4.7.2024 Nagold DEU Ornamenta 2024, ein Regionales Kulturprogramm in Pforzheim und Nordschwarzwald, mit Ausstellungen, Installationen, Performances und anderen FormatenOrnamenta 2024, ein Regionales Kulturprogramm in Pforzheim und Nordschwarzwald, mit Ausstellungen, Installationen, Performances und anderen Formaten - Sonnenuhr "From Nine to Five" von Designerin Charlotte Rohde (Bild) und dem Turmuhrenhersteller Perrot
8 Min. Lesezeit

Schwarzwalduhren ticken anders

Die Ornamenta will den Nordschwarzwald verändern – wenn das Kalkül aufgeht, auf Dauer.

Gehen die Uhren im Nordschwarzwald anders? Ja und nein: Die Sonnenuhr, die Charlotte Rohde im Rahmen der Ornamenta am Gerichtsplatz in Nagold aufgebaut hat, steht irgendwo zwischen neun und zehn. Die Turmuhr an der Stadtkirche gegenüber zeigt dagegen schon nach zehn. „Was richtig ist, können Sie selber entscheiden“, sagt Johannes Immanuel Perrot, dessen Unternehmen in Calw die Sonnenuhr hergestellt hat, ebenso wie die Turmuhr der Stadtkirche. Diese richtet sich nach der Mitteleuropäischen Zeit, im Moment Sommerzeit, also eine Stunde später. Nagold liegt aber 8,7 Längengrade östlich des Nullmeridians. Gegenüber Greenwich ist die Sonnenuhr also schon weiter vorgerückt.

Auch im übertragenen Sinne gehen die Uhren im Nordschwarzwald anders. Nicht so sehr zeitversetzt, eher langsamer. Hermann Hesse habe bei ihnen ein Praktikum gemacht, erzählt Perrot, der das Unternehmen mit seinen Brüdern in fünfter Generation führt. Das soll nicht heißen, die Region sei irgendwie provinziell oder zurückgeblieben. Perrot hat die Turmuhr am Mekka Clock Tower gefertigt, mit 43 Meter Durchmesser die größte der Welt. Das Unternehmen arbeitet mit 3D-CAD und CNC, beherrscht aber auch noch das alte Schmiedehandwerk. Im Nordschwarzwald ticken die Uhren anders: langsamer, gründlicher.

Wenn sich hier jemand vorhalten lassen müsste, nicht ganz up to date zu sein, so eher die Künstlerin. Ihre Sonnenuhr zeigt nur die Stunden von 9 bis 5 Uhr nachmittags an. Der Titel From Nine to Five verweist auf den Achtstundentag. Rohde will damit kritisieren, dass Männer nach getaner Arbeit die Füße hochlegen, während Frauen unbezahlt weiter arbeiten. Doch entspricht das noch der heutigen Realität? Die meisten Frauen arbeiten, viele Paare haben keine Kinder, und wenn doch, gibt es auch Männer, die sie betreuen. Kann aber der englische Ausdruck „From Nine to Five“ im Nordschwarzwald als bekannt vorausgesetzt werden? Einen Arbeitsbeginn um neun Uhr würden die Menschen hier wohl als Faulenzerei ansehen. Sie stehen früher auf.

Zeitgenössische Kunst war in dieser Region bisher nahezu unbekannt, vom Kunstverein Pforzheim abgesehen. Mit der Ornamenta 2024 ändert sich das. Das kulturelle Großereignis bezieht sich im Namen auf eine Schmuckausstellung vor 35 Jahren, insgeheim, mit einem geplanten fünfjährigen Turnus, aber auch auf die Documenta. „Es gibt im Nordschwarzwald überhaupt keinen White Cube“, meint Jules van den Langenberg. Und genau das hat ihn gereizt, sich mit Willem Schenk und Katharina Wahl zu bewerben. Im ländlichen Raum, beobachtet der Kurator, reagieren die Menschen intensiver auf Kunst als in der Großstadt, wo jeder schon alles kennt und weiß. Der Vorschlag des Trios, die Region zunächst einmal kennenlernen zu wollen, hat den Pforzheimer Gemeinderat überzeugt, der sich einstimmig für sie ausgesprochen hat. Zwei Jahre lang sind die drei von Ort zu Ort gereist, haben in Scheunen, Privatwohnungen, gelegentlich auch im Hotel übernachtet und Kontakte geknüpft. Das Ergebnis ist eine Ausstellung mit sehr vielen Partnern: Mitwirkenden und Sponsoren. 1,9 Millionen Euro, die Hälfte des Etats, trägt die Stadt Pforzheim, den Rest Förderer, auch Landkreise und weitere Kommunen.

