Josep Kosuths Neon-Leuchtschrift mit dem Titel "Beschriebene Maßnahme (eine Widmung)", wurde 1994 am Stuttgarter Hauptbahnhof angebracht und 2020 dort wieder entfernt. Foto: Demian Bern.

Der Irrtum selbst

Joseph Kosuth in Stuttgart

In seinem achtzigstem Lebensjahr widmet das Stuttgarter Kunstmuseum Joseph Kosuth eine kleine Ausstellung. Die 13 Werke stammen ausschließlich aus eigenen Beständen, angeblich die größte Sammlung in Deutschland. 16 Jahre lang war der Konzeptkunst-Pionier der Stadt eng verbunden. Er ging im Zorn.

"… daß diese Furcht zu irren schon der Irrtum selbst ist", stand viele Jahre lang in Neon-Leuchtschrift über dem mittleren Ausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Das Hegel-Zitat aus der Phänomenologie des Geistes ist eine Arbeit von Joseph Kosuth. 1994 dort angebracht unter dem Titel Beschriebene Maßnahme (eine Widmung), wurde es im Hegel-Jahr 2020, 250 Jahre nach der Geburt des Philosophen, wieder entfernt. Die Koinzidenz war den Zuständigen wohl nicht aufgefallen. Dabei hatte die Deutsche Bahn seinerzeit das Werk finanziert, das sich seither im Besitz des Kunstmuseums befindet. In der aktuellen Kosuth-Ausstellung des Museums ist es allerdings nicht enthalten: Der auf Fernsicht konzipierte, zwölf Meter lange Schriftzug hätte wohl die Dimensionen gesprengt. Andere Neon-Arbeiten dort sind nicht mehr als 5,54 Meter breit.

Züge, Züge

Der Neon-Schriftzug gelangte an den Bahnhof im Zuge der Ausstellung Züge Züge. Die Eisenbahn in der zeitgenössischen Kunst der Städtischen Galerie Villa Merkel, Esslingen, der Kunsthalle Göppingen und des Märklineum, des Museums des bekannten Modellbahnherstellers. Renate Wiehager, die damals die Villa Merkel leitete, bevor sie 2001 zur Daimler Kunstsammlung wechselte, hatte bereits zwei Jahre zuvor mit Kosuth zusammengearbeitet. Im Rahmen des Projekts Platzverführungen der neu gegründeten Kulturregion Stuttgart hatte sie den Künstler zu zwei Arbeiten im öffentlichen Raum eingeladen, ergänzt um eine Ausstellung in der Villa Merkel. "Ist das nicht wie eine Brücke, von der nur Anfangs- und Endpfeiler vorhanden sind und die man dennoch so sicher überschreitet, als ob sie ganz dastünde?" stand in gelber Leuchtschrift, gespiegelt im Wasser, unter den Brücken, die über den Hammerkanal führen: ein Zitat aus Die Verwirrungen des Zöglings Törless von Robert Musil. Ein weiteres Musil-Zitat befand sich in einer engen Fußgängerpassage zur Villa Merkel, und Musil war auch die Ausstellung gewidmet. Aufgrund wiederholten Vandalismus' wurden die öffentlichen Arbeiten schließlich wieder entfernt.

Für Züge Züge suchte Wiehager nach einer Arbeit am Stuttgarter Hauptbahnhof, die wie ein Signal den Weg zu den Ausstellungen in Esslingen und Göppingen weisen sollte. Kosuth, der in seiner Serie Ex libris seit einiger Zeit gern mit Zitaten arbeitete, entschied sich für Hegel. Denn Hegel "darf als der bedeutendste Sohn der Stadt Stuttgart bezeichnet werden", wie Oberbürgermeister Manfred Rommel tout court in der kleinen, aber sorgfältig gestalteten Begleitpublikation schrieb. Martin Lepper, Vorsitzender des Geschäftsbereichs Personenbahnhöfe, betonte: "Die Deutsche Bahn gibt ihrer Freude Ausdruck, dass ihr zentraler Bahnhof im Herzen der Stadt Stuttgart sich als optimaler Träger des Werkes erweist. Wir hoffen, dass den Stuttgartern wie den Hegel-Freunden mit der Arbeit Kosuths das Werk des großen Philosophen als Anstoß zu geistiger Lebendigkeit und kritischem Begreifen der eigenen Zeit vor Augen stehen möge." Wiehager bog das Zitat auf den Anlass zurecht: "Das Hegelsche Satzfragment, das Kosuths Arbeit über dem Entrée des Stuttgarter Kopfbahnhofes aufleuchten lässt, formuliert eine Zielverfehlung durch Überbesorgnis: Das Denken kommt deshalb nicht zur Wahrheit, wohin es sich eine Fahrkarte gekauft hat, weil es befürchtet, den Zug in Richtung Irrtum genommen zu haben."

