Richrad Sharum, American Homicide, Pleasant Grove, Texas, Juni 2022. Ein Opfer liegt am Boden, während Ermittler und Spurensicherung ihre Arbeit verrichten und versuchen, den Tathergang zu rekonstruieren. Das Tattoo des Opfers trägt die Aufschrift "Muerta", was auf Spanisch "tot" bedeutet.

Im Kernland der Trump-Wähler

Richard Sharums Amerika-Trilogie im Stadthaus Ulm

"Great Again" stand über der ersten Ankündigung im Newsletter des Ulmer Stadthauses, angelehnt an die Losung von Donald Trump, Make America Great Again (MAGA). Nach dem Sturm auf das Capitol im Januar 2021, am Ende von Trumps erster Amtszeit, beschloss Richard Sharum, sich dort umzusehen, wo dieser die meisten Stimmen erhalten hatte. Das war im Zentrum der USA von Texas nordwärts bis an die kanadische Grenze. Eine Woche später setzte er sich in sein Auto und fuhr los.

Spina Americana nennt der Fotograf den ersten und umfangreichsten Teil einer dreiteiligen Serie, die jetzt im Ulmer Stadthaus ausgestellt ist. Er will sein Land zeigen, wie es wirklich ist, wie er es vorgefunden hat, jenseits der Stereotypen, der MAGA-Rhetorik, der aufgeheizten politischen Debatten. Bei der Vorstellung eines vorangegangenen Bandes über das ländliche Kuba hatte ihn ein deutscher Fotojournalist indirekt auf die Idee gebracht. Als Sharum erzählte, er wolle ein ähnliches Projekt auch über die USA machen, riet ihm der: "Fahren Sie nicht in die Flyover Countries." Die Flyover States oder Countries sind jene Länder und Regionen, die Großstadtbewohner der Ost- und Westküste, die in Entscheidungspositionen sitzen, auf ihren transkontinentalen Flügen von New York, Boston, Philadelphia oder Washington nach Los Angeles oder San Francisco nur von oben sehen. Während die Menschen, die dort leben, wenig zu melden haben.

Sharums amerikanische Wirbelsäule ist ein 100 Meilen (160 Kilometer) breiter Korridor von Texas durch Oklahoma, Kansas und Nebraska bis Süd- und Nord-Dakota. Sharum hat einmal Geschichte studiert. Er wollte Geschichtslehrer werden, denn er ist überzeugt, dass die Vergangenheit alle Lösungen für die Zukunft bereithält. Doch nach einem Fotokurs beschloss er, etwas anderes zu tun: Die Geschichte im Bild festzuhalten in dem Moment, in dem sie sich entfaltet. Seine Arbeiten reihen sich ein in die große Tradition amerikanischer Schwarzweißfotografie aus den abgelegenen, ärmeren und unterbelichteten Regionen des Landes, von Walker Evans über Robert Frank bis zu Mary Ellen Mark – um nur drei Namen zu nennen. Einige der Aufnahmen hätten tatsächlich fast genauso auch schon zu Zeiten von Walker Evans entstanden sein können.

Nutzloser Grenzzaun

Steht die Zeit auf dem Land still? Mag sein, doch es gilt näher hinzuschauen. Der Vergleich offenbart die Unterschiede. Walker Evans reiste im Zuge des New Deal in die Südstaaten, um die Situation der Landbevölkerung zu dokumentieren, die Präsident Franklin D. Roosevelt verbessern wollte. Zwanzig Jahre später zog der Schweizer Robert Frank, von Evans gefördert, ebenfalls nach Texas und von dort aus westwärts, um in seinem berühmten Band The Americans Aspekte hervorzuheben, die im glanzvollen Selbstbild der neuen Weltmacht nicht vorgesehen waren – was in den USA damals gar nicht gut ankam. Heute bedient der Präsident zwar die Ressentiments der Zukurzgekommenen, doch die Menschen in den Flyover Countries bleiben sich selbst überlassen. Sharum ist selbst in Texas geboren und aufgewachsen. Er ist alles andere als ein Trump-Anhänger. Doch er sah, dass die amerikanische Gesellschaft auseinanderdriftet. Er wollte versuchen, ins Gespräch zu kommen. Zu seiner Überraschung erlebte er keinerlei Feindseligkeit, nur Menschen, die sich freuten, dass sich jemand für sie interessierte.