Wie aber kommt es, dass ein Gemeinderat ein Kuratorenteam bestellt? Wer steht hinter der Ornamenta? Geschäftsführer Christian Saalfrank, erfahren in Großereignissen von der IBA Emscher Park bis zum Musikfestival Schleswig-Holstein, sagt er wisse es auch nicht. Vielleicht will er sich nur nicht in die Nesseln setzen. Bereitwillig und ausführlich antwortet dagegen der Juwelier Georg Leicht: 2017 feierte Pforzheim sein 250. Jubiläum als Schmuck- und Goldstadt. Schon damals stand fest, so Leicht, dass es wieder eine Ornamenta geben solle, wie 1989, und von nun an in fünfjährigem Turnus. Aber keine reine Schmuckausstellung. Das sei zu schmalspurig gedacht.

Die Goldstadt erfindet sich neu

Pforzheim nennt sich noch immer Goldstadt und ist das Zentrum der Schmuckindustrie in Deutschland. Doch im Vergleich zu früher arbeiten nur noch wenige in diesem Bereich. Die Konkurrenz aus China stürzte die Schmuck- und Uhrenindustrie schon in den 1970er-Jahren in eine Krise. Unternehmen wichen mit ihrem Knowhow auf andere Gebiete der Feinmechanik aus oder gingen ein. Pforzheim hatte zeitweise die höchste Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg. Es gibt viele Migranten, insbesondere aus der früheren Sowjetunion. Die Stadt musste und muss sich immer wieder neu erfinden. Und verfügt über die besten Voraussetzungen dazu.

Bei Juwelier Leicht gibt es flüssige Schwarzwälder Kirschtorte. Philipp Kolmann und Suzanne Bernhardt haben das Getränk kreiert, das über die Bestandteile der Torte hinaus auch Zutaten wie Rettich und geräucherte Kirschblätter enthält. Sie gehen vom saisonalen Angebot aus und konservieren in ihrem Getränk das Kirscharoma für das ganze Jahr. Dazu servieren sie auch Hochprozentiges aus Weizengraupen mit Mädesüß und Kirschkernen. High End Food Design vom Feinsten, in der Lounge im Obergeschoss des Luxusgeschäfts am richtigen Ort. Leicht gehört mit der früheren Kulturbürgermeisterin Sibylle Schüssler zu den treibenden Kräften der Ornamenta. Er sitzt im Präsidium des Ornamentabunds, der die Entscheidungen fällt. Er ist überzeugt: „Kultur hält die Gesellschaft zusammen.“

Die ganze Gesellschaft? Im Frühjahr grummelte es noch im Gemeinderat: Zu viel Geld. Versteht doch kein Mensch. Die Ornamenta erreiche doch wieder nur die üblichen Verdächtigen, meint die Journalistin der Pforzheimer Zeitung und zeigt auf die Jugendlichen, die vor dem Juweliergeschäft auf der Straße sitzen: Sie nicht. Es stimmt schon: Junge Menschen aus Migrantenfamilien werden Leichts Juwelierladen wohl kaum betreten. Aber es gibt durchaus Bemühungen, benachteiligte Gruppen einzubeziehen. In Bad Wildbad war an der Library of Bodily Fluids: einer Installation im Forum König-Karls-Bad mit hunderten von Wassergläsern, das Berufsförderungswerk (BFW) beteiligt, das Menschen mit zumeist psychischen Problemen zu Fachangestellten für Medien und Informationsdienste ausbildet. Sie haben Literatur zum Thema Wasser zusammengestellt, die nun in den alten Räumen des früheren Heilbads zur Lektüre ausliegt. Migrantinnen des Pforzheimer Nähcafés haben einen Vorhang für den Saal des Reuchlinhauses bestickt, der im Lauf der Zeit in der Sonne ausbleichen darf, sodass die Stickereien noch deutlicher hervortreten.

