Jürgen Schadeberg, Handstand auf dem Michel, Hamburg 1948.

"Für mich gibt es nicht nur einen Star"

Über Petra Göllnitz und die Ausstellung Ihr denkt, wir waren anders – Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989 im Kunstmuseum Ahrenshoop.

Zwei Männer stehen sich im Jahr 1972 vor dem "Tränenpalast" in Ostberlin gegenüber: Sie sehen einander ähnlich, tragen dunkle Hüte, Brillen, Mäntel aus gräulichem Gewebe. Der eine legt seinen Arm über die Schulter des anderen, jener seine Hand an die Wange des ihm Begegnenden. Sie schauen sich in die Augen, lesen in ihren Gesichtern. Es sind Brüder, die sich Jahre nach dem Bau der Berliner Mauer erstmals am Grenzübergang vom Bahnhof Friedrichstraße wiedersehen. Denn erst 1972 durften Westberliner durch die Besuchererlaubnis nach Ostberlin einreisen. Der berührende Moment des Wiedersehens der getrennten Brüder wurde von dem Fotografen Thomas Hoepker (1936–2024) festgehalten, der zu dieser Zeit für das Wochenmagazin Stern arbeitete und zeitweise in Ostberlin als Korrespondent lebte. Hoepker ist einer der wenigen zwischen West und Ost wandelnden Fotografen, von dem Petra Göllnitz ein Bild für die Ausstellung Ihr denkt, wir waren anders – Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989 ausgewählt hat. Mehr als zwei Jahre arbeitete die ehemalige Bildredakteurin an dieser Schau, die mit rund 200 Aufnahmen von Fotograf:innen aus Ost und West erstmals das alltägliche Sein in DDR und BRD aus dem jeweiligen Land heraus in den Blick nimmt und zusammenführt.

Von der Idee, DDR-Fotografie zu vertreten

"Diese Ausstellung ist jetzt möglich, weil ich die Zeit habe, meine eigenen fotografischen Geschichten zu erzählen – und nicht mehr abends erschöpft aus der Redaktion komme", sagt Petra Göllnitz, während wir die Schau im Kunstmuseum Ahrenshoop gemeinsam betrachten. Bereits mit der Ausstellung Der große Schwof – Feste feiern im Osten, die 2023 in der Kunstsammlung Jena, 2024 im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst, in der Kunsthalle Rostock sowie 2025 in der Kunstsammlung Neubrandenburg gezeigt wurde, erzielte sie beachtliche Erfolge. Ihre Kenntnis der Fotografie in Ost und West ist aufs Engste verwoben mit ihrer Biografie. Denn die in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, geborene Petra Göllnitz wuchs mit der Szene-Fotografie der DDR auf und begleitete die Bildgeschichte des wiedervereinten Deutschlands. Nach ihrem Studium der Kulturwissenschaften begann Petra Göllnitz, als Veranstalterin eines Jugendklubs zu arbeiten. In dieser Zeit organisierte sie etwa in dem von Ulrich Müther erbauten "Ahornblatt" in Berlin-Mitte Großdiskos. Als Leiterin des Klubs des Verbandes Bildender Künstler im Berliner Bezirk Pankow realisierte sie zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen, setzte sich mit der Moderne und internationaler Kunst auseinander. "Das hat schon ausgereicht, um in mir 'das Feindbild' zu erkennen", bemerkt Petra Göllnitz, die daraufhin "kaltgestellt" wurde und keine Festanstellungen mehr erhielt. Für einen Moment hält sie inne und ergänzt: "Ein Glücksfall, wie sich später herausstellte. Denn so lernte ich, freiberuflich zu arbeiten."

Petra Göllnitz wurde infolge dessen etwa als Freie für Dokumentarfilmer tätig, kuratierte 1985 zusammen mit Matthias Flügge die Leipziger Ausstellung Frühe Bilder zur Geschichte der Fotografie in der DDR und arbeitete ab 1987 in der Bildredaktion des Monatsmagazins Das Magazin in Ostberlin. „Als ich beim Magazin den Spiegel oder den Stern in die Hände bekam, sah ich darin die Fotos aus dem Osten – und kannte immer bessere, die aber ihren Weg in den Westen nicht finden durften. Das war einer der Gründe, warum zwischen meinen Freunden Ute und Werner Mahler und mir in dieser Zeit der Gedanke aufkam, durch eine Agentur die DDR-Fotografie zu vertreten. Aus dieser Idee ist später die Agentur OSTKREUZ entstanden." Gegründet wurde die Agentur dann 1990 in Paris durch Sibylle Bergemann, Ute und Werner Mahler, Harald Hauswald, Harf Zimmermann, Jens Rötzsch sowie Thomas Sandberg nach dem Vorbild der Fotoagentur Magnum Photos.

