Freistaat der Kunst
Das Leonhardi Museum in Dresden und seine Rolle für die ostdeutsche Kunst.
Häufig sind es die unscheinbaren Orte, an denen Geschichte geschrieben wird. Im Dresden der Nachkriegszeit war ein solcher Ort das kleine Leonhardi Museum am Stadtrand. Seit den 1960er-Jahren zeigt das Museum in den Gemäuern einer alten Mühle zeitgenössische Kunst. Berühmt wurde es zu DDR-Zeiten, in denen man hinter der etwas spießigen gelben Fachwerkfassade immer wieder der Stasi trotzte und auch deren windigen Methoden, die das Ausstellen von unangenehmer Kunst verhindern sollten: Einmal etwa verschwand der Schlüssel zu den Museumsräumen kurz vor einer Ausstellungseröffnung und konnte nirgendwo gefunden werden. Ein anderes Mal wurde eine neue Leiterin eingesetzt, bei der schnell deutlich wurde, dass ihre Aufgabe nicht die Förderung freier Kunst war, sondern das Ausspähen der Künstlergemeinschaft. Denn im Leonhardi Museum organisierten Künstlerinnen und Künstler der "Arbeitsgemeinschaft Leonhardi" in Eigenregie Ausstellungen. Die meisten davon waren kritisch und nonkonform. So wurde das Museum in Ostdeutschland zum unverzichtbaren Treffpunkt für moderne Kunst und für den Austausch unter Kunstschaffenden.
Eine historische Ungerechtigkeit
Das Leonhardi Museum in Dresden ist ein verwunschener Ort. Man muss den Kopf einziehen, um nicht an die Balken der schrägen Türrahmen zu stoßen und eine enge, knarzende Holztreppe zu den Ausstellungsräumen hinaufgehen. Im Obergeschoss und im Anbau der alten Mühle überraschen dann die weitläufigen Ausstellungsräume mit glänzendem Parkett-Boden und einem großen Oberlicht.
Heute hat das geschichtsträchtige Haus einen ordentlichen Direktor und ist Teil der städtischen Museen. Das Mühlen-Ensemble jenseits der Elbe zeigt immer noch zeitgenössische Kunst vor allem aus Dresden und Sachsen. Das ist zwar für ein städtisches Museum nicht unüblich, viele dieser Museen unterstützen bewusst regionale Künstlerinnen und Künstler. Dennoch fördert das Leonhardi Museum heute explizit ostdeutsche Kunst. Denn obwohl die Tage vorbei sind, in denen nonkonforme Kunst in der DDR nur unter widrigen Bedingungen ausgestellt werden konnte, ist das Kapitel "Ostdeutsche Kunst" noch nicht abgeschlossen. Bernd Heise, der das Leonhardi Museum seit 2002 leitet, spricht von einer historischen Ungerechtigkeit: "Viele ostdeutsche Werke sind heute vergessen, dabei sind sie so wichtig und ein Stück Kunstgeschichte". Für ihn ist klar: Es ist eine Ungerechtigkeit, die man versuchen muss, auszugleichen – zumindest annäherungsweise.


Hype um ostdeutsche Kunst
Man könnte sagen: Es geht der ostdeutschen Kunst, wie vielen Deutschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind und sich durch die abrupte Eingliederung in das West-System übersehen fühlen. Dabei hat die Kunst vermutlich den Vorteil, dass sie heute mit zunehmendem Interesse von der immer noch westlich geprägten Kunstwelt wahrgenommen und zu einem sexy Außenseiter verklärt wird.
"Ostdeutsche Kunst" – das ist mittlerweile ein spannender, exotischer Begriff. Die alte Biederkeit und Regimetreue, die man ostdeutschen Künstlerinnen und Künstlern unterstellte, ist verflogen – zum Glück. Stattdessen hat sich ein regelrechter Hype entwickelt. Sammlerinnen und Sammler interessieren sich für Kunst aus der ehemaligen DDR, immer mehr ostdeutsche Künstlerinnen und Künstler tauchen auf den Lehrplänen der Universitäten auf – und Journalistinnen und Journalisten entdecken das, was im Osten zwar schon lange bekannt war, im Westen aber unter dem Radar flog.
