Claudia Anders, Linolschnittchen, 2024.
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Alleinstellungsmerkmal Linol

Der Grafikpreis „Linolschnitt heute“ der Stadt Bietigheim-Bissingen, 25. Juli 2025 bis 26. Oktober 2025.

Mit Linolschnittchen empfängt die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen derzeit ihre Besucher:innen: ein humorvoller Beitrag von Claudia Anders zum Wettbewerb Linolschnitt heute. Auf einer mit Alufolie überzogenen Servierplatte liegt eine scheinbar durchbrochene papierne Unterlage, auf die in Linolschnitt-Technik belegte Baguettescheiben und Käsewürfel gedruckt sind. Zum 13. Mal hat die Stadt dieses Jahr den Wettbewerb ausgeschrieben, den wichtigsten auf seinem Gebiet. Die Ergebnisse sind wie immer in der Städtischen Galerie ausgestellt.

Bietigheim und das Linoleum: das war lange Zeit so etwas wie zwei Seiten ein- und derselben Medaille. Mit der Gründung einer Linoleumfabrik 1899 begann in der Stadt, etwas mehr als 20 Kilometer nördlich von Stuttgart, die Industrialisierung. In den nächsten 40 Jahren wuchs Bietigheim von 4.000 auf 9.000 Einwohner. Die Deutschen Linoleumwerke (DLW), zu denen sich der Hersteller 1926 mit mehreren anderen zusammenschloss, waren lange Zeit der größte Arbeitgeber der Stadt. So fiel es bei der Gründung der Städtischen Galerie nicht schwer, ein Alleinstellungsmerkmal zu finden: Alle drei Jahre schreibt die Stadt, seit der Gemeindereform 1975 Bietigheim-Bissingen, den Wettbewerb aus.

Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen

Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen entstand 1989, im selben Jahr wie das ZKM in Karlsruhe und die Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. Es war die Ära des kunstsinnigen Ministerpräsidenten Lothar Späth, der aus Bietigheim-Bissingen stammte. Er hatte erkannt, dass die Industriegesellschaft dabei war, sich in eine Informationsgesellschaft zu verwandeln, in der das kulturelle Kapital eine wichtige Rolle spielt. In Späths Regierungszeit, 1978 bis 1991, fielen der Neubau der Stuttgarter Staatsgalerie von James Stirling und die Gründung der Mehrzahl der Städtischen Galerien in Baden-Württemberg. 31 sind es, mehr als in jedem anderen Bundesland, wie der Arbeitskreis Bildende Kunst an Städtischen Galerien und Museen im Museumsverband Baden-Württemberg festhält, dessen Sprecherin Isabell Schenk-Weininger die Leiterin der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen ist. Treibende Kraft bei der Gründung des Museums war der langjährige Oberbürgermeister Manfred List, ein alter Freund Späths, an dessen Stelle er 1991 auch in den Landtag einzog. Bietigheim-Bissingen sollte nicht nur eine Bahnstation auf dem Weg nach Stuttgart sein, war seine Devise. Sondern ein eigenständiges Kulturzentrum.

Die Städtische Galerie befindet sich in einer historischen Getreidescheune, ergänzt durch einem Erweiterungsbau aus dem Jahr 2000. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, kann die Galerie vom Bahnhof aus statt mit dem Bus auch in einem halbstündigen Spaziergang erreichen, der durch Grünanlagen am Enzufer, an einer Felswand mit einem geologischen Lehrpfad vorbei, unter einem Viadukt aus der Frühzeit der Eisenbahn hindurch, über ein Gartenschaugelände und schließlich durch die historische Altstadt führt. Es ist zugleich ein Skulpturenpfad mit zahlreichen Werken von Gerhard Marcks bis Jürgen Goertz und darüber hinaus.

Schenk-Weininger stammt aus Bietigheim. Sie hat nach dem Studium in Tübingen in der Kunsthalle Göppingen angefangen und arbeitet seit1999 in der Stadtischen Galerie. Mit einer Ausstellung zum Thema ihrer Doktorarbeit, Krieg – Medien – Kunst, gelang ihr 2004, im Jahr des amerikanischen Angriffskriegs auf den Irak, ein Coup. Die Ausstellung wanderte an drei Orte weiter. Seitdem leitet sie die Städtische Galerie.

Sammlung und Ausstellungen

Der Linolschnitt ist nicht nur Thema des Wettbewerbs, sondern auch Schwerpunkt der Sammlung. Linoleum wurde um 1860 erfunden, der Linolschnitt kam um die Jahrhundertwende auf. Einer der ersten, der von der neuen Technik Gebrauch machte, war Henri Matisse, weil sich in Linoleum leichter runde, geschwungene Linien schneiden ließen als in Holz. Picasso folgte auf seinen Spuren. Auch August Macke, Gabriele Münter und Christian Rohlfs fertigten Linolschnitte an. Alle sind in der Sammlung vertreten, die Linolschnitte von mehr als 300 Künstler:innen umfasst, alle waren auch schon in der Städtischen Galerie ausgestellt. Von Anfang an findet einmal im Jahr eine Ausstellung zur klassischen Moderne statt, eben weil es seit dieser Zeit Linolschnitte gibt. Es gab auch schon Einzelausstellungen von Emil Nolde, Lyonel Feininger und Ernst-Ludwig Kirchner.

