Michael Singer, Memorial Garden, 1993. Foto: Matter Of.

Freiluft-Museum

Kunst im öffentlichen Raum, lange vernachlässigt, stößt in Stuttgart zunehmend auf Interesse.

Ein paar kleine, an den Enden runde Plexiglasteile sind mit farbigem Wachs an die Glastür des Stuttgarter Kulturamts geheftet. Über einem davon hängt ein Dichtungsring. KiöR – Kunst im öffentlichen Raum nennt Julia Wenz-Delaminsky ihre Arbeit, so wie die Abteilung des Amts, an dessen Tür sie nun klebt: Ein Gebäudeeingang, an Nüchternheit kaum zu überbieten. Der Untertitel Kleine Freuden scheint anzudeuten, dass schon ein minimaler Eingriff genügt, um dem etwas abzuhelfen. Oder verbirgt sich darin eine Anspielung auf die Förderpolitik der Stadt Stuttgart? Der Gemeinderat hat den Etat der Abteilung auf ein Viertel zusammengestrichen. Von fünf Stellen ist nur noch eine übrig.

Dabei hatte es vor vier Jahren vielversprechend angefangen. Mehr als 450 Kunstwerke – je nachdem wie man zählt – bevölkern den öffentlichen Raum der Stadt. Zur Zeit ihrer Entstehung waren sie manchmal heftig umstritten. Heute gehen die meisten Menschen dagegen achtlos an ihnen vorbei. Nicht so Marcel Mendler, den diese Werke schon immer fasziniert haben. Mendler hat an der Kunstakademie, im Bereich Kommunikationsdesign, seine Diplomarbeit zum Thema geschrieben. Das daraus hervorgegangene Buch, herausgegeben und gestaltet vom Büro Matter Of, das er mit drei Kommilitonen 2018 gegründet hat, war in kürzester Zeit vergriffen. Vielleicht auch, weil es in der Corona-Zeit erschien, als die Museen geschlossen waren.

Ein weites Feld

Der Erfolg des Buchs dürfte das Kulturamt bestärkt haben, ein Förderprogramm aufzulegen, das der Gemeinderat, als die Kassen noch voll waren, zunächst für vier Jahre bewilligte. Jedenfalls hat Matter Of auch die dazu gehörige Website des Amts gestaltet. Zur selben Zeit existierten aber auch schon zwei Festivals, die dann ebenfalls im Programm KiöR gefördert wurden, Kunst im öffentlichen Raum allerdings ganz anders verstehen: nicht als dauerhafte, statische Werke, sondern als vorübergehendes Ereignis, Performance, Intervention oder Aneignung des Stadtraums. Das Nachtsicht-Festival verbindet eine queer-feministische Perspektive mit einer interdisziplinären Herangehensweise, während Current, ins Leben gerufen von Laura Bernhardt, Tochter des Künstlerhaus-Gründers Ulrich Bernhardt, den Stadtraum und die Stadtentwicklung in den Blick nimmt. Als drittes kam noch das PFFFestival dazu, benannt nach dem Geräusch der Sprühdose. Veranstalter ist das Studio Vierkant, ein Büro junger Designer aus dem Streetart-Bereich. Zwanzig großformatige Murals internationaler Künstler:innen sind seit 2022 im Zuge des Festivals entstanden.

Dan Graham: Gate of Hope, 1993, © Matter Of.

Oben links: Etwas Besonderes ist das temporäre aufblasbare Objekt von Kestutis Svirnelis in der Baugrube des abgerissenen Kaufhof-Gebäudes in Stuttgart-Bad Cannstatt. Current-Festival 2023. Foto: Kestutis Svirnelis. Oben rechts: Eine beschriftete Fassade: Claude Horstmann: about architecture, 2026. Foto: Jan Hottmann. Unten: Leider sehr verbreitet: Dan Grahams Gate of Hope aus dem Jahr 1993 war immer wieder Ziel von Vandalismus. Foto: Matter Of.

