Der Osten im Westen im Osten
Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Wahrlich eine Überraschung ist die Ausstellung "Die Überraschung". Der Untertitel kündigt "Ostdeutsche Künstler vor und nach der Wende" an, ein abseits der üblichen Jubiläen erstaunliches Projekt. Und dass eine solche Präsentation auch noch weit westlich jenes Ostdeutschlands stattfindet, im tiefen Osten der Niederlande nämlich und zudem in einem Privatmuseum mit einer nicht eben kleinen Sammlung zum Thema, vergrößert die Verblüffung noch einmal. Eine Mischung aus Eigenwille und Unabhängigkeit, zudem einiges Sendungsbewusstsein ist vorauszusetzen, wenn ein Sammler sein Museum diesem in den Niederlanden geradezu exotischen Sujet widmet. In den Beständen der Institutionen in der westlichen Bundesrepublik jedenfalls wird man allenfalls vereinzelt das eine oder andere, tief in den Magazinen vergrabene Werk aus jenem östlich-fernen Landesteil finden können – und zu sehen ist davon zuverlässig (fast) nichts. Die einst rigide Ablehnung der DDR-Kunst während der Nachwendejahre mit ihren pauschalisierenden Vorwürfen, der wütenden Polemik ("rückwärtsgewandte Figuration", "unfreie, gegängelte Staatskunst" usw.) ist – in den alten Bundesländern – in den Jahrzehnten seit der Wiedervereinigung zu einer gepflegten, ahnungslosen Gleichgültigkeit abgeklungen; Ostkunst wurde ein randständiges Spezialgebiet der jüngeren Kunstgeschichte und blieb lange Zeit eine Nische des Kunstmarktes.


Der Sammler und sein Nichtheldenmuseum
Die Möglichkeit, einen frischen Blick auf die durch die tiefe Zäsur 1989 vermeintlich in zwei ordentliche Zeitabschnitte geteilte Produktion der Kunstlandschaften Ostdeutschlands zu werfen, bietet das Museum No Hero in Delden bei Hengelo auf gewissermaßen neutralem niederländischem Boden. Dessen Ausstellung "Die Überraschung" besteht ausschließlich – auch dies ist erstaunlich – aus eigenen Sammlungsbeständen. Zusammengetragen hat sie Geert Steinmeijer, ein aus der Region stammender Unternehmer. Die ungewöhnliche Benennung der 2018 eröffneten privaten Einrichtung ist eine Absage an übliche Sammlernamens-Eitelkeiten: Im Mittelpunkt sollen die Kunstwerke stehen. Seine äußerst vielfältige Kollektion, die eher an neugieriger Schaulust als an kargen Konzepten orientiert ist, umfasst mehr als tausend Stücke diverser Kulturen und Zeiten – "wilde Sammlung" lautet die zutreffende Selbstbeschreibung. Sie wird in dosierten Ausschnitten im eigenen Museum präsentiert. Untergebracht ist es in einem schmucken Gebäude, das in seiner knapp dreihundertjährigen Geschichte unter anderem schon Rathaus, Gericht, Gutsverwaltung und Hotel war. Heute, aufwendig zum Privatmuseum mit Café und Skulpturengarten hergerichtet, bietet es jährlich wechselnde Ausstellungen. Die aktuelle ist "Die Überraschung".
Was zuvor geschah: Begeisterung und Motive
In mancher Hinsicht ist sie Gegenstück und Fortführung der Eröffnungsschau "Ich bin ein Berliner". Sie widmete sich der wilden und heftigen Malerei im Ost- wie im Westteil Berlins in den 1980er Jahren. Geert Steinmeijer lebte damals eine Weile in der geteilten Stadt und lernte den Kunstbetrieb kennen. Als Sammler, der er erst später wurde, begegnete er auch Werken, die zu DDR-Zeiten entstanden waren. Er suchte den Kontakt zu den Künstlern, führte Gespräche und erweiterte seine Kollektion um diesen Aspekt deutscher Kunst. Vier Jahre ließ er sich Zeit, so erzählt er, um die Werke zu finden, über die er sagt: "Wow! Diese Arbeit geht mir ans Herz. Das hat nichts mit DDR-Kunst zu tun, sondern mit purer Emotion." Auch begeistern ihn deren handwerkliche Qualitäten. Den inhaltlichen roten Faden dieser Werke aber macht für ihn das Miteinander von Traum und Realität aus. Zum fünfjährigen kleinen Jubiläum des Hauses überrascht er nun mit "Die Überraschung" zunächst seine Landsleute, für die dieser Kunst-Osten noch ferner sein dürfte als für Besucher aus dem westlichen Nachbarland.

