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Auf Polkes verschlungenen Spuren

Berit Schneidereit, Entangled Lines ✖ Sigmar Polke im Kunsthaus NRW,

Das Kunsthaus NRW feiert dieses Jahr unter dem Motto 50+500 Jahre Kunst in Kornelimünster den Einzug der Sammlung in die denkmalgeschützte Klosteranlage von Kornelimünster im Jahr 1976. Die Entscheidung für den Standort hat sich als Glücksfall erwiesen: Wenn in dem ehemaligen Kloster die Moderne auf barocke Pracht und kirchenpolitische Kunst trifft, ist das ein außergewöhnliches Erlebnis. Und gerade junge Künstler:innen nehmen die Herausforderung dieses besonderen Ortes gerne an. Nicht selten entstehen dann ortsspezifisches Ausstellungsprojekte oder Dialoge mit Künstlern der Sammlung. Beides trifft auch auf Berit Schneidereit, Entangled Lines ✖ zu.

Das Projekt der Künstlerin Berit Schneidereit (* 1988) wurde im Rahmen des internationalen Forschungs- und Vermittlungsprojekts Sigmar Polke. Athanor NOW in Kooperation mit der Anna Polke-Stiftung realisiert. Es entfaltet sich in zwei ineinandergreifenden Teilen über den Zeitraum eines halben Jahres und verbindet den Außen- und Innenraum des Kunsthauses in einem kontinuierlichen künstlerischen Prozess. Den Ausgangspunkt bilden Sigmar Polkes Dürerschleifen, die 1986 Teil seiner prämierten Athanor-Installation im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig waren. Ein weiterer Bezugspunkt sind Polkes experimentelle fotografische Arbeiten mit Pflanzenranken aus dem gleichen Zeitraum.

Zunächst entstand im Garten des Kunsthaus NRW über die Sommermonate die lebendige Skulptur Entangled Lines (Space). Durch die Einbindung rankender Pflanzen greift sie sowohl Polkes Auseinandersetzung mit vegetabilen Formen als auch die Nutzungsgeschichte des Abteigartens auf. Die Ranken, die an der Paravent-Struktur emporwachsen und diese sukzessive in eine lebendige Membran verwandeln, führen die Eigenwilligkeit und ornamentale Anmut der natürlichen Form vor Augen.

Schneidereit nutzt verschiedene fotografische Verfahren, um diesen Prozess in Bilder zu übersetzen. Sie arbeitet mit unterschiedlichen Formen von Belichtung, Fixierungen oder mit Schüttungen, bei denen Flüssigkeiten auf das Trägerpapier gegossen werden und sich tastend, fließend und miteinander reagierend über die Bildoberfläche ausbreiten. In Fotogrammen haben sich die Pflanzen selbst in lichtsensitives Papier eingeschrieben und die Rolle aktiver Akteurinnen eingenommen.

Diese aus der Gartenskulptur hervorgegangenen Bilder überführt Schneidereit im zweiten Projektteil in eine Installation im Innenraum. Entangled Lines (Time) verbindet unterschiedliche Verfahren und Stadien der Bildgenese miteinander: Außen- und Innen, Natur und Zeit, Bild und Prozess, Skulptur und Fotografie treten in eine wechselseitige Beziehung. In drei Kabinetträumen treten Schneidereit Arbeiten in unmittelbaren Dialog mit Werken von Sigmar Polke. Den Schwerpunkt bilden seine Fotografien aus den 1970er und 1980er Jahren. Die selten zuvor gezeigte 6-teilige Unikat-Serie Schneckenfraß von 1975, die die eigenwillige und sich jeglicher Kontrolle entziehende Schneckenspur zum Ornament erhebt, steht experimentellen Fotografien gegenüber, in denen die fotochemischen Prozesse aus der Dunkelkammer selbst zum bestimmenden Bildthema werden.

Die gezeigten Arbeiten unterlaufen die tradierte Vorstellung des statischen fotografischen Abbildes: Indem beide Künstler:innen bewusst Prozesse in ihre Arbeit einbinden, die sich ihrer vollständigen Kontrolle entziehen, wird das Material selbst zum Akteur und von der reduktionistischen Lesart als bilderzeugende Materie befreit. So veranschaulicht Berit Schneidereit, Entangled Lines ✖ Sigmar Polke ein erweitertes Verständnis von Fotografie als liquider, prozesshafter und materialwirksamer Praxis.

Auf eine repräsentative Schau im Jubiläumsjahr verzichtet das Kunsthaus NRW und lässt den Ort und das Programm für sich sprechen. Nach dem Ausstellungsbesuch sollte man nicht versäumen, bei Polke in den Ausstellungsräumen im Obergeschoss vorbeizuschauen, denn auch in der Sammlung des Kunsthauses ist er vertreten. Draußen im Skulpturengarten hat inzwischen der Herbst das von Berit Schneidereit angelegte Beet gezeichnet. Der Sommer hat sich in ihre Fotoarbeiten eingeschrieben.

50+500 Jahre Kunst in Kornelimünster

Seit 1976 wird Sammlung von Kunst aus NRW in der denkmalgeschützten Klosteranlage von Kornelimünster im idyllischen Inde-Tal aufbewahrt, erforscht und ausgestellt. Entstanden aus den Förderankäufen des Landes, umfasst sie heute über 5.000 Werke, darunter internationale Namen wie Bernd & Hilla Becher, Joseph Beuys, Katharina Grosse, Andreas Gursky, Ernst Wilhelm Nay, Sigmar Polke, Gerhard Richter und Thomas Ruff. In der alten Abtei treffen sie auf Geschichte: Die Gebäude der Klosterresidenz und die benachbarte Kirche beherbergen heute noch Kunst aus 500 Jahren.


Kunsthaus NRW Kornelimünster, Abteigarten 6, 52076 Aachen-Kornelimünster, Do. bis Sa. 12-17 Uhr, So & feiertags 11-17 Uhr, bis 31.01.2027, Eintritt frei.


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