Hans Ticha in seinem Atelier, 2020. Foto: Andreas Labe.

Puppenspieler des Systemwandels

Mit dem Label Pop Art der DDR ist nur ein Teil des Werks von Hans Ticha erfasst, wie zwei Ausstellungen in Nürnberg und Frankfurt zeigen.

"Es lebe" steht da in Weiß auf rotem Grund, überdeckt und gefolgt vom Schriftzug "Aldi" und einer Sprühflasche der Marke biff. Oben schüttelt eine blaue Hand eine rote: zwischen zwei Bananen. Über drei Figuren im Stechschritt mit Köpfen wie Halma-Figuren, angeführt von einem Donald Duck, steht "Wir sind das Volk" und auf ihren voluminösen Leibern: "99,9%". Darauf antwortet in der rechten unteren Ecke ein Preis: "9,99", während gleich daneben eine weiße Frauenfigur "Live Sex in 30 Sek." verspricht. Bissig reagiert Hans Ticha auf die deutsche Wiedervereinigung. In seinem 1991 entstandenes Gemälde Es wächst zusammen zitiert er ein zehn Jahre älteres, eigenes Werk, über das sich nun Elemente der neuen, westlichen Realität schieben.

"99,9 %", heißt dieses ältere Bild, "Es lebe" ist auch hier links oben zu lesen: über einer Schlange uniformer Figuren mit gesichtslosen Kugelköpfen, die darauf warten, ihren Stimmzettel in eine Wahlurne zu stecken. Alle stimmen mit Ja. Gegenstimmen waren in der Demokratie der Deutschen Demokratischen Republik nicht vorgesehen. In der Ausstellung im Neuen Museum Nürnberg, der ersten musealen Retrospektive im Westen Deutschlands, sind die beiden Gemälde so gehängt, dass der Bezug ins Auge fällt. Das ältere hängt in der zentralen Achse des Raums, in der die regimekritischen Werke Tichas aus den letzten zehn Jahren der DDR versammelt sind. Beifall klatschende Händepaare, winzige Kugelköpfe ohne Gesichtszüge, marschierende Stiefel, gereckte Fäuste, NVA-Stahlhelme, rote Fahnen und Sterne, fragmentierte Parolen, das alles in einer plastisch-geometrischen, zeichenhaften Bildsprache zwischen Fernand Leger und Roy Lichtenstein. Die Bilder standen in seinem Wohnatelier im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wie er sagt, mit der Butterseite zur Wand. Er konnte sie niemand zeigen.

Verschlüsselte Botschaften

Pop Art in der DDR: So wird Ticha im Westen wahrgenommen. Ein Künstler aus dem Land, in dem man für alles Schlange stehen musste, der ausgerechnet die westliche Kunstrichtung adaptiert, die der Konsumgesellschaft den Spiegel vorhält. Ein Dissident, der heimlich malen musste. Menschen, die in der DDR gelebt haben, nehmen Ticha ganz anders wahr. Viele Ausstellungsbesucher:innen seien sofort auf die Vitrine am Anfang des Rundgangs zugesteuert, in der die von ihm illustrierten Kinderbücher aufgestellt sind, erzählt Simone Schimpf, die Direktorin des Museums. Thüringen ist nicht weit, und auch in der Gegend um Nürnberg stammen viele Menschen aus dem Osten. Sie hätten sich gefreut, Tichas humorvolle Buchcover wiederzusehen: von E.T.A. Hoffmanns Klein Zaches, genannt Zinnober oder Rainer Brauns Vom Räuberchen, dem Rock un dem Ziegenbock. Vieles ist hier schon vorgeprägt: so etwa der Kugelkopf in einem Zähneputzbuch oder im Bertolt-Brecht-Sammelband Nordseekrabben. Aber auch eine aufmüpfige Haltung, die im Kinderbuch durchging, etwa in Gerhard Branstners Der Esel als Amtmann. Deutet sich hier schon das Ende der DDR an, wenn 1988 ein Buch für die Kleinsten Wie spät? heißt?

