The Architect & The Housewife
Das Groninger Museum startet unter Roos Gortzak ein neues Kapitel.
„We want to create a place for connection, not only for objects“, bemerkt Roos Gortzak am Eröffnungswochenende, an dem das Groninger Museum mit vier Ausstellungen ein neues Kapitel unter Gortzaks künstlerischer Leitung aufschlägt. Neben Gortzak sind an diesem Tag auch Nynke Stellingsma, die kaufmännische Interimsleiterin des Hauses, und die Kuratorinnen Clare Molloy und Judith Spijksma anwesend. Nach und nach treffen einige der derzeit ausstellenden Künstler:innen ein und füllen den Raum, der mit Sitzmöbeln und mobilen Sideboards von Sol Calero (geboren 1982 in Caracas) ausgestaltet ist. Das Mobiliar an der Schnittstelle von Kunst und Design soll auch künftig als Treffpunkt sowie als Ort zum Verweilen und Lesen dienen.
Dieses Setting spiegelt Roos Gortzaks Anliegen für das Groninger Museum, dessen postmoderne Architektur aus der Idee entstand, Kunst, Design und Leben zusammen zu denken. Gortzaks Ziel ist klar formuliert: den Dialog mit dem Gebäude und der Sammlung, die mehr als
60.000 Objekte aus insgesamt fünf Jahrtausenden zählt, wieder aufzunehmen und durch das Hinzuziehen von Arbeiten zeitgenössischer Künstler:innen einen belebten Resonanzraum zu schaffen. Alle vier Eröffnungsausstellungen machen Vorschläge, darüber nachzudenken, wie wir miteinander leben, arbeiten, Zeit verbringen und einander wertschätzen.


„May art direct the future!“
Vom Bahnhof in Groningen ist der gelbe Turm, das Depot des Groninger Museums, gleich zu sehen: Mittig auf einer Insel gelegen, wird er von pastellfarbenen Nebengebäuden und weiteren postmodernen Architekturen umfasst, die wie ein Schiff auf dem Wasser des die Altstadt umrundenden Kanals liegen. 1987 beauftragte Frans Haks (1938–2006), der damalige Direktor des Groninger Museums, den Mailänder Designer und Architekten Alessandro Mendini (1931–2019), ein architektonisches Konzept für den Neubau des 1874 gegründeten Museums und seine umfassende Sammlung von Bildender und Angewandter Kunst, Ostasiatischer Keramik, Archäologie und Groninger Kulturgeschichte zu entwickeln. Die Räume des vorherigen Museumsgebäudes, das nicht weit entfernt vom heutigen Standort liegt, waren zu klein. Und die Idee, der Kunst und Gestaltung einen zentralen Ort in Groningen einzuräumen, groß. „May art direct the future!“ war Mendinis Leitspruch für ein Museum, das für alle sichtbar sein sowie Leben und Kunst vereinen sollte. Der Standort mit Verbindungsbrücke zwischen Bahnhof und Altstadt war klug gewählt. In Zusammenarbeit mit seinen Kollegen Michele De Lucchi (geboren 1951 in Ferrara), Philippe Starck (geboren 1948 in Paris) und Wolf D. Prix (geboren 1942 in Wien), dem Gründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, entstand ein Haus, das ausgehend von den Sammlungsbeständen gedacht wurde und für deren Präsentation neben dem zentral gelegenen Depot vier Pavillons von den Architekten konzipiert wurden. Das so im Kollektiv gestaltete Groninger Museum öffnete 1994 seine Türen. An Mendinis Vision „May art direct the future!“ knüpft Gortzak wieder an.