Petra Göllnitz aber schlug einen anderen Weg ein: "Gegen Ende der 1980er-Jahre habe ich die politische Situation als so bedrückend empfunden, dass es Zeit wurde, zu gehen", sagt sie. "Ich hatte meine Ausreise geplant und natürlich überlegt, was ich im Westen machen könnte. Mein Ziel war, Ostfotografie im Westen publik zu machen. Im Juni 1989 kam es in meiner Wohnung in Prenzlauer Berg zu einem Treffen mit rund vierzig Fotografinnen und Fotografen. Ich erzählte ihnen von meinen Plänen, Möglichkeiten zu schaffen, um ihre Bilder im Westen zu veröffentlichen."

Dann fiel die Mauer. Noch im Herbst 1989 ging Petra Göllnitz beim Geo-Magazin in Hamburg unter Vertrag und wechselte kurz darauf zum Stern. Dort betreute sie als Bildredakteurin die für den Stern tätigen Fotograf:innen und begleitete die großen Farbstrecken des Magazins, die Rubrik "Bilder der Woche" oder Jahrbücher wie zum Beispiel Stern Extra 60 Jahre Bundesrepublik – eine opulente Zeitreise von 1949 bis 2009.

Aus den Bildkonvoluten, die ihr während ihrer täglichen Arbeit in der Redaktion begegneten sowie aus den Erfahrungswerten ihrer Lebenszeit in der DDR schöpft Petra Göllnitz seit 2019 als freie Kuratorin für Fotografie – so auch für ihre aktuelle Schau im Kunstmuseum Ahrenshoop.

"Two Masterminds": Petra Göllnitz und Margot Klingsporn

"Ich habe ein fotografisches Gedächtnis: Was ich einmal sehe und mich beeindruckt, merke ich mir", sagt Petra Göllnitz. Für Ihr denkt, wir waren anders – Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989 hat sie ihr Wissen mit jenem von Margot Klingsporn gepaart, der Gründerin und ehemaligen Leiterin der Hamburger Fotoagentur Focus sowie langjährigen Vertreterin von Magnum in Deutschland. Aus ihrem Austausch über Fotografie in DDR und BRD und der daraus gewachsenen Zusammenarbeit der beiden Bildkennerinnen ist eine einzigartige Schau mit Fotos von rund neunzig Fotograf:innen entstanden, die Perspektiven aus Ost und West in einem von Göllnitz assoziativ gesetzten Dialog zusammenbringen. "Sie sehen hier auch Bilder, die kaum einer kennt, die viele vergessen haben oder gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gab", bemerkt die Kuratorin. Für die Arbeit an ihrem gemeinsamen Projekt bezeichnete Robert Pledge, der etwa in den 1970er-Jahren an der Gründung der New Yorker Agentur Contact Press Images beteiligt war, Petra Göllnitz und Margot Klingsporn als "two masterminds".

Die Schau beginnt mit zwei Aufnahmen der zerbombten Städte Dresden und Köln im Jahr 1945, gefolgt von Bildern, die das tägliche Leben und Überleben in den Besatzungszonen sowie die Arbeit der Frauen dieser Zeit zum Gegenstand haben. Eine Fotografie von Friedrich Seidenstücker (1882–1966) aus dem Jahr 1946 zeigt eine Gruppe, die mit Taschen beladen von Potsdam aus auf einem Güterzug – dem sogenannten "Kartoffelexpress" – aufs Land fährt, um dort Nahrungsmittel zu "hamstern". Ein Foto von Ursula Litzmann (1916–2004) hält 1947 fest, wie Geflohene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten in einem Notaufnahmelager in Uelzen registriert werden. Aus Funden wie diesen und ihrer Erinnerung an prägnante Motive im Allgemeinen, die ihr im Verlauf ihrer redaktionellen Tätigkeiten begegneten, schöpft die Kuratorin Petra Göllnitz. Diese Bilder in Archiven und Nachlässen zu recherchieren, von denen es für Ihr denkt, wir waren anders zunächst rund 500 waren, braucht Zeit. Petra Göllnitz hat sie sich mit Margot Klingsporn, mit der sie ein Jahr lang Hand in Hand arbeitete, genommen. In Gesprächen mit weiteren Kolleg:innen und Freund:innen reduzierte sich die Auswahl nach und nach. Mit ihrem Bewusstsein für das Szenische, mit dem Petra Göllnitz bereits als Veranstalterin oder im Rahmen ihrer Dokumentarfilmarbeiten vertraut wurde, ist ihr im Kunstmuseum Ahrenshoop eine eindrückliche, freie Erzählstruktur mittels der Fotografien aus Ost und West gelungen, die sich über mehrere Ausstellungsräume des Hauses erstrecken.

