Disnovation, The Solar Share, Installation, 2024, © Disnovation.
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Genossin Sonne

13. September 2025 – 18. Januar 2026, Dortmunder U, Ebene 3 & Ebene 6

    Vom 13. September 2025 bis zum 18. Januar 2026 zeigt der HMKV die internationale Gruppenausstellung Genossin Sonne. Zum ersten Mal wird eine Sonderausstellung im Dortmunder U gezeigt, die sich über zwei Etagen streckt. Die essayistische Gruppenausstellung widmet sich künstlerischen Arbeiten und Theorien, die den Kosmos und insbesondere die Sonne, der Energielieferant für Leben auf der Erde, mit sozialen und politischen Bewegungen in Verbindung bringen. Die von Inke Arns und Andrea Popelka kuratierte Ausstellung entstand 2024 auf Einladung von Milo Rau, Intendant der Wiener Festwochen, als eine Kooperation zwischen der Kunsthalle Wien und den Wiener Festwochen | Freie Republik Wien. Der HMKV präsentiert Genossin Sonne nun in einer erweiterten Fassung auf einer stark vergrößerten Ausstellungsfläche.

    Gezeigt werden 30 Arbeiten von 18 international renommierten Künstler*innen, unter anderem Katharina Sieverding, Agnieszka Polska, Otto Piene, Anton Vidokle und Kerstin Brätsch. Bei den Werken liegt ein Schwerpunkt auf dem Bewegtbild – auf Kino, Film und Video als Medien des Lichts. Aber auch in anderen Medien strahlen die Arbeiten hypnotische, fiebrige, glühende, drohende Affekte aus.

    Ausstellung geht der Verbindung zwischen Sonne und Revolution nach

    Genossin Sonne wagt eine, zumindest auf den ersten Blick, irritierende Verbindung. Beeinflusst die Sonne, was auf der Erde passiert? Kann sie eine Genossin sein und spielt sie vielleicht eine Rolle in Revolutionen – oder macht sie bestimmte Ereignisse einfach wahrscheinlicher? Die Fragestellung der Ausstellung fußt auf einem historischen Ursprung: Bevor der Begriff „Revolution“ im 18. Jahrhundert – unter dem Eindruck der haitianischen und karibischen, der französischen und nordamerikanischen Revolutionen – einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden politischen oder sozialen Ordnung bezeichnete, wurde er in der Astronomie zur Bezeichnung der Umdrehung der Himmelskörper verwendet. Vor dem Hintergrund der Dezentrierung des Menschen als historisches Subjekt fragt die Ausstellung, inwieweit nicht nur die Umwelt auf der Erde, sondern darüber hinaus auch der Kosmos an historischen Prozessen Anteil hat. Gibt es etwa, wie die sowjetischen Kosmisten – insbesondere Alexander L. Chizhevsky 1924 – behaupteten, einen Zusammenhang zwischen kosmischen Sonnenstürmen und irdischen Revolutionen? Diesem Moment der Wissenschaftsgeschichte folgend, laden auch die 18 künstlerischen Positionen mit fast 30 Arbeiten in der Ausstellung Genossin Sonne ein, vielfältige Assoziationen und Fragen zuzulassen über die Zusammenhänge zwischen dem Revolutionären, dem Himmlischen, der zeitgenössischen Kunst und ihren Einflüssen auf unseren Alltag.

    Kunst im Prozess: Von Algen, die solare Aktien werden und einer Lichtstudie

    Zu den neuen Positionen in Dortmund gehören, neben Agnieszka Polskas Video The New Sun, auch die Arbeiten The Solar Share (2024) von DISNOVATION.ORG und die Dortmund Light Study (2025) von Kobby Adi. Wie lässt sich das messen, was uns täglich umgibt – Licht, Energie, Atmosphäre? Beide Werke laden dazu ein, die Beziehung zwischen Umwelt und Wahrnehmung neu zu denken, und sie veranschaulichen dies besonders dadurch, dass der künstlerische Prozess während der Ausstellungslaufzeit passiert: In The Solar Share (2024) wird Sonnenlicht buchstäblich in Wert verwandelt. Eine Mikroalgenkultur produziert täglich essbare Biomasse – eine „solare Aktie“, die auf einem Quadratmeter wächst und als Maß für neues, echtes Einkommen in den Stoffwechsel der Erde dient. Die Installation, die in dem einzigen Ausstellungsraum mit Tageslicht untergebracht ist, ist Bioreaktor, Währungseinheit und Denkmodell zugleich – und stellt die Frage: Wie sähe eine Ökonomie aus, die auf Photosynthese basiert? Auch Kobby Adis Dortmund Light Study (2025) lenkt den Blick auf das, was oft unbeachtet bleibt. Mitarbeiter*innen des Besucherservice dokumentieren hinter den Kulissen täglich die Lichtstimmung im Raum – persönlich, subjektiv, manchmal poetisch. Aus diesen Notizen entsteht ein kollektives Logbuch des Moments. Beide Werke fordern dazu auf, genauer hinzusehen, mitzudenken, mitzufühlen – und machen erfahrbar, wie flüchtige Elemente wie Licht und Sonnenenergie zu Trägern von Erinnerung, Bedeutung und Wert werden können.