Eines der Highlights war 2014 eine große Retrospektive zu Marianne Werefkin. Die 1860 geborene Künstlerin prägte wesentlich die Künstlergruppe Der Blaue Reiter. Erst durch sie wurde Alexej Jawlensky zum Künstler. Gefragt, wie sie ein solches Großprojekt stemmen konnte, antwortet Schenk-Weininger, nur wenige Museen besäßen eine nennenswerte Anzahl von Werken Werefkins, darunter das Lenbachhaus in München und das Museum Wiesbaden, die allerdings schon lange keine Ausstellungen zu ihr mehr gemacht hatten. Viele Arbeiten befanden sich dagegen in Privatbesitz. Sie kontaktierte die Sammler, und als sie genügend Leihgeber gefunden hatte, war auch die Stiftung in Ascona, die den Nachlass der Künstlerin bewahrt, mit an Bord. Die anfängliche Befürchtung, nicht genügend Werke zusammenzubekommen, erwies sich als unbegründet.

Ausstellungen zur klassischen Moderne, vor allem aber der Linolschnittpreis bieten Gelegenheit, die Sammlung ständig zu erweitern. Ein zweiter Schwerpunkt sind regionale Künstler:innen. Wobei das eine vom anderen nicht immer zu trennen ist. Der zuletzt ausgestellte Paul Reichle etwa hat zwar den überwiegenden Teil seines Lebens in Bietigheim gelebt, wo er als Grafiker bei den DLW angestellt war: auf Empfehlung Willi Baumeisters, von dem das Signet des Unternehmens stammte. Sein Ausgangspunkt war jedoch ein Semester am Bauhaus aus, wo bei László Moholy-Nagy, Josef Albers, Paul Klee und Wassily Kandinsky studierte und bei Oskar Schlemmer in der Bühnenwerkstatt mitarbeitete. Fünfzig Bietigheimer:innen schickten auf einen Aufruf der Städtischen Galerie Fotos, die Reichles Werken in ihren Wohnungen zeigten: Ein gelungener Weg, Publikum an sich zu binden.

Zum 50-jährigen Bestehen der Doppelstadt hat die Stuttgarter Künstlerin Doris Graf getan, was sie auch schon in São Paulo, Rio de Janeiro oder Istanbul gemacht hat. Auf Stadtfesten lud sie Menschen aller Alters- und Bevölkerungsgruppen ein, einen Lieblingsort oder ein für ihre Stadt charakteristisches Bild zu zeichnen. Die Ergebnisse destilliert sie im Anschluss zu piktogrammartigen quadratischen Tafeln, die dann ab Oktober in der Galerie ausgestellt sein werden. Solche Ausstellungen mit Ortsbezug laufen in der Regel parallel zu anderen, die über den regionalen Tellerrand hinausweisen.

Linolschnitt heute

Der Linolschnittwettbewerb stieß von Anfang an auf große Resonanz. Über 300 Künstler:innen reichten schon beim ersten Mal ihre Arbeiten ein. Diesmal waren es rund 500 aus 33 Ländern. Sie schicken zunächst Fotos. Ungefähr jede:r vierte wurde aufgefordert, die Originale einzusenden, die dann überall in der Galerie ausgelegt und von einer Jury begutachtet werden. Ungefähr jede:r Dritte davon kam zum Zug: Bis zu drei Werke von 45 Künstler:innen sind nun in der Ausstellung zu sehen.

Linolschnitt gilt wie alle Druckgrafik als Medium der Vervielfältigung. Von den Arbeiten des Wettbewerbs sind jedoch häufig nur Kleinserien von zwei bis fünf Exemplaren entstanden, obwohl es auch Auflagenwerke und Künstlerbücher gibt. Ein Drittel sind Unikate, sei es, weil sie in der Technik der verlorenen Form nach jedem Druckvorgang weiter bearbeitet werden oder aus anderen Gründen. Ungefähr die Hälfte der Arbeiten sind farbig, also in mehreren Schritten gedruckt, bei den Streifenmustern von Susann Pönisch und Timo Moors besteht der ganze Reiz in der komplexen Farbfolge. Nicht selten sind sehr große Formate wie etwa die originalgroße Darstellung von zwölf mit Graffiti besprühten Mietshaus-Briefkästen von Franca Bartholomäi; Anja Klafkis Umwandlung von Rembrandts Nachtwachen in eine blaue Unterwasserwelt; oder der 7,20 Meter breite Fries Mit Krieg spielt man nicht von Florian Haas in der Art von Spielkonsolen der 1980er-Jahre, der den Ukraine-Krieg aufs Korn nimmt.