Petra Göllnitz’ assoziative Erzählung differenziert sich analog zur Teilung des Landes 1949 und den Staatsgründungen von BRD und DDR in Bildpaaren und Bildgruppen aus. Ein Foto von Josef "Jupp" Heinrich Darchinger (1925–2013), das eine Bonner Familie mit Care-Paket aus den USA zeigt, trifft auf ein Bild vom Kirmesumzug im Thüringischen Berka, das Ludwig Schirmer (1929–2001) aufnahm. Dabei zeichnen die zusammengestellten Fotografien zunächst das Leben von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den 1950er- und 1960er-Jahren nach. Bilder, durch die sich Leichtigkeit beim Spielen, Feiern, beim Vespa-Fahren durch Westberlin oder beim Schminken im blank polierten Gehäuse des MZ-Rads transportiert. Gesten der Euphorie finden sich in Aufnahmen von Volker Krämer (1943–1999) anlässlich eines Konzerts der Rolling Stones 1965 in Münster wie auch bei den Fans der Puhdys 1980 in Ostberlin, die Barbara Metselaar Berthold (1951–2024) fotografierte.

Die Idee zur Ausstellung, die Werbe- und Nachrichtenbilder sowie Autor:innen-Fotografien vereint, entstand über das Nachdenken darüber, wie spezifisch oder aber doch ähnlich sich das Zusammenleben in Ost und West gestaltete. Ergänzen ließe sich im Angesicht zweier Bilder von Max Scheler (1928–2003), wo auf dem einen im Jahr 1964 zwei Frauen am Strand von Usedom durch einen Stacheldraht hindurch blicken, der bis ins Meer hineinreicht, und auf dem anderen 1952 eine Frau an der Strandpromenade in Travemünde durch ein dort installiertes Fernrohr für 20 Pfennige einen Blick in die russische Zone zu erhaschen sucht, die Frage: Wieviel konnten oder wollten die Deutschen in Ost und West überhaupt voneinander sehen?

"Hüben und drüben"

Die 1961 errichtete Mauer trennte das deutsch-deutsche Leben ungleich. Und doch gibt es Bilder, die ähnliche Szenen des Alltags in ihrem Angesicht zeigen. 1968 fotografierte Ludwig Binder (1928–1980) zwei Paare beim Sonnenbaden unmittelbar vor der mit Stacheldraht überbauten Mauer auf Westberliner Seite. 1986 sonnen sich junge Familien auf einer Liegewiese in Prenzlauer Berg, die von der Mauer und einem Wachturm umsäumt wird – so dokumentiert es eine Aufnahme von Jürgen Hohmuth (geboren 1960). Diese Bilder hängen im Kunstmuseum Ahrenshoop in einem schmalen Gang, der wie die Umkehrung der Mauer wirkt – ein Vakuum, in das Petra Göllnitz Sichtmomente und Realitäten, die durch die Mauer entstanden, hineinholt: Die getrennten Brüder der eingangs beschriebenen Szene; Menschen, denen eine über Leitern zu erklimmende Aussichtsplattform in Kreuzberg dazu diente, einen Blick über die Mauer zu werfen (so ein Foto von Barbara Klemm, geboren 1939); den lächelnden SED-Generalsekretär Walter Ulbricht beim Rudern auf freiem Meer oder ein Foto von Hilmar Pabel (1910–2000), das Konrad Adenauer 1949 unbekümmert beim Beschneiden seiner Gartenrosen in Bad Honnef-Rhöndorf präsentiert.

Der deutsch-deutschen Teilung begegnet Petra Göllnitz immer wieder mit Bildern, in denen die Stärke der Menschen in den Vordergrund tritt, ihre individuelle Lebensenergie.

Die Fotos, die Ulrike Schamoni (geboren 1966) oder Werner Mahler (geboren 1950) am 9. November 1989 in der Nacht des Mauerfalls am Brandenburger Tor schossen, sind Bilder, die von unsichtbaren Kämpfen, die lange geführt und von manchen gewonnen wurden, erzählen.

