Symbol der Endlichkeit
Zum Auftakt der Berlin Art Week kam es in der Italienischen Botschaft in Berlin zu einer denkwürdigen Begegnung von Berlinde De Bruyckere und Caravaggio.
Der Gang zur italienischen Botschaft am Südrand des Berliner Tiergartens ist mit ähnlich gemischten Gefühlen verbunden wie der zum Deutschen Pavillon in Venedigs Giardini. Der 1938 errichtete, neoklassizistische Palazzo am Rande des Berliner Regierungsviertels hebt sich von den selten geglückten modernen Versuchen ab, dem Terrain durch den Wiederaufbau des historischen Botschaftsviertels hauptstädtisches Flair zu verleihen. Gleichwohl bleibt er trotz vieler Renovierungen und Umbauten der Symbolbau des faschistischen Regimes, zusammen mit Deutschland und Japan die „Achsenmächte“ des Zweiten Weltkrieges. Der Gedanke in diesen historischen Hallen auf eine Skulptur Berlinde De Bruyckeres zu treffen, hat etwas Zwiespältiges.
Die Einladung zu der ungewöhnlichen Ausstellung, die zum Auftakt der Berliner Art Week eine Begegnung der 1964 geborenen Künstlerin aus Ghent mit dem 450 Jahre älteren Meister Caravaggio aus Mailand avisierte, enthüllte zwar nicht, um was für ein Werk es sich handeln würde. Doch immer kreiert die 1964 geborenen De Bruyckere seltsam unwirkliche Figuren, die sich in unbestimmter Verwandlung befinden, hergestellt aus realistischen Materialien wie Decken, Holz, Tierfellen oder Wachs.


De Bruyckeres Arbeiten erinnern an unfertige, zerstörte oder geschundene Körper, sie evozieren die Vorstellung menschlicher und tierischer Leichenberge, Gefühle von Gewalt, Schmerz und Verletzlichkeit – Leidens-Modi wie sie die Opfer der untergegangenen Gewaltherrscher erfahren hatten. Wäre die Ehrenhalle im ersten Stock der ehemaligen Faschisten-Botschaft der richtige Ort für eine derart existenzielle Ästhetik?
Als „Dialog über Jahrhunderte“ hatten Tjiöe Meyer-Hecken und Felipe Schweiger, die Gründer von Offsite Arts, die am frühen Abend, kurz vor einem festlichen Empfang, eine kleine Schar Kritiker:innen in der Botschaft auf das Ereignis einstimmen, ihr Projekt angekündigt. 2024 hatten die beiden Kulturmanager das nomadische Pop-Up-Label gegründet, mit dem sie sonst unzugängliche Räume für die Präsentation von Kunst öffnen und Institutionen zu beweglicheren Präsentationen ermuntern wollen. Mit der Italienischen Botschaft unter dem kunstsinnigen Diplomaten Fabrizio Bucci fanden sie ein Haus, das sich Berlin und der deutschen Kulturszene stärker öffnen will.
Mit De Bruyckere hätten Meyer-Hecken und Schweiger keine bessere Künstlerin für ihr Langzeitprojekt finden können. Die Künstlerin versteht sich auf ästhetische Zwiegespräche. In ihrer Soloschau „Khorós“ im Brüsseler Bozar im vergangenen Jahr fungierten Lucas Cranach, aber auch Patti Smith oder Pier Paolo Pasolini als Dialogpartner. Im Hamburger Ernst-Barlach-Haus ließ sich De Bruyckere im selben Jahr auf den deutschen Expressionisten ein.
Von dem beschworenen Dialog spürt zunächst niemand etwas, der die abgedunkelte Festhalle betritt. Denn was die Besuchenden zuerst sehen, ist das mit braunem Stoff verhangene Podest, auf dem eine eher unscheinbare Skulptur flach ausgestreckt liegt. Wie auf einem Altar, einer Opferstätte, einem Grabmal oder einer Aussegnungshalle ist eine Gestalt zu erkennen, deren Oberkörper in grau geflecktes Fell gehüllt war.
Dass es sich um einen Menschen handeln muss, wird erst klar, wer die beiden überlangen, detailreich gestalteten Füße sieht, die rechts aus dem Gewand herausragen. Das nur durch einen schwachen Lichtschimmer in den Türen aufgehellte Dunkel des Raumes kommt De Bruyckere entgegen, deren Arbeiten sich zumeist bedrohlich aus einem Halbdunkel schälen.
Das Paradoxe des angekündigten „Dialogs“ zeigt sich nicht nur darin, dass das verhüllte, unkenntliche Gesicht des reglosen Corpus in die genau entgegengesetzte Richtung derjenigen Gestalt weist, mit dem sich die belgische Künstlerin auseinandergesetzt hatte. In der rechten Ecke des Saals hängt auf einer schwarzen Staffage Michelangelo Merisi da Caravaggios „Maria Magdalena in Ekstase“ von 1606.
