Peter Hujar, Eyes Open in the Dark, Bundeskunsthalle in Bonn.
New York: Der Fotograf Peter Hujar (1934–1987) stellt Bilder für seine Einzelausstellung zusammen, die Anfang Januar 1986 in der Gracie Manison Gallery eröffnet. Er wählt 70 Fotografien aus seinem umfangreichen Archiv aus. Sie zeigen Tiere, gefundene Objekte, Landschaften, vor allem Porträts: Bildnisse von Freund:innen, Liebhabern, von Künstler:innen der New Yorker Downtown-Szene, von sich selbst. Die Fotografien ordnet er an den Wänden in zwei Reihen übereinander als Raster. Jedes Motiv formt einen Kontrast zur folgenden Fotografie, da Hujar die Bildgattungen durchmischt und die Einzelbilder zu einem Dialog verwebt. Peter Hujar: Recent Photographs sollte die letzte Schau vor seiner AIDS-Diagnose sein, die er nur ein Jahr später erhielt. Er verstarb im November 1987.
Das fotografische Werk von Peter Hujar war seither oftmals Teil internationaler Gruppenausstellungen und wurde in Retrospektiven gezeigt: darunter 1994 im Fotomuseum Winterthur und im Stedelijk Museum Amsterdam oder im Rahmen der 2017 vom New Yorker The Morgan & Library Museum und der Fundación MAPFRE Barcelona ausgerichteten Wanderausstellung Peter Hujar: Speed of Life. Die aktuell in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigte Schau Peter Hujar: Eyes Open in the Dark führt den Blick nun zurück zu jenem Moment, in dem Peter Hujar noch selbst seine Bilder zusammenstellte und durch seine Hängung visuelle Beziehungen zwischen den Fotografien herstellte. Hujars Ausstellungskonzept diente seinem langjährigen Freund, dem Fotografen Gary Schneider, und dem Hujar-Biografen John Douglas Millar als Referenz bei der Konzeption ihrer Schau Eyes Open in the Dark, die in Zusammenarbeit mit der Peter Hujar Foundation, die den Nachlass des Künstlers verwaltet, erstmals 2025 bei Raven Row in London präsentiert wurde. Sie setzt sich zusammen aus quadratischen Silbergelatineabzügen, die Hujar zu Lebzeiten selbst anfertigte, sowie aus Drucken, die Schneider, dem Hujar als einzigem die Reproduktion seiner Fotografien nach seinem Tod zusprach, umgesetzt hat. Gegenüber der Ausstellung bei Raven Row ändert sich die Kombination der Bilder in der Bundeskunsthalle in leichten Nuancen. Dabei entsteht die Frage: In welchem Maße lässt sich – neben dem Vervielfältigen seiner Fotografien – Peter Hujars Blick rekonstruieren?



Zentrale Figur der New Yorker Downtown-Szene
In einem Gespräch, das Peter Hujar um 1983 mit seinem Freund David Wojnarowicz führte, erinnert er sich an eine Fotografie, die er als Kind machte und in ein Album klebte: Auf ihr seien drei schwarze Punkte zu erkennen gewesen – drei Kühe im Feld, die er aus größerer Entfernung aufnahm. Dort, in New Jersey in den 1940er-Jahren, wo er Tiere und Landschaften im Lebensumfeld seiner ukrainischen Großeltern fotografierte und wo er aufwuchs, nimmt das Bildermachen von Peter Hujar seinen Anfang. Nachdem seine Mutter ihn als Heranwachsenden bei sich in New York aufnahm, ist Hujar vor allem von seiner Englischlehrerin Daisy Aldan unterstützt und dazu ermutigt worden, das Fotografieren weiterzuverfolgen. Hujar