Vivian Greven, Psy Amo (7-9), 2023. Öl auf Leinwand. Courtesy of the artist and Kadel Willborn, Düsseldorf. Foto: Ivo Faber.

Magische Frauen

Die Draiflessen Collection im westfälischen Mettingen spürt dem Unerklärlichen nach.

Etwas Unsichtbares, Diffuses, gar Magisches verbirgt sich aktuell hinter den Wänden der Draiflessen Collection im westfälischen Mettingen. Innerhalb des 2009 von der Unternehmer:innenfamilie Brenninkmeijer auf ihrem ehemaligen Produktionsgelände gegründeten Museums finden regelmäßig Wechselausstellungen statt, haben derzeit 13 "Magische Frauen" Einzug gehalten. Schwerlich Greifbares manifestiert sich in den ausgestellten Werken der ganz unterschiedlichen künstlerischen Positionen, welche das Publikum in übersinnliche Sphären zu führen versuchen. Die Besucher:innen wissen um die Ambivalenz "Magischer Frauen", konnte ihnen einerseits als Priesterinnen oder Seherinnen in indigenen Gesellschaften hohe Anerkennung zukommen und wurden sie andererseits in der westlichen Hemisphäre seit dem Mittelalter als sogenannte Hexen verfolgt. Weisheit, medizinische Kenntnisse und Führungsqualitäten verhalfen gleichermaßen zu Macht oder ließen sie als Bedrohung erscheinen. Die sich patriarchalen Strukturen verwehrenden Frauen wurden infolgedessen oftmals aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen, galten sie doch als zu laut, zu wild und zu unbequem. Das Magische, das Okkulte, oft abgetan als Aberglaube, verlor jedoch über die Geschichte hinweg nie seine Faszination, sei es im Fin de Siècle innerhalb von Séancen oder ganz aktuell in den sozialen Medien.

Die Online-Community "Witch-Tok" bezeichnet zum Beispiel den Zusammenschluss von Nutzer:innen, die sich moderner Hexerei, Spiritualität, Magie und Wellness widmen. Rituale, Tarot, Mythen und Selbstfürsorge-Tipps spielen dabei genauso eine Rolle wie zweifelhafte Heilversprechen. Ungebrochen ist auch die Faszination von Astrologie, die teils als Leitlinie des eigenen Lebens herangezogen wird. Manch zeitgenössische Kunst lässt sich zudem dem "Technoschamanismus" zuordnen. Geboren aus einer tiefen Desillusionierung über die Entwicklungen der westlichen Welt, findet der Technoschamanismus Lösungen in einer Synthese scheinbar gegensätzlicher Denkweisen. Globale Krankheitssymptome wie Kolonialismus, Ausbeutung und Umweltzerstörung ließen sich im rituellen Gemeinschaftserleben mithilfe von Technik heilen. Sonst übermächtige Selbstoptimierung steht entsprechend hinter einer gesamtgesellschaftlich empfundenen Zusammengehörigkeit zurück. Die Künstlerinnen in "Magische Frauen" bedienen sich Phänomenen von Natur und Technik, aber auch misogyner Erzählmuster, um diese zurückzuerobern und bestenfalls umzudeuten. Eine Praxis, die sich auch anhand einer neueren Form von Feminismus in Popkultur und auf Social Media finden lässt, innerhalb dessen sich Frauen misogyn geprägte Schimpfwörter zu eigen machen und mit neuer Bedeutung aufladen. Kann solch feministische Umdeutung in der Ausstellung gelingen, ohne didaktisch zu werden und an Atmosphäre einzubüßen?

Aneignung kolonialer Narrative

Über vier Meter hoch prangt eine Wandarbeit des:r nonbinären Künstlers:in Zahele Muholi an der Wand. Muholi schlüpft in der Serie "Somnyama Ngonyama" (seit 2012) in verschiedene Rollen mit alltäglichen Gegenständen als Requisiten. Die digital nachbearbeitete Haut erscheint besonders dunkel, macht sich koloniale Narrative des Blackfacings zu eigen. Die Porträts zeigen die dargestellten Figuren mit auffällig weiß geschminkten Lippen und Wäscheklammern auf dem Kopf oder aber mit an zeremonielle Kopfbedeckungen erinnernden Staubwedeln. Letzteres bildet eine Reminiszenz an Muholis Mutter, die während der Apartheid als Haushälterin arbeitete. Die gesamte Serie aus fotografischen Selbstporträts dokumentiert das queere Leben in Südafrika und trägt den Titel "Sei gegrüßt, schwarze Löwin", in Anlehnung an das Stärke verkörpernde Tier in der Zulu-Mythologie.

