Ornament und Verbrechen bei einem Auftritt im Kino Babylon. Foto: Hartmut Beil, Fotoarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft / Archiv der DDR Opposition.

Unsere Reihe "West-Ost-Begegnungen".

Im zweiten Beitrag unserer Reihe schildert Christoph Tannert das Lebensgefühl in der ostdeutschen Subkultur der 80er- und frühen 90er-Jahre. Die Brüder Lippok spielten in diesem Zusammenhang eine besondere, in der Offenheit ihres Wirkens zugleich aber auch charakteristische Rolle.
Und wer genauer hinschaut, stellt fest, dass es nicht nur in Berlin zwischen Ost und West gerade im Bereich der Subkultur (über die Mauer hinweg oder unter ihr hindurch) verschiedene Berührungspunkte gab und man sich näher war, als man seinerzeit ahnte oder zu späteren Zeiten wahrhaben wollte.

Zeit war reichlich vorhanden

Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR

Zu DDR-Zeiten reisten wir am liebsten mit dem Finger auf der Landkarte. Zuweilen kam es freilich zu Übersprungshandlungen. Dann brachen wir aus unseren Hinterhofwohnungen im Prenzlauer Berg, in der Dresdner Neustadt oder im Leipziger Osten aus, fuhren per Anhalter nach Polen, die CSSR oder Ungarn und genossen das süße Leben. Meine ersten West-Schallplatten hatte ich 1973 auf dem Schwarzmarkt in Krakau erstanden. Danach litt ich unter Entzugserscheinungen, wenn ich nicht meine regelmäßige Dosis Jimi Hendrix oder Led Zeppelin bekam. In Budapest kaufte ich Scheiben von Jefferson Airplane, Made in India, gleich mehrere, um sie zu Hause in den Plattentauschring einzuspeisen. Chilenische Exilanten brachten Scheiben aus Südamerika mit. Der schwere Blues von Pesacado Rabioso aus Argentinien stiftete gezielte Selbstverwirrung. Aus Prag schleppte ich Anfang der 80er Jahre Musikkassetten der Rock & Jokes Extempore Band und von MCH ein. Sie waren von dem legendären Label Fist Records herausgegeben worden und inspirierten auch den DDR-Untergrund, sich über Kassettenproduktionen größere Reichweiten in der alternativen Szene zu verschaffen. Wir fühlten uns gut aufgehoben in unseren Nischen.

Grenzüberschreitungen als Strategie

Den Ostlern ging es 1989 blendend. Viele begegneten denen, die über Ungarn nach Österreich flohen oder sich in die Botschaften der BRD in Prag, Budapest und Warschau absetzten, um ihre Ausreise zu erzwingen, mit Skepsis. Mit 5 Ost-Mark (1 Schachtel KARO, dazu wahlweise 1 Liter Milch, 5 Schrippen, 2 Bockwürste, 1 Schlager-Süßtafel - oder 6 Flaschen Bier) rettete der Lebenskünstler sich über den ganzen Tag. Die Herrscher über die volkseigene Mangelgesellschaft hatten Ost-Berlin zum Schaufenster der DDR herausgeputzt. Man lebte in einem komfortabel ausgepolsterten Ghetto. Hier gab es alles, was es sonst nicht gab, außerdem Besuche von West-Freunden auf Tages-Passierschein. Dazu die medialen Parallelkräfte – West-Fernsehen und ein psychophysisches Mindestmaß an Rockmusik jenseits des Durchschnittschrotts. Weil die meisten Freunde kein Telefon besaßen, besuchte man sich wechselseitig oder saß in Künstlerateliers und Werkstätten herum und wartete auf ein erlebnishaftes Feedback. Man lebte in einer Warteschlange unter Abschirmbedingungen. Vieles fehlte. Nur eines war reichlich vorhanden: Zeit. Zeit für das tägliche Basteln an Outfit und Klamotten, zum Schwatzen, Bücherlesen, für das sechsfache Kopieren von Texten per Schreibmaschinendurchschlag mittels Kohlepapier, zum Musikhören und Platten-Überspielen, für gemeinsame Literatur- und Kunstaktionen, zur Erweiterung des Wahrnehmungsinventars. Das öffentliche Leben war am schönsten auf Partys in den eigenen vier Wänden. Wenn ich heute etwas vermisse, dann sind es die prä-medialen Privatismen im Untergeschoß der realsozialistischen Lebenswelt, wo wir sommers wie winters vor dem schönsten Nachthimmel an der Aufmerksamkeitsverschiebung bastelten.