Im selben Jahr 1994 stellte die eben erst privatisierte Bahn aber auch das Projekt Stuttgart 21 vor, das den Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation verwandelt. Befürworter des Vorhabens glaubten schon, das Hegel-Zitat gegen die Gegner ins Feld führen zu können. Kosuth hat dem in einem Interview 2010 allerdings klar widersprochen: "Selbst wenn etwas nicht vollständig abgerissen wird, so lässt man in der Regel nur die Fassade stehen und baut dahinter praktische Gebäude", erklärte er. "Das ist ein rückschrittliches Architekturverständnis. Architektur hat die Psychologie eines Ortes zu konservieren, dadurch ist es uns Menschen möglich, eine Verbindung herzustellen zu den Menschen, die vor uns dagewesen sind. Durchbricht man diese Logik, indem man nur die Fassade stehen lässt, verändert man die Städte, in denen wir leben, in eine Art Euro-Disneyland."

Kosuth und die Kunstakademie

Kosuth hatte für den Stuttgarter Bahnhof bewusst ein offenes Zitat gewählt, das jede:r auf seine oder ihre Weise deuten kann. Ging es ihm doch, seit er im Alter von 20 Jahren mit seinen ersten konzeptuellen Arbeiten an die Öffentlichkeit trat, nie darum, konkrete Aussagen zu formulieren oder zu propagieren, sondern vielmehr, die Mechanismen der Bedeutung in Wort und Bild herauszuarbeiten: eine Art linguistic turn in der Kunst. In dem Hegel-Zitat steckt freilich auch ein Seitenhieb, der aber nur in der Publikation zum Vorschein kommt. Der Titel Beschriebene Maßnahme ist zunächst für Kosuth nicht ungewöhnlich. So trägt auch das Neon-Werk Five Words and Five Colours den Titel-Zusatz A Description. Aber was für eine Maßnahme ist hier gemeint? Und warum "(eine Widmung)"? Der Untertitel der Publikation führt aus: "Widmung/ Der Zukunft der Kunstakademie Stuttgart".

Seit drei Jahren lehrte der Künstler damals in Stuttgart. Er hatte große Pläne, die Ausbildung zu reformieren. "Meine Arbeit basiert auf dem Grundgedanken, dass Künstler mit Bedeutung arbeiten und nicht mit Form und Farbe", hielt er 1995 in einer Publikation der Akademie fest, und: "In der Auseinandersetzung mit meinen Studenten betone ich die Frage nach dem 'warum' von Kunst, ohne welche das 'wie' (Handwerk, Technik) sinnlos ist." Das stieß bei seinen Professorenkollegen, die mit Form und Farbe arbeiteten und die Frage nach dem "warum" so nicht stellten, auf erbitterten Widerstand. Sie monierten, Kosuth sei zu wenig in Stuttgart anwesend – was freilich auch kaum möglich war. Kosuth war weltweit unterwegs. 1994 etwa hatte er Einzelausstellungen in Polen, Berlin, Kiew und Tokio, wo er auch eine weitere öffentliche Arbeit realisierte. Die erste war 1991 im Musée Champollion in Figeac entstanden: zur Erinnerung an den Entzifferer der altägyptischen Hieroglyphen. 1992 nahm an der Documenta teil, 1995 gestaltete er den ungarischen Pavillon der Biennale von Venedig. Im selben Jahr, ein Jahr nach der Arbeit am Stuttgarter Bahnhof brachte er in der Tiefgarage des Bahnhofs von Lyon unter dem Titel Les aventures d’Ulysse sous terre ein James-Joyce-Zitat an, im Jahr darauf im Bahnhof von Eindhoven eines von Piet Mondrian.