"Ich beschreibe mit den Bildern dieser Ausstellung viele Leben. Mehrere Generationen erzählen durch sie ihre eigenen Geschichten. Die Bilder dieser Generationen hängen in der Ausstellung oft nebeneinander, Fotografien von Richard Peter jun. und Richard Peter sen., von Ute Mahler und ihrem Vater Ludwig Schirmer, von Erasmus Schröter und seinem Vater Wolfgang G. Schröter, oder von Lutz Grünke und seinem Vater Wolf Grünke. Für mich gibt es nicht nur einen Star – das wollte ich mit der Vielzahl der Fotografinnen und Fotografen abbilden", bemerkt die Kuratorin. Die Fotografien von Lutz Grünke (geboren 1953) zeigen Freunde von Petra Göllnitz und sie selbst mit ihrem Kind auf dem Arm am Meer in Binz auf Rügen, nicht lang vor ihrer Ausreise. Es sind Abschiedsfotos.

Manche Bilder der Ausstellung Ihr denkt, wir waren anders geben Hinweise auf die staatliche Reglementierung des Lebens. In der ebenso von Petra Göllnitz kuratierten Schau im Fischlandhaus Wustrow mit Arbeiten von Matthias Leupold (geboren 1959) ist diese Kritik zentral. Denn Leupolds szenische Fotografien der Reihe Aus dem Gruppenbuch der Christiane P. thematisieren, wie eindringlich sozialistisches Bewusstsein durch die DDR-Regierung gelehrt wurde. Dafür inszenierte Matthias Leupold 2021 ein umfangreiches fotografisches Reenactment einer ostdeutschen Jugend, wie er sie selbst zwischen Ernst-Thälmann-Pionierorganisation, Freier Deutscher Jugend, Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee und Unterrichtstagen in der Produktion eines Volkseigenen Betriebs erlebte. Leupold wurde 1982 in der Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen inhaftiert: wegen Beihilfe und Nichtanzeige einer geplanten, doch gescheiterten Republikflucht eines Freundes. Seine umfangreiche Bildserie ist eindrücklich, bewegend – nicht zuletzt, wenn Leupold kommentiert, dass die Armbinde eines Wachregiments, die er im Rahmen der Vorbereitung seiner Bildserie in einem Kostümfundus entdeckt, ihm plötzlich nur noch als Stück Stoff, und nicht mehr als Mittel zur Angsterzeugung erscheint.

Mehr Lametta

Zurück nach Ahrenshoop: Denn in Ihr denkt, wir waren anders geht es doch immer wieder auch um die Schönheit des Miteinanderseins und das Staunen über die Kunststücke des Lebens. Das zeigt sich symbolisch mit den Trapezkünstler:innen in Rostock, 1974 von Klemm aufgenommen, und 1979 in Berlin-Kreuzberg, fotografiert von Wolfgang Krolow (1950–2019). Zahlreiche Bildmomente, die Ästhetik, Glamour, Genuss und Humor zum Inhalt haben, prägen die Schau. Darunter die aus der Dunkelheit tanzende Frau in einem Foto von Sibylle Bergemann (1941–2010); die Op-Art-Bademode, die F.C. Gundlach (1926–2021) fotografierte; das Modell, das Erasmus Schröter (1956–2021) auf einer vom Chauffeur des slowakischen Ministerpräsidenten geliehenen Tschaika inszenierte; oder das Werbefoto mit den Afri-Cola-Nonnen von Charles Wilp (1932–2005).

"Neben den schönsten und besten Fotografien der Welt habe ich als Bildredakteurin auch die grausamsten gesehen. Bilder von Kriegen, Gewalt, Zerstörung, Erdbeben, die ungefiltert in die Redaktion kamen. Der Schock, der ihnen oft eingeschrieben war, übertrug sich im Auswahlprozess auch auf mich. Das habe ich so noch nie formuliert. Erst heute fangen wir (ehemaligen) Kolleginnen und Kollegen an, darüber zu reden. Vor diesem Hintergrund sind Ausstellungen wie diese oder Der große Schwof für mich auch eine Art visuelle Kompensation."

Zu sehen ist die Schau Ihr denkt, wir waren anders zurzeit im skulpturalen Bau des Kunstmuseums Ahrenshoop, das nur wenige Meter von der Ostsee entfernt liegt. Die Ausstellung wird ab 2027 wandern: ins GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, in das Kunstfoyer der Versicherungskammer Kulturstiftung in München und in die Photobastei in Zürich. Petra Göllnitz arbeitet derweil an ihrem nächsten Ausstellungsprojekt, mit dem sie das Feiern aus westlicher Perspektive in den Blick nimmt. Es heißt: Im Westen war mehr Lametta.


Ihr denkt, wir waren anders. Fotografien aus Ost und West von 1945 bis 1989, Kunstmuseum Ahrenshoop, bis 20. September 2026.

Aus dem Gruppenbuch der Christiane P. – Szenische Fotografien von Matthias Leupold, Fischlandhaus Wustrow, bis 1. November 2026.