Ausstellungsansicht Mario Schifano, When I remember, Schauwerk Sindelfingen. Vorne links: Mario Schifano, Propaganda, 1962. Lack und Graphit auf Papier auf Leinwand. Collezione Tonelli, Terni, Italia.

Monkey Man

Das Schauwerk Sindelfingen zeigt die erste Retrospektive in Deutschland von Mario Schifano.

Er war mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jim Dine und anderen in den ersten wichtigen Galerieausstellungen der Pop Art in New York und Paris vertreten, mit den Rolling Stones persönlich bekannt und viermal an der Biennale von Venedig beteiligt. Doch erst jetzt findet die erste deutsche Retrospektive von Mario Schifano (1934-1998) statt, im privaten Museum Schauwerk in Sindelfingen. Anfangs der Pop Art zugerechnet, gelangte er dorthin doch auf ganz eigenen Wegen, denen er später auf andere Weise nachging. Eine Entdeckung.

In seiner ersten Einzelausstellung in der wegweisenden Galerie La Tartaruga, unweit der Piazza del Popolo in Rom, wurde die rumänisch-amerikanische Galeristin Ileana Sonnabend 1961 auf Schifano aufmerksam und nahm ihn sofort unter Vertrag. Sie hatte ihre Finger im Spiel, als er schon im folgenden Jahr mit einem Coca-Cola-Schriftzug an der International Exhibition of the New Realists in der Sidney Janis Gallery in New York teilnahm, die Andy Warhol und vielen anderen zum Durchbruch verhalf. Wie die New York Times feststellte: "With this show 'pop' art is officially here." Der Titel seiner Arbeit, Propaganda, kann im Italienischen schlicht Werbung heißen, aber eine Doppelbedeutung war sicher intendiert, wobei auch noch die propaganda fide der katholischen Kirche mitschwingt. Mit ihrer im selben Jahr 1962 eröffneten Pariser Galerie ebnete die "Mom of Pop", wie Sonnabend bald genannt wurde, der Pop Art auch in Europa den Weg. Schifano gehörte zu den ersten Künstlern, die sie dort ausstellte.

Von den Etruskern zur Pop Art

Doch schon bald entzweiten sie sich. Sonnabend wollte ihn auf Arbeiten wie die Coca-Cola-Werbung festlegen. Das war Schifano zu eindimensional. Er war nicht wie Warhol als Werbegrafiker zur Kunst gekommen, der sein Metier hinterfragte und zugleich nutzte, um sich ins Gespräch zu bringen. Vielmehr war der Coca-Cola-Schriftzug Teil seiner alltäglichen Umgebung in Rom. 1934 in der libyschen Küstenstadt Al-Hums (Homs) als Sohn eines Archäologen geboren, war er als Schulabbrecher, Assistent seines Vaters im Etruskischen Nationalmuseum und Autodidakt zur Kunst gekommen. 1959 hatte er eine erste Einzelausstellung. Dann ging alles ganz schnell: Durch den Erfolg ermutigt, beschloss er, Maler zu werden und nahm an der Gruppenausstellung 5 pittori – Roma 60 teil, die neun Jahre später in Turin wegen ihrer bahnbrechenden Wirkung noch einmal neu aufgelegt wurde, kuratiert von Pierre Restany, der zuvor schon Yves Klein zum Durchbruch verholfen hatte. Dann kam Sonnabend.

Ein Bezug zu Yves Klein wird in den ältesten Arbeiten der Ausstellung ersichtlich, zwei kleinen Monocromi aus dem Jahr 1960: Lack- und Grafitzeichnungen, die mit anderen kleinformatigen Zeichnungen in eine hintere Ecke des Saals verbannt sind, denn die Räume des Schauwerks, früher Produktionshallen für Klimaanlagen, sind hoch und weit. Seit dem Auszug des Unternehmens Bitzer gibt es das Museum, 2010 eingerichtet ausgehend von der Sammlung von rund 3.500 Werken des Vorstands Peter Schaufler und seiner Frau Christiane Schaufler-Münch. Er ist vor zehn Jahren, sie in diesem Jahr verstorben. Bisher war im Schauwerk eher abstrakte Kunst in großem Format zu sehen. Pop Art ist neu, was wohl an der neuen Direktorin Svenja Frank liegt, die das Museum seit einem Jahr leitet. Schifano hatten die Schauflers in den 1980er-Jahren in einer Galerie in Verona entdeckt, wo sie ein Werk erstanden, das 1964 auf der Biennale von Venedig ausgestellt war: When I remember Giacomo Balla, gemalt 1964 in New York, zeigt die Silhouetten einer Reihe von Figuren ohne Köpfe, Wiederholungen und Überschneidungen sollen wie bei Balla Bewegungsabläufe simulieren. Den Futuristen ist eine weitere Arbeit gewidmet, ausgehend von einem bekannten Foto der Gruppe, Balla zudem eine Zeichnung, beide aus der Stiftung Gió Marconi in Mailand, aus der ein Großteil der Leihgaben stammt. In der Sammlung Schaufler befinden sich nur fünf Werke des Malers.

