Nancy Lupo, Ausstellungsansicht. Schweriner Kunstverein. Foto: Fred Dott.

Präsenz schaffen

Nancy Lupo im Schweriner Kunstverein

In der Halle, die sich hinter der Eingangstür des Kunstvereins für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin auftut, ist das Licht gelöscht. Aus zwei Pappkartons heraus glimmt ein gelber Schimmer: Das Flackern der darin vielzählig drapierten LED-Stumpenkerzen wirkt als einzige Leuchtquelle in der meterhohen Halle. Glänzendes Stanniolpapier, das einmal als Verpackung für Weihnachtsschokolade gedient hat, liegt auf dem Boden verteilt, mal zerdrückt, mal ordentlich glattgestrichen. Die bunt glitzernden Abfälle erzeugen eine Topografie, in der jeder Schritt achtsam vor den nächsten gesetzt werden muss, um zu den markant im Raum platzierten Objekten zu gelangen: Weihnachtspyramiden aus dem Erzgebirge, die mit grauer Farbe übermalt worden sind, bilden Türme in dieser Landschaft. Doch wo ansonsten die Christbaumkerzen brennen und das Flügelrad antreiben, finden sich bloß lichtlose Gestelle. Stattdessen Motoren, die die Etagen der Pyramiden in Gang bringen und ihre Figuren in eine Rückwärtsbewegung versetzen. In rasantem Tempo drehen sie sich im Kreis: gesichtslose Nussknacker, Schäfer mit schwarz schimmernden Helmen aus Folienverpackungen, Engel mit Fanfaren, die mit Goldpapier ummantelt sind. Und auch die Zwiebelhauben des Zierwerks wurden mit goldenem Stanniol überzogen.

Die Tarnfarbe der Objekte verschmilzt mit dem Grau des Bodens und hinterlässt ein fahles Gefühl: Wohin führt die Besucher:innen dieser Weg, der sich aus den Resten von Konsum, Dekor und Tradition als dystopisches Szenario zeigt?

Über Kunst ins Gespräch kommen

Die Ausstellung "Princessletthewind" der 1983 geborenen amerikanischen Bildhauerin Nancy Lupo hält den Blick der Besucher:innen gesenkt: Denn Lupo, die in ihrer Arbeit kollektive Fantasien und Ideologien anhand alltäglich gebrauchter Waren untersucht, hat die 250 Quadratmeter große Fläche des Kunstvereins Schwerin ausschließlich bodennah konzipiert und so die sich über mehrere Räume erstreckenden Installationen für diesen Ort, an dem ihre erste institutionelle Ausstellung in Deutschland stattfindet, bespielt.

Die Aufmerksamkeit auf den noch sehr jungen Kunstverein durch Nancy Lupos Ausstellung "Princessletthewind" und ihr ortsspezifisches Arbeiten zu richten, war der neuen Direktorin Hendrike Nagel wichtig. Nagel, die zuvor unter anderem für die Frankfurter Kunsthalle Portikus oder den Braunschweiger Kunstverein tätig gewesen ist, hat im vergangenen Jahr die Leitung des Hauses übernommen und nun mit Lupo ihre Antrittsausstellung realisiert.

Gegründet 2002, um ein Forum für zeitgenössische Kunst zu schaffen, hatte der Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin zunächst keine eigenen Räumlichkeiten, präsentierte Ausstellungen alternierend etwa in Ladenlokalen innerhalb der Stadt. Dann wurden die Industriehallen des Elektrizitätswerks am Pfaffenteich umgebaut: Wo ehemals Transformatoren repariert worden waren, zeigt der Schweriner Kunstverein seit 2007 als einzige Institution der Landeshauptstadt zeitgenössische Kunst. Ungleich einer Vielzahl deutscher Kunstvereine, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts von aufstrebendem Bürgertum gegründet worden waren und deshalb zumeist in einer schon lang verankerten Struktur aus Förderung und Diskurs stehen, blickt der Schweriner Kunstverein nicht auf ein derartiges materielles wie immaterielles Erbe zurück – was auch im Kontext deutsch-deutscher Geschichte zu sehen ist.

