Charlotte Perriand, Klappbare Holzliege, 1939. Foto: Phillip Ost.

Begegnung mit einer Pionierin

Die Kunstmuseen Krefeld widmen Charlotte Perriands vielschichtigem und verblüffend zeitgenössischem Werk die erste Retrospektive in Deutschland.

In den 1980er Jahren war sie integraler Bestandteil eines wortwörtlich coolen Interieurs: die Chaise Longue von Le Corbusier. Schwarzes Leder und verchromtes Stahlrohr passten perfekt zur Ästhetik der Zeit, obwohl der Entwurf eigentlich aus dem Jahr 1928 stammt. Was viele bis heute nicht wissen, ist, dass eine junge Frau federführend an ihrer Entstehung beteiligt gewesen ist. Ihr Name ist Charlotte Perriand, damals gerade 25 Jahre alt. Zeitgleich baute Mies van der Rohe, damals bereits jenseits der 40, in Krefeld für die Industriellen Hermann Lange und Josef Esters zwei großzügige Villen. Gemeinsam mit dem Kaiser Wilhelm Museum sind diese bis zum 15. März 2026 Ausstellungsort der umfassenden Retrospektive Charlotte Perriand – Die Kunst des Wohnens, der ersten Retrospektive der französischen Architektin und Designerin in Deutschland.

Aufstieg im Atelier Le Corbusiers

Beim Betreten der Ausstellungsräume im Kaiser Wilhelm Museum begrüßt die Besucher ein großes Porträtfoto: darauf blickt Charlotte Perriand offen und zugewandt in die Kamera des Fotografen Robert Doisneau. Den Auftakt des Rundgangs bildet die Rekonstruktion einer Modellwohnung, die Perriand zusammen mit Le Corbusier und dessen Cousin Pierre Jeanneret für den Salon d’Automne in Paris 1929 entwarf. Zwei Jahre zuvor hatte sie die Leitung der Abteilung für Inneneinrichtung im Atelier Le Corbusiers übernommen und führte in der Modellwohnung die Entwicklungen der vergangenen Jahre zusammen: das équipement intérieur d’une habitation idéale war zugeschnitten auf ein kinderloses Paar und verband Einfachheit und Flexibilität in einem auch heute noch futuristisch anmutenden Ambiente. Dabei verwandten die Gestalter bewusst den Begriff des équipement (Ausstattung), um den universellen Charakter ihrer Entwürfe hervorzuheben. Anstelle von Wänden wird der Raum von einem modularen Schranksystem unterteilt, alle anderen Möbel sind flexibel und beweglich. Diese Flexibilität war eines der zentralen Anliegen der Gestalter und brach radikal mit den Konventionen der bürgerlichen Einrichtung.

In Krefeld sind dann im anschließenden Ausstellungsraum noch einmal alle Stahlrohrklassiker des Trios Corbusier, Jeanneret und Perriand versammelt: die Chaise Longue, der Fauteuil à Grand Confort und auch die Drehsessel B302 und B304. An den Wänden kontextualisieren Zeichnungen die Möbel und betten sie in die Arbeit des Ateliers ein.

Back to Nature

Ab den frühen 1930er Jahre zeichnet sich in Perriands Werk ein fundamentaler Wandel ab, der auf ihr zunehmendes Interesse am ländlichen Leben zurückzuführen ist. Inspiriert von den schlichten Holzmöbeln französischer Bauernhäuser entwickelt sie eine Reihe von Möbelstücken. Die Hocker, Tische und Stühle mit Korbgeflecht und massiven Holzgestellen markieren nicht nur die Hinwendung zum Naturmaterial, sondern auch die Abkehr vom Stahlrohr und dessen klinischer Ästhetik. Die Formen der Natur gewannen so zunehmend an Bedeutung. Auf ihren Spaziergängen durch Wälder und entlang der Strände, oft in Begleitung ihres Freundes und Geistesverwandten Fernand Léger, sammelte Perriand Treibholz, Kiesel und Knochen und hielt diese mit der Kamera fest. Die Fotografien, die auch in der Ausstellung zu sehen sind, nannte sie Art Brut (Rohe Kunst) und nutzte sie als Anregung für ihre Form-Libre-Möbel. Zu diesen zählt u.a. ein Tisch, den sie aus einer von der Weltausstellung in Paris 1937 übriggebliebenen Palette schuf.
Ebenfalls 1937 verlässt Perriand des Atelier Le Corbusiers, ihre persönliche Verbindung reißt jedoch nie ab. So zieht Le Corbusier Perriand beispielweise in den Nachkriegsjahren für die Innenausstattung seiner Unité d’Habitation hinzu.

