Apertura Madrid
Bereits zum 17. Mal eröffnete das Galeriewochenende Apertura Madrid die kulturelle Saison in der spanischen Hauptstadt. Zu sehen sind die mannigfaltigen Ausstellungen noch bis Ende Oktober.
Der Sommer ist die Zeit für Urlaub und Erholung. Die warme Jahreszeit weckt Sehnsüchte und Fernweh nach einem Platz an der Sonne. Dass diese Sehnsüchte und deren touristische Umsetzungen durchaus ökonomische und politische Dimensionen haben, beweist Irene de Andrés, die 1986 auf den Balearen geboren wurde, mit ihrer mehrteiligen Installation „Por un lugar en el sol“, die in der Galerie Juan Silió in Madrid zu sehen ist. In einem Prozess der künstlerischen Forschung zeichnet sie Entwicklungen von spanischen Gegenden nach, in denen der Tourismus die Haupteinnahmequelle darstellt. Sie zeigt so den Prozess der Industrialisierung und Kommodifizierung des Urlaubs, auch für einfache Arbeiter. Die zwischen 2024 und 2026 entstandenen Arbeiten stützen sich auf Archivmaterial sowie Werbe- und Dokumentarbilder. Das Werk ist unterteilt in mehrere Serien grafischer Arbeiten und zwei Videoinstallationen, die sich der vergangenen und gegenwärtigen Inszenierungen dieser Urlaubsorte widmen. Die bekannten Plastikstühle, auf denen man sitzend die Videos sehen kann, wecken direkt Erinnerungen an eigene Urlaube in der Kindheit.
Aber auch die heißesten Sommer finden ein Ende und in den Städten beginnt der reguläre Alltag. Spätestens im September erwacht auch das kulturelle Leben wieder. In der spanischen Hauptstadt markiert das Galeriewochenende Apertura den Beginn der Ausstellungssaison. Das Gallery Weekend gibt es schon seit 17 Jahren und 2026 ist es mit 60 teilnehmenden Galerien die bis jetzt größte Ausgabe. Veranstaltet wird das Galeriewochenende von Arte Madrid, dem gemeinnützigen Verband der Galerien für moderne und zeitgenössische Kunst. Er vereint die Galerien, die die Werke von mehr als 500 nationalen und internationalen Künstlern vertreten. Gemeinsam präsentieren diese nun ihre neuen Ausstellungen und laden die Öffentlichkeit ein, Künstler:innen aus unterschiedlichen Generationen, neue Projekte und Konzepte zu entdecken. Die tatsächlich nützliche Arte Madrid-App lotst den interessierten Flaneur dabei durch die Straßen der Metropole, denn in Madrid gibt es mehrere Viertel, in denen sich Galerien häufen.


Formale Freiheit und transgenerationaler Dialog
Ein solcher Cluster ist gleich hinter dem Museo Reina Sofía im multikulturellen und historischen Viertel Lavapiés zu finden, wo sich an der Calle del Doctor Fourquet mehrere Galerien aneinanderreihen. Nur ein paar Häuser neben der Juan Silió Galeria, in der Irene de Andrés den Sommer seziert, befindet sich der Espacio Minimo. Hier zeigt Elena Blasco, die 1950 in Madrid geboren ist, ihre bunten Bildwelten und Räume, bei denen Hoch- und Populärkultur durch eine bewusst ironische, fast kindliche Sichtweise miteinander verschmelzen. Unter dem Titel „Mix. La donna è mobile“ wird eine Auswahl von Installationen aus der frühen Schaffensphase der Künstlerin sowie neuere Werke gezeigt, die die Galerie in eine Art Showroom verwandeln, der wie ein abstrakter Hybrid zwischen häuslicher Sphäre und dem Atelier einer Künstlerin changiert. Die Inszenierung offenbart eine beständige Ästhetik und ein beeindruckendes Œuvre, das sich durch formale Freiheit auszeichnet und eine breite Palette an Techniken und Texturen aufweist.
Obwohl der Fokus bei diesem Gallery-Weekend auf zeitgenössischer Kunst liegt, werden auch Positionen präsentiert, die schon einen Platz in der Kunstgeschichte gefunden haben. Direkt an der Rückseite des Museo Reina Sofía liegt die Galerie Maisterra, die sich als Plattform zur Förderung spanischer Kunst sieht und einen Schwerpunkt auf den Dialog zwischen den Generationen legt. Maisterra zeigt imposante abstrakte Bilder des spanischen Malers Miguel Ángel Campano, der 2018 verstorben ist. Seine Malerei vermengt den Stil unterschiedlicher historischer Avantgarden, er nutzt Abstraktion wie Figuration. Er wurde 1996 mit dem „Premio Nacional de Artes Plásticas“ ausgezeichnet und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Erneuerung der spanischen Malerei in den 80er Jahren. Die Ausstellung wirkt fast wie eine kleine Retrospektive, es werden Bilder aus den späten 1970er-Jahren gezeigt, das neueste ist aus dem Jahr 2006. Obwohl sich der Maler den Logiken eines einzigen Stils, den Regeln des Marktes und der Vermarktung verweigerte, erkennt man doch eine konzeptuelle Konsequenz, die alle Bilder miteinander verbindet.