Auftritt von Ornament und Verbrechen anlässlich der Ausstellung "Schimmelmaschinen und Schimmel" in der Galerie Wohnmaschine im Januar 1989. Alle Fotos: Michael Biedowicz, Fotoarchiv der Robert-Havemann-Gesellschaft / Archiv der DDR Opposition.

Die Praxis der Grenzüberschreitung von einem künstlerischen Medium zu einem anderen, etwa im Übergang von der bildenden Kunst zur Klangerzeugung, zum Super-8-Film, zur Performance, zum Text und zum Theater, gehörte in der damaligen DDR zur Strategie der Aufmüpfigen, die gegen die Reglementierungen seitens des SED-Staats und des Künstlerverbandes angingen. In Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz), Ostberlin, Cottbus und Magdeburg waren Künstler und Künstlerinnen aktiv, die mit wilden Gesten, infernalischen Auftritten, aber auch subtil merkwürdigen innerkünstlerischen Erkundungen von sich reden machten. Zu ihnen gehörten zum Beispiel A.R. Penck und die Gruppe Lücke frequentor (mit Harald Gallasch, Peter Herrmann, Wolfgang Opitz, Steffen Terk), Helge Leiberg, Michael Freudenberg, Klaus Hähner-Springmühl, Hans Scheuerecker, Cornelia Schleime, Ralf Kerbach, Christine Schlegel, Hans J. Schulze, die Autoperforationsartisten, Matthias Baader Holst, Moritz Götze und Tohm di Roes. Die Bands und Künstler-Formationen, die sich im Fahrwasser des radikalen Normbruchs bewegten, führten idiotische Namen wie AG Geige, Zwitschermaschine, Gruppe 37,2, Pfff..., Rennbahnband, Kartoffelschälmaschine, Die letzten Recken, Die Gehirne oder Die Strafe. Klanglich waren die Übergänge zwischen Free Jazz, Anarcho Jazz, Free Style, Noise, Punk und NDW-Elektro fließend.

Anders als im Westen Deutschlands verfügten diese Kunstrebellen des Ostens kaum über Möglichkeiten, sich über Tonträger und Medien bekannt zu machen. In privaten Tonstudios entstanden ein paar hundert Musikkassetten und weniger als eine Handvoll LPs und Singles, die aber zumindest den Kultstatus der Underground-Musiker mehrten. Bis heute sind sie Geheimtipps. Ihre fluxistische Radikalität bei der Unterminierung der realsozialistischen Verhältnisse kann freilich nicht hoch genug gepriesen werden.

Der Begriff "Geniale Dilletanten" wurde in der DDR nicht verwendet, weil er 1981 von Wolfgang Müller (Mastermind der Tödlichen Doris) mit Blick auf bestimmte Aktivitäten in West-Berlin hin als inhaltliche Klammer benutzt worden war. Sein Bändchen aus dem Merve Verlag mit gleichem Titel kursierte aber in der DDR und wurde von Abweichlern aller Couleur als Bestätigung des eigenen Tuns verstanden.

