Alles und nichts hat uns darauf vorbereitet
Wolfgang Tillmans Ausstellungen in Paris und Remscheid.
Das Centre Pompidou hat Wolfgang Tillmans Carte Blanche gegeben – für eine seiner größten Ausstellungen, installiert in der ehemaligen Bibliothek Bpi, die aufgrund der fünfjährigen Sanierung des gesamten Gebäudes ihre Türen schließen muss. Parallel dazu zeigt das frisch sanierte Haus Cleff in seiner Heimatstadt Remscheid rund 200 Fotografien und Videos. Zwei Orte, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – und die doch viel miteinander verbindet.
Über eine für lange Zeit nicht zugängliche Rolltreppe gelangt man in den ersten Stock – fast wie durch einen geheimen Seiteneingang betritt man die ehemalige Bibliothèque publique d’information (Bpi) im Centre Pompidou. Dieser Ort, der bisher eher selten von Touristen oder Kunstliebhabern wahrgenommen wurde, wird in dieser Form nach der fünfjährigen Sanierung des Gebäudes nicht mehr existieren. Die Bpi war nie ein Ausstellungsraum, sondern einer der wohl demokratischsten Begegnungsorte in Paris: offen für alle. Vom Clochard bis zum Professor nutzten Menschen diesen Raum gleichermaßen – ohne Bibliotheksausweis, ohne Zugangsbeschränkung. Man las nebeneinander Zeitungen, Comics oder wissenschaftliche Werke, hörte Musik, lernte Sprachen, surfte im kostenlosen WLAN und trank dabei günstigen Kaffee aus dem Automaten.
5000 Arbeiten auf 6000 Quadratmeter
Dieses unhierarchische Miteinander prägt nun auch auf bemerkenswerte Weise die Ausstellung von Wolfgang Tillmans. Der 1968 in Remscheid geborene Künstler interessiert sich in seiner Fotografie für das Soziale, das Alltägliche, das Durchlässige – und dafür, wie Bilder Räume verändern und auf sie einwirken können. Die Bpi hat sich der 56-Jährige nun künstlerisch erschlossen: 6000 Quadratmeter, 5000 Arbeiten, kaum Stellwände – stattdessen letzte Überbleibsel der früheren Bibliothek. Einige Regale stehen noch, Wegweiser zu längst ausgeräumten Fachgebieten hängen von der Decke, und sogar der Teppichboden stammt noch aus der Anfangszeit. Tillmans macht sie zum Teil seines Werks, indem er sie als Ausstellungsfläche nutzt, zugleich aktiviert er die Geschichte des Ortes, statt sie zu überblenden.



Seit 2022 hat er sich regelmäßig in den Räumen aufgehalten, um die Atmosphäre – und das friedliche Miteinander der Nutzer:innen – zu beobachten und zu verstehen. Der Titel der Schau wirkt dabei wie ein programmatisches Paradoxon, ein klarer Kommentar auf unsere Gegenwart und die Conditio humana: „Rien ne nous y préparait – Tout nous y préparait“ („Nichts hat uns darauf vorbereitet – Alles hat uns darauf vorbereitet“).
Ein Ort des Wissens wird zum Ort der Kunst
Laurent Le Bon, Direktor des Centre Pompidou, gab Wolfgang Tillmans Carte Blanche – ganz in der Idee, dass dieser die ehemalige Bibliothek Bpi nicht als Kulisse, sondern als Resonanzraum begreifen würde. Entstanden ist keine klassische Ausstellung, sondern ein Parcours, der einen mitreißt, der einen teilhaben lässt an diesem Bilduniversum, den Tillmans aufs Engste mit der Welt der Bibliothek verbindet. Gleich zu Beginn hängt ein großformatiges Stillleben: eine vertrocknete Zimmerpflanze, weiß gerahmt, fast beiläufig platziert. Ein Vanitas-Motiv, das wie ein Echo auf die Situation der Bpi wirkt.