Noch aus einem ganz anderen Grund ist Kunst im öffentlichen Raum in den letzten Jahren vermehrt in den Blick gerückt. Die ortsfesten, bleibenden Werke sind zumeist schon einige Jahrzehnte alt. Auch wenn sie auf Dauerhaftigkeit angelegt sind, bleiben Schäden nicht aus. Das beginnt mit physischen Attacken. 1970 versuchte ein unbekannter Bürger, der neun Jahre zuvor zunächst vor dem Landtag aufgestellten Liegenden von Henry Moore den Kopf abzusägen. Der eigentlich sehr beliebte Denkpartner von Hans-Jörg Limbach, ein riesiger Bronzekopf gestützt auf zwei Unterarme, der heute als Sinnbild der schwäbischen Pfennigfuchserei auf dem Börsenplatz steht, erhielt an seinem ersten Standort einen schweren Schlag auf den Schädel. Mendlers Buch trägt auf dem Cover der zweiten Auflage Dan Grahams Gate of Hope, entstanden zur Internationalen Gartenschau 1993 (IGA 93): eine dreieckige Pyramide aus dreieckigen, spiegelnden, halbtransparenten Gläsern, die so oft mit Graffiti besprüht oder gar kaputtgeschlagen wurden, dass das zuständige Garten- und Friedhofsamt den Fall bereits für hoffnungslos erklärte. Wo doch die Erfahrung lehrt, dass sichtbare Schäden nur noch mehr Vandalismus nach sich ziehen.

Inzwischen ist ein weiteres Buch erschienen: die Dissertation der Restauratorin Denise Madsack, Kunst am Bau. Zustände, Erhalt und Vermittlung, gestaltet wiederum von Mendler. Kunst am Bau ist nicht dasselbe wie Kunst im öffentlichen Raum, doch es gibt große Überschneidungen. Arbeiten, die im Zuge von Bauvorhaben entstanden sind, gemäß der Empfehlung, dass ein Prozent der Bausumme, mal mehr, mal weniger, für Kunst ausgegeben werden soll, befinden sich häufig, wenn auch nicht immer im öffentlichen Raum. Doch wo beginnt und endet der? Im strikten Sinn ist das Foyer einer Hochschule kein öffentlicher Raum, und doch ist es weitgehend öffentlich zugänglich. Die Stahlskulptur Bewegung II (Ikarus) von Wander Bertoni, die seit 1961 wie ein dreidimensionaler, großer Violinschlüssel im Schlossgarten steht, kam zwar als Kunst am Bau im Zusammenhang mit dem Kleinen Haus des Staatstheaters zustande, könnte aber ebenso gut im Zuge der Bundesgartenschau entstanden sein, die im selben Jahr stattfand.

Beide Begriffe sind in den 1920er-Jahren aufgekommen. Sie hatten ihre große Zeit in den Jahrzehnten nach 1945, bis ab den 1990er-Jahren die Zahl der Aufträge zurückging. Kunstwerke im öffentlichen Raum oder in Verbindung mit Bauwerken gab es natürlich schon viel länger. Nur erinnert etwa das Schiller-Denkmal von Bertel Thorwaldsen in erster Linie an den Dichter und ist erst in zweiter Linie ein Kunstwerk. Eine künstlerische Gestaltung gehörte seit Vitruv als Decorum zu jedem Bau. Erst mit Gottfried Semper wurde dieses Dekor zum Gewand, das die Moderne dann ablegte. Zum Vorschein kam der pure, nüchterne Zweckbau: manchen Architekten vielleicht schon Kunst genug, doch Vielen schien etwas zu fehlen. Diese Leerstelle besetzt Kunst am Bau.

Konservatorische Aspekte

Kunstwerke im öffentlichen Raum sind ganz anderen Beanspruchungen ausgesetzt als solche im geschützten, klimatisierten Raum des Museums. Madsack geht aus von den rund 4.500 Werken in Landesbesitz. Den Anstoß für ihre Arbeit gab ein Workshop, zu dem der Landesbetrieb Vermögen und Bau Restaurator:innen der Kunstakademie eingeladen hatte, um seine Sachbearbeiter:innen zu schulen. Denn das Spektrum der Materialien und Techniken ist breit: Neben Bronze und Stein, Malerei und Sgraffito kommen in neuerer Zeit auch Beton, Kunststoffe, Wasser, Licht, Pflanzen sowie Video und andere neue Technologien zum Einsatz, verbunden mit sehr unterschiedlichen konservatorischen Herausforderungen, wie Madsack an zwölf Fallbeispielen aus dem ganzen Bundesland herausarbeitet.