Kunstgeschichte umschreiben
"Dieses Interesse an der Kunst aus dem Osten hätten wir uns schon in den 90er-Jahren gewünscht", sagt Heise. Es ist ihm aber wichtig, nicht ewig auf Identitätsfragen zwischen West und Ost zu beharren: "Mir ist ostdeutsche Kunst wichtig, nicht, weil sie ostdeutsch ist, sondern weil sie gute Kunst ist." Sein Ziel als Leiter des Leonhardi-Museums ist es daher, ostdeutsche Kunstgeschichte sichtbar zu machen. Ähnlich, wie heute Ausstellungen zu Künstlerinnen gemacht werden, die von der männlich kanonisierten Kunstgeschichte verdrängt wurden, will Heise Künstlerinnen und Künstler zeigen, die seiner Meinung nach längst Teil des Kanons sein sollten.
Eine Genealogie bedeutender ostdeutscher Kunstschaffender, die bereits im Leonhardi-Museum ausgestellt wurden, präsentiert die große Katalogwand in der gemütlichen hölzernen Stube des Museums. Neben großen Namen – wie Hermann Glöckner, Helga Paris und Lothar Böhme – findet man dort auch einige Westdeutsche, etwa Barbara Klemm oder das Kölner Künstlerpaar Anna und Bernhard Blume.
Aber auch weniger bekannte Künstler:innen tauchen dort mit liebevoll gestalteten Katalogen auf. Für einige von ihnen ist es die erste Ausstellung in einem Museum – sie kommen frisch von der Dresdner Hochschule für Kunst. Andere sind älter; sie hat Bernd Heise schon länger im Auge. So etwa Andreas Bräunsdorf, der aktuell in den hellen Oberlichtsälen des Museums seine skurril-schönen Malereien mit schneeigen Bahnhöfen und Treppenhäusern mit kahlköpfigen Boxern zeigt.



Von der Revolution zur Institution
Früher hatte der Maler und Namensgeber des Hauses, Eduard Leonhardi, die Ausstellungssäle zur Präsentation seiner romantischen Waldgemälde genutzt. Heute ist noch ein kleinerer Raum, das sogenannte Aquarellzimmer, Leonhardis aus der Zeit gefallenen Bildern gewidmet. Das Museum lädt häufig Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit der Heimats-Malerei seines Namenspatrons auseinanderzusetzen und sie mit zeitgenössischen Positionen zu verbinden. Dabei entstehen Reflexionen zu Deutschland, dem Wald und auch zur altbäuerlichen Architektur des Hauses.
Der einst revolutionäre Künstlerort im Elbtal ist längst institutionalisiert. Heute ist das Leonhardi Museum ein Ort, der Möglichkeiten einer anderen Kunstgeschichte vorschlägt und Künstlerinnen und Künstler, die Deutschlands Teilung unsichtbar gemacht hat, endlich der Kunstwelt zurückgibt. Ein vielleicht unscheinbarer, aber wichtiger Ort für die Kunstgeschichte und auch für die Einheit eines Landes, das bis heute so fasziniert und zugleich terrorisiert ist von seiner ehemaligen Teilung.
Weitere Beiträge aus unserer Reihe "West-Ost-Begegnungen" finden Sie hier:
Teil 1: Jens Peter Koerver: Der Osten im Westen im Osten - Eine niederländische Ausstellung zur Kunst Ostdeutschlands vor und nach 1989
Teil 2: Christoph Tannert: Zeit war reichlich vorhaben - Die Brüder Lippok und die Subkultur der 1980er Jahre in der DDR
Teil 3: Wolfgang Ullrich: Überraschende Verwandtschaften - Der deutsch-deutsche Bilderstreit in der Rückschau
Teil 5: Luise Wolf: "Ich lehne es ab, positiv in die DDR zurückzuschauen". Andrea Pichl zeigt ab Herbst im Hamburger Bahnhof in Berlin eine Einzelausstellung – als erste Künstlerin aus der ehemaligen DDR.
Teil 6: Ingeborg Ruthe: Endlager oder Fundgrube. Das Kunstarchiv Beeskow im Museum für Utopie und Alltag bewahrt Kunst der früheren DDR