Kunst in Perioden eingeschränkter Freiheiten arbeitet mit verschlüsselten Botschaften. Für Außenstehende ist das nicht immer auf Anhieb zu erkennen, kann jedoch nachhaltige Wirkungen entfalten. Schon in der Schulzeit entdeckte Ticha in einer Zeitschrift den satirisch-fantastischen Roman Der Krieg mit den Molchen von Karel Čapek. Es dauerte zwanzig Jahre, bis er dem Aufbau-Verlag eine illustrierte Neuausgabe abringen konnte, und weitere zehn, bis sein Meisterwerk, dessen Titelblatt groß an die Wand der Nürnberger Ausstellung tapeziert ist, 1987 endlich erschien – und als eines der "Schönsten Bücher der DDR" ausgezeichnet wurde. Čapeks Molche – der Roman erschien im Original 1936 – sind die unterdrückten Kleinbürger, die im Nationalsozialismus die Macht an sich reißen. Gleichwohl lässt sich die Fabel auch auf andere Orte und Zeiten übertragen, bis hin zu einer prophetischen Vorwegnahme der Diktaturen, die nach dem Ende des Kolonialismus entstanden, zumal das Werk bei Sumatra spielt. Dass sich die DDR mit dem Buch schwer tat, lag wohl nicht zuletzt daran, dass man in den Molchen, die sich so lange unterdrücken lassen, bis sie ihre Macht erkennen, auch die eigene Realität wiedererkennen konnte.

Agit Pop

In der Kulturpolitik der DDR wechselten doktrinäre Phasen mit Zeiten der Lockerung. Dies beschreibt die Münchner Kunsthistorikerin Felice Fey, Autorin eines Buchs über die DDR-Moderne unter dem Titel Verschwiegene Kunst, im zentralen, gut informierten Essay des Katalogs. Der Katalog ist in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Rostock entstanden, wo eine Ticha-Ausstellung schon stattgefunden hat, die aber, wie Simone Schimpf betont, mit der Nürnberger nicht identisch sei. Er zeigt viel mehr Werke, als in der Ausstellung zu sehen sind. Als Ticha anfing, hatte sich der Arbeiter- und Bauernstaat in seiner Kulturpolitik, in auffälliger Abgrenzung zum sowjetischen Tauwetter, für den besonders rigiden "Bitterfelder Weg" entschieden. Der hochbegabte Jugendliche bewarb sich in Leipzig nicht an der Kunsthochschule, sondern studierte Kunstpädagogik. Er arbeitete zwei Jahre als Kunstlehrer und wechselte später an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee von Malerei zu Druckgrafik, Illustration, Typografie und Buchgestaltung.

In der Gebrauchsgrafik hatte Ticha mehr Freiheiten als in der freien Kunst. Dennoch hörte er nicht auf zu malen. In der Periode der deutsch-deutschen Annäherung nach 1973 konnte er seine Werke auch öffentlich zeigen. 1977 nahm er an der VIII. Kunstausstellung der DDR teil – im selben Jahr, als zum ersten Mal auch Künstler aus der DDR auf der Documenta zu sehen waren. Es war eine Periode der Öffnung, in der manches möglich wurde, was vorher auf keinen Fall ging. Die versteckte Kritik in seinen Sport-Bildern, in denen das Vokabular der politischen Bilder der 1980er-Jahre – die winzigen Kugelköpfe, das Druckraster, die bunten Farben – schon angelegt war, erregte keinen Anstoß.

Die Nürnberger Ausstellung zeigt frühe Arbeiten aus seiner Umgebung am Prenzlauer Berg, mit wiederkehrenden Themen wie Schubboote, Fischer und Fischverkäuferinnen oder Menschen am Strand, die sich in Private zurückgezogen haben. Der Friseursalon mit den vielen Spiegeln gegenüber seiner Wohnung bietet Anlass zu kubistischen Formspielen. Später wird neben dem Sport auch Musik zur Zielscheibe satirischen Spotts und kubistischer Formzerstückelung. Eine Schlagersängerin erscheint kaum weniger hirnlos und eskapistisch als ihre Kolleginnen im Westen Deutschlands. Auf der anderen Seite der Mittelachse, im Anschluss an den "Agit Pop", wie Ticha seine Polit-Karikaturen einmal selbstironisch genannt hat, folgen Arbeiten, die zeigen: Nach der Wiedervereinigung machte er genauso pointiert und witzig weiter wie zuvor. Nur ist anstelle von Erich Honecker und dem sozialistischen Bruderkuss jetzt Helmut Kohl neben Kaiser Wilhelm II. zu sehen: Der Kopf hat die von Hans Traxler geprägte Birnenform. Darunter steht, wie bei Joseph Kosuth, ein Wörterbuch-Eintrag zu Kohls Lieblingsvokabel "Geschichte". Orangenkisten aus Sizilien collagiert Ticha mit Walt-Disney-Figuren. "Wir bieten Ihnen", steht über dem Bild eines grauen Eigenheims, "Pure Lust" neben einer blonden Puppe, gefolgt von der Aufforderung: "Tu es jetzt!"

