Martin Assig, Eva, 2006, Enkaustik auf Holz, © VG BildKunst 2022, Foto: Gunter Lepkowski

Einheit und Vielheit

Martin Assig im Museum Küppersmühle, 4. November 2022 bis 5. März 2023

In den Zeiten, als Drahtlosigkeit noch nicht gebräuchlich und Smartphones noch nicht verbreitet waren, stand in den meisten Wohnungen an einem zentralen Ort das Telefon. Oft war es der Flur, wo es auf einem Tischchen wartete, daneben lagen ein Block oder Oktavheft und ein Stift bereit. Letztere wurden nicht nur genutzt, um während des Gesprächs Notizen zu machen, sondern auch um Phasen der Langeweile, die im Lauf eines Telefongesprächs auftreten konnten, zu überbrücken. Und zwar mit Zeichnungen, für die der Begriff "Telefonkritzeleien" geprägt wurde. Diese Zeichnungen konnten noch so verschieden sein, irgendwie waren sie sich doch gleich und wenn man unerwartet mit ihnen konfrontiert wurde, stellte sich die Frage, ob sie etwas über ihren Urheber verraten würden. Was nur selten zutraf. Die Folge war dann akute Ratlosigkeit. Denn so eine kleine Zeichnung, die nichts verrät über die Bezugssysteme, in denen sie verankert ist, gewinnt – vielleicht nur für einen kurzen Moment – Macht über ihren Betrachter, weil sie ihn herausreißt aus seiner Situation, indem sie ihn seiner Deutungshoheit beraubt.

Bad Painting

So oder so ähnlich fühlt sich der Moment an, in dem man das kleine Kabinett direkt beim Eingang der Duisburger Küppersmühle betritt, das die Ouvertüre der Ausstellung "Weil ich Mensch bin" beherbergt. "Weil ich Mensch bin" zeigt uns einen Querschnitt durch das Schaffen des in Berlin lebenden Malers Martin Assig. Die Deutungshoheit, die man als Betrachter insgeheim eigentlich jederzeit zu besitzen glaubt, hat sich bereits nach wenigen Schritten verflüchtigt. Diese "Loslösung" wird durch die schiere Vielfalt der Motive hervorgerufen – figurative, nichtgegenständliche, ornamentale Bildfiguren auf kleinen Blättern, auf denen auch Wörter oder Redewendungen herumtrudeln, präsentieren sich, all dies vermischend, zu Hunderten Rahmen an Rahmen. Man versteht wohl im Vorüberschreiten, dass hier große Zyklen zusammenhängen, deren Titel auf das Material ("Tuschen"), auf ein Thema ("Seelen") oder einen Ort ("St. Paul") verweisen, die sich aber dennoch jeder linearen Systematik verweigern.

Martin Assig, Ozean, 2009, Enkaustik auf Holz, © VG BildKunst 2022, Foto: Gunter Lepkowski

Aber auch ohne die Stützen einer Begrifflichkeit, die sich anböte, mir unter die Arme zu greifen, zeigt sich nach und nach, dass hinter der herausfordernden Vielheit Assigs eine Einheit verborgen ist. Es entwickelt sich ein übergreifender Eindruck. Später, am heimischen Schreibtisch, kann ich nachlesen, dieser Eindruck täuscht nicht, auch andere Betrachter sehen, dass etwas die einzelnen Werke verbindet. Aber wie sieht dieser Emulgator, der die Verbindung herstellt, eigentlich aus? Enrique Juncosa, im Jahr 2002 Kurator der Ausstellung des Künstlers im Museum Reina Sofia, der Walter Smerling, Direktor der Küppersmühle, die Bekanntschaft mit Martin Assig verdankt,1 sieht eine "Art von urtümlichem Primitivismus".2 Was heißt das? Sicher wird in den einzelnen Blättern Assigs kein Konzept abgearbeitet, sie folgen, so sieht es zumindest aus, spontanen Impulsen und versuchen, das Unfertige im Bild zu halten, statt es wegzuarbeiten. Hierzu wiederum sagt uns Enrice Juncosa, bei Martin Assig handele es sich um einen Maler, "der anders als die meisten seiner Generation, in seinem Werk eine sehr persönliche Welt aufgerichtet" habe3, während Thomas Deecke von einem sehr "persönlichen musée imaginaire" spricht4. Leider ist dieser Begriff für mich kein Zauberwort, das alles zusammenfügt. Kay Heymer hingegen sieht Martin Assigs Bildnerei als Teil einer gefährdeten Ästhetik.5 So zu sein, ist in der gegenwärtigen Kunstwelt ein Normbruch, zumal keine zeitläufige Reflexion über die Klimakatastrophe oder den Krieg in der Ukraine stattfindet, sondern stattdessen die Malerei sich selbst reflektiert. Das alles ließe sich gut unter den Begriff "Bad Painting" subsumieren. Allerdings fehlen die ironischen Brechungen, nach denen man hier vergeblich sucht. Martin Assig ist kein Philip Guston. Stattdessen Ambivalenzen, denn, so erläutert es der Künstler im Gespräch, prinzipiell sei die Bildsprache nonverbal. Was der Betrachter in einem Bild sehe oder wie das Bild zu ihm spreche, folge keiner Gesetzmäßigkeit. Dem muss man nicht zustimmen, man muss allerdings im weiteren Sinne eine Tendenz der Dekontextualisierung anerkennen, die sich gegenwärtigen Kunsttrends widersetzt.