Expressiv bis sachlich. Weltbilder, Privatbilder und manches dazwischen
Für die aktuelle Ausstellung wurden aus dem noch umfangreicheren eigenen Bestand gut sechzig Arbeiten, vor allem Malerei, aber auch grafische Werke und Skulpturen, von 37 Künstlerinnen und Künstlern ausgewählt. Sie alle lebten und arbeiteten in der DDR, zu und mit den Bedingungen dieses Staates; manche verließen vor 1989 das Land, freiwillig oder unter Zwang. Geboten wird damit ein keineswegs auf Vollständigkeit zielender Einblick in das im Osten Deutschlands Entstandene. Sozialistischer Realismus und Plakativ-Eindeutiges sind nicht zu sehen, wohl aber Werke, die die vorhandenen Spielräume auf je eigene Weise nutzten. Es sind die früh in Ost und West berühmten, hofierten Weltbilderbühnenmaler wie Tübke, Sitte und Bernhard Heisig dabei. Ebenso die zunächst verfemten, später misstrauisch geduldeten stillen, beharrlichen Forscher in eigener Sache wie Hermann Glöckner, Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg. Mit Wasja Götze und Hans Ticha sind auch die Renitenten, Spöttischen dabei, die sich mit dieser Haltung geradeso durchlavieren konnten. Zu sehen sind Vertreter einer gesteigerten, die Attraktivität des Schroffen, Hässlichen auslotenden Expressivität wie etwa Hartwig Ebersbach und Walter Libuda. Auf Privates, Individuelles zurückgezogen muten die rätselhaften, melancholisch grundierten Bilder von Trak Wendisch und Angela Hampel an. 1958 bzw. 1956 geboren sind sie die jüngsten der hier Ausgestellten. Figurativ, gegenständlich sind nahezu alle Arbeiten. Das Spektrum reicht vom klassischen Porträt bis hin zu bedeutungsgeladenen, personenreichen allegorischen Szenarien; neusachlich genaue Darstellungen und expressive Bildfindungen (in allen möglichen Varianten der Temperierung, Malwut und Farbenfreude) dominieren.

Die Frage nach den Spuren der Zeit
Auch wenn "Die Überraschung" einen eher geschichtsfernen, unpolitischen Blick auf ihre Exponate nahelegt – in einem Katalogbeitrag ist von einem "farbenfrohen Malfest" die Rede – so kommen einem in der alten Bundesrepublik sozialisierten Besucher, der mit den zum Kontext der Werke gehörenden Details wenig vertraut ist, beim Blick auf manche Werke doch die Geschichte und biografische Einzelheiten in die Quere. Sie erzeugen ein von den Entstehungsdaten und Titeln der Werke angestoßenes, nicht ignorierbares Hintergrundrauschen: Welche Ereignisse des Entstehungsjahres 1990 finden ein Echo in Johannes Heisigs eindrucksvollem "Selbst im Atelier"? Zeigt sich im furios-nervösen Malgestus dieser prüfenden Selbstbetrachtung etwas von der Spannung, der Unsicherheit, vielleicht dem Zerfallsgefühl der Phase zwischen Maueröffnung und Wiedervereinigung, in der Heisig zudem Rektor der Hochschule der Künste in Dresden war? Oder ist es die Routine des Virtuosen, dem alle Finessen einer Intensität verheißenden Ausdrucksmalerei zu Gebote stehen? Und ist es eine plumpe Unterstellung in Willi Sittes 1991/92 gemalter "Bedrängnis" – es zeigt eine phantastisch vielarmige, Sitte-typische Nackte, die sich verzweiflungsmutig gegen ein dunkles, beutegieriges Monstrum verteidigt – eine bedrohte Wahrheit zu erkennen? Oder ist sie eine Allegorie auf die von manchen als Aneignung empfundene Wiedervereinigung, die den umtriebigen Kulturfunktionär, der Sitte auch war, endgültig um Ämter und Einfluss brachte?


