Installationsansicht: Emilija Škarnulytė, Arrow of Time, 2026, Kunstmuseum St.Gallen Lokremise, Foto: Stefan Altenburger
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Arrow of Time

Emilija Škarnulytė im Kunstmuseum St.Gallen Lokremise, 22. August bis 8. November 2026.

Emilija Škarnulytė präsentiert ihr Werk The Arrow of Time, eine Betrachtung der Stätten und Ruinen vergangener, gegenwärtiger und potenzieller Technologien, wie ein Altarbild im Inneren der Lokremise. Das geschwungene, umgenutzte Industriegebäude war ursprünglich ein Depot für die Wartung von Dampflokomotiven rund um eine Drehscheibe. Das durch die Fenster einfallende Licht wird in blasses Magenta gefiltert, von Zeit zu Zeit dringt Rauch in die Ausstellung; der grosse Raum wird von einem gewölbten, neun Meter breiten LED-Bildschirm dominiert. Ein niedriges, schwarzes Oval davor reflektiert wie ein Infinity-Pool.

Der 12-minütige Film läuft in einer Endlosschleife und wechselt zwischen gefilmten und computergenerierten Schauplätzen. Zu sehen sind ein Industriegelände, ein Kontrollraum, Knöpfen und Monitoren, Nahaufnahmen von unzähligen angeschlossenen Kabeln sowie in Flüssigkeit abkühlende Kernbrennstäbe. Drohnenaufnahmen aus der Vogelperspektive zeigen eine ausgetrocknete Uferlandschaft eines Wasserlaufs, gebaute Strukturen, die wie runde Bunker aussehen, dann klares Meerwasser, in dem die Umrisse einstiger Architektur sichtbar sind. Der Blick taucht unter Wasser und wandert entlang endloser Pipelines zu Sever-Reihen und endet bei einem Gerüst, das tief, tief in die Erde hinabführt. Drei Bilder einer leuchtend grünen und durchsichtigen Figur, die wie eine Kreuzung aus einer Handgranate und der Venus von Willendorf aussieht, schweben für einen Moment im Raum – und dann kehren wir zum Industriegelände zurück. Der begleitende Soundtrack liefert ein Grundrauschen, das auf mechanischen Klängen wie Ventilatoren und Motoren sowie den Pieptönen von Überwachungsgeräten basiert und mit elektronischen Geräuschen und Stimmen aus dem Off verwoben ist, darunter spielenden Kinder und einen Frauenchor.

Ignalia

Der Hauptdrehort ist das Kernkraftwerk Ignalina in Litauen. Als prestigeträchtiges Projekt aus der späten Sowjetzeit nahm es 1983 den Strombetrieb auf, doch bereits 26 Jahre später wurden alle Blöcke stillgelegt. Obwohl es das Kernkraftwerk mit der höchsten jemals erreichten Leistung war, basierte es auf derselben Reaktortechnologie wie das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl. Berechtigte Sicherheitsbedenken führten dazu, dass die Schliessung des Kraftwerks – obwohl es den Grossteil der nationalen Stromversorgung sicherte – eine Bedingung für den EU-Beitritt war. Man könnte meinen, dass ein Monument der sowjetischen politischen Ideologie dem Projekt der EU-Erweiterung zum Opfer fiel.

Škarnulytės Blick schweift über das Gelände von Ignalina, das in Standbildern und langsam über die Anlagen gleitende Kameraaufnahmen zu entdecken ist. Wir sehen Brennstoffelemente in Nahaufnahme und Kühlbehälter aus der Ferne. Obwohl die Knöpfe beschriftet sind und die Monitore Messwerte anzeigen, ist niemand da, der diese abliest. Menschen tauchen nur zweimal und kurz auf: einer, der aus der Ferne eine Hebebühne bedient, und ein anderer, der etwas anschweisst. Stattdessen verweilt die Künstlerin bei einer Python, die sich über den breiten Kontrolltisch schlängelt. Obwohl das Reptil lang und schwer wirkt, gleitet es unauffällig über den Tisch hinweg; seine Haut wird von den Knöpfen eingedrückt, um die es sich windet.