Die aus Port-au-Prince stammende Myrlande Constant bedient sich ebenfalls kolonialer Narrative und zeigt bestickte Flaggen im quadratischen Format. Die Textilien glitzern und funkeln, sind mit Pailletten und gläsernen Perlen versehen. Sie zeigen mythische Wesen wie zum Beispiel in der Arbeit "La sirène" eine Meerjungfrau mit rosafarbenem Fischschwanz. Constants Meerjungfrauen können aber auch dunkle Hautfarbe haben oder männlichen Geschlechts sein. Aufgebrachte Buchstaben machen zunächst die Verbindung zu Sirenen auf: gefährlichen Meeresungeheuern, die mit magischer Stimme Seefahrern den Tod brachten. Bei der Meerjungfrau mit Spiegel und Kamm von Constant handelt es sich allerdings weniger um eine Märchenfigur, sondern angesichts der haitianischen Flagge im Hintergrund mehr um Lasirène, die Königin der Ozeane im haitianischen Voodoo. Entsprechend lassen sich die Textilien als sogenannte
"Drapos", liturgische Fahnen aus Voodoo-Zeremonien, lesen. Zwecks Herstellung der Flaggen eignete sich die Künstlerin die französische Tambour-Sticktechnik an, die lange Zeit ausschließlich Männern vorbehalten war. In "Cérémonie Sirène“
findet sich darüber hinaus das Unterwasserreich "anba dlo", in welchem die Seelen der durch die Kolonialherren Versklavten und auf der Überfahrt über Bord Geworfenen vermeintlich weiterleben.

Feine Antennen zur Außenwelt

Gegenüber der Wandarbeit von Muholi finden sich Vögel, gefiederte Wesen, seltsame Flugobjekte. Die geflügelten Zwiewesen schwärmen aus, streben diagonal nach oben. Dazwischen sitzen bearbeitete Fotografien von Frauen, die mit einer Art feingliedriger Antennen ausgestattet sind. Diese scheinen sich mit dem Außen zu verbinden, sich ins Umgebende einzufühlen. Die Porträts zeigen die Künstlerin Mary Beth Edelson selbst. Sie fotografierte sich seit den 1970er-Jahren, oftmals entkleidet und im Freien. In der Ausstellung wandelt sie beliebig ihre Gestalt, ist mal Rose, mal Fernseher oder aber Gottesanbeterin, die nach erfolgtem Geschlechtsverkehr ihre männlichen Artgenossen verspeist. Der Körper ist bei Edelson Werkzeug, wird schließlich eins mit der keltischen Sagengestalt Sheela-na-gig.

Mit der Natur eins werden auch die Figuren in der Serie "Senhora" der afrobrasilianische Künstlerin Rosana Paulino. In "Plantas" verbindet sich beispielsweise der weibliche Körper mit der Heilpraxis oder der Religion Candomblé zugehörigen Pflanzen aus der brasilianischen Natur. Die nackten Frauen scheinen wie Hummeln in den Knospen von Bromelien, Bogenhanf oder im Jatobá-Baum eingeschlafen, wachsen aus den Pflanzen heraus oder sind mit ihnen verschmolzen. So etablieren sie sich wie Pflanzen zu Trägerinnen von Wissen, Erfahrung und Erinnerung. In "Nascituras" strömen Wurzeln gleich feinen Haaren aus Augen und Brustwarzen. Ähnlich wie Joseph Beuys dem Hirsch besondere schamanistische Fähigkeiten zusprach, da dieser mit seinem Geweih als eine Art Antenne in die Welt hineinfühlen könne, strecken die Figuren bei Edelson und Paulino ihre Fühler aus, werben für mehr Sensibilität.