Während es der breiten Öffentlichkeit frei stand, das Hegel-Zitat am Stuttgarter Bahnhof nach Belieben zu deuten, war mit der "beschriebenen Maßnahme", wie nur aufmerksame Leser der Publikation erkennen konnten, nicht zuletzt auch die von Kosuth beschriebe Maßnahme zur Reformation der Akademie gemeint. Die "Furcht zu irren" bezieht sich in diesem Fall auf die Bedenken der Professoren. Drei Jahre harrte Kosuth in Stuttgart noch aus, bevor er der Stadt den Rücken kehrte, da seinen Ideen für die "Zukunft der Kunstakademie" keine Chancen eingeräumt wurden. Ähnlich erging es später Joan Jonas ebenso wie dem ersten externen Rektor Ludger Hünnekens, der ebenfalls Reformen in Gang setzen wollte. Eine 2011 erschienene voluminöse Publikation zum 250-jährigen Bestehen der Hochschule (die allerdings nicht durchgehend seit 250 Jahren besteht) erwähnt alle drei lediglich im Verzeichnis der Professoren und Rektoren.

Non autem memoria

Non autem memoria lautet der Titel der aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum: ein Nachsatz zum geflügelten Wort "tempus fugit", das nicht exakt so in Vergils Georgica steht. Auf Deutsch: Die Zeit vergeht wie im Flug, nicht jedoch die Erinnerung. Sicher nicht aus Sentimentalität hat Kosuth diesen Titel gewählt. Er will sagen: Die Zeit, die er in Stuttgart verbracht hat, ist längst vorbei. Aber er hat nicht vergessen, was sich damals abgespielt hat.

Stuttgart hat für Kosuth viele Jahre lang eine wichtige Rolle gespielt. 1981 gab es eine erste Einzelausstellung in der Staatsgalerie, kuratiert von Gudrun Inboden, die dort wenige Jahre zuvor erst ihr Volontariat absolviert hatte. Hätte nun das Kunstmuseum für die aktuelle Ausstellung seine eigenen Bestände um die der Staatsgalerie ergänzt, der Erkenntnisgewinn wäre gering gewesen. Dem langen, selbstreferentiellen Satz: "This object, sentence, and work completes itself while what is read constructs what is seen", der seinerzeit an der Staatsgalerie angebracht war, entsprechen ähnlich tautologische Neon-Leuchtschriften im Kunstmuseum. An die Stelle der berühmten One and Three Chairs, bestehend aus einem Stuhl, einem Foto von diesem Stuhl und einem Lexikoneintrag zum Wort "Stuhl". treten in der Staatgalerie One and Three Windows, während im Kunstmuseum One and Three File Cabinets ausgestellt sind. Einen besonderen Witz enthält hier der Eintrag aus einem englisch-deutschen Wörterbuch, der mit der Redewendung "rank and file" von der bürokratischen Ebene des Aktenschranks plötzlich auf die militärische umschwenkt: "Rank !; ―e [file] left! links schwenkt, marsch!", steht da, die deutschen Worte in Frakturschrift, vergrößert aus einem sicher absichtlich so ausgewählten alten Wörterbuch.

Kurz zuvor hatte Achim Kubinski seine Wohnung in der Stuttgarter Olgastraße 109 von einer, wie er etwas großspurig sagte, privaten Kunstakademie in eine Galerie umgewandelt. Er vertrat nun Kosuth, der von da an in der Olgastraße ein häufiger Gast war. 1985 tapezierte er die Räume mit einem repetierten Zitat von Sigmund Freud, das aber mit schwarzen Balken durchgestrichen war – was dem Kunstforum damals einen eigenen Beitrag wert war. Wie so oft wiederholte der Künstler diese Arbeit an anderen Orten, besonders sinnfällig, auf Einladung Jan Hoets, in der Praxis eines Psychiaters in Gent. Bei Kubinski hängten jedoch Imi Knoebel und Günther Förg ihre Werke davor. Kosuth ärgerte sich, reagierte dann aber mit einer eigenen Arbeit, die nun im Kunstmuseum ausgestellt ist. "Das Gebackene/ Vom Leichenschmaus gab kalte Hochzeitsschüsseln" steht wie eine Überschrift an der Wand: ein Zitat aus William Shakespeares Hamlet. Es folgt eine Passage aus Freuds Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten, von der aber nur die erste Zeile zu lesen ist, da davor, im Holzrahmen, ein Foto von einem undefinierbaren Gegenstand an der Wand lehnt. O.&A./F.!D.! (To I.K. and G.F.) lautet der kryptische Titel. Was immer die ersten vier Buchstaben bedeuten mögen, die Widmung in Klammern bezieht sich auf Knoebel und Förg.