Ausgehend also von nicht vorhandener Tradition, auf die sich viele Kunstvereine stützen können, zielt Nagel auf Nachhaltigkeit und Austausch. Ihr geht es beim Realisieren von Ausstellungen darum, miteinander über die Kunst ins Gespräch zu kommen. So zum Beispiel bei gemeinsamen Abendessen im Schweriner Kunstverein, die nicht ausschließlich einem Fachpublikum vorbehalten, sondern offen für alle Interessierten sind.

In Mecklenburg-Vorpommern ist die Zahl der Kunstvereine, Kunstmuseen und Galerien eher niedrig, es ist zudem das einzige Bundesland, in dem es keine Kunstakademie oder eine auf visuelle Kunst spezialisierte Kunsthochschule gibt. Der Austausch über zeitgenössische Bildende Kunst findet vorwiegend in den von Künstler:innen gegründeten Künstler:innenhäusern, im Rahmen von Festivals oder durch Verbandsarbeit statt.

Die Sensibilisierung für eine Situation wie diese im Flächenland Mecklenburg-Vorpommern ist essenziell. Und genau deshalb knüpft Hendrike Nagel in ihrer Auftaktausstellung mit Nancy Lupo daran an, die Sichtbarkeit des Kunstvereins für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin zu erhöhen und ihn als einen Ort des Austauschs über Kunst zu stärken.

Die eigene Verortung in den Blick nehmen

Nancy Lupo richtet mit ihrer Arbeit den Blick auf Situationen, Objekte oder Skulpturen, die oftmals bereits bestehen, die aber in ihren jeweiligen Existenzräumen – etwa durch unsere Wahrnehmungsgewohnheiten – unsichtbar geworden sind. So verwendet sie zumeist (vor-)gefundene Materialien, die sie in ihren Interieurs und auch im öffentlichen Raum in neue Wahrnehmungszusammenhänge bringt. In ihrer Ausstellung "Princessletthewind" lenkt Nancy Lupo die Aufmerksamkeit auf die Fläche des Bodens und damit auf die eigene Schrittabfolge, mit der sie bei den Besucher:innen Gegenwärtigkeit hinsichtlich eigener Bewegungsabläufe im Raum einfordert. Auch ihr konzeptioneller Umgang mit Licht, das von Raum zu Raum heller wird, spielt in die Wahrnehmung ihrer Werke sowie in die eigene räumliche Orientierung hinein.

So hat Nancy Lupo im zweiten Ausstellungssaal mit der Arbeit "Closer to Faces" (2024/25) zahlreiche Porzellan-Kerzenständer auf dem Boden verteilt, die diesen schmalen Raum des ehemaligen E-Werks durch Kerzen erhellen. Die größtenteils mehrarmigen, mit Ornamenten verzierten Leuchter der Weimarer Porzellanmanufaktur, die Nancy Lupo von Flohmärkten oder über Kleinanzeigen zusammengetragen hat, sind zum Teil durch lanzenartige Stahlgestänge, die Lupo in Japan fand, miteinander verbunden. Diagonal im Raum ausgerichtet, wirken die Gestänge mit Kandelabern wehrhaft und überbordend, markieren Bereiche, die innerhalb des vorgegebenen Parcours nur mit Vorsicht entlang des Feuers durchschritten werden können oder sollen.

