Der Künstler als Ethnologe
Oliver Gathers experimentelle Feldforschungen zwischen Kunst und Wissenschaft.
Oliver Gather erwartet uns schon in seinem im ersten Stock eines Düsseldorfer Hinterhofs gelegenen Atelier. In den lichten Räumen finden sich zahlreiche Modelle von Miniatur-Hochsitzen oder aber in Beton gegossene Wohnmobile. Meist sind es Studien, Vorstufen, Begleitprodukte oder Dokumentationen, die als Relikte im Studio verbleiben, da sich die eigentliche Arbeit von Gather zumeist im Außenraum abspielt, sich immateriell in künstlerischen Sozialstudien manifestiert. Gather versteht sich entsprechend mehr als Ethnologe anstatt als Künstler, wenn er Räume und Kommunikationsstrukturen anhand von ortspezifischen Installationen, Performances oder filmischen Milieustudien eingehender künstlerischer Analyse unterzieht. Nach zahlreichen Lehraufträgen an unterschiedlichen Hochschulen lehrt Gather derzeit im Fachgebiet „Kultur-Ästhetik-Medien“ an der Hochschule Düsseldorf.
Oliver Gather wurde 1963 in Düsseldorf geboren, studierte von 1985 bis 1992 Freie Kunst/ Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Ulrich Rückriem und Tony Cragg, absolvierte sein Studium als Meisterschüler bei letzterem. Schon früh verließ Gather jedoch den musealen Ausstellungsraum, widmete sich Räumen außerhalb etablierter Kunstinstitutionen oder unterzog solche innerhalb künstlerischer Feldforschung einer neuen Betrachtung. Bereits im Jahr 1993 sollte Gather dem Kunstverein Düsseldorf eine Jahresgabe zur Verfügung stellen. Statt einer Jahresgabe in Form eines zum Verkauf stehenden Objektes legte Gather den Fokus auf Kommunikation anhand eines gemeinsamen Erlebnisses. So bot er in ungewöhnlicher Geste einen Gutschein zum Spinatessen an. Das gemeinsame Abendessen hielt er nicht im Kunstverein selbst ab, sondern verlegte es in die Küchenabteilung eines Gebrauchtmöbellagers. Dessen Verkaufsräume befanden sich in einem vormaligen Luftschutzbunker in Flingern, den Gather kurzerhand zum Restaurant umfunktionierte. Alle Teilnehmer:innen erhielten eine Mahlzeit mit wahlweise einem Glas Wasser oder Milch, woraufhin man zusammen speiste – ein laut Gather unvergessliches Erlebnis.
Aneignung kunstfremder Räume
Dem Kunstkontext fremde Räume galt weiterhin Gathers Augenmerk, sodass er zwischen 2005 und 2009 gemeinsam mit Rebekka Reich die Intervention „NOMAD CITY PASSAGE“ realisierte. Innerhalb des Projekts luden die Künstler:innen zu ungewöhnlichen Campingtouren im städtischen Raum ein. Beginnend mit Gathers Heimatstadt okkupierten die temporären Zeltlager anschließend Linz und Köln. Gather erzählt von der Besetzung des Museum Kunstpalast, des Medienhafens, der Shopping-Mall Sevens, eines Tennisclubs und einer Golfplatz-Rennbahn in Düsseldorf. Der Ablauf folgte dabei stets den gleichen Regeln: Nachmittags wurde eine Rezeption installiert, abends trafen die Gäste ein, worauf ihnen Zelt, Luftmatratze, Handtuch, Taschenlampe und Nachtlektüre ausgehändigt wurden. Zusammen mit dem jeweiligen Ortseignern klärten die Künstler:innen das Publikum vor dem Zubettgehen über die spezifische Historie des jeweiligen Ortes auf. In Linz breitete sich die nomadische Lagerstätte auf Schauplätze am Stadtrand wie Schule, Kletterhalle, Wohnsiedlung, Wasserwerk oder Baumarkt aus, komplettierte ein gemeinsames Frühstück am nächsten Morgen das ungewöhnliche Ereignis. In Köln wurden dagegen Hochhaussehnsüchte mit den nomadischen Wurzeln des Menschen kombiniert, indem sonst unzugängliche oberste Etagen vom Funkhaus Wallrafplatz, Hansahaus, Hochhauskomplex der Fachhochschule Köln, KölnTriangle, Colonia-Gebäude und Kölnturm sich über sechs Nächte zu Zeltlagern wandelten.