Auf Monitoren, die früher Sprachlernprogramme zeigten, laufen nun Videos, in denen ehemalige Nutzer:innen auftauchen, sie wurden dabei gefilmt, wie sie sich mit der Aneignung von Wissen beschäftigten. Verbliebene Lesetische dienen als Vitrinen, Fotografien haften an den Rückwänden alter Bücherregale.
Im sogenannten „Couloir de Pompier“, einem wegen Asbest bislang nicht benutzten Gang, zeigt Tillmans auch seine ikonischen Fotos von Freunden wie „Lutz und Alex sitting in the tree“ oder des Nachtlebens der 1990er-Jahre – und aktiviert damit auch diesen abgelegenen, früher unsichtbaren Ort. Gleich daneben: ein monumentaler Abzug einer Industrieanlage aus einer Remscheider Metallfabrik, oder ein Hochformat von einem zerlegten Farbkopierer aus dem Jahr 1994 – exakt dort platziert, wo sich der Copyshop der Bibliothek befindet, der in Betrieb ist während der Ausstellungslaufzeit. Eine stille Hommage an Tillmans’ frühe Arbeiten mit der Fotokopie, die ebenfalls in Paris zu sehen sind. Auch gibt es neue Fotografien aus Paris, entstanden im Umfeld der Olympischen Spiele. Und in einem Regaldisplay sind Publikationen und Materialien von Tillmans Between-Bridges-Stiftung ausgestellt, die sich für Kunst, LGBT-Rechte und antirassistische Arbeit engagiert – ein politisches Statement mitten im Ausstellungsfluss. Außerdem wird „Book for Architects“ gezeigt, seine Multikanalprojektion, die 2014 auf der von Rem Koolhaas kuratierten Architekturbiennale in Venedig Premiere feierte – und nun vom Centre Pompidou angekauft wurde.



Alles greift ineinander – mal direkt, mal subtil. Diese suchende, assoziative Hängung kennt man aus anderen Ausstellungen von Tillmans. In Paris war sie etwa schon mal in einer großen Ausstellung im Jahr 2002 im Palais de Tokyo zu sehen. Doch die Bpi ist eben kein White Cube, kein Museum wie das MoMA, sondern ein Ort des gelebten Alltags voller Spuren seiner Nutzung. Teppichstreifen aus dem alten Leitsystem der Bibliothek wirken wie Fotogramme, als Abdrucke der Vergangenheit. Regale sind teilweise noch als Negativformen sichtbar, dort, wo der Teppich ringsherum erneuert wurde. Tillmans nutzt alles, was noch da ist, und verwandelt es – in ein Bild oder gleich eine gigantische Kunstinstallation.
Tillmans aktiviert Raum
Großformatige Prints hängen neben Miniaturen, Fotokopien neben Abzügen, Textfragmenten, Postern, Musik, Katalogen oder Romanen in Vitrinen, die früher mal Lesetische waren. Die großformatigen „Freischwimmer“-Aufnahmen, in denen Tillmans Fotopapier direkt im Labor belichtet hat, hängen neben kleineren C-Prints. Manche Arbeiten sind ungerahmt, in Postkartengröße oder großformatig abgezogen, tief oder hoch gehängt. Man bewegt sich durch dieses weitläufige Bilduniversum wie einst durch die Bibliothek und ihre Regale. Man schaut, liest, verweilt. Die Fotografie ist immer Thema in seinem Werk – auch wenn die Arbeiten oft über das Medium hinausgreifen. Die Blickachsen ändern sich ständig – wie auch die Sujets. Porträts, Stillleben, abstrakte Lichtbilder, eine Porträtaufnahme von Lady Gaga direkt auf dem Fenster vor dem Ausblick auf die Stadt Paris zu Füßen oder einfach nur ein Spiegel, indem sich die farbigen Luftschächte des Centre Pompidou reflektieren – alles gehört zusammen. Über Eck hängt ein Werkkomplex mit 48 monochromen, tiefblauen Bildern – ein Mahnmal für Opfer organisierter Religion. Hinter einem silbern schimmernden Vorhang ist der Sound einer Videoinstallation zu hören – unterbrochen von Tillmans’ eigener Stimme auf Französisch: „Je pensais avoir vu quelque chose…“ Eine Ansprache ans Publikum, alles Wissen zu hinterfragen, auch den eigenen Blick.