Trotzige Zuversicht zwischen Autowerkstätten und Handwerksbetrieben
Nachdem man das innerstädtische Viertel Lavapiés erkundet hat, lockt eine Gegend, die noch nicht vollständig gentrifiziert ist. In Carabanchel finden sich zwischen Autowerkstätten und Handwerksbetrieben eine Reihe von Galerien und Ateliers, die industrielle Hallen neu nutzen und so die Veränderung des Bezirks zu einem Künstlerviertel und Szene-Barrio vorantreiben. VETA gehört mit ihren 1.200 Quadratmetern in einer postindustriellen Halle zu den spektakulärsten und bekanntesten Galerien des Viertels. Aktuell werden dort großformatige Bilder von Abraham Lacalle gezeigt, der 1962 in Almería geboren wurde. Er ist für seinen lebendigen, ausdrucksstarken Umgang mit Farbe und seine komplexen figurativen Landschaften bekannt. Unter dem Titel „Frontera“ sind aktuell dicht komponierte Dschungelbilder zu sehen, bei denen die Grenzen zwischen naturalistischer Repräsentation und Surrealität, Erinnerung und Fiktion geradezu fiebrig verschwimmen.
Ein paar Gehminuten entfernt, dominiert Schwarz den ebenfalls beeindruckenden Ausstellungsraum. Hier zeigt die Galerie Sabrina Amrani eine imposante Ausstellung des 1977 in Antananarivo, Madagaskar geborenen Künstlers Joël Andrianomearisoa. „I Have No Regret For The Past And This Is Not The End Of The World“ ist traurig und lakonisch, humorvoll, poetisch und apathisch zugleich. Die Ausstellung vereint eine Auswahl von Werken, die zwischen 1996 und 2026 entstanden sind, und zeichnet dreißig Jahre des künstlerischen Schaffens nach. Der Künstler nutzt unterschiedliche Ausdrucksmittel, Sprache und Zeichnung, Papier und Textil, skulpturale Objekte und architektonische Eingriffe. Dabei konstruiert er eine emotionale Landschaft, in der er persönliche Erfahrungen offenbart und so nachvollziehbar macht. Die Ausstellung wirkt melancholisch ohne nostalgisch zu sein, der Künstler schafft es, intime Traumata in kollektiv erfahrbare Gefühle zu übersetzen und generiert so eine Spannung der trotzigen Zuversicht.


Peripherie und Zentrum
Um die Verbindung von Persönlichem und Allgemeinen geht es auch bei Juan Castillo, der in der Galerie Memoria in Carabanchel ausstellt. Juan Castillo (Antofagasta in Chile, 1952 – Stockholm, 2025) entwickelte ein künstlerisches Schaffen, das sich über mehr als vierzig Jahre erstreckte und sich einer grundlegenden Frage widmete: In welcher Beziehung stehen Menschen zu den Orten, in denen sie leben, und zu den Bildern, die diese Orte repräsentieren. Zu sehen sind Zeichnungen, die Portraits, schematische Karten und Linien verbinden sowie poetische Schriftzüge. „Tu rostro es el paisaje“ deutet bereits im Titel auf eine Beziehung zwischen dem Körper und dem Gelände hin, die komplex ist, wie einer der Aphorismen illustriert: „Keine Karte kann deinem Gesicht gerecht werden.“ Die Galerie Memoria betreibt in Madrid zwei Standorte. Neben der Halle in Carabanchel gibt es auch einen Raum im Zentrum der Stadt. Hier ist das Projekt „Verás“ zu sehen. Es ist das Ergebnis einer Idee, die der Poet Raúl Zurita seit über zwei Jahrzehnten gehegt hatte. Er wollte ein Gedicht mit Licht auf die Klippen im Norden Chiles schreiben. Memoria zeigt nun die Dokumentation dieser ephemeren Intervention. Bilder einer Schrift, die nur wenige Stunden auf einem Felsen existierte, bevor sie mit Anbruch des Tages verschwand.