The Architect & The Housewife: Cleaning the House, Building the Future
Der Vielfalt der Sammlungsobjekte und der damit verbundenen Stimmen (erneut) Sichtbarkeit zu verleihen ist ein grundlegender Gedanke, der mit dem Ausstellungsprogramm des Hauses verfolgt werden soll. Die von Roos Gortzak und Clare Molloy kuratierte Hauptausstellung The Architect & The Housewife: Cleaning the House, Building the Future (bis zum 9. Mai 2027) markiert einen Beginn. Der Titel der Schau ist dem Künstlerinnenbuch The Architect & The Housewife (1999) von Frances Stark (geboren 1967 in Huntington Beach) entlehnt, die mit mehreren Werken auch Teil der Schau ist. Die von Stark in ihrem Buch skizzierten Figuren des Architekten und der Hausfrau stehen stellvertretend für öffentlich sichtbare Arbeit und jene, die ungesehen im Verborgenen bleibt – sei es im Haus, im Atelier oder im Museumdepot. Ein Jahr lang wird das Thema den Rahmen für alle im Groninger Museum gezeigten Ausstellungen bilden. Die aktuelle Schau erforscht mit interdisziplinärem Ansatz vor allem, wie sich Lebens- und Arbeitsrealitäten von Künstler:innen, Designer:innen und Architekt:innen im Gefüge von künstlerischer Produktion, reproduktiver Arbeit und öffentlicher Rezeption gestalten.


Einen Auftakt der Schau, die in den Ausstellungspavillons von Mendini und Coop Himmelb(l)au zu sehen ist, bilden Mendinis Service Tea and Coffee Piazza (1983) und Zaha Hadids Architekturmodell Music Video Pavilion – A Box of Ideas (1990), ergänzt um zugehörige grafische Arbeiten und eine erstmals ausgestellte Malerei Hadids. Mendinis Silber-Service, das ein Tablett mit Kaffee- und Teekanne, Rahmkännchen und Zuckerdose umfasst, diente als Inspirationsquelle für sein Architekturkonzept für das Groninger Museum, für dessen Entwicklung Kurator Frans Haks ihn beauftragt hatte.
Zaha Hadid (1950–2016) wiederum realisierte 1990 auf Haks’ Einladung im Rahmen des in der Groninger Innenstadt ausgerichteten Festivals What a Wonderful World! Music Videos in Architecture ihre erste Architektur. Music Video Pavilion – A Box of Ideas ist an einem Standort im Groninger Umland über die Jahre in Vergessenheit geraten, doch soll die Architektur perspektivisch ins Stadtzentrum zurückgeführt und damit wieder Teil des öffentlichen Lebens werden.
Die Bedeutung von Instandhaltungsarbeiten wird im Verlauf der Schau vielfach adressiert. Drei Fotografien von Mierle Laderman Ukeles zeigen die 1939 in Denver geborene Künstlerin Anfang der 1970er-Jahre während ihrer Cleaning Performances, bei denen sie Kunstinstitutionen während ihrer Öffnungszeiten reinigte. In ihrem 1969 verfassten Manifest, mit dem sie die Maintenance-Art begründete, schrieb Ukeles: „I do a hell of a lot of washing, cleaning, cooking, renewing, supporting, preserving, etc. Also, (up to now seperately) I ‚do‘ art.“ Instandhaltungsarbeiten wertete sie infolgedessen als Teil ihrer künstlerischen Praxis.
Nicole Wermers (geboren 1971 in Emsdetten) wiederum übersetzt für ihre Reclining Female-Skulpturen (2022/2026) das kunsthistorische Motiv des liegenden weiblichen Aktes in Plastiken, die sie auf Reinigungswagen, wie sie in Hotels zum Säubern der Zimmer genutzt werden, platziert. Ihre Assemblagen rücken über die (Un-)Sichtbarkeit von Arbeit auch die Ausbeutung von Arbeitskraft in den Fokus.
Der performative Service Some Cleaning (2013–) von Adam Linder (geboren 1983 in Sydney) verstärkt diese Blickführung hinsichtlich fairer Bezahlung und vertraglicher Bindungen: Denn der Tänzer und Choreograf bietet seine Arbeit auf Basis einer schriftlich vereinbarten Stundenzahl an und wurde vom Museum gebucht, an ausgewählten Ausstellungstagen das gesamte Haus mit Gesten des Reinigens zu bespielen.