Remscheid als Resonanzraum
500 Kilometer entfernt, in Tillmans’ Heimatstadt Remscheid, läuft zur gleichen Zeit eine zweite Ausstellung – im Haus Cleff, einem spätbarocken Doppelhaus mit spiegelgleichen Hälften. Gerade frisch saniert, wird das Gebäude nun als Ausstellungsort genutzt. Tillmans zeigt hier rund 200 Werke: frühe Videos, Fotokopien aus den 1980er-Jahren, das Porträt seiner Mutter von hinten, in Unterhemd und mit einer Trockenhaube auf dem Kopf, erste Experimente mit Licht, Papier und Kopierern. Die Präsentation hat etwas von einer archäologischen Ausgrabung des eigenen Werks. Und wirkt im Kontrast zu der bieder-bürgerlichen Architektur des ehemaligen Patrizierhauses mit den pastellfarbig gestrichenen Wänden überraschend neu und anders. Der industrielle Stahlblock, der in Paris das Ausstellungsplakat ziert, ist auch hier zu sehen. Ebenso wie neu aufgenommene Porträts von Remscheider Stahlarbeitern – etwa jenes eines Mannes mit aufgeklapptem Visier, das wirkt wie eine Krone oder ein Heiligenschein, was ihn zu einem Edelmann der Arbeiterklasse werden lässt und gleichzeitig an ein Porträt von Rembrandt oder Velázquez erinnert. Nachtleben- oder Love Parade-Bilder fehlen in Remscheid, dafür sucht Tillmans Nähe zur lokalen Bevölkerung. Er porträtiert Menschen in Vereinen, in Begegnungsräumen, bei ihrer Arbeit. Warum er das tut? Vielleicht aus Verbundenheit zu seiner Heimatstadt, um den Menschen und ihrem Tun Wert und Achtung zu verleihen. Auch Fotografien, die er in der noch funktionierenden Bpi aufgenommen hat, sind Teil der Ausstellung. Die Räume des Haus Cleff sind eng, verwinkelt – man verliert sich zwischen den identischen Treppenhäusern, den gleichgroßen Räumen. Das Ausstellungskonzept spielt mit dieser Irritation. So greift Tillmans die Geschichte des Hauses auf, wenn er in den Übergang eine Aufnahme eines Badezimmers mit zwei gleich aussehenden Spiegeln hängt. Wie in Paris geht es auch hier um das Zusammenspiel von Raum und Werk, persönlicher Geschichte und Gegenwart.



Vom Pompidou nach Remscheid und zurück
So stehen Remscheid und Paris trotz der ungleichen Ausstellungssituationen nicht gegeneinander, sie scheinen zu kommunizieren. Der Stahlblock – Symbol industrieller Herkunft – leuchtet im Haus Cleff wie auch auf den Ausstellungsplakaten an der Fassade des Pompidou sowie von einigen Wänden der Pariser Métrostationen.
Tillmans selbst erzählt bei einem Gespräch vor der Ausstellungseröffnung in Paris, wie seine Frankreich-Erfahrungen einst aus dem Französisch-Leistungskurs in Nordrhein-Westfalen begannen – mit Interrail-Reisen nach Bordeaux, Lyon, Thézée. Nun kehrt er zurück – und hat Remscheid im Gepäck.
Wolfgang Tillmans, Rien ne nous y préparait − Tout nous y préparait, Centre Pompidou, Bpi, Paris, bis 22. September 2025.
Wolfgang Tillmans, Ausstellung in Remscheid, bis 4.1.2026, Museum Haus Cleff, Remscheid.
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