Das Dach über dem Foyer der Universität Konstanz, von Otto Piene 1972 in Form farbiger Plexiglas-Tetraeder gestaltet, war zum einen durch Licht- und mechanische Einwirkungen etwas lädiert, genügte aber auch nicht mehr den verschärften Brandschutzbestimmungen. In Zusammenarbeit mit dem Künstler wurden die Acrylglas-Bauteile durch entsprechende Verbundglas-Pyramiden ersetzt. Ganz anders verhält es sich bei Nam June Paiks Two Way Communication, einer 1996 entstandenen Wand aus 90 Röhrenbildschirmen im Foyer des Neubaus 2 der Stuttgarter Kunstakademie, die ursprünglich von den Studierenden mit eigenen Videos hätten bespielt werden sollen. Heute ist das Werk so in die Jahre gekommen, dass es, wie Madsack schreibt, "eine konservatorische Rundum-Betreuung benötigt". Anders gesagt, es kann eher als Übungsobjekt für angehende Medienkunst-Restaurator:innen dienen denn als interaktive Video-Abspielfläche wie ursprünglich vorgesehen.

Häufig fehlt es jedoch zuallererst am Bewusstsein. Als die Stadt Esslingen 2016 beschloss, ihre Hochschule auf der Flandernhöhe in die Weststadt zu verlagern, um auf diese Weise die attraktive Lage für ein Wohngebiet freizumachen, dachte niemand daran, dass mit einem Abriss der Gebäude auch Kunstwerke vernichtet würden. Die Skulpturen von Rudolf Hoflehner und Horst Kuhnert lassen sich auch anderswo aufstellen, Eckard Hausers Wandarbeiten nicht. Dank Bemühungen der Internationalen Bauausstellung IBA’27 ist mittlerweile eher an Erhalt und Umbau gedacht, sodass auch Hausers Arbeiten noch eine Chance haben. Abriss ist in Zeiten der Turbo-Immobilienspekulation an der Tagesordnung. Manches Kunstwerk verschwindet. Claude Horstmann musste jüngst sogar nach einem neuen Standort suchen, weil die Brandmauer hinter einem abgerissenen Gebäude, an der sie ihre Arbeit about architecture hatte anbringen wollen, inzwischen für Werbezwecke vermietet worden war.

Doch auch bei Sanierungen sind schon viele Werke verschwunden. Wandgestaltungen der früheren Nachkriegszeit wurden oft ohne jede Bedenken entfernt oder übertüncht. Madsack hat immer wieder erlebt, dass selbst den Nutzern von Gebäuden die Kunst überhaupt noch nicht ins Bewusstsein gedrungen war. Neben Dan Grahams Gate of Hope befanden sich 25 Jahre nach der IGA’93 viele weitere Werke in einem desolaten Zustand, als das Garten- und Friedhofsamt dann auch noch Herman de Vries' Sanctuarium roden ließ. Eben das, was der Künstler mit seiner Arbeit hatte verhindern wollen, die aus einem kreisrunden Staketenzaun besteht, der die Vegetation im Inneren vor solchen "Pflegemaßnahmen" schützen sollte. Desinteresse und Unverstand, auch bei vielen Verantwortlichen, ist Madsack bei ihrer Arbeit immer wieder begegnet. Vermögen und Bau verzeichnet dagegen, was ziemlich einzigartig ist, seit 2012 alle baugebundenen Werke in Landesbesitz in einer Datenbank.

Neue Allianzen

"Vermittlung und Erhaltung können ohne einander nicht stattfinden", lautet Madsacks Credo, das auch über den Bemühungen des Stuttgarter Kulturamts stehen könnte. Denn der Fachbereich KiöR fördert nicht nur die drei Festivals und bisher über 100 Einzelprojekte wie das von Julia Wenz-Delaminsky, sondern hält auch verschiedene Vermittlungsangebote bereit und hat bis dato die Restaurierung von zwanzig Werken veranlasst. Dafür hat der Gemeinderat zuletzt sogar weitere 50.000 Euro bewilligt – während die Fördergelder sonst stark gekürzt wurden. Restaurierung kann unumgänglich sein, wenn etwa die Verkehrssicherheit gefährdet ist, so etwa bei Alexander Calders acht Meter hoher Mobile-Skulptur Crinkly avec disque rouge direkt vor dem Kunstmuseum.