Anhand dieser Beispiele wird deutlich, dass der Untertitel der Schau Cleaning the House durchaus wörtlich zu verstehen ist, ja dass Instandhaltungsarbeiten auch unter der neuen Leitung des Hauses aufgenommen worden sind. Um etwa das Erscheinungsbild des Museums seinem zugrundeliegenden Gestaltungskonzept anzunähern, wurden Wände und innenarchitektonische Elemente in Farben gestrichen, die Mendini in seinem Buch 30 Colours: New Colours for a New Century (1996) aufführt – zum Beispiel Mendinis Wendeltreppe in einem Pink-Violett-Pastell-Ton. Die Treppe erstreckt sich über zwei Etagen des Museums und verbindet die Pavillonstrukturen von Mendini und Coop Himmelb(l)au.
An den Wandflächen nahe Anfang und Ende der Treppe sind Collagen von Elisabeth Wild (1922–2020) zu sehen, die eine Korrespondenz mit der Treppe und den Malereien ihrer Tochter Vivian Suter (geboren 1949 in Buenos Aires) eingehen. Suters Leinwände bespielen als freihängende Objekte den kompletten Leerraum neben der Treppe und sind beim Auf- und Abschreiten der Stufen aus verschiedenen Ebenen sichtbar. Sie zeigen abstrakte Formen und gegenständliche Motive wie Tiere, die Suter im Außenraum unter Einbezug der Natur und der Witterungen des Regenwaldgebiets, in dem sie lebt, malte.



Von der Tischlampe zum Klettergerüst
Mit der von Judith Spijksma kuratierten Schau Playing House. An art biennial with children and young people (bis 10. Januar 2027) werden ebenfalls im Mendini-Pavillon Werke von Künstler:innen vereint, die diese zusammen mit Kindern und jungen Erwachsenen umgesetzt haben. Gleich zu Beginn findet sich eine Installation der 1984 im litauischen Kaunas geborenen Lina Lapelytė: The Speech (2024–) lässt leise Töne erklingen, die Kinder mit der Vorstellung davon produziert haben, wie Tiere miteinander kommunizieren. Aus Puzzle-Stücken eines Teppichs, der eine Landschaftsansicht abbildet, können zusammenhängende Orte und Inseln geschaffen werden, um darauf den imaginierten Tierstimmen zu lauschen.
Die 1981 in Buenos Aires geborene Mercedes Azpilicueta hat für ihre Reihe CaccHhO CucchhA (2025–) eine neue Installation erarbeitet, die eine Referenz zu den Farb- und Musterstudien von Ettore Sottsass bildet, welche im Sammlungsbestand des Groninger Museums sind. Die Arbeit CaccHhO CucchhA, Climbing on the Ashoka lamp (2026) besteht aus einem mit Lampen bekrönten Klettergerüst auf einer Spielfläche und aus tragbaren Stoffobjekten wie Hüte oder übergroße Schuhe, die mit getrockneten Kräutern und Samen gefüllt sind. Das Klettergerüst verweist auf Sottsass‘ Tischleuchte Ashoka (1981), die der Designer im Rahmen der von ihm begründeten Gruppe Memphis entwarf, welche sich aus dem Kollektiv Studio Alchimia heraus entwickelte, dem auch Mendini und De Lucchi angehörten. In Werken wie diesen wird der Ansatz des Museums, Auftragsarbeiten an zeitgenössische Künstler:innen zu vergeben, um aus der Recherche in den Sammlungsbeständen neue, interdisziplinäre Formen zu entwickeln, konkret greifbar.
Groninger Avantgarde im neuen Licht
Dieser Ansatz wird ebenso in der von Clare Molloy kuratierten Ausstellungsreihe Nieuw licht im De Lucchi-Pavillon verfolgt, im Rahmen welcher Künstler:innen dazu eingeladen werden, sich mit den Bildern und Objekten der Groninger Avantgarde-Gruppe De Ploeg zu befassen – deren Werke im Museum ebenfalls ausgestellt sind. So hat die Künstlerin Ani Schulze (geboren 1982 in Frankenberg) anlässlich der Schau Nieuw licht 1: Ani Schulze – The Convent of Pleasure (bis 9. Mai 2027) eine weitere Episode ihrer filmischen Reihe The Convent of Pleasure produziert, in der sie Bezüge zu den Arbeiten der De Ploeg-Künstlerin Alida Pott (1888–1931) wie die Figur des Harlekins und der Architektur des Museums herstellt. Episode 4: Harlequin’s Arrival zeigt so in atmosphärischen Bildern Details des Hauses wie die mit Mosaiksteinen besetzte Wendeltreppe Mendinis, die vom Eingangsbereich hinab zu den Ausstellungspavillons führt und an deren Fuß sich eine Säule mit Kristallkugel befindet. Das in ihr gebrochene Licht reflektiert wie die nächtliche Wasseroberfläche, die das Gebäude umschließt. Für ihren Film hat Schulze mit lokalen Performer:innen, Choreograf:innen und Tänzer:innen zusammengearbeitet: sie tragen Masken, tanzen miteinander und konstruieren durch das Aufeinandersetzen von geometrischen Formen ein Haus, das ihnen in einer Vision als (Raum-)Schiff dient.


Tischdecken mit Eat-Art-Zitaten und Backsteinmuster
Gleich über dem De Lucchi-Pavillon findet sich der durch labyrinthisch montierte Vorhänge definierte sowie mit mobilen und den Raum komplett umfassenden Vitrinen ausgestattete, kreisrunde Pavillon von Philippe Starck. Hier zeigen Roos Gortzak und der Gastkurator Nicolas Trembley die Ausstellung Matthew Lutz-Kinoy & Natsuko Uchino: Keramikos Carrier Bag (bis 10. Januar 2027), die in Zusammenhang mit dem Ankauf einer Werkgruppe des Künstler:innen-Duos steht. Die Schau führt Objekte des Keramikgeschirrs Keramikos 2 von Matthew Lutz-Kinoy (geboren 1984 in New York) und Natsuko Uchino (geboren 1983 in Kumamoto) mit Keramiken der Sammlung des Groninger Museums zusammen.
Durch Materialien, Techniken und Motive entstehen zwischen den historischen und zeitgenössischen Objekten assoziative Verbindungen, die zugleich von Kultur- und Kolonialgeschichte erzählen. Ergänzt werden die Keramiken durch frei in den Raum gehängte Tischdecken mit aufgedruckten Eat-Art-Zitaten und auf dem Tuch noch sichtbaren Lebensmittelspuren. Sie erinnern daran, dass Lutz-Kinoys und Uchinos Keramiken vormals im Rahmen von größeren Essen als „mobile Skulptur“ gemeinschaftlich verwendet wurden.
Das künstlerische Reflektieren über die Herkunft und den Gebrauch der vom Groninger Museum gesammelten Objekte zeigt sich vielmals in den vier Ausstellungen. Nicht zuletzt in der im Coop Himmelb(l)au-Pavillon installierten Arbeit Say Cheese! (2023/2026) von Kathrin Sonntag (geboren 1981 in Berlin), für die Sonntag Requisiten aus ihrer Sammlung, die sie als Fotografin angelegt hat, mit solchen aus dem Museumsdepot in einen visuellen Dialog bringt: etwa mit Designobjekten, deren Formgebung das Aussehen von Lebewesen imitiert. Anlässlich des Eröffnungswochenendes richtete Sonntag inmitten ihrer Installation eine große Tafel für ein Essen der an den Ausstellungen Beteiligten ein: Die Tische bekleidete sie mit einer Decke mit Backsteinaufdruck; mit Sets, die ihre fotografischen Arbeiten zeigen; oder aber mit Kerzen, die in Butterformen stecken oder als Hammer geformt sind. Kunst, Design und Leben – sie gingen zweifelsohne Hand in Hand.
Liminalität – Räume im Übergang
Gruppenausstellung der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen mit Helga Griffiths, Asta Gröting, Manaf Halbouni, David Hepp, Šejla Kamerić, Effrosyni Kontogeorgou, Adrian Paci, Lu Yang und Lukas Zerbst.
Ausdrucksmittel auf Augenhöhe
Unter dem Titel "Trouble and Appearance" präsentiert die Staatliche Graphische Sammlung München eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Dana Schutz.
Christo und Jeanne-Claude: un|realisiert
Die Ausstellung zeigt erstmals in Deutschland unrealisierte Projektes des Künstlerduos. Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster, 4. April – 28. Juni 2026.