Internationaler Erfolg und der Skiurlaub für alle

Dass Charlotte Perriand zu dieser Zeit bereits als eigenständige und innovative Gestalterin auch über Frankreich hinaus wahrgenommen wird, zeigt eine Einladung aus Japan: das dortige Ministerium für Handel und Industrie lud sie im Februar 1940 ein, als Beraterin für industrielle Kunst tätig zu werden und an Forschungen zur Entwicklung von Exportprodukten teilzunehmen. Ziel war die Verbindung von traditionellem japanischem Handwerk und modernen Produktionstechniken. Perriand brachte sich jedoch nicht nur theoretisch, sondern vor allem praktisch ein und realisierte bereits 1941 die Ausstellung Contribution à l'équipement intérieur de l'habitation. Japon 2061: Sélection, Tradition, Création. Diese wurde in den Takamashimaya-Kaufhäusern in Tokio und Osaka gezeigt. Im Kaiser Wilhelm Museum sind die faszinierend schlichten Möbel, zu denen sich Perriand von einer Zuckerzange aus Bambus anregen ließ, ebenfalls zu sehen.

Im Zuge des französischen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt sie Anfang der 1950er Jahre den Auftrag, Wohnheimzimmer in der Cité Universitaire in Paris einzurichten. Dabei tauschte sie sich u. a. mit der Künstlerin Sonia Delaunay und mit Jean Prouvé, dem großen Architekten, Ingenieur und Designer, aus und entwarf mit dem Tunisie Bücherregal eines ihrer berühmtesten Möbelstücke. Das farbenfrohe Regal, eine schlichte Konstruktion aus Holzplatten und bunt lackierten industriellen Metallelementen, erzielt heute in Designauktionen sechsstellige Preise. Umso schöner ist es zu sehen, dass es in Krefeld Teil eines rekonstruierten Studierendenzimmers ist und plastisch vor Augen führt, wie souverän Perriand gerade kleine Räume zu gestalten wusste.

Umgekehrt konnte Perriand jedoch auch im großen Maßstab denken. Beleg dafür ist ihr zweifellos größtes Projekt Les Arcs, das sie ab 1967 zusammen mit dem Projektentwickler Roger Godino in der Tarantaise realisierte. Dieser beauftragte die leidenschaftliche Alpinistin damit, einen Skiort für die Provinz Savoyens zu entwerfen. Dabei sollte jedoch kein mondänes Winterparadies für die Bourgeoisie entstehen, sondern ein Ferienort für jedermann. Sensibel auf die landschaftlichen Gegebenheiten eingehend, entwarf Perriand flache, horizontal angelegte Gebäude, die sich den Bergen anpassen, statt mit ihnen in Konkurrenz zu treten. In diesem Zusammenhang entstand auch die in der Ausstellung gezeigte modulare Nasszelle, die Perriand Mitte der 1970er entwarf und die vormontiert zur Baustelle eingeflogen und umgehend verbaut werden konnte. Dass ihr das Bauen im alpinen Kontext viel Freude bereitete, bestätigt auch der in der Ausstellung gezeigte Film über das Projekt.

Umfassende Würdigung einer offenen und sensiblen Gestalterin

Solchermaßen gestärkt von Eindrücken aus all ihren Schaffensphasen lohnt der Weg zu den Ausstellungssatelliten in den Häusern Lange und Esters. Insbesondere das Haus Esters eröffnet dabei nochmal eine neue Perspektive auf das ohnehin schon reiche Oeuvre der Gestalterin: in den Räumen der Mies van der Rohe-Villa wird u.a. auf ihre Auseinandersetzung mit Brasilien eingegangen, die sie im Zuge der Übersiedlung ihres Mannes Jacques Martin nach Rio de Janeiro 1961 gesucht hat. Martin war Manager bei Air France und brauchte eine repräsentative, elegante Wohnung. Daher beauftragte er seine Frau mit der Umgestaltung der Räume, für die sie zunächst ihre in Japan entworfenen Möbel vorgesehen hatte. Konfrontiert mit den konkreten Örtlichkeiten entschied sie sich jedoch um und adaptierte bzw. erweiterte ihre Entwürfe. So diente ihr der in Japan entworfene Esstisch als Ausgangsbasis, jedoch versah sie ihn mit einer Platte aus lokalem Holz, deren Form sie aus dessen Maserung entwickelte. Ergänzt wurde ihre Einrichtung mit Lampen von Isamu Noguchi, deren kubische Leuchtkörper einen spannenden Kontrast zu den organischen Formen ihrer Möbel bilden und zeigen, dass Perriand das Schaffen von Kolleginnen und Kollegen aufmerksam verfolgte.

Mit Charlotte Perriand – Die Kunst des Wohnens ist den Kunstmuseen Krefeld, auch dank der engen Zusammenarbeit mit dem Archiv Charlotte Perriands, ein echter Coup gelungen und das nicht nur, weil es die erste umfassende Retrospektive Perriands in Deutschland ist. Vielmehr entdeckt man in der Ausstellung eine Gestalterin, deren Werk auch heute noch resoniert und zur Reflexion über das Bauen und Wohnen der Gegenwart anregt.

Charlotte Perriand, L’Art d’habiter / Die Kunst des Wohnens, 2. November 2025–15. März 2026, Kaiser Wilhelm Museum, Haus Esters, Haus Lange.