"Kunst kann elitär oder unverständlich wirken", heißt es auf der KiöR-Website. "Das ändern wir! Unser Ziel: Alle Menschen in Stuttgart sollen Kunst im öffentlichen Raum erleben, verstehen und mitgestalten können." Eine Broschüre schlägt drei Touren vor, die auch als Führungen zu buchen sind: eine für Kinder mit Begleitung, eine inklusive Tour und eine zu Werken von Frauen, ergänzt um Beschreibungen von weiteren acht Werken. Weitere Rundgänge und eine Audiodatei ergänzen das Angebot.

Um alle Menschen zu erreichen, setzt das Kulturamt auf größtmögliche Breite nicht nur der künstlerischen Genres und Kunstauffassungen, sondern auch von Zielgruppen und Formen der Vermittlung. Die allererste Veranstaltung des Fachbereichs war ein Netzwerktreffen, wie sie seither in unregelmäßigen Abständen immer wieder stattgefunden haben. Dabei geht es auch um Verbindungen in Bereiche wie Erinnerungskultur und Stadtgeschichte. So sprach das Programm Hidden Places auf Spuren der Kolonialgeschichte insbesondere junge Menschen an, deren Familien aus anderen Kontinenten stammen. In einer geführten Radtour unter dem Titel Lärm der Exot*innen schlüpfte beispielsweise die Theatergruppe La Fuchsia Kollektiva um die Kolumbianerin Magda Agudelo in die Rolle der Gelbkopfamazonen, einer im Stadtteil Bad Cannstatt unüberhörbaren Papageienart. Zu den Stationen zählten eine Bettfedern- und eine Schokoladefabrik, der Tierpark Wilhelma und schließlich auch das Stadtarchiv, das in einem früheren Kontor der Kolonialwarenhändler untergebracht ist.

Unter dem Wiener Platz im Stadtteil Feuerbach, direkt vor dem Bahnhof, befindet sich der größte erhaltene Bunker des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart. Da dieser wenig ins Auge fällt, schrieb das Kulturamt einen Wettbewerb zur Neugestaltung aus. Dabei entdeckte das Künstlerpaar Sylvia Winkler und Stephan Köperl, dass der Platz anlässlich eines Hitler-Besuchs nach dem "Anschluss" Österreichs so benannt worden war. Sie schlugen eine Umbenennung vor – ohne den Namen zu ändern. Vorübergehend hieß der Platz nach sechs Personen, die alle den Nachnamen Wiener trugen, von Renée Wiener, die aus Wien in die französische Resistance ging, bis zur Fernsehköchin Sarah Wiener, Tochter des Dichter-Künstlers Oswald Wiener, der ebenfalls vertreten war.

So wie die sehr rege Stuttgarter Szene der Erinnerungskultur seit einigen Jahren das Projekt der Stolpersteine um eine Stolperkunst ergänzt hat, die sich unter anderem mit umstrittenen Denkmalen auseinandersetzt, so erweitert auch Malika Ali in ihrem Projekt Motion Portals statische Kunst im öffentlichen Raum um eine performative Komponente. Tänzer:innen übersetzen die Formen von Skulpturen in körperliche Bewegung. QR-Codes an den Werken führen zu Videoaufzeichnungen einer einmaligen Live-Veranstaltung.

Der Vielfalt der Kombinatorik von Kunstrichtungen und Zielgruppen sind nahezu keine Grenzen gesetzt. Doch die Kürzungen bedeuten herbe Einschnitte. Kirsten Bayer, die vom fünfköpfigen Team des Fachbereichs KiöR als einzige übrig geblieben ist, will dennoch die Hoffnung nicht aufgeben. Sie setzt auf die Netzwerke, die in den letzten vier Jahren entstanden sind, und vertraut darauf, dass daraus neue Impulse hervorgehen werden.


Matter Of: Kunst im öffentlichen Raum in Stuttgart, aktualisierte Neuauflage, Bielefeld; Berlin 2024.

Denise Madsack: Kunst am Bau. Zustände, Erhalt und Vermittlung, Stuttgart 2026.

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