Macht durch Wandel

Gestaltwandlerisch zeigt sich auch Rebecca Horn in schwarz-weißen Fotografien und einer Videoarbeit, indem sie den eigenen Körper mittels Prothesen, Masken, Federn und Kleidung transformiert, sich in hybride Mischwesen verwandelt. Die Idee zur Fertigung der mechanischen Apparaturen rührt aus der Erfahrung schwerer Krankheit der Künstlerin, ist aus körperlicher Einschränkung heraus geboren. Irgendwo zwischen Körper und fremdartiger Erweiterung verschiebt Horn die Grenzen ihres eigenen Körpers. Eine Verschiebung der körperlichen Grenzen findet sich in ähnlicher Form in den Fotografien und Videos von Ana Mendieta. Statt der Künstlerin selbst bleiben jedoch oftmals nur Spuren ihres Körpers in Feuer, Blüten, Stein oder Erde zurück. Mendieta wuchs im Exil auf, nachdem sie als Kind aus Kuba in die USA geschickt worden war. Was meint Heimat? Wo hinterlässt der Mensch seine Spuren?

Mut zum Wandel der Darstellung weiblicher Körper und zum Neudenken des kunsthistorischen Kanons zeigt sich ebenfalls in den großformatigen Gemälden von Vivian Greven. Die lichten Gestalten von Amor und Psyche blicken in „Psy Amo (7–9)“ einander mit leuchtenden Augen an, sind in Nahaufnahme festgehalten, erinnern an invertierte Wärmebilder. Ihre Gesichter wiederholen sich, sind sequenziell angeordnet, aber scheinen vor der eigentlichen Handlung in einer Art Zwischenzustand zu verharren. Der Kuss, die Umarmung liegt in der Luft und bleibt doch aus. Auch in zwei weiteren Bildern finden sich kunsthistorische Anleihen, indem Greven eine Skulptur von Corradini referenziert, die jedoch ungesehen ihrer makellosen Schönheit nun versehrt erscheint. Grevens Figuren wohnt stets ein irritierendes Moment inne, das zum Innehalten und zur Neuorientierung zwingt.

Selbsternannte Hexen

In violettes Licht getaucht, breitet sich eine Installation von Cordula Ditz im Ausstellungsraum aus, welche das Publikum von Beginn an wie Motten anzuziehen scheint. Im Zentrum findet sich eine netzartige Struktur, flankiert von transparenten Stoffen mit Motiven wie Schmetterlingen, Händen, Haaren und Porträts von Aktivistinnen der Frauenrechtsbewegung. Das im Hintergrund ablaufende Video "The Weak Lips of a Woman" spielt im kleinen Ort Lily Dale im US-Bundesstaat New York, der seit dem 19. Jahrhundert als ein Zentrum des Spiritualismus gilt. Vor Ort dokumentarisch festgehaltene Aufnahmen werden mit historischem Material collagiert, zeigen versuchte Kontaktaufnahmen mit Geistern aus dem Jenseits. Bev Grants "W.I.T.C.H." scheint daran anzuknüpfen, wenn die Künstlerin in atmosphärischen Fotografien von einer Aktion an Halloween 1968 an der New Yorker Wall Street erzählt. Die dargestellten Aktivistinnen tragen Masken und Umhänge, verteilen Flugblätter und sprechen Flüche auf die New Yorker Börse aus. "W.I.T.C.H. – Women’s International Terrorist Conspiracy from Hell" bezeichnete eine Gruppe moderner Hexen. Grant war Teil der Vereinigung und hielt die politische Aktion in schwarz-weißen Fotografien fest. Die Aktion bildete den Startpunkt für weitere Maßnahmen in anderen amerikanischen Großstädten, könnte bei Betrachtung der Parolen auch aktuelle feministische und antikapitalistische Proteste zeigen.

Ambivalente Vorhersagen

Ein großformatiges Gemälde zeigt zwei schwangere Frauen sowie eine dritte weibliche Gestalt, welche die anderen beiden zu umhüllen und zu umarmen versucht. Die ornamentale Kleidung aus Spitze bedeckt die Körper der Frauen, belässt nur ihre Oberkörper entblößt. Die beiden Frauen bäumen sich auf, sind offensichtlich in freudiger Erwartung. "Embraced and Protected in You" zeigt die dem südafrikanischen Volk der Shona zugehörige Künstlerin Portia Zvavahera mit ihrer Schwester, die zur gleichen Zeit schwanger waren. Sie werden von ihrer Großmutter gleich einer spirituellen Begleiterin hinterfangen. Die Arbeiten der Künstlerin entspringen zumeist Träumen, aus welchen sie ganz konkrete Botschaften herausliest. Denn dem Verständnis der Shona zufolge knüpfen Träume Verbindungen zu Gott und Ahn:innen.