Unternehmen und soziale Einrichtungen

Die Pflanzen des Aphrodisierenden Gartens der Landschaftsarchitektin Céline Baumann in Nagold hat die Soziale Gärtnerei Q‑Prints & Service gezüchtet, die Langzeitarbeitslose wieder ins Beschäftigungsleben zurückführt. Die sechs Beete mit Pflanzen, die angeblich den Sexualtrieb anregen, vom Bilsenkraut bis zur Brennnessel, sind eingerichtet im Zeller-Mörike-Garten: ein kleines Grundstück in Nagold, das der Apotheker Gottlieb Heinrich Zeller 1831 zur Erholung für seine Familie und seinen kranken Vater erwarb. Eduard Mörike besuchte den Garten 1862 bei einem Kuraufenthalt. Da ist er wieder, der lange Atem der Region mit ihren besonderen Orten, von denen sich die Kurator/innen, Künstler/innen und Designer/innen haben anregen lassen.

Was aber haben sie der Region zu bieten? Probleme wie Arbeitslosigkeit oder Klimawandel können sie nicht lösen. In Bad Wildbad etwa hat die Gesundheitsreform 1977 dem Kurbetrieb einen schweren Schlag versetzt. Die Ausstellung Bad Databrunn lässt den Strukturwandel im Titel anklingen, kann jedoch keinen Ausweg weisen. Eher schon Thorben Gröbel, der in seinem Ziegelgarten in Mühlacker ein ganzes Freibad aus Edelstahl recycelt, der ansonsten, man glaubt es kaum, auf der Müllhalde gelandet wäre. Dem Thema Urban Mining, anknüpfend an den Deutschen Pavillon der letzten Architekturbiennale von Venedig, widmet sich auch eine Ausstellung in der Pforzheimer Matthäuskirche, die der Architekt Egon Eiermann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus Trümmern und bunten Gläsern der zerstörten Stadt errichtet hat. Die Ausstellung bleibt dabei allerdings nicht stehen, sondern kredenzt auch ein grünes Getränk genannt Knötti aus japanischen Knöterich, gedacht als Alternative zum Bier, weil muslimische Migranten bekanntlich keinen Alkohol konsumieren.

Das ist nicht alles so bierernst gemeint. Auch nicht die gemeinsame Arbeit von zwei Architekten, einer Umweltbiologin und der Geomantiegruppe Pforzheim im Hof des Reuchlinhauses oder die Binding Chapel, die Diane Hillebrand, Tatjana Stürmer und Philipp Schüller mit einem Kettenhersteller und einem Modeunternehmen in einem Unterstand im Wildpark Pforzheim eingerichtet haben. Sie soll neue, queere Formen menschlicher Bindungen jenseits der konventionellen Ehe ermöglichen. So ließ sich der belgische Künstler Kasper Bosmans von der Trendforscherin Lidewij Edelkoort zu den Klängen eines Harmoniums mit dem Habsburgerkaiser Rudolf II. (1552–1612) vermählen: andere Zeiten.

Ob die Besucher/innen das Angebot annehmen und seinem Beispiel folgen werden, bleibt abzuwarten. Aber darum geht es nicht. Eher darum, dass gerade verrückte Ideen anregen können, eingefahrene Bahnen zu verlassen. Das hat nicht nur der Nordschwarzwald dringend nötig. Die Installation eines Sonnensegels aus Bioplastik im Hof des Reuchlinhauses spricht es an: Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen wie dem Klimawandel: Themen, die auch hinter der Ornamenta stehen, die versucht, Lust auf Veränderungen zu wecken.

Ornamenta Lust nennt sich denn auch das Rahmenprogramm, zu dem das Kuratorenteam alle, die Lust dazu haben, eingeladen hat. Ohne sich einzumischen. 150 Programmpunkte sind es geworden – es fällt schwer, einen Überblick zu gewinnen. Bei der Preview im Reuchlinhaus ist die Stimmung prächtig. Um die 500 Beteiligte feiern sich selbst und ihr neues Event, das Stadt und Region verbindet. Für den Nordschwarzwald ein Zeitsprung.


https://ornamenta2024.eu/de

Haben wir Sie neugierig gemacht?
Hier finden Sie noch mehr:
Haben wir Sie neugierig gemacht? Hier finden Sie noch mehr: HABEN WIR SIE NEUGIERIG GEMAC H T ? Hier finden Sie noch mehr:

Amüsierte Feministinnen

"Widerständige Musen. Delphine Seyrig und die feministischen Videokollektive der 1970er und 1980er Jahre", Württembergischer Kunstverein, 25.2. bis 7.5.2023.

8 Min. Lesezeit

Per aspera ad astra

Die Kunsthalle Mannheim thematisiert den Klimawandel – oder doch eher das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik.

7 Min. Lesezeit