Das erste Bild der Ausstellung zeigt einen Großvater, der seine Enkelin am Fußgelenk gepackt hat und sie auf dem Rücken, kopfüber abschleppt, um ihr die Windeln zu wechseln. Eine Szene, die sich überall abspielen könnte, nicht nur im ländlichen Kansas, die aber zeigt: Sharum ist ein neugieriger, aufmerksamer Beobachter mit einem Sinn für ungewöhnliche, überraschende Details. Soweit möglich, sind alle Aufnahmen entstanden, indem er direkt auf die Menschen zuging, mit ihnen ins Gespräch kam, ihnen von seinem Vorhaben erzählte und sich bei alldem viel Zeit ließ, erzählt er im Eröffnungsgespräch. Er hat aber auch gezielt bestimmte Orte und Themen angesteuert, die nun die Ausstellung strukturieren. Es beginnt mit der Grenze zu Mexiko. Ein Stück von Trumps Mauer steht unmotiviert in der Landschaft. Unweit davon porträtiert er den Betreiber der letzten handgezogenen Fähre über den Rio Grande. Wieder an anderer Stelle führt eine hohe Brücke über den Grenzfluss hinweg, am anderen Ufer stehen Palmen. Auf der Plinthe eines Betonpfeilers im Fluss stehen zwei junge Mexikaner und angeln. Es sind Mexikaner, die auf den riesigen Feldern im Süden des Landes Salat, Orangen oder Oregano ernten.

Viele Cowboys waren selber Indianer

Wie hier räumt der Fotograf auch in anderen Fällen auf mit gängigen Klischees. Er fotografiert Mennoniten in Arlington, Kansas, die im Gebet inbrünstig zwischen den Kirchenbänken knien, und zwei Brüder in weißem Hemd und schwarzen Hosen mit Hosenträgern, die der Sekte der Amischen angehören und sich noch nie haben fotografieren lassen, aber Teil seines Projekts sein wollten. Er besucht ein Nudisten-Ressort in Texas und porträtiert Stripperinnen in zwei Klubs in Texas und South Dakota. "Attention no photos or videos allowed", steht an der Bühne des Kongo Club in Mitchell, South Dakota, auf der eine Stangentänzerin ihre Reize darbietet.

Dakota war das Land der gleichnamigen Indigenen (Fremdbezeichnung Sioux), bis sie 1890 in der Schlacht am Wounded Knee ihre definitive Niederlage erlitten. Hier kommt der Historiker zu Vorschein: Sharums Aufnahmen aus dem Yankton-Reservat zeigen, dass an unseren Vorstellungen von Cowboys und Indianern einiges nicht ganz stimmt. Fünf Rodeo-Reiter haben zum Gebet ihre Cowboy-Hüte abgenommen und halten sie vor die Brust. Rodeo ist ein spanisches Wort, das die Yankees nach der Eroberung von Texas im Jahr 1840 von den Mexikanern übernahmen. Ebenso die Praxis des Viehtreibens, die herausragende Bedeutung erlangte, als nach dem Bau der Transcontinental Railway die Bisonherden abgeschossen wurden, um den Indigenen die Nahrungsgrundlage zu rauben. Von da an wurden hier etwa zwanzig Jahre lang riesige Rinderherden gezüchtet, die von den Cowboys an die Bahnlinie getrieben wurden, um in den Schlachthöfen von Chicago zu Steak verarbeitet zu werden. Viele Cowboys waren selber "Indianer", mindestens ein Viertel auch Schwarze, wie eine zweite, parallele Ausstellung im Stadthaus zeigt. Ihre Nachfahren pflegen wie die Yankton bis heute die Traditionen.