Mit der Verlagerung des intimsten Raumes, des Schlafplatzes, an einen öffentlichen oder semi-öffentlichen Ort sollte sich für das Publikum anhand des archaischen Aktes der Besetzung die gesamte Wahrnehmung von städtischer Architektur verändern. Die durchlässige Membran des Zeltes ließ stets Kontakt zur sonst eher als anonym wahrgenommenen Umgebung zu, führte zur Aneignung urbaner Architektur ähnlich naturnaher Orte. Die Neubesetzung ungewöhnlicher Orte setzte sich im gemeinsam mit Andrea Knobloch zwischen 2013 und 2020 betriebenen „Gasthof Worringer Platz“ fort. Kein ganz einfaches Unterfangen, gilt der Worringer Platz in direkter Nähe zum Düsseldorfer Hauptbahnhof doch seit jeher als No-Go-Area. Ohne einen Ausstellungsraum war der Gasthof darauf angewiesen, gemäß dem eigenen Namen an anderen Stellen auf dem Platz zu gastieren. Als Ausgangspunkt fungierte allein ein auf dem Platz aufgestelltes Glashaus, das dauerhaft bespielt werden konnte. Mit Ausstellungen, Performances, Lesungen und Filmvorführungen wurden innerhalb vielfältiger Kooperationen die als schwierig geltenden sozialen Räume auf dem Worringer Platz erschlossen. Nach Ende des Projektes führten die Künstler:innen Evelyn Möcking und Christoph Görke das Glashaus unter dem Namen „Palace“ weiter.
Der Garten als Spiegel bürgerlicher Werte
Wie wird der eigene Raum wahrgenommen und benutzt? Methodisch greift Gather auf eine Praxis von „Wohnen – Abschreiten – Sortieren“ zurück. Der Garten ist dabei ein sich durch sein Oeuvre ziehendes Motiv. So beschäftigte er sich 2016/17 mit Vorgärten an der Schnittstelle zwischen öffentlich und privat. Insbesondere den Formschnitt von Buchsbäumen als Spiegel bürgerlicher Werte unterzog er einer eingehenden Untersuchung. An der Barbarastraße in Ibbenbüren dokumentierte Gather die Büsche und kleinen Bäume innerhalb einer zeichnerischen Bestandsaufnahme mit Pinsel, Feder und Farben. Die Siedlung weist eine bewegte Geschichte auf, wurde in den 1950er-Jahren als Bergmannsiedlung gegründet. Zunächst pflanzten die Bewohner:innen vornehmlich Obstbäume an, später dominierten Tannenreihen hinter Jägerzäunen und heute finden sich akkurat in Form geschnittene Buchsbäume.






Sobald ein:e Nachbar:in mit der Neugestaltung des erweiterten Lebensraumes beginnt, lässt sich beobachten, wie innerhalb kürzester Zeit die anderen Anwohner:innen folgen und sich dem scheinbaren nachbarschaftlichen Diktat fügen, um dieses innerhalb der selbst gesteckten Grenzen noch übertreffen zu wollen. Gather schaute mit dem Blick des künstlerischen Forschers auf die Vorgärten, kartierte die Kuben, Kegeln und Kugeln mit gewissenhafter Genauigkeit, fertigte einen ganzen Sommer lang transparente Aquarelle an. Die minimalistisch anmutende Formschnittkunst scheint zu diesem Zeitpunkt allerdings schon am Ende ihrer Blüte angelangt zu sein. Vielleicht folgt als nächstes der sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Steingarten? Aus Gathers künstlerischer Analyse resultierte eine Publikation, welche die Aquarelle nach Hausnummern sortiert. Am Ende des schmalen Buches finden sich umkommentierte, gesammelte Aussagen von Bewohner:innen wie „Wer im Berg arbeitet, will ja vielleicht zuhause etwas haben, das immer grün ist“, „Wir mögen Geometrie und Ordnung“ oder „Das war schon so, als wir kamen. Und das bleibt auch“.