Die Arbeiten sind überaus vielfältig. Beim letzten Mal, 2022, sei erstmals bei Vielen ein Thema, die Coronakrise, im Mittelpunkt gestanden, sagt Schenk-Weininger. Von der der Wettbewerb, davor zuletzt durchgeführt 2019, nicht betroffen war. Diesmal beschäftigen sich einige mit dem Krieg. So die Ukrainerin Olesya Dzhurayeva, die dafür den zweiten Preis erhält: Eine 2,50 mal vier Meter große Fläche aus 25 Rechtecken, die sie fast schwarz eingefärbt hat. Nur in der Mitte bleibt ein kleines Fenster der Hoffnung frei. Es gibt aber auch ganz leichte Arbeiten, abstrakte und realistische, manchmal von atemberaubender Virtuosität: In Schwarzweiß etwa die Gräser von Michael Hennevogl; ein surreales, dorniges Geflecht von Wiesław Haładaj; oder das wilde Gestrüpp von Georges Wenger. Nahezu fotorealistisch zeichnet die in Frankfurt lebende Koreanerin Eun-Joo Shin die Zwangstätowierung koreanischer „Trostfrauen“ während der japanischen Besatzung im Zweiten Weltkrieg aber auch zwei KZ-Überlebende: Der 96-jährige Borys Romantschenko fiel 2022 russischen Bombenangriffen auf Charkiw zum Opfer. Im selben Jahr starb im Alter von 98 Jahren die Sintiza Zilly Schmidt. Mit ihren hoch komplexen linearen Strukturen erinnern Shins Arbeiten an Kupferstiche der Renaissance.

Wenn es etwas gibt, was die Arbeiten über alle Gegensätze hinweg verbindet, so dass sie den Linolschnitt an die Grenzen des Möglichen treiben. Manchmal auch über die Grenzen der Drucktechnik hinaus. Bei Julia Schulz etwa bewegen sich zwei Silhouetten in einem Video. Obwohl ein Tischkicker im Raum steht, braucht es ein Weilchen, bis der Groschen fällt: Die vorgebeugten Figuren mit den ausgebreiteten, zupackenden Händen sind Tischfußballspieler. Der Südafrikaner Jacques Wilhelm Kannemeyer wiederum hat mehrere Porträts mit KI erstellt. „In an ink style a depiction of a trendy man with big beard and glasses emerges“, so beginnt etwa eine Beschreibung, aus der die Software Midjourney eine „künstlerische“ Darstellung eines älteren Mannes gemacht hat, der ein wenig an George Bernhard Shaw erinnert. Wenn es in der Konzeptkunst einmal hieß, vom Künstler stamme nur die Idee, die Ausführung sei zweitrangig, so stellt Kannemeyer diese Aussage auf den Kopf: Den Entwurf liefert die KI, nur die handwerkliche Ausführung der Künstler.

Etwa die Hälfte der Beteiligten sind zum ersten, andere bereits zum vierten oder sechsten Mal dabei. Die Eröffnung, zu der viele anreisen, dient immer auch dem Austausch über Neuigkeiten auf dem Gebiet der Technik. Manch eine:r hat sich nach einer ersten Teilnahme, angeregt von den Arbeiten der Ausstellung, verstärkt dem Linolschnitt zugewandt. Die ältesten Künstler:innen sind um die 80 – es gibt keine Altersbeschränkung –, die jüngsten knapp über 20. Wenn sich, bei allen Differenzen, eine Entwicklung bemerken lässt, so allenfalls, dass jüngere bisweilen bereits bestehende Bildwelten wie Manga, Werbung oder Graffiti verarbeiten. Der erste Preisträger, der 1976 in Moldawien geborene Sergei Moser, setzt seine „Linolgemälde“, wie er sie nennt, aus vielen verschiedenfarbigen Druckplatten zusammen, doch zusammengesetzt ist seine preisgekrönte Arbeit auch thematisch. Der Künstler recherchierte Medienbilder aus seinem Geburtsjahr: Auf einer Plakatwand in seinem Werk erscheint die Führungsriege des Militärputschs in Argentinien, gegenüber einem Denkmal für Erdbebenopfer in Tianjin, China, auf dem auch das Apple-Logo angebracht ist. Das Software-Unternehmen gründete sich in diesem Jahr.

Alle Arbeiten sind verkäuflich. Zur Ausstellung erscheint wie immer ein Katalog, der in einen Original-Linolschnitt nach der Arbeit des Wettbewerbsgewinners eingebunden ist. Zu den drei Preisen kommen drei Ankäufe. Die Preisgelder stifteten früher die DLW. Seit der Insolvenz 2017 übernimmt die Stadt den Betrag. Noch geht es Bietigheim-Bissingen wirtschaftlich gut, die Stadt war zuletzt schuldenfrei. Wenn gespart werden müsse, meint Schenk-Weininger, werde auch die Galerie ihren Anteil beitragen. Aber die Stadt spare nicht auf Kosten der Kultur. Kunst sei den Gemeinderäten wichtig.


Die Ausstellung „Linolschnitt heute III“ läuft bis 26. Oktober. Parallel sind bis 28. September die Arbeiten von Doris Graf zu sehen und dann wieder, ergänzt um die Arbeiten zu Bietigheim-Bissingen, vom 22. November 2025 bis 1. März 2026. Die Galerie ist dienstags bis freitags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr und am Wochenende von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. https://galerie.bietigheim-bissingen.de

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