Die dritte Dimension

Die Galerie Hanna Bekker vom Rath in Frankfurt zeigt derzeit schon ihre dritte Hans-Ticha-Ausstellung: Nach Malerei 2019 und Arbeiten auf Papier 2023/24 sind diesmal plastische Werke zu sehen. Seit Anfang der 1990er-Jahre lebt der Künstler in der Mainregion, wo er seitdem auch am häufigsten ausgestellt hat. Kunst, die nicht gezeigt werden konnte, steckt schon in den Genen der Galerie Hanna Bekker vom Rath: Durch Privatverkäufe half die Namensgeberin in der NS-Zeit Künstlern wie Alexej Jawlensky und Karl Schmidt-Rottluff zu überleben. Ihr Kunstkabinett war 1947 die erste Galerie, die nach dem Krieg ihre Pforten öffnete. 1993, zehn Jahre nach dem Tod der Gründerin, zog sie an ihren heutigen Standort in der Braubachstraße, rutschte aber 2015 in die Insolvenz. Anja Döbritz-Berti, die seit 2002 auch das benachbarte, von ihrem Vater gegründete Auktionshaus Döbritz führt, übernahm.

Ticha nimmt die Huldigung eines Verehrers, der angibt, bereits ein Werk zu besitzen, entgegen, ohne viel zu sagen. Sein Atelier in einem kleineren Ort bei Frankfurt bezeichnet er als sein Bilderlager. Es sei momentan ziemlich unaufgeräumt, meint er. Zwei Ausstellungen gleichzeitig, in Nürnberg und jetzt hier: das sei doch ziemlich anstrengend gewesen. Die Galeristin Christina Veit dämpft in ihrer Eröffnungsrede die Erwartungen: Über Politik wolle Ticha lieber nicht sprechen. Er steht daneben, ohne selbst das Wort zu ergreifen, unterhält sich lieber später angeregt mit zwei allem Anschein nach guten Bekannten. So viel Publicity ist der 85-Jährige nicht gewohnt, allenfalls als Kinderbuchillustrator. Das sei aber eine ganz andere Geschichte, erklärt er, die er von der Kunst trennen will.

Von Tichas plastisch modellierten Figuren in der Malerei zu seinen Skulpturen, Reliefs und Assemblagen scheint der Weg nicht weit. Sie ähneln den Gemälden, haben aber auch einige Überraschungen in petto. An einem Eishockey-Torwart hängt eine Schnur mit einem Griff, an dem man ziehen kann: ein Hampelmann. Ende der Geschichte nennt sich eine Montage, in der Ticha die Zuschreibung als "Warhol des Ostens" beim Wort nimmt: Sie besteht aus Hammer und Sichel, beide in rot, einer echten Campbells-Tomatendose und der Zahl 89. Spülmittel-Flaschen und andere blassfarbige Kunststoffteile addieren sich zu einer Figur hinter einem Maler-Abstreif-Gitter. In Keramik oder Leder, mit Riemen und Gürtelschnallen, variiert der Künstler das Thema Kopfskulptur. Eine davon trägt einen Stahlhelm aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie erinnert an seinen im Krieg verschollenen Vater. Ticha stammt aus Bodendorf, heute Děčín, sein Nachname ist tschechisch, doch 1945, im Alter von vier Jahren, wurden er und seine Mutter als Deutsche klassifiziert und vertrieben.

Eine Assemblage aus einer Mausefalle, einem Thermometer und einer roten 3 erinnert ein wenig an Kurt Schwitters. Gliederpuppenartige Figuren lassen an Oskar Schlemmer oder Giogio de Chirico denken. Felice Fey verweist in ihrem lesenswerten Fazit auf Heinrich von Kleists Erzählung Über das Marionettentheater. Tichas Figuren, plastisch oder gemalt, seien "Stellvertreter, Puppen, Rollen, und sie spielen." Sie erwähnt Lissitzky, Malewitsch, Léger, Schlemmer, Baumeister und Henry Moore: "Tichas Figuren kennen ihre Vorbilder, mitunter ahmen sie sie nach." Schwerelos schwebend wie Ballspieler, seien sie jedoch nicht gänzlich frei. "Sie alle bewegen sich in einem Versuch, im großen Experiment in menschlicher Kultur." Ticha sei "der Arrangeur der Figuren, der Puppenspieler und Direktor des Theaters."


Die Ausstellung im Neuen Museum in Nürnberg läuft bis 14. Juni und ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet.

In der Galerie Hanna Bekker vom Rath, Braubachstraße 12 in Frankfurt, sind Tichas Arbeiten bis zum 30. Mai zu sehen, die Öffnungeszeiten sind Dienstag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Samstag bis 15 Uhr.