Zwischen Zeitverlust und Kontemplation
Die Absurdität des Alltäglichen offenbart sich auch im Soundstück mit Performance „TEMPUS FUGIT“ aus dem Jahr 2017. Dieses beinhaltete eine Meditation auf konzentrisch angeordneten Kniebänken, angeleitet vom Sound aufgenommener Stauansagen. Nicht die gewöhnliche Ansage von Staus findet sich jedoch auf die Schallplatten gebannt, sondern nur die Ansage des jeweiligen „Zeitverlustes“. Denn 2017 gaben die Rundfunksender Verkehrsstaumeldungen nicht mehr in Kilometern an, sondern in vermeintlich verlorener Zeit. Gather schnitt die Staunachrichten mehrerer Monate zusammen. Innerhalb des finalen Soundstücks steigert sich der „Zeitverlust“ von zehn Minuten bis am Ende auf „möglicherweise mehrere Stunden“. Die Ansagen fließen redundant und rhythmisch ineinander, werden nur von wenigen zusätzlichen Informationen wie Hinweise auf Hindernisse auf der Fahrbahn unterbrochen. Nach 28 Minuten herrscht Stille unter den Teilnehmer:innen der Meditation. Sie waren genauso zum Stillstand gezwungen wie die vom Stau betroffenen Fahrzeugführer:innen. Nur dass sie im Gegensatz zu den Fahrer:innen die vermeintlich angehaltene Zeit nicht als Verlust begriffen, sondern sie für sich nutzbar zu machen wussten.






Kontemplation spielte in der zwischen 2019 und 2021 entwickelten Installation „HOCH SITZEN“ ebenfalls eine bestimmende Rolle. In Zusammenarbeit mit dem Kunstverein Battenberg konstruierte Gather eine „Waldskulptur“ in einem Waldstück bei Laisa, bestehend aus zwei sich unmittelbar gegenüberstehenden, spiegelbildlich angeordneten Hochsitzen. Dafür arbeitete er eng mit der örtlichen Jägerschaft zusammen, drang in einen sonst meist verborgenen, eigentümlich wirkenden sozialen Kosmos ein. Die nach außen gerichteten Hochsitze wandelten sich bei Gather zu Innenschau befördernden Kapseln. Den scheinbaren Widerspruch zwischen Naturverbundenheit und Jagd verhandelte zusätzlich ein den Aufbau dokumentierender Film, welcher Gathers Changieren zwischen persönlicher Nähe und professioneller Distanz eindrücklich veranschaulicht. Der Film feierte bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen 2021 Premiere und wurde mit einer Auszeichnung prämiert.
Stellenausschreibung: Schmuckeremit:in
Ein ganz besonderes Projekt realisierte Gather zwischen 2022 und 2024 in Pulheim, im Pendlereinzugsgebiet von Köln. In den letzten 20 Jahren entstanden in Pulheim zahlreiche Eigenheimviertel, vom „Maler-“ über das „Planetenviertel“ bis zum „Edelsteingarten“. Gather entschied sich nach Vorbesichtigung für die Siedlung „Edelsteingarten“ und befragte in einer breit angelegten Studie die Anwohner:innen. Was sind die Sehnsüchte und Träume der Menschen in dem noch jungen Wohnviertel? Innerhalb seiner Recherche stieß Gather sodann auf eine historische Stellenanzeige, in der ein englischer Adeliger aus dem 18. Jahrhundert einen Schmuckeremiten suchte. Daraufhin startete auch Gather einen Aufruf im Kunstforum International, in welchem sich Künstler:innen um die Stelle als Schmuckeremit:in bewerben konnten. Dafür sollten die Interessierten eine die Sehnsüchte der Bewohner:innen adressierende Intervention entwickeln. Historisch gesehen waren Schmuckeremiten integraler Bestandteil englischer Landschaftsgärten im 18. und 19. Jahrhundert. Sie sollten keine Gartenarbeit ausüben, sondern die künstlichen Gärten im Sinne eines Landschaftsgemäldes beleben und schmücken. In Vertretung des vielbeschäftigten Besitzers kam ihnen die Rolle des einfachen, gutmütigen Eremiten zu. In Stellenanzeigen aus der Zeit wurden diesbezüglich strenge Regulation für Kleidung, Verhalten und Aufenthaltsort aufgeführt, zugleich entwickelte sich die Tätigkeit über die Zeit zur gefragten Dienstleistung.