absolvierte die School of Industrial Art in Manhattan mit einer Spezialisierung in Fotografie und nahm 1955 eine Assistenz bei den Werbefotografen Otto Maya und Jess Brown auf. Mitte der 1960er-Jahre wurde er zum Chefassistenten des Mode- und Werbefotografen Harold Krieger, in dessen Studio er nach getaner Arbeit zuweilen eigene Projekte wie Gruppenporträts mit befreundeten Künstler:innen umsetzte. Zwischen 1968 und 1972 arbeitete er freiberuflich in den Bereichen Mode, Musik und Werbung – und veröffentlichte seine Bilder unter anderem in den Magazinen Art in America, ARTnews, BOMB, Elle, GQ, Harper’s Bazaar, Warhol’s Interview und in der New York Times. Die Teilnahme an der Meisterklasse von Richard Avedon und Marvin Israel im Jahr 1967 ermutigte Hujar, den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die künstlerische Fotografie zu richten. Und mit dem Umzug in ein Loft in der Second Avenue der New Yorker East Side im Jahr 1973 setzte er diesen Plan um und fertigte in seiner Wohnung mit Studio und eigener Dunkelkammer zahlreiche Porträts von Menschen aus seinem Umfeld. Die homosexuelle und queere New Yorker Gemeinschaft, deren Teil er war, verbildlichte er in zahlreichen Fotografien – in einer Zeit, in der Homosexualität noch unter gesetzlicher Bestrafung stand. Doch nicht nur vor dem Hintergrund der Stonewall-Unruhen, der Gay Liberation Front und der AIDS-Krise wurde Peter Hujar für die New Yorker Downtown-Szene in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einer zentralen Figur. Die Bilder des Fotografen fingen in tausenden Sequenzen Momente des Lebens im East Village und darüber hinaus ein. Sein filmisches Denken wurde gefördert durch ein Fulbright-Stipendium, mit dem Hujar 1962 für ein Jahr in Rom Filmregie am Centro Sperimentale di Cinematografia studierte. Die rund 5700 erhaltenen Kontaktbögen seiner Fotografien in der Morgan Library & Museum’s Peter Hujar Collection dokumentieren das Szenische seiner Bilder eindrücklich.
Bilderhängen und parken in zwei Reihen
Eine Vielzahl der Fotografien, die in der Ausstellung Eyes Open in the Dark versammelt sind, geben eine Ahnung von Peter Hujars bewegtem und – durch sein Interesse an Tanz und Theater – von Bewegung geprägtem Leben im New Yorker East Village. Insbesondere Hujars künstlerische, intellektuelle und sexuelle Beziehungen finden in den aus den 1970er- und 1980er-Jahren versammelten Bildern in der Bonner Bundeskunsthalle ein Echo. Die Schau beginnt zunächst mit einzeln gehängten Bildern, die in gleichbleibend großem Abstand in einer Reihung arrangiert sind. Aus der räumlichen Distanz wirken sie in ihrer Summe surreal, wie eine Collage, aus der einem nach jedem Lidschlag ein neuer Bildmoment entgegentritt: ein(e) aufgebahrte(r) Tote(r) (Jackie Curtis), eine Drag Queen auf einer Toilette (John Flowers), ein im Studioraum urinierender Mann, eine überfahrene Katze, ein Damenschuh. Peter Hujars Bilder muss man aushalten – ihre Direktheit setzt sich fest, wandert mit, wächst und macht deutlich, dass Vergehen und Tod ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit gewesen sind.
Das zeigte Hujar 1976 selbst mit dem einzigen von ihm veröffentlichten Künstlerbuch Portraits in Life and Death, in dem er Bilder von den Mumien der Kapuzinergruft in Palermo mit Aufnahmen von Künstler:innen und Schriftsteller:innen wie William S. Burroughs, Bill Elliott, Fran Lebowitz, Linda Moses, Susan Sontag, Paul Thek, Ann Wilson oder Robert Wilson vereinte und zu dem Sontag ein Vorwort beisteuerte. Das Buch liegt in der Schau aus. In Bonn sind einige der Porträts aus diesem Buch neben denen weiterer befreundeter Protagonist:innen der New Yorker Kunstszene wie Ethyl Eichelberger, John Erdman, Greer Lankton, Larry Ree, Gary Schneider – oder Candy Darling auf dem Sterbebett – zu sehen. Nun in dichter Folge oder in Doppelreihen gehängt, wie Hujar selbst 1986 noch sein Raster arrangierte, verbinden sie sich untereinander oder mit Aufnahmen des Hudson Rivers, städtischer Bauten oder den ehemaligen Cruising Spots in New York, wie zum Beispiel dem Pier 34, dem heutigen Christopher Street Pier. So wie die Wellen des Wassers aufschlagen oder der Putz von Gebäuden bröckelt, werden in Hujars Fotografien auch Spuren an den Körpern der oft nackt Fotografierten sichtbar. Narben an einem Bauch, verletzte Hautstellen am Gesäß oder hervortretende Adern an der Wade eines Mannes zeigen, wie genau Peter Hujar die Ausschnitte seiner Bilder in der Vergrößerung wählte. Und wie nah beieinander für ihn der innere und äußere Raum von Menschen lag, das Sein und Vergehen von Lebendem. Diese Beobachtung setzt sich in einer darauffolgenden, dreireihigen Hängung fort, in der etwa eine tote Möwe drapiert am Strand neben einem Neugeborenen zu sehen ist, gefolgt vom Bild eines verbluteten Hundes. Die Sängerin Peggy Lee, die Hujar im Waldorf Astoria aufnahm, ist in einer Linie mit Stahlmüllruinen und einer Mumie aus Palermo zu sehen. An diesen Beispielen wird deutlich, dass nicht alle Bildkombinationen und Lesarten von Hujars Fotografien in der Bonner Ausstellung überzeugend umgesetzt wurden. In solchen Momenten taucht wieder die Frage auf: Handelt es sich um eine Rekonstruktion von Hujars Blick, oder eine Setzung der Kuratoren?



Eine Bildreihe, die zum Zeitpunkt ihres Entstehens für Aufruhr sorgte und für die Peter Hujars Mentor und Bewunderer Richard Avedon mit seinem Auto in New York in zweiter Reihe vor der Robert Samuels Gallery parkte, um einen der Abzüge zu kaufen, ist auch in der Bonner Ausstellung zu sehen. Die Arbeit Bruce de Sainte Croix (I–III) (1976), die 1979 im Rahmen der Ausstellung The Male Nude nur auf Anfrage in den Büroräumen der Galerie hervorgeholt wurde, ist eine Aktstudie des Tänzers Bruce de Sainte Croix. Die Reihe zeigt den Tänzer zunächst als stehenden Akt und in der weiteren Abfolge der Bilder mit der Erektion seines Penis’, den er auf einem Stuhl sitzend hält und kontemplativ betrachtet. Hujars Intention sei gewesen, die männliche Erektion als Bildgegenstand zurück in die Kunstgeschichte zu holen – aber auch, bewusst Barrieren zu durchbrechen und ein offenes sowie öffentliches Statement für (seine) Homosexualität zu setzen.
Einen besonderen Fokus richtet die Ausstellung so schließlich auf Peter Hujars Partner, Liebhaber und engste Vertraute. Dazu zählen insbesondere Paul Thek und David Wojnarowicz, deren intime und alltägliche Bildnisse von zahlreichen Selbstporträts Hujars begleitet werden. Wojnarowicz war es dann, der unmittelbar nach dem Tod von Peter Hujar am 26. November 1987 eine 23-teilige Fotoreihe von dessen Leichnam anfertigte, woraus in Eyes Open in the Dark drei Aufnahmen gezeigt werden: Auf ihnen zu sehen sind Hujars Füße, seine rechte Hand und sein Gesicht, mit (noch) leicht geöffneten Augen.
Ein Bild, das irritiert
Neben Peter Hujars zuvor genanntem Künstlerbuch liegen in der Ausstellung weitere ausgewählte Publikationen aus, die es ermöglichen, Hujars Werk, Wirken und Beziehungsgeflecht zu rekonstruieren. Denn dieses einzig durch die ausgestellten Fotografien zu erfassen, fällt aus heutiger Perspektive schwer. Unter den ausgelegten Büchern findet sich der 2023 erschienene, kommentierte Nachdruck des Magazins Newspaper, das Hujars damaliger Freund Steve Lawrence von 1969 bis 1971 herausgab. Das Undergroundmagazin, das etwa in dem Nachtklub Max’s Kansas City verkauft wurde, in dem Hujar auch fotografierte, war ursprünglich im Zeitungsformat angelegt und basiert ausschließlich auf Abbildungen. Newspaper diente Künstler:innen wie Diane Arbus, Richard Avedon, Sheyla Baykal, Yayoi Kusama, Joseph Raphael, Lucas Samaras oder Andy Warhol für Veröffentlichungen ihrer eigenen Arbeiten. Gezeigt wurden aber auch gefundene Bilder oder Werbebilder, die durch Steve Lawrence als sogenannte "Environments" arrangiert wurden. Peter Hujar steuerte insgesamt 44 Abbildungen bei, darunter Porträts von Iggy Pop, Jim Fouratt oder Aufnahmen aus den Katakomben von Palermo.