Was verbindet die Futuristen mit der Pop Art? Das Moderne, Schnelle, das Leben aus dem Moment. Die Giacomo Balla gewidmeten Figuren wirken wie aus einer sitzenden Perspektive im Vorbeigehen wahrgenommen. Entra nel mio occhio prima che nel sentimento, lautet ein anderer Titel: Es fällt mir ins Auge, bevor es die Gefühle erreicht. Bisogna farsi un’ottica ein weiterer, frei übersetzt: Man muss sich einen eigenen Blickwinkel schaffen. Particolare nennt Schifano einige Arbeiten: Ausschnitt. Er hat viel mit Fotos gearbeitet, gleich ob es sich um die Coca-Cola-Reklame oder um eine Landschaft handelt. Er verbirgt dies nicht, im Gegenteil: Die Ecken sind abgerundet wie bei Diapositiven. Später treten Ektachrome an ihre Stelle. Anders als Gerhard Richter malt Schifano die Fotos allerdings nicht detailgetreu ab, sondern übernimmt nur die Umrisse und füllt sie mit groben Pinselstrichen farbig aus, um schneller vom Eindruck zum fertigen Bild zu gelangen. Später folgen abfotografierte und übermalte Fernsehbildschirme, ein 95-minütiger Film und mit schwarzer Lackfarbe gemalte, kinoleinwandgroße Standbilder.

Dahinter verbirgt sich weniger ein bestimmter Mal-, als vielmehr ein Lebensstil. Mit Anita Pallenberg, bald darauf die Geliebte von Brian Jones, dann die Partnerin von Keith Richards, reiste er Ende 1963 zum ersten Mal nach New York. Allerdings intrigierte Ileana Sonnabend gegen den Abtrünnigen. "Deine Feinde sind meine Feinde", soll Leo Castelli zu ihr gesagt haben. Dennoch gelang es ihr nicht ganz, Schifano auszubooten. Er hatte ein Atelier in der Nähe von Andy Warhols Factory, seine Nachbarn waren Frank O’Hara und Jasper Johns. Später spannte er Mick Jagger die Sängerin Marianne Faithful aus, was diesen aber nicht hinderte, 1969 in Schifanos Film Umano non umano etwas lustlos und neben der Spur im Playback Street Fighting Men zu singen. Aus demselben Jahr datiert der Song Monkey Man auf der Stones-LP Let it Bleed, Schifano gewidmet. "I’m a cold Italian pizza", heißt es da, nicht sehr schmeichelhaft, "I’m a sack of broken eggs / I always have an unmade bed."

Absturz und späte Jahre

Das schnelle Leben fordert allerdings seinen Tribut. Für die Zeit nicht ganz untypisch, wird Schifano mehrfach wegen Drogenbesitz verhaftet und landet 1970 schließlich im Krankenhaus, wovon wiederum das großformatige Werk Ospedale Zeugnis ablegt. Es ist nicht zuletzt dem allmählichen Rückzug aus dem wilden Leben geschuldet, dass der Künstler die Welt nun vor allem aus dem Blickwinkel des Fernsehapparats betrachtet. Später macht er eine Entziehungskur, zieht sich noch mehr zurück und stabilisiert sich erst in den 1980er-Jahren wieder, als er ein ruhigeres Familienleben beginnt. Seine Arbeiten aus dieser Zeit haben nicht immer dieselbe Prägnanz wie die der früheren Jahre, dennoch bleibt er ein experimentierfreudiger Geist, der zum Beispiel mit gefärbtem und geriffeltem Acrylglas experimentiert. Selten sind seine Werke so offen politisch wie das vier Meter breite Gemälde Tearful, das auf einem Foto aus dem Time Magazine basiert, auf dem sich ein amerikanischer Soldat von seinem kleinen Sohn in den Zweiten Golfkrieg verabschiedet. Zu den bemerkenswertesten Arbeiten der letzten Jahre gehört eine ungefähr zwei mal vier Meter große Tafel aus hunderten kleiner Bildschirme, fotografiert, gemalt oder übermalt.

In Italien ist er ein Popstar, nach dem sich 1967 die kurzlebige psychedelische Rockband Le stelle di Mario Schifano benannte, der 1985 im Rahmen der Ausstellung Etruschi del Novecento vor 6.000 Zuschauern ein zehn Meter breites Monumentalgemälde fertigstellte, der einmal das Gelbe Trikot der Tour de France gestaltete und der über das Fernsehen in Serie produzierte Werke verkaufte, auch wenn dies nicht seine besten gewesen sein dürften. Er verfolgte einen ganz eigenen, transmedialen Ansatz, der sich in der Verwendung, Verarbeitung und Überarbeitung von Fotos, Zeitungsausschnitten, Film- und Fernsehbildern zeigt. Eigentlich ziemlich aktuell.


Die Ausstellung läuft bis 26. Juni 2026. https://www.schauwerk-sindelfingen.de/de/ausstellungen/aktuelle-ausstellungen/detail_32576.html