Gerrit Rietvelds um 1929 angefertigtes Modell des Textilkaufhauses Gonsenheimer in Kleve. Foto: Sammlung Centraal Museum Utrecht / Rietveld Schröder Archiv.

Rietvelds rheinische Bauen

In den späten 1920er Jahren realisierte Gerrit Rietveld in Kleve und Wesel wegweisende Projekte. Sie wurden während des Nationalsozialismus zerstört.

Die Bewohner:innen der rheinisch-westfälischen Grenzregion kennen ihn nur zu gut: den direkt feststellbaren Unterschied zwischen der deutschen und niederländischen Seite der Grenze. Straßenmarkierungen, Fahrradwege, die Architektur, sie alle lassen den Grenzübertritt sofort spüren. Viele Deutsche blicken sehnsüchtig auf die Niederlande, denken an Strandurlaube, die fahrradfreundliche Infrastruktur oder die vielgestaltige Architektur. Interessanterweise ist gerade letztere trotz der geografischen Nähe diesseits der Grenze selten vorbildgebend geworden: mit Blick auf die Architektur des 20. Jahrhunderts fällt auf, dass nur ganz wenige niederländische Architekten auf deutschem Boden gebaut haben, umgekehrt sogar noch seltener. Prägnante Ausnahmen sind das Rathaus in Marl von Van den Broek & Bakema (1960-67), Aldo van Eycks Schmela-Haus (1967-71) in Düsseldorf oder die von Onno Greiner entworfene Stadthalle (1971-77) in Biberach an der Riß.

Bauhaus und De Stijl

Dabei war der architektonische Grenzverkehr zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die späten 1920er Jahr durchaus fließend auf beiden Seiten: nicht nur setzte sich Mies van der Rohe intensiv mit dem niederländischen Baumeister Hendrik Petrus Berlage, dem großen Vermittler zwischen Tradition und Moderne, auseinander, auch am Bauhaus blickten Gropius und Co. mit Argusaugen in die Niederlande. Dort gründeten Theo van Doesburg und Piet Mondrian im Oktober 1917 die Gruppe De Stijl. Deren gleichnamige Zeitschrift trug in den Niederlanden entscheidend zur Verbreitung abstrakter Formensprachen bei. 1920 traf Van Doesburg u. a. Walter Gropius in Berlin und kam in den beiden Folgejahren zu längeren Aufenthalten nach Weimar. Studierende des Bauhauses zeigten starkes Interesse an Van Doesburgs Lehren und besuchten seine Lehrveranstaltungen außerhalb der Kunstschule, die Gropius zunehmend argwöhnisch betrachtete. Diese offene Konkurrenz verhinderte letztlich auch, dass Van Doesburg Meister am Bauhaus wurde.

Zu den Mitgliedern der De Stijl-Gruppe gehörte seit 1918 auch der gelernte Schreiner und aufstrebende Architekt Gerrit Rietveld. In seiner Utrechter Werkstatt entstand mit dem Rot-Blauen-Stuhl 1917 eine Inkunabel des modernen Designs und eine De Stijl-Ikone, die bis heute stellvertretend für die Formensprache der Gruppe steht. Für und mit seiner Partnerin Truus Schröder-Schräder entwarf er 1923 auch das Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht, eines der radikalsten Wohnhäuser der frühen Moderne. Als ganzheitlicher Gestalter verband Rietveld Architektur und Design, eine Herangehensweise, die sich in seinen Häusern ebenso wie in seinen Ladengestaltungen widerspiegelte.

Rietveld am Niederrhein

Rund 130 Kilometer von Utrecht entfernt liegt die niederrheinische Stadt Wesel, in deren Innenstadt die jüdische Familie Zaudy seit 1815 ein Schmiede-Geschäft betrieb. Ihr entstammte die 1881 geborene Margarete Zaudy, die in Anschluss an ihre Hochzeit mit dem Kaufmann Hugo Brandenstein 1904 die Führung des Geschäfts übernahm. Zaudy war eine künstlerisch äußerst interessierte Frau, die das Geschäft Stück für Stück in eines der führenden Einrichtungsgeschäfte im Rheinland verwandelte. Durch ihr Interesse an moderner Gestaltung baute sie ein großes Netzwerk auch in die überregionale Kunst- und Kulturszene auf. Zu diesem gehörte u. a. Hinnerk Scheper, der seit 1925 in der Nachfolge von Wassily Kandinsky die Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus in Dessau leitete. 1927 trug Zaudy sich mit dem Wunsch nach der Erweiterung und dem modernen Umbau ihres Geschäfts. Scheper empfahl ihr Gerrit Rietveld, der zu dieser Zeit bereits einige Ladenumbauten in Utrecht und Amsterdam realisiert hatte. Margarete Zaudy kontaktierte und beauftragte ihn schließlich 1928 mit der Modernisierung und Erweiterung ihres Geschäfts. Rietveld ging selbstbewusst zu Werke und verpasste dem Geschäft einen distinktiven "Look": er ließ den alten Gibel abreißen und ersetzte ihn durch eine vor- und zurückspringende Glas-Stahlfassade, die dem Einrichtungshaus den Spitznamen "Haus mit der Nase" einbrachte. Auch im Erdgeschoss hielt Rietveld sich nicht zurück und stellte u. a. einen freistehenden Schaufensterkubus in den Eingangsbereich. Man kann sich bildlich vorstellen, wie neuartig und geradezu revolutionär Rietvelds Entwurf auf die Bewohner:innen einer mittelgroßen Stadt am Niederrhein gewirkt haben muss: zwischen den stuckverzierten Giebeln und historistischen Fassaden der Weseler Altstadt tauchte plötzlich eine Fassade aus Glas, Stahl und ohne jeden Zierrat auf. Eine Herausforderung für die Sehgewohnheiten der Bürger:innen.