Flugfreiheitsversuche, fortgesetzte Maskierungen
Auffallend und unmittelbar mit Bedeutung aufgeladen sind zwei Motivkomplexe, die sowohl in den Werken vor wie auch nach 1989 auftauchen: Maskierung und Demaskierung in Wolfgang Mattheuers Holzschnitt "Konfusion" von 1972 bieten ein markantes Bild für Konformität, Täuschung und das verborgen bleibende Eigene. In den Bildern Ralf Kerbachs aus den 2000er-Jahren wird die Maske zum Schutz vor zudringlichen Blicken. Und in einem Spätwerk von Harald Metzkes aus der gleichen Zeit sind Maskierungen (und Posen) wesentliche Aspekte einer gezwungen heiteren "Premierenfeier". Ein anderes Motiv ist das der Flügel, des (gescheiterten) Fluges, der den Ikarus zeitweilig zu einem Wappenwesen der DDR-Kunst machte. Eindrucksvoll nutzt Rolf Händler in seinem Bild "Beschneidung der Engel" die Kraft dieser Symbolik. Im Vordergrund wird einem trauernden Engel vor bestürzt wirkenden Zeugen von einer ebenfalls geflügelten Figur der Flügel gestutzt, während am grauen Himmel einige Engel die Mauer überfliegen. Das Ende der Illusionen und Hoffungen, des Idealismus, verbunden mit unlösbaren Widersprüchen in der Spätzeit der DDR finden hier wohl ihren Ausdruck. Was aber hat es mit dem Vogel auf sich, der in einem angedeuteten Käfig zusammen mit einer liegenden Figur zu sehen ist? Eine Öffnung im Körper des Tieres gibt den Blick frei auf einen Himmel und einen dahinziehenden Papierflieger. Wasja Götze, einer der eindeutig dissidenten Künstler dieser Ausstellung, malte "Lust zum Fliegen oder eigentlich Ikarus" 1983, ein Jahr nachdem ihm die Ausbürgerung angedroht worden war, der er sich jedoch erfolgreich widersetzte.

Es sind die Ambivalenzen, mitunter auch die Uneindeutigkeiten, die etliche der gezeigten Werke zu spannungsvollen, über ihre Entstehungszeit hinaus bedeutsamen, sehenswerten Arbeiten machen. Leider verzichtet die Ausstellung wie auch der Katalog auf notwendige Informationen und Hintergründe zu Biografien und Zeitläuften, die ein tieferes inhaltliches Verständnis erst möglich machen würden. Auch wenn "Die Überraschung" einseitig die Schönheit, die (handwerkliche) Qualität des Gezeigten betont, so bleibt es doch ein dankenswertes Verdienst des Museum No Hero – in einer zumindest teilrepräsentativen Auswahl – die Kunst Ostdeutschlands sichtbar zu machen.
Die Überraschung. Oost-Duitse kunstenaars van vóór en na 'die Wende'
Museum No Hero
Hengelosestraat 2/4
7491BR Delden
Weitere Beiträge aus unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" finden Sie hier:
Teil 2: Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhanden. Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR
Teil 3: Wolfgang Ullrich: Überraschende Verwandtschaften. Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Teil 4: Freya Dieckmann: Freistaat der Kunst - Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst
Teil 5: Luise Wolf: "Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen" - Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR
Teil 6: Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR