Auf Ruskins Spuren
Fellow Travellers, ZKM, 21.9.2024 – 8.6.2025
Seit anderthalb Jahren ist Alistair Hudson Direktor des ZKM. Nachdem das Programm seines Vorgängers abgearbeitet ist und er im Mai seine erste Ausstellung zum Thema Künstliche Intelligenz eröffnet hat, die noch bis 24. November läuft, gibt er mit Fellow Travellers nun einen Einblick in seine Herangehensweise. Der Titel erinnert an die McCarthy-Ära, als linke Intellektuelle als Trittbrettfahrer Moskaus beschimpft wurden, worauf Hudson selbst schmunzelnd hinweist. Eigentlich ist aber gemeint: sich auf eine gemeinsame Reise begeben. Das will er mit den Besuchern des ZKM tun.
Im Mittelpunkt steht die Arte Útil, ein Begriff der kubanischen Künstlerin Tania Bruguera. Charles Esche, erzählt Hudson, der Direktor des Van Abbemuseums in Eindhoven, habe ihn 2013 eingeladen, sein Haus mit Bruguera in ein Museum of Arte Útil zu verwandeln. Die daraus hervorgegangene Asociación de Arte Útil, die er mit Bruguera betreibt, ist im Wesentlichen eine Internetplattform, die Projekte sammelt, die den acht Grundsätzen der Arte Útil entsprechen, wie sie auf der Website definiert sind. In einem Bereich der Ausstellung werden beispielhaft eine Handvoll der mittlerweile fast 300 Projekte kurz vorgestellt: ein Guaranà-Softdrink etwa, den die dänische Gruppe Superflex mit brasilianischen Bauern entwickelt hat, als Alternative zur globalen kapitalistischen Ausbeutung; oder das Zapatista Tactical Floodnet des Electronic Disturbance Theatre aus San Diego, eine Software, um Protest zu verbreiten. Mehr erzählt Hudson in einem Video im Gespräch mit Bruguera.
Die Projekte sind alle auf der Website zu finden. „Arte Útil ist mehr als ’nützliche Kunst'“, heißt es da, „es geht um Kunst als Werkzeug des gesellschaftlichen Wandels, das Kreativität nutzt, um Probleme der realen Welt anzupacken.“ Der Untertitel der Ausstellung lautet denn auch: Kunst als Werkzeug, die Welt zu verändern.
Vom Lake District nach Karlsruhe
„Ich war immer interessiert an useful art„, erklärt Hudson und verweist auf John Ruskin. Das eröffnet eine weite historische Perspektive. Ruskin war der führende Theoretiker der Arts-and-Crafts-Bewegung, die von einer elitären, damals klassizistischen Kunst weg wollte zurück zum Handwerk, prägend auch für den Deutschen Werkbund und das Bauhaus. Mit Ruskin ist Hudson durch seine zehnjährige Tätigkeit als stellvertretender Direktor von Grizedale Arts verbunden. Adam Sutherland, der die Künstlerresidenz im Naturpark Lake District, im Norden Englands an der Grenze zu Schottland, bis heute leitet, hat diese um die Jahrtausendwende eingerichtet: auf der Lawson Farm, die einmal Ruskin gehörte, der ganz in der Nähe seine letzten 35 Lebensjahre verbrachte. Grizedale Arts hat nicht nur mit dem Ruskin Museum im nahegelegenen Coniston zusammengearbeitet, sondern handelt nach Ruskins Grundsätzen. Die Künstler sollen nicht ihre eigenen Ideen realisieren, sondern etwas tun, was den Menschen vor Ort zugutekommt. Liam Gillick etwa, mit dem Hudson schon vorher zusammengearbeitet hatte, richtete in Coniston eine Leihbücherei ein.


In der Ausstellung im ZKM begrüßt der Direktor die Eintretenden auf einer Videoleinwand mit einem Vortrag zu Ruskin. Er verweist auf dessen 1860 veröffentlichten Essay Unto This Last, deutsch Diesem Letzten: eine Grundsatzkritik an den Konzepten der politischen Ökonomie nach Adam Smith und John Stuart Mill, aber auch an Karl Marx. Der Titel bezieht sich auf das Gleichnis der Arbeiter im Weinberg aus dem Matthäus-Evangelium. Jesus spricht: „Ich will aber diesem letzten geben gleich wie dir.“ In Manchester, wo Hudson von 2018 an die Whitworth und die Manchester Art Gallery leitete, kuratierte er eine Ausstellung zum 200. Geburtstag Ruskins. Der Titel, Joy for ever: How to use art to change the world (and its price beyond the market), antwortet auf einen Vortrag, den Ruskin 1857 dort hielt: A joy for ever (and its price in the market). Sechs Wochen vor der großen Finanzkrise, die Karl Marx veranlasste, Das Kapital zu schreiben, formulierte Ruskin hier erstmals seine Vorstellungen von einer Wirtschaft, die nicht auf der Anhäufung von Kapital, sondern nach den Grundsätzen der Kunst aufgebaut sein sollte, mit dem Ziel, Freude zu bereiten.
Mahatma Gandhi hat Ruskins Unto This Last ins Gujarati übersetzt. Er propagierte handgefertigte Textilien, gegen die britische Importware. Daran erinnert im Eingangsbereich der Ausstellung ein Teppich aus Varanasi, hergestellt nach einem Design von Tim Otto Roth. Ein Video erzählt das Zustandekommen: Die Knüpfer/innen wechseln nach einer vom Künstler vorgegebenen numerischen Regel zwischen zwei Farben. Der Teppich ist digital gefertigt im doppelten Sinn des englischen Worts digit: Finger und Ziffer. Ihm ist wiederum ein früher Zuse-Rechner gegenübergestellt, der überleitet zu einem Raum, in dem Catalina Ossa Holmgren und Enrique Rivera den Versuch des chilenischen Präsidenten Salvador Allende rekonstruieren, die Wirtschaft des Landes per Computer zentral zu verwalten.
Schlüsselpositionen
Diese weit gespannten Zusammenhänge, von Ruskin über Gandhi und Allende bis zur Arte Útil, stellen aber nur eine Einführung dar, das Framing, innerhalb dessen der neue Direktor seine Arbeit verortet. Mehr Raum nehmen fünf „künstlerische Schlüsselpositionen“ ein. Dass sie von vier Kontinenten kommen, darf als ein Statement verstanden werden.
Der brasilianische Architekt Paulo Tavares folgt den Spuren des Anthropologen William Balée, der in den 1980er-Jahren das Lebensumfeld der Ka’apor im Amazonasgebiet untersucht hat. In zahllosen Diapositiven hat er die Pflanzenwelt festgehalten und ist nach den Angaben seiner Informanten zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich hier nicht um einen unberührten Urwald, sondern um eine vom Menschen geformte Landschaft handelt. Nur stehen Natur und gebaute Umwelt hier anders als in Europa nicht im Gegensatz, sondern die Landschaft zeugt von einem bleibenden Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. Tavares, der im Gebiet der Xavantes auch den Spuren zerstörter Siedlungen nachgeht, will den Architekturbegriff dekolonisieren und bemüht sich mit ihnen, diese andere Art von Raumproduktion als Kulturlandschaft ins Unesco-Welterbe eintragen zu lassen.


Der 1970 geborene Künstler Zheng Guogu hat, wie die Wandtexte erklären, nach der Öffnung Chinas in den 1990er-Jahren gern Videospiele gespielt. Irgendwann reichte ihm das nicht mehr aus, und er begann nun, nach dem Vorbild des Spiels Age of Empires einen realen Liao Garden anzulegen, der als wandhohes Foto in den Ausstellungsraum tapeziert ist. Sehr bekannt wurde er durch ein Foto von 1993, auf dem er mit einem behinderten, wohnsitzlosen Mann lachend auf der Straße hockt. Titel: My Teacher. Ein Dharma bum, um den Buchtitel von Jack Kerouac zu zitieren: einer der Vollkommenheit erlangt, ohne sich um Besitz und Behausung zu kümmern. Zheng baut einen fröhlichen, bunten Kosmos aus traditioneller chinesischer Medizin und Weisheitslehren, mit Kupferpyramiden, die von der Decke hängen und Energie akkumulieren sollen, einem Ölgemälde, das die Chakra-Punkte visualisiert, digitalen Thangkas (tibetanische Rollbilder) und einer Vitrine voller Zedernholz-Objekte. Seine Ansichten erklärt er im Videointervies mit Alistair Hudson.


Die Abteilung Matters of Evidence ist aus einer Konferenz im Juni hervorgegangen, zu der die polnische Künstlerin Natalia Romik und der Kurator Kuba Szreder weitere Künstler ins ZKM eingeladen hatten. Im Mittelpunkt steht Romiks eigene Arbeit über Verstecke verfolgter Juden in der NS-Zeit, vor allem das Innere einer alten Eiche, die es bis zum Europäischen Baum des Jahres 2017 und auf eine 100-Złoty-Banknote gebracht hat. Diese unglaubliche Geschichte, die nur funktionieren konnte, weil Menschen aus der Umgebung die versteckten Brüder versorgten, wird in allen Medien durchdekliniert, bis hin zu einem Abguss des Inneren der Eiche und einer 3-D-Animation. Interessanter sind die Beweismittel, die Matters of Evidence, die Fotos und Dokumente dieser und anderer Arbeiten, die in schönen, hölzernen Vitrinen zusammengetragen sind, wie sie früher für Münzsammlungen oder botanische Ausstellungen verwendet wurden.
Eine Triggerwarnung warnt vor drei lebensgroßen Plastiken des Cercle d’Art des Travailleurs de Planations Congolaise (CATPC), die Vergewaltigungen zeigen. Irene Kanga will damit an die Kolonialzeit erinnern. Ihre Großmutter hat ihr vom Aufstand der Pende im Jahr 1931 erzählt, der von einer Vergewaltigung ausgelöst wurde. Eine kleine Holz-Skulptur des erschlagenen Kolonialbeamten Maximilien Balot steht im Zentrum des Beitrags. Sie befindet sich im Virginia Museum of Fine Arts, und die Künstler/innen wollen sie zurück. Eine Künstlergruppe kongolesischer Plantagenarbeiter? Der Film White Cube von Renzo Martens in der hinteren Ecke des Raums erklärt die Zusammenhänge.


Die Plantage in Lusanga, früher Leverville, um die es hier geht, gehörte zum Unilever-Konzern, gegründet von William Lever. Lever war Kunstsammler, Unilever fördert mit dem Gewinn aus den Plantagen Kunst. Martens wollte den Spieß umdrehen und die Arbeiter ermächtigen, durch den Verkauf von Kunst Land zu erwerben. Was auf einer bis heute von Unilever betriebenen Plantage scheiterte, gelang auf einer anderen, die der Konzern aufgegeben hat. Kanga und Kolleg/innen modellierten Werke aus Lehm, die gescannt, nach London und New York übertragen und aus Schokolade 3-D-gedruckt wurden. Kunstsammler waren entzückt, die Einnahmen flossen an das Kollektiv zurück. Mit NFTs ging es weiter. Schließlich gelang es im Zuge der Biennale von Venedig, den Balot temporär zurück zu erhalten. Er wurde in einem White Cube auf der Plantage ausgestellt, den das von Rem Koolhaas gegründete Rotterdamer Architekturbüro OMA entworfen hatte. Die Eröffnung wurde in den niederländischen Pavillon übertragen. Martens‘ Film, der kontroverse Diskussionen ausgelöst hat, zeigt in aller Schärfe die Widersprüche der postkolonialen Welt und der globalisierten Kunstwelt.
Ins Handeln kommen
Keine dieser fünf „Schlüsselpositionen“ ist neu entstanden. Tavares‘ Arbeit war im vergangenen Jahr auf der Architekturbiennale von Venedig zu sehen, die von Romik und Szreder entstand für das Jüdische Museum in Frankfurt, während die CATPC unter anderem 2016, am Middlesbrough Institute of Modern Art (MiMA) ausgestellt war, der Direktor hieß damals Alistair Hudson. Zheng erfreut sich bei Privatsammlern großer Beliebtheit. My Teacher etwa stammt aus der Mercedes Benz Art Collection.