Auf der Straße

Nicht so einfach, eine Erlaubnis zum Fotografieren zu bekommen, war es im Fall einer Justizvollzugsanstalt in North Dakota und noch schwieriger, als er für die Serie American Homicide bei der Mordkommission von Dallas anfragte. Es war die Zeit der weltweiten Proteste nach der tödlichen Polizeigewalt an George Floyd. Sharum beschäftigten auch Amokläufe an Schulen und die zahlreichen Suizide und Morde, die wegen der freien Verfügbarkeit von Schusswaffen die USA erschüttern. Er beschloss, sich das Problem von der anderen Seite anzusehen. 19 Monate gingen ins Land, bis er, nach drei Anläufen, die Genehmigung erhielt. Er vermeidet, Gewalt direkt zu zeigen, denn er ist sich bewusst, dass dies noch mehr nach sich Gewalt ziehen kann. Die Serie beginnt mit dem Bild eines Vaters, der sich bedrückt von der selbst errichteten Gedenkstätte für seinen ermordeten Sohn abwendet. Weitere Bilder zeigen sichergestellte Patronenhülsen; den mit einer Decke bedeckten Leichnam einer Frau, die sich von einer Brücke gestürzt hat; Tatverdächtige in Handschellen ebenso wie zwei sichtlich erschöpfte Detektive. Viele Menschen denken, das geht mich nichts an, das kann mir nicht passieren, sagt er. Um dem entgegenzuwirken zeigt er zwölf Farbfotos von Kindern, sieben später Mordopfer, fünf Täter.

Kinder stehen auch im Mittelpunkt der dritten Serie American Avenue über obdachlose Familien, an der er schon etwas länger arbeitet. Von einem befreundeten Journalisten erfuhr er, dass es allein in Dallas, einer Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern, 6.000 wohnsitzlose Kinder gäbe. Die Bilder sind fast alle aus Dallas bis auf das jüngste, das eine alleinerziehende Mutter mit ihren fünf Kindern in einer Unterkunft zeigt, wie sie den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt hält auf der Suche nach einem Job. Sharum sagt, er habe selbst erwartet, auf Alkohol- und Drogensüchtige zu stoßen. Das Gegenteil sei der Fall. Fast alle arbeiteten oder suchten Arbeit, die Kinder gingen mehrheitlich trotz allem zur Schule. Hier bietet sich ein Vergleich an mit einem berühmten Bild von Mary Ellen Mark, die 1987 in Kalifornien die Familie Damm in ihrem Auto porträtierte. Die Eltern sehen erschöpft, apathisch aus. Bei Sharum beugt sich die elfjährige Mariana über ihre Mathe-Aufgaben, obwohl sie seit drei Jahren nicht mehr zur Schule geht, während ihre Mutter am Steuer Makeup Auflegt, um sich für eine imaginäre Silvesterfeier in Form zu bringen. Zwei weitere Fotos zeigen eine andere wohnsitzlose Mutter, die vor Sonnenaufgang aufsteht, um ihre Kinder zur Bushaltestelle zu bringen und dann den ganzen Tag dort auf der Bank wartet, bis sie von der Schule zurückkommen.

Auf die Frage der Kuratorin Daniela Yvonne Baumann, was er seinem deutschen Publikum mitgeben möchte, gesteht Sharum, er kenne Deutschland zu wenig. Doch die Probleme sind durchaus vergleichbar, wenn auch vielleicht noch nicht ganz so gravierend. Es gibt auch hier Amokläufe, obwohl Schusswaffen viel stärker reglementiert sind. Die Mehrzahl der Wohnsitzlosen sind inzwischen Familien, die schlicht aus ökonomischen Gründen auf der Straße gelandet sind: selbst in einem reichen Bundesland wie Baden-Württemberg. Rechtsextreme Wählerschaften gibt es vor allem in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Auch dort sind die Menschen enttäuscht, nachdem die Versprechungen von den "blühenden Landschaften" nicht erfüllt wurden. Was Sharum zu seinem Buch Spina Americana schreibt, lässt sich ohne weiteres übertragen: "Ich glaube, dass wir unbedingt auf die persönliche Ebene zurückkommen müssen, um die emotionalen Fäden zu finden, die uns alle verbinden und die alle Fragen von Ethnie, Sprache, Nationalität, sozialem Status und Machtverhältnissen übersteigen."


Richard Sharums Amerika-Trilogie, Im Schatten des amerikanischen Traums, Stadthaus Ulm, 07. Juni bis 20. September 2026.