So führt das Labyrinth der Verweise immer wieder auf Kosuths Stuttgarter Zeit zurück. Fast alle Arbeiten gelangten zwischen 1990 und 2003 in die Sammlung des heutigen Kunstmuseums, als Johann Karl Schmidt die damalige Galerie der Stadt Stuttgart leitete. Ein Schwerpunkt liegt auf den Jahren um 1993, als Kosuth zuerst dort, dann im Württembergischen Kunstverein im selben Gebäude ausgestellt war. Der Spruch "Visual space has essentially no owner", der wie ein Bekenntnis über dem Eingang der aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum steht, war damals schon auf der Einladungskarte abgebildet, zusammen mit zwei weiteren Arbeiten, die jetzt ebenfalls im Kunstmuseum zu sehen sind: das selbsterklärende Five Words and Five Colours; und ein Zitat aus den Confessiones des Augustinus auf einer Plexiglasplatte, in dem der Kirchenvater erklärt, wie er als Kind sprechen lernte, dahinter eine Zahl in Neon-Leuchtschrift, davor ein Schild mit einem Zitat von Ludwig Wittgenstein.

Fallstricke der Bedeutung

Wer von Freud oder Wittgenstein nichts weiß, wird mit manchen Arbeiten wenig anfangen. Die gelehrten Zitate und Anspielungen restlos zu entschlüsseln, dürfte nur wenigen gelingen. Es kann allerdings auch gar nicht darum gehen, die Werke richtig zu deuten, da sie sich gerade, ob tautologisch wie Neon self-explained oder Five Wors and Five Colours oder hoch komplex wie die geschichteten und durchgestrichenen Zitate, einer solchen klaren Deutung entziehen, um nicht zu sagen verweigern. Der entscheidende Hinweis verbirgt sich oft im Detail: wie bei der Widmung des Hegel-Zitats an die Kunstakademie oder dem Titel der aktuellen Ausstellung.

Während in Arbeiten wie One and Three Chairs ein Lexikoneintrag – oder im Fall von One and Three File Cabinets ein Eintrag aus einem englisch-deutschen Wörterbuch – dem Gegenstand selbst und einem Foto davon gegenübergestellt sind, konfrontiert Kosuth in Three Titled Means Einträge zum englischen Wort "mean" aus drei zweisprachigen Wörterbüchern. Meaning ist der zentrale Begriff in Kosuths Kunstaufassung: die auf dem Gedanken basiert, "dass Künstler mit Bedeutung arbeiten". Der deutsche Eintrag auf der mittleren von drei quadratischen, schwarzen Tafeln hebt dies auch hervor. "1. meinen, denken", steht da, "2. beabsichtigen, wollen […] 3. verstehen, sagen od. andeuten (wollen), bedeuten", ziemlich genau das bezeichnend, worum es Kosuth geht. Der Eintrag endet mit der Redewendung "he ~s [means] well (od. kindly) by you er meint es gut mit Ihnen". Der hawaianische Eintrag links beginnt dagegen mit "cruel" – mean also im Sinne von gemein, dann "average", durchschnittlich und erst an dritter Stelle bedeuten. Cruel oder kindly? Der dritte Eintrag rechts in kyrillischer Schrift erschließt sich hingegen nur denjenigen, die russisch können.



Die Kosuth-Ausstellung läuft bis 12. April 2026. Bis zum 12. Oktober, während der Laufzeit der Jubiläumsausstellung Doppelkäseplatte, ist der Eintritt frei. Das Kunstuseum ist vor zwanzig Jahren aus der Galerie der Stadt Stuttgart hervorgegangen. https://www.kunstmuseum-stuttgart.de

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