Das Motiv der Hand taucht wiederholt in der Ausstellung auf, findet sich auch in den Arbeiten von Gillian Wearing. Denn "My Misfortune (left)" und "My Fortune (right)" bilden Harzabgüsse ihrer eigenen Hände, die in unterschiedlichen Farben dicht beschrieben mit widersprüchlichen Aussagen daherkommen. Die linke Hand trägt verhängnisvolle, die rechte hoffnungsfrohe Prophezeiungen, welche ihr Wahrsager:innen aus der Hand gelesen haben. Teils handelt es sich bei Wearing sogar um konkrete Gebote und Lebensanleitungen. Sie zeigen wie stark solche Vorhersagen das eigene Denken beschränken und vielleicht sogar vom eigentlichen Glück abhalten können. "My Mother’s Charms" beschreibt dagegen ein überdimensionales Bettelarmband mit Erinnerungsstücken der Mutter der Künstlerin. Fremd vertraute Objekte wie Kleid, Uhr, Schmuck oder Fotos wurden mittels 3D-Drucker vergrößert oder verkleinert, baumeln wie ferne Kindheitserinnerungen an der Kette.

Der weibliche Körper als umkämpftes Gebiet

Unmittelbar körperlich wird es bei Paloma Proudfoot, die eine Szene in glasierten Keramiken zeigt, in welcher zwei Frauen einer dritten in der Mitte stehenden Frau die Haut abziehen, das bloßliegende Gewebe darunter sichtbar machen. „Skin Poem” stellt aber gemäß dem Titel keinen gewaltsamen Akt dar, sondern wirkt mehr wie ein liebevolles Ritual. Die Reliefs sind dabei inspiriert von Schnittmustern aus der Mode. Sie beschäftigen sich mit Geschichten weiblicher Pathologisierung, insbesondere mit "Hysterie" im 19. Jahrhundert. Proudfoot macht sich solch historische Abbildungen zunutze, verändert diese aber in Gesten der Fürsorge. Dazu kommen Hypnosedarstellungen aus dem Krankenhaus Salpêtrière in Paris, in welchem Patientinnen öffentlich hypnotisiert wurden. Der weibliche Körper wandelt sich bei Proudfoot vom Objekt zum Werkzeug der Selbstermächtigung.

Ähnlich körperlich ambivalent fühlt sich die Skulptur "Shavasana II" an. Diese zeigt eine auf dem Rücken liegende Frau, die beinah vollständig unter einer Bastmatte verborgen ist. Nur Arme und Füße mit halb ausgezogenen Pumps schauen unter der Decke hervor. Die Skulptur von Wangechi Mutu wirkt als würde sie gemäß der titelgebenden Yoga-Position ruhen oder aber ganz im Gegenteil leblos verharren. Sie erzeugt einen ähnlich uneindeutig bedrohlichen Zustand in den Betrachter:innen wie es auch den Werken von Gregor Schneider gelingt. Kann sich die Frau entspannen oder wurde sie aufgrund von falscher Entspannung Opfer von Gewalt? Fragen, mit denen Frauen im Alltag, auf dem nächtlichen Nachhauseweg oder in der U-Bahn ständig konfrontiert sind. Die unaufgelöste Ambivalenz der Skulptur ließe sich als Signum der gesamten Ausstellung lesen. Genau dieses uneindeutige Moment macht den Reiz der Gruppenschau aus, was sich auch in der offenen Ausstellungsarchitektur und den transluziden Vorhängen manifestiert. Das Publikum blickt durch milchige Schleier, erkennt und erkennt doch nicht. Ihm eröffnen sich beim Ausstellungsrundgang immer neue Perspektiven auf Bekanntes sowie Unbekanntes. Was besser als das Unerklärliche könnte Spielraum für neue Erzählungen von Körper und Identität eröffnen? Beim Verlassen der Ausstellung meint man fast, einen Funken Magie nachhause mitnehmen zu dürfen.


Künstler*innen: Myrlande Constant, Cordula Ditz, Mary Beth Edelson, Bev Grant / W.I.T.C.H., Vivian Greven, Rebecca Horn, Ana Mendieta, Zanele Muholi, Wangechi Mutu, Rosana Paulino, Paloma Proudfoot, Gillian Wearing, Portia Zvavahera.

Die Ausstellung auf der Website der Draiflessen Collection.