Aus dem dritten Ausstellungsraum rollen Kunststoffperlen, die ebenfalls ein vorsichtiges Bewegen des Körpers im Installationsgefüge bedingen, das ganz und gar von den synthetischen Perlen in verschiedenen Varianten – als Haufen, an Ketten oder in Säcken gebündelt – definiert wird. Leere Plastikbeutel liegen in der Nähe der aus Griechenland stammenden Perlen. Lose Blätter und einzelne Lagen von Toilettenpapier mit rosa Herzchen bilden Anhäufungen aus transparentem Zellstoff. Aus dem gleichen Papier hat Nancy Lupo großformatige Skulpturen gebaut, die in ihrer Form und Falttechnik einem Kaleidozyklus ähneln: dem sogenannten Himmel-oder-Hölle-Spiel, das für gewöhnlich durch die Fingerbewegung der einzelnen Faltkammern als Orakel dient. Lupos "Valentine Tellers" (2025) aber sind übergroß, sodass sie mit Händen und Armen verformt werden könnten. Ein perpetuierendes Rotationsobjekt in Herzform, wie es in deutschen Vorgärten oftmals als Vogelschreck genutzt wird, kreist neben ihnen.

Grelles Licht rückt dieses Szenario aus Kitsch und Konsumartikeln in einen Blickwinkel, den Nancy Lupo umfassend in ihren jüngsten Arbeiten verhandelt, dem Konzept des "grausamen Optimismus" nach Lauren Berlant folgend. Mit diesem Begriff hatte die amerikanische Kulturtheoretikerin Berlant in ihrem gleichnamigen Buch "Cruel Optimism" (2011) die Situation beschrieben, wie sehr materielle als auch immaterielle Anhaftungen zu persönlichem Scheitern führen können: Das heißt, dass Vorstellungen von einem guten Leben auf Konsumobjekte oder auf ein konsumorientiertes Verhalten übertragen werden, die sich durch diese aber nicht langfristig einlösen.

Nancy Lupo hat Lauren Berlants Buch in einem Bücherregal platziert, das durch Hendrike Nagel im Kunstverein installiert wurde, um dort von den jeweils ausstellenden Künstler:innen eine die Ausstellung begleitende, offen einsehbare Bibliothek einzurichten. Berlants kritisch diskutierte "Bündel an Versprechen" überträgt Lupo auf ihre skulpturale Arbeit, indem sie Materialien und Objekte für ihre Installationen nutzt, die Intimes oder Privates mit dem Öffentlichen verstricken: Indem Lupo Dinge des Alltäglichen zum Ausstellungsgegenstand erklärt, tariert sie zwischen Maß und Übermaß und befragt zugleich die (Ge-)Wichtigkeit der ihnen zugeschriebenen, möglichen Bedeutungen.

Wertschöpfungen aus dem Lückenhaften

In einem mit Fenstern versehenen, kleinen Nebenraum, in den man von der Hauptausstellungsfläche aus hineinblicken kann, stehen am Boden zu einer Herzform arrangierte Kristallgläser, aus denen weißer Dampf aufsteigt. Das in die Gläser hineingegebene Trockeneis zeichnet ein bebendes Herz in die Luft, das nur für Augenblicke lang Bestand hat.

Die Flüchtigkeit der Romantik und die krude Rückkehr zur Realität sind Aspekte, die sich wiederkehrend in Nancy Lupos Arbeiten finden lassen. Hierzu zählt auch die Wortschöpfung "Princessletthewind", in der Lupo Worte zu einem neuen Begriff verdichtet. In ihrem gleichnamigen Text spricht Lupo unter anderem von der zerstörerischen Kraft, die einem Wind innewohnen kann, und bezieht sich damit auf ihre persönlichen Erfahrungen mit den jüngsten Bränden in Athen und in Los Angeles, wo sie zuletzt lebte und arbeitete. Zurzeit lebt Nancy Lupo in Berlin. Im Verlauf der Schau schreibt sie ihren Text fort und wird ihn am Ende ihrer Ausstellung im Schweriner Kunstverein in einer Performance präsentieren.

Die Fragilität einerseits, die dem Überfluss innewohnt, und die Stärke andererseits, die aus Situationen des Verlorenen oder des Mangels erwachsen kann, wird in Nancy Lupos Worten und bildplastischem Werk gegenwärtig. Ihre Arbeit, die dazu veranlasst, nuancierte Betrachtungsweisen zu entfalten, rückt auch die diskursiven Möglichkeiten des Kunstvereins für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin in ein neues Licht.