Wir bleiben im Zentrum der Stadt und können bei Espacio Valverde die verspielten und modularen Skulpturen und Installationen von Sandra Val erkunden. Unter dem Titel „Juguemos al gato en un toro“ zeigt die im Jahr 1979 in Tarragona in Katalonien geborene Künstlerin Objekte, die wie Spielfiguren aus einer anderen Zeit wirken. Scheinbar entweder aus einer längst vergangenen Epoche oder aus der fernen Zukunft kommend, haben wir keine Anleitung für die Spiele, die wir mit diesen Figuren spielen sollen. Sie sind Verweise auf Systeme, die sich uns nicht erschließen wollen. Es ist ein neues Kapitel in der fortlaufenden Auseinandersetzung der Künstlerin mit symbolischen Ordnungen, durch die Kulturen im Laufe der Geschichte Raum, Zeit und Wissen strukturiert und Bedeutung konstruiert haben. In den eleganten Räumen des Espacio Valverde in einer Altbauwohnung werden diese Objekte zu formschönen Artefakten unserer fremder Logiken.


Neon, Barock und Poesie
Andere, funkelnde Artefakte kann man in der Dependance der weltweit agierenden Opera Gallery in Madrid bestaunen. Indem er gleichermaßen aus dem Erbe der Abstraktion, der Pop-Art und der Bildsprache der Konsumkultur schöpft, hat Anselm Reyle ein Werk entwickelt, das vertraute Materialien in Arbeiten von visueller und konzeptueller Komplexität verwandelt. Unter dem Titel „Tequila Sunrise“ werden Arbeiten aus unterschiedlichen Werkgruppen gezeigt. Keramik und Chrome, Neon, Folien und andere expressive Farben, Reyle kombiniert experimentierfreudig unterschiedliche Materialien und hinterfragt so die Konventionen von Abstraktion und Ästhetik. Im Kontext der exklusiven Opera Gallery funktionieren seine Arbeiten einwandfrei.
Eine eigene Logik und Symbolik haben auch die farbintensiven Bilder von La Chola Poblete, 1989 in Argentinien geboren, in der Galerie Travesia Cuatro im Stadtteil Justicia im Zentrum der Stadt. Auch hier ist der Titel der Ausstellung Programm: „Marrón Barroco“ bezieht sich einerseits auf die Hautfarben und Gesichtszüge der indigenen Völker, Bauern und Migranten in Südamerika und andererseits auf den in der Kunstgeschichte verwurzelten Stil, der per Definition die Übertreibung als eines seiner Hauptmerkmale festlegt. Die gezeigten Arbeiten sind tatsächlich dramatisch, kontrastreich und mit Symbolik aufgeladen und spielen dabei mit Stereotypen und Exotisierung. Die Ausstellung bietet einen umfassenden Überblick über das Werk von La Chola Poblete, das von ihren Aquarellen über Dokumentationen ihrer Performances bis hin zu unkonventionellen Materialien wie „Brotskulpturen“ reicht.
In der Dependance der Galerie Carlier/Gebauer in Madrid scheinen Skulpturen förmlich im Raum zu schweben. Nur an dünnen Drähten befestigt ist eine Auswahl abstrahierter Tiermasken in den Raum gespannt, wobei die Hörner und Ohren nur vage Andeutungen bleiben. In gedeckten Farben und mit scheinbar perfekten Oberflächen wirken die Masken wie Relikte fremder Riten. Neben den Skulpturen sind auch Texte in unterschiedlichen Formen im Raum platziert. Die 1979 in Kairo geborene multidisziplinäre Künstlerin Iman Issa bedient sich einer Vielzahl von Formen und Strategien, um die politischen und persönlichen Zusammenhänge von Geschichte, Sprache und Objekt zu untersuchen. Das Ergebnis ist eine vieldeutige, poetische Inszenierung, bei der sich die architektonischen Grenzen des Ausstellungsraumes fast aufzulösen scheinen. Aber sobald man den beruhigenden und kühlen Ausstellungsraum verlässt, wird man wieder von der warmen und hektischen Realität der Großstadt geschluckt.
Apertura Madrid Gallery Weekend
Irene de Andrés
Juan Silió – Galería de Arte Contemporáneo
Espacio Mínimo – Galería de Arte Contemporáneo …
Elena Blasco
maisterra.com
Veta Galeria
Sabrina Amrani Gallery
Studio Joël Andrianomearisoa
Memoria
Repositorio Juan Castillo
Espacio Valverde — Galería de arte contemporáneo en Madrid
Sandra Val
Opera Gallery Madrid
Anselm Reyle
La Chola Poblete
Art Gallery — Travesía Cuatro
carlier | gebauer
Iman Issa
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