Die Hände gefaltet, die halb geschlossenen Augen gen Himmel gerichtet, gibt die halb liegende Muttergottes in weißer Bluse, offenem Haar, eingehüllt in eine rote Decke, das Bild einer Frau zwischen Entrückung und Ekstase ab. 2014 von der römischen Caravaggio-Expertin Mina Gregori in einer römischen Privatsammlung entdeckt, wird das Bild inzwischen als das Original in einer Serie von 18 Bildern mit dem gleichen Motiv gehandelt, die Caravaggio gemalt hatte.
Dass eine flämische Künstlerin mit dem Meister Caravaggio, der großen Einfluss auf die flämische Malerei ausübte, 400 Jahre später einen Dialog führt, erschließt sich Unkundigen nicht direkt aus dem Setting. Auch dass die Echtheit von Caravaggios Werk weiter umstritten ist, schmälert den Effekt nicht. Dass im Dämmerzustand körperliche Extremzustände aufeinander treffen, teilt sich aber unmittelbar mit.
Doch wie unterschiedlich die Werke sind: Auf der einen Seite liegt ein lebloser, anonymer, geschlechtsloser, gleichsam zur Metapher erstarrter Körper, bar jeder Individualität. De Bruyckeres Figur ist die gestürzte Variante ihres 2020, während der Pandemie geformten „Arcangelo“. Dass er in der Berliner Variante der Länge nach gestürzt liegt, macht aus dem Schutzengel ein Menetekel des Todes und der Endlichkeit.
Es sagt etwas über die Zeit, dass auch im Zentrum seiner ersten Ausstellung als Bildender Künstler während der Berlin Art Week in der Galerie Dittrich & Schlechtriem der deutsche Künstler und Szenograph Ersan Mondtag mit einem, auf dem Boden liegenden, verkohlten Skelett eines Affen ein ähnliches Motiv wählte.
Auf der anderen Seite von De Bruyckeres Skulptur steht eine identifizierbare Frau, die jede:r kennt: Im schönsten Vor-Realismus und Caravaggioscher Detailgenauigkeit sowie in dessen charakteristischem Helldunkel zeigt sie ihren Brustansatz, verzerrt das Gesicht, ganz ohne die anzügliche Nacktheit früherer Werke Caravaggios. Der Künstler schafft ein Symbolbild innerer Ergriffenheit, der Hingebung, einer Frau bar jeden Willens.

Auf den ersten Blick erzeugt die Szenerie zwischen Morbidität und Enthusiasmus Unverständnis. Hilflos sucht der Betrachtende nach Parallelen. Bis man vom Äußeren zu abstrahieren und sich im Dunkel des zur Grabeshalle umfunktionierten Botschaftssaals auf den inneren Impuls der Figuren einzulassen beginnt. Zum Glück hat De Bruyckere nicht einfach das ekstatische Empfinden Marias in die Gegenwart zu transportieren versucht. Sie hat sich vielmehr auf die Maxime „Interpretieren statt imitieren“ besonnen.
Die Sichtbarmachung der Fleischlichkeit ist ein Charakteristikum der unterschiedlichen Werke. Das Verhüllte von De Bruyckeres Skulptur evoziert die Imagination eines konkreten Körpers darunter genauso stark wie die realistische Drastik, mit der Caravaggio Marias Leib hervorhebt.
Was die beiden Figuren im Kern verbindet, ist aber nicht der Gesichtsausdruck, sondern ein ganz unterschiedlich artikuliertes Gefühl von Verwundbarkeit: Die eine Figur muss einer Gefahr, einer äußeren Einwirkung, Schmerz oder Trauer erlegen sein. Die andere zeigt den Moment, in dem sich Schmerz, Freude oder die Versenkung in Gott in das Fleisch eingeschrieben haben.
Posthumanismus ist De Bruyckeres Sache nicht. Der verletzliche Körper ist die unhintergehbare Bühne, die Folie, auf der sich die menschlichen Gemütszustände abspielen. Ihr gern zitierter Satz: „Ich verstehe den Körper als Gefährt. Er ist das Gefährt, welches wir am besten kennen, weil wir in ihm feststecken“ gewinnt plötzlich seinen Sinn. Caravaggio hätte ihn gewiss unterschrieben. So rufen beide Werke die Conditio Humana, das Ecce homo-Moment auf. Ein Memento, das im Bling-Bling des mondänen Sektempfangs zur Eröffnung der Schau untergeht.
Beklommen macht man sich auf den Heimweg durch den nächtlichen Tiergarten. Heroisch thront Richard Wagner auf seinem steinernem Podest an seinem Rand, Lorbeerkranz und Eichenzweig zu seinen Füßen. Nur der vor ihm liegende Tannhäuser im Pilgergewand und die um den toten Siegfried klagende Brünhilde an der Seite des Ehrenmals lassen etwas von der unentrinnbaren Endlichkeit erahnen, welches das ungleiche Paar De Bruyckere und Caravaggio im Palazzo gegenüber aufrufen und dann doch einen Gegenpunkt zu dem unverwundbaren Heroismus der faschistischen Ästhetik setzen.
Caravaggio x Berlinde De Bruyckere. Italienische Botschaft, Berlin. 11.9. bis 2. 10. 2026. https://offsitearts.com
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