Sowohl der englische Landschaftsgarten als auch die relativ neue Wohnsiedlung erschaffen Illusionen von Natur, was für Gather das überschneidende Moment beider auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Lebensbereiche darstellte. Gesucht wurde ein Schmuckeremit oder eine Schmuckeremitin, welcher oder welche die Siedlung „zur visuellen Verzückung (…) performativ komplettiert“. Die in einem bezahlten, öffentlichen Casting auf einer Wiese in der Siedlung im August 2022 dargebotenen Performances reichten folgend von in der mexikanischen Kultur beheimateter Reinigung „La Limpa“ von Alejandra Baltazares über das Anfertigen von Hauszeichnungen von Michael Cichon bis zum Schönheitswettbewerb für Hunde von Stefanie Klingemann. Eine Jury aus Anwohner:innen, der Bürgermeisterin sowie der Kunstwissenschaftlerin Ann-Katrin Günzel entschied sich schließlich für Ramòn Graefenstein und Tanja Kodlin. Die beiden Kunstschaffenden verstanden die ausgeschriebene, ungewöhnliche Stelle als Verkörperung des Wunsches nach „Ortsungebundenheit, Freiheit und Wildheit“. Mit einem Van fuhren sie in „Safari“ durch die Siedlung, schlugen temporäre Lager auf, zogen kurz darauf weiter. Das Gewinner:innen-Duo nahm die Stelle 2023 an, lauschte anhand von Gesprächen mit den Bewohner:innen in die Siedlung hinein und entwickelte ortsspezifische Sound-Interventionen. Ihr Projekt spiegelte den Gegensatz zwischen der Sicherheit eines Eigenheims innerhalb klar definierter Grenzen und der Sehnsucht nach Mobilität wider, was beispielsweise ein Wohnmobil verspricht. Dazu finden sich auf der eigens zum Projekt angelegten Website Belegzitate aus der Bevölkerung wie zum Beispiel „Ich meine, das nervt uns auch zum Teil, da haben die dann das Segelboot stehen und jetzt geht es mit den Wohnmobilen los“.
Der Klang der Landschaft
Landschaften werden aufgebrochen, ausgebeutet, versiegelt. Wie aber hören sich verwundete Landschaften an? Hört man sie seufzen, stöhnen, ächzen? Im Jahr 2023 entstand der Film „SOUNDS FOR A WOUNDED LANDSCAPE“ von Oliver Gather und Frauke Berg. Der Film widmet sich dem Braunkohletagebau Garzweiler und dem daraus resultierenden riesigen Riss in der Landschaft. Gleich einer Wunde durchzieht er die natürliche Umgebung, degradiert die Landschaft zur Ausbeutungsmasse zugunsten der Gewinnung von Rohstoffen. Die Künstler:innen folgen der Spur der Zerstörung, treten bis heran an die Abbruchkante und erfassen Garzweiler ebenfalls auf der Sound-Ebene. In seinem neuesten Arbeitszyklus „En plein Air / Unter freiem Himmel“ greift Gather anknüpfend an das Projekt in Pulheim zudem das Motiv des Wohnmobils anhand von Betonmodellen, Filmen und Aquarellen erneut auf. In bürgerlicher Wohnsiedlung verkörpert es die Sehnsucht nach Mobilität und nomadischem Dasein. Dabei bilden die Wohnmobile wiederum Luxusobjekte, sind kostspielige Statussymbole, vereinen scheinbar gegenteilig geartete Freiheit mit Bequemlichkeit.

Die künstlerische Forschung ist innerhalb institutionell verankerter Wissenschaften eine im Vergleich noch eher junge Disziplin. Im Angesicht drohender globaler Krisen nimmt die Bedeutung jedoch kontinuierlich zu, scheint sinnliches Wissen als Ergänzung forschender Praxis unabdingbar zu werden. Neben dem Einsatz konventioneller Methoden gehen Kunstschaffende wie Oliver Gather oftmals an ihre eigenen Grenzen, folgen der eigenen Intuition, verwenden poetische Bildsprache. Obwohl Kunst und Wissenschaft zumeist als widerstrebende Positionen verstanden werden, dienen die unermüdliche Suche nach Antworten, ein experimenteller Ansatz sowie neue Perspektiven auf die Realität als Grundlagen beider Felder. Gather vereint das nicht zuletzt mit seiner Lehrtätigkeit zwischen künstlerischen und soziologischen Fragestellungen an der Hochschule Düsseldorf.
Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert
Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.
Liminalität – Räume im Übergang
Gruppenausstellung der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen mit Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang und Lukas Zerbst.
Ausdrucksmittel auf Augenhöhe
Unter dem Titel "Trouble and Appearance" präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Dana Schutz.