Räume füllen

Zurück zum Presserundgang: Zum Konzept der Ausstellung sagt Martin Assig, es gehe zuallererst und eigentlich immer darum, Räume zu füllen. Das klingt etwas prosaisch. Man kann es aber auch als Hinweis auf Selbstzweifel verstehen, die auch anderen Künstlern nicht fremd sein dürften, wenn sie vor der Aufgabe stehen, Wandflächen, die zurückstarren, mit Kunst zu füllen. Allerdings will sich Assig damit nicht lange aufhalten, auch dann nicht, als Walter Smerling nachhakt und ihn auf die die Räume ordnenden Themen anspricht und dabei obendrein versucht, den Favoriten des Künstlers unter diesen zur Sprache zu bringen. So steht das Wort "Seele" plötzlich im Raum. Als es ausgesprochen wird, bewegen sich Walter Smerlings Hände in dem Bemühen, etwas einzukreisen, in der Bauchgegend, als würde er einen Ball streicheln wollen. Der Künstler aber lässt sich nicht einfangen, denn ein Lieblingsthema hat Martin Assig eben nicht, im Gegenteil, wir hören, dass er "Zuspitzungen" dieser Art mit seiner Kunst nicht in Einklang bringen mag. In der Küppersmühle gibt es so etwas wie eine thematische Ordnung vielleicht eben doch nur, weil sich nur so aus der kaum zu verbegrifflichenden Vielheit kleinere Einheiten bilden lassen.

Dass das Gesamtbild dennoch nicht disparat gerät und eigentlich keiner begrifflichen Hilfestellungen bedarf, offenbart sich mir erst in dem Teil der Ausstellung, der im Katalog mit der unscheinbaren Überschrift "Kleid" versehen wurde. Den Kleidern Assigs fehlen Rümpfe, Gliedmaßen und Köpfe, die üblicherweise darinnen stecken, denn Kleider sind für den Künstler nichts weiter als "Behältnisse". Auch hier gibt er sich wieder prosaisch und das passt nun ganz und gar nicht mehr zu der großformatigen malerischen Pracht, die sich vor unseren Augen entfaltet. Von hier aus kann auch ich die Ausstellung plötzlich lesen, sie spricht nun auch zu mir, nonverbal natürlich und fernab jeder Begrifflichkeit. Wenn jedes der vielen hundert Blätter eine nur für sich klingende Stimme wäre, hier bilden sich große kraftvolle malerische Akkorde. Was auch für die übrigen große Formate beherbergenden Räume gilt, die sich Themen wie "Schmerz" oder "Wasser" widmen.

Ach ja, Enkaustik. Sie ist die Technik der Wahl des Künstlers. Wieder ganz und gar prosaisch: Weil er sich als Kunststudent etwas zulegen wollte, durch das er sich von anderen Studenten unterscheidet. Im Gespräch fallen zwei (oder drei?) Namen anderer Künstler, die diese Technik anwenden, darunter der von Jasper Johns.6 Da kann man nun nicht mehr ratlos den Kopf schütteln, denn die Ausstellung in der Küppersmühle ist nicht nur die größte, die bisher dem Künstler gewidmet wurde, sie zeigt auch: Martin Assigs und Jasper Johns Namen in einem Atemzug zu nennen, ist alles andere als verfehlt.


1 So schilderte Walter Smerling während der Pressekonferenz am 3.11.2022 die Entstehung der Idee, eine Ausstellung mit Martin Assig zu machen.

2 Enrique Juncosa, Frida Kahlo besucht den Prado, ein Traum von Gustav Klimt, in: Martin Assig, Erzählung am Boden (Ausst.-Kat.), 3. Februar bis 7. April 2002, Neues Museum Weserburg Bremen, 2002, S. 84.

3 Enrice Juncosa, ebenda, S. 83.

4 Thomas Deecke, Auratische Malerei, in: Martin Assig, Erzählung am Boden (Ausst.-Kat.), 3. Februar bis 7. April 2002, Neues Museum Weserburg Bremen, 2002, S. 75.

5 Key Heymer, Ein Bekenntnis zu Martin Assig, Martin Assig, Weil ich Mensch bin (Ausst.-Kat.), S. 19.

6 Der andere ist der des norwegischen Malers Olav Christopher Jenssen, den wir hier nicht unterschlagen wollen. Ich bin mir nicht sicher, meine mich aber zu erinnern, dass auch David Shrigley erwähnt wurde, anders als Jenssen allerdings nicht als Freund der Wachsmalerei.