    Die Sonne zwischen Wissenschaft, Sehnsucht und Hoffnung

    Die Sonne fungiert bei den gezeigten Arbeiten der Ausstellung insgesamt einerseits als Lebens- und Energiespenderin für politische Kämpfe und andererseits als mahnende Figur, deren schiere Masse und Lebensdauer die Kürze menschlichen Lebens auf dem Planeten Erde deutlich macht. Eindrucksvoll demonstriert Katharina Sieverdings Arbeit Die Sonne um Mitternacht schauen, red (2011-2014) genau dies. Eine aus 200.000 Satellitenaufnahmen animierte Medieninstallation zeigt das, was das bloße menschliche Auge normalerweise nicht sieht: die Oberfläche der Sonne in High-Res. Auch die Werke Lichtgeschwindigkeit, Smiley, 1845 und Solar Orbiter (alle 2024) von Sonia Leimer greifen direkt auf eine NASA-Mission zurück: Die Parker Solar Probe, die als erste Sonde die Sonnenkorona durchflog, dient der Künstlerin als Ausgangspunkt für diese Siebdrucke auf hochspezialisierter Satellitenfolie. Das Werk reflektiert auf poetische Weise menschliche Widerstandskraft – und die Hoffnung, dass Fortschritt auch unter extremen Bedingungen möglich bleibt. Die Sonne als Hoffnungs- oder Sehnsuchtsmoment thematisiert auch die Arbeit I only wish that I could weep (2002) von The Atlas Group. Die Videoarbeit zeigt im Zeitraffer Szenen einer belebten Strandpromenade in Beirut und richtet den Blick immer wieder auf den Sonnenuntergang. Die Aufnahmen stammen – so die Erzählung – von einem ehemaligen Geheimdienstoffizier, der 1997 beschloss, statt zu überwachende Zielpersonen lieber Sonnenuntergänge zu filmen. Das Werk gehört zum Archiv der fiktiven Künstlergruppe The Atlas Group und verknüpft poetische Bilder mit Fragen nach Erinnerung, Trauma und der Darstellbarkeit von Geschichte im Nachhall des libanesischen Bürgerkriegs. Der Sonnenuntergang wird dabei zum stillen Symbol für Sehnsucht, Hoffnung – und das, was verloren ging.

    Die revolutionäre Kraft der Sonne

    Direkten Bezug zum theoretischen Rahmen der Ausstellung nimmt die Arbeit The Communist Revolution was Caused by the Sun (2015) von Anton Vidokle: Dieses Video ist der zweite Teil der Trilogie Immortality for All (2014–2017). Es widmet sich der poetischen Dimension einer Kosmologie der Sonne, wie sie der sowjetische Biophysiker Alexander L. Chizhevsky entwickelte. Gedreht in Kasachstan, wo Chizhevsky interniert war und später im Exil lebte, beschreibt der Film dessen Forschung zum Einfluss von Sonnen-Emissionen auf die menschliche Gesellschaft, Psychologie, Politik und Ökonomie. Erhöhte oder verminderte Sonnenaktivität zeige sich demnach in Form von Kriegen, Revolutionen, Epidemien und anderen kataklystischen Ereignissen. In The Communist Revolution Was Caused by the Sun heißt es: „Der Mensch ist nicht nur ein irdisches, sondern auch ein kosmisches Wesen.“ Wenn dem so ist, hat die Sonne dann einen Einfluss auf die menschliche Geschichte? Ein ähnliches Gedankenkonstrukt lässt sich auch bei Wolfgang Mattheuers Arbeit Suite ’89 (1988/89)
    ausmachen, einer sechsteiligen Serie von Linolschnitten, in der die Sonne gar die treibende Kraft hinter den sich 1988/89 in Deutschland andeutenden Umbrüchen zu sein scheint. Die Spiralform (der Revolution?) wirbelt den Menschen umher, treibt ihn jedoch auch vorwärts, in eine neue Zukunft. Auf einem anderen Blatt ist der „Jahrhundertschritt“ zu sehen, ein von Mattheuer geprägtes Motiv, das Hitlergruß und die geballte Faust der Arbeiterklasse in sich vereint. Der Holzschnitt Im Teufelskreis (1972) und das Gemälde Sonnenstraße III (1990) ergänzen die Präsentation von Wolfgang Mattheuer.

    Mit: Kobby Adi, Kerstin Brätsch, Colectivo Los Ingrávidos, DISNOVATION.ORG, Ho Rui An, Sonia Leimer, Maha Maamoun, Wolfgang Mattheuer, Otto Piene, Marina Pinsky, Agnieszka Polska, Katharina Sieverding, The Atlas Group, The Otolith Group, Suzanne Treister, Anton Vidokle, Gwenola Wagon, Zhiyuan Yang.


    Mehr dazu:
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