Der fünfte Bereich besteht dagegen aus zwei Karlsruher Projekten und passt zum Statement: „Das Useum entsteht, wenn wir das Useum tatsächlich nutzen“. Im Bio Design Lab der Hochschule für Gestaltung erproben die Teilnehmer/innen neue Materialien: Bioleder aus Tiermehl, kleine Schüsseln aus Muschelschalen-Granulat und Alginat, Kacheln aus Klärschlamm, Lampenschirme aus Bienenwaben. Seit 2019 hat wiederum das ZKM eine der letzten Karlsruher Streuobstwiesen, die Katzenwedelwiese gepachtet, die Stéphane V. Bottero seither als Gemeinschaftsprojekt neu belebt. Einen Ableger will der Künstler in einem Lichthof des ZKM einrichten. Es folgt ein BÄM-Bereich: Be a maker! will die Abkürzung besagen. Immer freitags gibt es Workshops, jeden Monat einen Aktivierungstag: Auf einen Chindōgu-DIY-Workshop unter dem Titel Die Kunst des (nicht) Nützlichen folgen weitere Workshops, zu Kimchi, Bioplastics und so weiter.
Hudson will, um zusammenzufassen, Kunst mit John Ruskin als Werkzeug verstehen, um die Welt zu verändern, in einer globalen Perspektive, aber mit lokalen Ressourcen. Dazu gehört alles, was am ZKM bereits vorhanden ist wie das Projekt Katzenwedelwiese, das im Zuge der Ausstellung Critical Zones entstand, oder ein 1974 entstandener Film über Kieselalgen von Jean Painlevé und Geneviève Hamon, begleitet vom Lied der Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper, das aus der Kinobox in den Ausstellungsraum tönt. Das ZKM ist ein großer Tanker, auf dem ständig verschiedene Dinge parallel laufen: Gerade noch Christina Kubischs Soundwalks, nun eine Ausstellung mit ukranischen Partnern. Hudsons nächstes eigenes Projekt ist eine Einzelausstellung des koreanischen Künstlers Sung Hwan Kim. Im April will er die eigene Sammlung vorstellen, die viele einzigartige Medienkunstwerke enthält, aber noch nie Thema einer Ausstellung war.
Peter Weibel hat seinen Nachfolger noch mit ausgesucht. Hudson war in Manchester zum Rücktritt gedrängt worden, weil er eine am ZKM entwickelte Arbeit der Gruppe Forensic Architecture gezeigt hatte, die soeben mit dem Right Livelihood Award, dem so genannten Alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet worden ist. Jüdische Anwälte hatten gegen kritische Stellungnahmen zur israelischen Politik protestiert. Dabei ist der Gründer, der Architekt Eyal Weizman, selbst Israeli. Dies thematisiert Hudson im ZKM jetzt nicht. Dafür aber Tania Bruguera in einer kleinen Ausstellung zum Thema Zensur im Münchner Ausweichquartier der Villa Stuck. In einer Gesprächsreihe von Januar bis März 2025 soll es explizit auch um „Zensur, Absagen und Boykott“ in Deutschland gehen. Sie habe hier Dinge erlebt, die sie aus früheren Erfahrungen von Überwachung und Intoleranz kenne, erklärt die Kubanerin.
https://zkm.de/de/ausstellung/2024/09/fellow-travellers
https://arte-util.org
https://www.villastuck.de/programm/detail/tania-bruguera-the-condition-of-no
Weibels Vermächtnis
Die Ausstellung Renaissance 3.0 im ZKM, 25. März 2023 bis 7. Januar 2024.
Wie wollen wir in Zukunft leben?
"ole scheeren: spaces of life" im ZKM
Amüsierte Feministinnen
"Widerständige Musen. Delphine Seyrig und die feministischen Videokollektive der 1970er und 1980er Jahre", Württembergischer Kunstverein, 25.2. bis 7.5.2023.