Nach dem Eintauchen in die Industriearchitektur des späten 20. Jahrhunderts neigt man dazu, die schneebedeckten Zylinder als Lagerhallen oder militärische Bauwerke aus Beton zu deuten. Tatsächlich handelt es sich jedoch um etruskische Gräber: die Nekropole von Banditaccia in der italienischen Region Latium. Die Unterwasserruinen stammen aus der römischen Siedlung Baiae bei Neapel, die durch vulkanische Aktivität überflutet wurde. Die von Dürren geprägter Landschaft befindet sich in Andalusien.

Der „Pfeil der Zeit“ (the arrow of time) ist ein in der Physik und Psychologie verwendetes Konzept. Es geht davon aus, dass die Zeit grundsätzlich asymmetrisch ist. So erleben wir auch die Zeit: Wir bewegen uns unausweichlich und widerstandslos vorwärts und können nicht in die Vergangenheit zurückkehren. In ihrem Film schwebt Škarnulytė reibungslos über und durch Orte, die vom 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis in eine imaginäre Zukunft reichen. Ihre Perspektive ist allumfassend, aber distanziert, während sie den Spuren folgt, die die menschliche Zivilisation und ihre Hybris hinterlassen haben. Von den von ihr ausgewählten Orten wurde nur Banditaccia mit Blick auf ein Leben nach dem Entstehen erbaut – ja, sogar eigens für das Leben nach dem Tod. Die Kernenergie wurde innerhalb weniger Jahrzehnte weltweit eingeführt, ohne die Abfallprodukte vollständig zu berücksichtigen. Ignalina produziert zwar schon lange keinen Strom mehr, doch die Entsorgung ihrer Abfälle ist ein Projekt, das bis 2080 dauern wird, in Behältern mit einer Lagerungsdauer von 10’000 Jahren. Das Unternehmen, das die Stilllegung des Kraftwerks verwaltet, rühmt sich inzwischen seiner führenden Expertise bei diesem neuen Vorhaben, ohne die bittere Ironie wirklich zur Kenntnis zu nehmen.

Es versteht sich von selbst, dass die Menschheit aus früheren Fehlern wenig gelernt hat. Als das Kraftwerk Ignalina in Betrieb war, wurde der angrenzende See zur Kühlung des Kraftwerks genutzt, wodurch dessen Temperatur um drei Grad Celsius anstieg. Obwohl die vorhersehbaren klimatischen Auswirkungen von Rechenzentren bereits dokumentiert sind, schreitet die Einführung von KI und energieintensiven Rechenprozessen unvermindert voran. Wie Škarnulytė veranschaulicht – und vielleicht sogar bejubelt –, scheint die menschliche Vorstellungskraft nur dazu fähig zu sein, sich immer grössere und tiefgreifendere technologische Architekturen vorzustellen.

Deep Time

Der Ausstellungsraum der Lokremise befindet sich im grösste erhaltenen Lokomotiv-Ringdepot der Schweiz. Gebaut in 1903 zur Blütezeit der St. Galler Sticherei-Industrie, es ist in den 1980-Jahre zu einer Industriebrache geworden. Nachdem die SBB das Gebäude nicht mehr nutzten, wurde die Kunstsammlung Ursula Hauser dort für ein paar Jahre unterbracht, bis das Areal in ein 2020 geöffneten Kulturzentrum für Tanz, Theater und Kunst mit Restaurant umwandelt wurde. Die Ära der Lokomotiven ist vorbei und an ihrer Stelle finanziert der Kanton St. Gallen eine Zone für Freiheitaktivitäten. Die Zukunft des Gebäudes liegt somit eindeutig im Freizeitsegment, basierend auf der Prämisse, dass die Gesellschaft über Freizeit und überschüssige Mittel verfügt – und dass Produktion sowie Industrie anderswo stattfinden.

Doch wo ist dieses „anderswo“, jetzt, da die Auswirkungen der Industrialisierung und der IT-Revolution auf die globale Umwelt unmittelbar und greifbar sind? Man könnte vermuten, dass wir weitere Ruinen der Zukunft errichten und damit weitere schmutzige Fingerabdrücke auf der Welt hinterlassen, die von den Nachkommen der Menschheit betrachtet werden. Škarnulyte nimmt diese Perspektive vorweg: Sie teilt Wunder, doch es ist niemand da, um sie zu bestaunen. Denn Škarnulyte beobachtet aus der Perspektive von „deep time“, über Epoche und Ära hinweg, in der die Menschheit und schon gar kein Individuum eine Bedeutung hat.


Kunstmuseum St. Gallen


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