Unter Hujars Beiträgen ist jedoch ein Bild, das irritiert: das Porträt eines heranwachsenden, nackten Mädchens, das in einer Ausgabe des Jahres 1969 zu sehen ist. Das Bild wirft Fragen auf. Durch weiterführende Recherchen wird ersichtlich: Es zeigt Natasha Lima, die Tochter des Dichters Frank Lima, die Peter Hujar 1966 oder 1967 fotografierte. Wie aus Hujars "Job Books" hervorgeht, in denen er seine Aufträge und persönlichen Fotositzungen vermerkte (insgesamt weit über Eintausend), porträtierte er zuvor Sheyla Baykal und ihren damaligen Ehemann, Frank Lima. Später erinnerte sich Baykal daran, dass Hujar den Akt von Natasha Lima zu jener Zeit in sein professionelles Portfolio integrierte.
Dass dieses Bild beim Durchblättern des Newspaper-Neudrucks eher zufällig ins Auge fällt, der Autor Hujar zwar im Index der Publikation genannt wird, doch die Aufnahme ansonsten unkommentiert bleibt sowie in dem die Bonner Schau begleitenden Katalog Peter Hujar: Eyes Open in the Dark außerdem keinerlei Erwähnung findet, ist ein Versäumnis.
Die Recherche um das Foto von Natasha Lima zeigt, dass die Existenz des Bildes zwar nicht verschwiegen wird, doch dass es noch viel Raum gibt, offenen Fragen dazu zu begegnen. Etwa mithilfe der Archivalien der Peter Hujar Collection, die seit 2013 Teil der fotografischen Sammlung im The Morgan Library & Museum ist. Das Bild von Natasha Lima zeigt darüber hinaus, dass die Darstellung von Nacktheit und die Frage nach Verantwortung, wie sie zuletzt am Beispiel von Nastassja Kinski als 13-Jährige im Film Falsche Bewegung von Wim Wenders (1975) diskutiert wurde, kein Einzelfall ist, ja dass wir uns derartige Fragen im Kontext künstlerischer Werke noch häufiger werden stellen müssen.
Hujars Lesarten
Für wenige Wochen sind derzeit mehrere Ausstellungen zu Peter Hujars Fotografien gleichzeitig zu sehen: Peter Hujar: Eyes Open in the Dark in der Bundeskunsthalle in Bonn (27. Februar bis 23. August 2026), Peter Hujar/Liz Deschenes: Persistence of Vision im Gropius Bau in Berlin (19. März bis 28. Juni 2026) sowie Peter Hujar:Contact in The Morgan Library & Museum in New York (22. Mai bis 25. Oktober 2026). In der Summe der parallel gezeigten Schauen öffnen sich Möglichkeiten für verschiedene Lesarten seines Werks: diese beziehen sich unter anderem auf das Einzelbild, die fotografische Sequenz in Bildfolgen und auf Kontaktbögen, die nachträglich arrangierten Raster und Bildgruppen sowie die Gegenüberstellung seiner Arbeit mit weiteren künstlerischen Positionen. Die Situation verdeutlicht, dass es aktuell einen starken kunst- und fotohistorischen Bedarf gibt, das vielschichtige Werk von Peter Hujar zugänglich zu machen, zu greifen und über seine sichtbaren Bildränder hinaus zu verstehen. 1974 bemerkte Peter Hujar in einem Gespräch mit Linda Rosenkrantz, das Ira Sachs 2025 in dem Film Peter Hujar’s Day aufgreift, zu seiner Fotografie: "It really takes time to get to know it."