. Die Meistersinger von Nürnberg, die Oper, auf die sich eines der Werke der Ausstellung bezieht, wurden zum Auftakt der Reichsparteitage aufgeführt. Strohbündel auf dunklem Grund erinnern an einen Fackelzug. Allerdings hat Kiefer diese Oper vielfach, auch auf verschiedene Weise thematisiert und umgekehrt in ganz ähnlicher Weise auch andere Themen verbildlicht.


Riesige Leinwände, Stroh, teilweise abgefackelt: Die Bildmittel, mit denen Kiefer seit den 1970er-Jahren für Aufmerksamkeit gesorgt hat, prägen heute die Erwartungen an das Werk des Künstlers. Aus heutiger Sicht interessanter erscheint demgegenüber ein kleineres, eher konventionelles Gemälde. "Herzeleide" steht neben dem Bild einer Frau im Profil in der linken oberen Bildecke. "Herzeleide ist die Mutter von Parsifal, dem Helden aus Wagners gleichnamiger Oper", so beschreibt Kiefer den Zusammenhang. "Da ihr Mann als Ritter ums Leben gekommen ist, zieht sie ihren Sohn völlig abgeschieden im Wald auf, um ihn vor den Gefahren des Ritterlebens zu schützen. Als Parsifal vorbeiziehende Ritter sieht, verlässt er jedoch seine Mutter, woraufhin Herzeleide vor Kummer stirbt."
Zu sehen ist eine Figur, die in jeder Hinsicht dem nationalsozialistischen Frauenideal entspricht. "Die Fotografie einer Bäuerin, die diesem Aquarell zugrunde liegt, hatte ich in einem Buch aus der Zeit des Dritten Reichs gefunden", erklärt der Künstler. Das Foto diente dazu, das Reichserbhofgesetz zu illustrieren: "Die Bäuerin hält ein Dokument in der Hand, das den unveräußerlichen Charakter des Gutshofes bescheinigt, das heißt, dass nach dem Tod des Vaters der Besitz auf einen einzigen Sohn übergehen und nicht aufgeteilt werden sollte." Auch wenn der Titel auf Wagner und der sprechende Name auf den Kummer der Mutter verweist, den man der Frau mit dem gebeugten Haupt förmlich anzusehen meint, bezieht sich das Werk weit eher auf die Rolle der Frau im Nationalsozialismus und die Blut-und-Boden-Ideologie. In der Hand hält Herzeleide hier weder einen Brief, noch ein Dokument, sondern die Malerpalette.
Das Haus Kiefer befindet sich in der Friedhofstraße 1 in Rastatt-Ottersdorf und ist freitags von 10 bis 17 Uhr und samstags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Tickets und Führungen können nur online gebucht werden: https://hauskiefer.mapado.com/de. Alle weiteren Informationen findet man hier: https://haus-kiefer-rastatt.de/.