Dem Vorbild Zaudys folgten kurz darauf zwei weitere Kaufleute vom Niederrhein und beauftragten ebenfalls Gerrit Rietveld mit der Neugestaltung ihrer Geschäfte. Die im rund 50 Kilometer von Wesel entfernten Kleve ansässigen, und wie die Zaudy-Brandsteins jüdischen Familien Gonsenheimer und Nathan betrieben ein Textilkaufhaus bzw. den Bazar Mildenberg, ein Geschäft für "Haushalt-, Luxus-, Galanterie- und Spielwaren". Beide traten 1929 an Rietveld heran und erhielten von ihm jeweils durchweg moderne und insbesondere im Fall der Gonsenheimers geradezu atemberaubende Entwürfe: Rietveld transformierte das Kaufhaus in einen großflächig verglasten Showroom, in dem die Waren schon von Weitem sichtbar waren. Lediglich begrenzt von den Deckenplatten aus Beton und den metallenen Fensterkreuzen, entsprach das Kaufhaus den modernsten Standards für Kauf- und Warenhäuser.

Von kleinerem Maßstab war die Umgestaltung des von den Nathans betriebenen Geschäfts Mildenberger: hier öffnete Rietveld wiederum das Erdgeschoss eines Bestandsgebäudes, verglaste den Geschäftsbereich großzügig und verlegte den Eingang weiter ins Gebäudeinnere. Durch die so entstandene Schaufensterzone konnten Kund:innen auch außerhalb der Geschäftszeiten einen Blick auf die Waren werfen.

Das tragische Ende der Avantgarde und ihrer Förderer

Traurigerweise war das Intermezzo Rietvelds, und damit der architektonischen Avantgarde, am Niederrhein nur von kurzer Dauer. Infolge der Machtübertragung im Januar 1933 und der 1935 verabschiedeten Rassegesetze gerieten auch in Wesel und Kleve jüdische Bürger:innen ins Visier der Nationalsozialisten. Aufgrund der daraus resultierenden Boykottmaßnamen gegenüber jüdischen Kaufleuten verkauften Friedrich und Olga Nathan ihr Geschäft bereits im April 1933 an die langjährige Mitarbeiterin Maria Koken, die es unter ihrem Namen weiterführte. Dass die Nathans das Grauen des Holocausts nicht miterleben mussten, verdankten sie ihrem Sohn Paul: er war als Mediziner schon 1934 nach Palästina ausgewandert und konnte seine Eltern vermutlich noch 1939 durch seine guten Kontakte zu britischen Soldaten nachholen. Rietvelds Geschäftsumbau dürfte spätestens in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zerstört worden sein.

Weniger glücklich verlief die Geschichte der Familien Zaudy und Gonsenheimer: zwar war Margarete Zaudy-Brandenstein 1930 im Alter von nur 49 Jahren in Wesel gestorben, doch das Geschäft wurde von ihren Mitarbeiter*innen und ihrem Ehemann fortgeführt. Zwar gelang ihnen aufgrund der überörtlichen Bedeutung des Geschäftes die Aufrechterhaltung des Betriebs noch einige Jahre, doch die Novemberpogrome 1938 setzten ihnen auf brutale Weise ein Ende. Lokale Schergen der SA zerstörten alle Glasfronten, demolierten die Inneinrichtung und drangsalierten die anwesenden Familienmitglieder. Monate später wurde Rietvelds Fassade abgerissen und durch eine historisierende Putzfassade ersetzt. Das Schicksal der weitläufigen Familie verliert sich in den Wirren des aufziehenden Zweiten Weltkriegs.

Das Kaufhaus der Familie Gonsenheimer wurde 1939 "arisiert", die Inhaberin Sophie Gonsenheimer und ihre Tochter Henny starben im Lodzer Ghetto bzw. wurden im Vernichtungslager Chelmno ermordet. Allein Sophies jüngstem Sohn Max gelang die Flucht nach Palästina, wo er 1994 starb.

Angesichts des Schicksals der jüdischen Kaufmannsfamilien in Wesel und Kleve und der wegweisenden (Um)Bauten Gerrit Rietvelds ist es doch ein wenig verwunderlich, dass heute an den früheren Standorten der Geschäfte nichts an deren Geschichte erinnert. Rietveld hat nie wieder in Deutschland gebaut, daher wiegt der Verlust seiner Projekte am Niederrhein umso schwerer. Heute weiß kaum jemand außerhalb von Wesel und Kleve, welche architektonischen Schätze die Orte einst zierten. Wünschenswert wäre deshalb zumindest die Anbringung von Gedenktafeln auf denen die spannende und tragische Geschichte der Gebäude und ihrer vormaligen Besitzer erzählt würde.