Ornament und Verbrechen

Innerhalb der DDR-Subkultur nahmen Ornament und Verbrechen, von Anfang an, also etwa seit 1983, eine Sonderstellung ein. Wer dabei war, erinnert sich bei Ornament & Verbrechen an ein fesselndes Kaleidoskop kollektiver Improvisation, eine Mischung aus gruppendynamischen Praktiken, Gedankentransfer, Sounderzeugung und künstlerischer Interaktion. Wenn Ornament & Verbrechen heute bekannter in der internationalen Musikszene sind, weil sie dort als freiformatige Klangkreateure gefeiert werden, verdeckt diese Publikumseuphorie ihren ursprünglichen Ansatz, ein offenes Kollektiv für alles Mögliche gewesen zu sein, was damals unter den Bedingungen der geschlossenen Gesellschaft unter staats-sozialistischen Vorzeichen das Notwendige war, ein Impuls des Lebendigen gegen die Erstarrung des Systems. Ornament & Verbrechen lebten die Grenzüberschreitung, angstlos und energiegeladen, den ästhetischen Übergang von Klangerzeugung zu Rezitation, Bildproduktion, Performance und Modedesign. Im Abseits der DDR-Kulturproduktion spannten sie ihr Netzwerk und dynamisierten insbesondere das Szene-Unterfutter im Ost-Berliner Prenzlauer Berg.

Den Nukleus sämtlicher Aktivitäten bildete das Brüderpaar Ronald (*1963) und Robert Lippok (*1966), konzentriert in der Sache, aber in hohem Maße publikumszugewandt und immer neugierig auf Reaktionen von außen. Ornament & Verbrechen sah man unter diesen Freigeistern als richtungsweisendes Phänomen an, weniger als feste Band, eher als ein offenes System des Experimentierens mit anderen Künstlern und Musikern, das über ein Jahrzehnt lang andauerte. Insofern haben sie sich auch nie aufgelöst (im Gegensatz zum Side project To Rococo Rot), nur eben mal ein paar Jahre pausiert, um die Gedanken kreisen zu lassen. "Es gibt keine feste Bandstruktur – wir arbeiten wie Pilze, die ihre Sporen in der Stadt verteilen", sagt Ronald Lippok.

Punk, New Wave, New Romantic, Gothic und Industrial gingen auch an der DDR nicht spurlos vorüber. Parallel zu den Fanzines und Musikkassettenkombinaten im Westen formierten sich eigene Distributionsmechanismen im Osten – mit Künstlerzeitschriften, Poster-Auflagen, selbstproduzierten Fan-Artikeln, Flohmärkten, auf denen trendige Klamotten angeboten wurden, und, vor allen Dingen, Kleinstauflagen von Tapes Marke ORWO, die unter der Hand ihre zur Auflehnung bereiten Rezipienten erreichten. Selbst als die Mauer noch stand, ließen Ornament und Verbrechen sich nicht einschränken. Befreundete Musiker kamen mit einem Tagesvisum als Touristen in den Osten, wurden mit Instrumenten versorgt. Auf diese Weise spielte ein gewisser Jeremy Clarke mit auf der LP "On Eyes" und veredelte sie mit seinen Gitarrenparts.

Ronald Lippok ist Musiker und Maler. Er hat von 1986 bis 1992 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert. Sein Stil freilich hat sich völlig unabhängig von der Spezifik der sogenannten Berliner Schule und ihrem Sensualismus ohne Anführerschaft entwickelt. Aktuell ist er abgetaucht in die Zeit des Barocks und in die Denkbilder vom Bewusstsein der Vergänglichkeit. Ihn interessieren figürlich surreale Kompositionen, oft mit Öl oder in Mischtechnik auf Leinwand gemalt, und nur auf den ersten Blick übersichtlich. Sie faszinieren durch ein gleichsam polyphones Denken, das sich konfiguriert in verdeckten thematischen Mittelstimmen und gegenläufigen Rhythmen.

Robert Lippok ist mittlerweile ein gefragter Spezialist für Klanginstallationen. Seine jüngste Arbeit ist ein Sound-Piece, das er auf Einladung von Çağla Ilk, Kommissar des Deutschen Pavillons der 60. Biennale von Venedig, konzipierte. Das Thema lautete: "THRESHOLDS – die Schwelle als Moment zeitlicher und räumlicher Übergänge". Mit seinem im Osten geweiteten Erfahrungshorizont ist Robert Lippok dafür mit Sicherheit der Richtige.


Weitere Beiträge aus unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" finden Sie hier:

Teil 1: Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten - Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Teil 3: Wolfgang Ullrich: Überraschende Verwandtschaften. Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Teil 4: Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst - Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst
Teil 5: Luise Wolf: "Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen". Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR.
Teil 6: Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR