Der große Chronist
„Nähe in der Distanz – Albrecht Fuchs: Porträts“ in der Kunsthalle Bielefeld, 5. Juli bis 26. Oktober 2025.
Der postmoderne Museumsbau, der nach Plänen von Philip Johnson 1968 in Bielefeld erbaut wurde, erscheint durch seine kubische, aus rotem Sandstein gemauerte Form massiv, wie eine Höhle, die am Rand der Bielefelder Altstadt liegt. Im Inneren entfaltet sich die Kunsthalle Bielefeld – im Übrigen Johnsons einziger Museumsbau in Europa – dann durch einen offenen Grundriss, der zum Flanieren durch das Gebäude einlädt und zuweilen durch Fenster die Sicht auf den vorgelagerten Skulpturenpark freigibt. Ein wenig enttäuschend wirkt da, dass die Ausstellung „Nähe in der Distanz – Albrecht Fuchs: Porträts“ in das untere Geschoss des Hauses gelegt wurde. Denn dort gruppieren sich um das Foyer, wo an den Wänden und in Vitrinen die Arbeiten des Fotografen gezeigt werden, Funktionsbereiche des Hauses, die natürlich auch genutzt werden. Wodurch in der Ausstellung eine gewisse Unruhe entsteht. Im Film- und Vortragssaal des Hauses, vom Foyer wegführend, erlaubt dann die Stille des Raumes ein konzentriertes Eintauchen in weitere Arbeiten des Künstlers, die hier als Video-Loop gezeigt werden.


Spiegel der Kunstszene
Albrecht Fuchs, 1964 in Bielefeld geboren, gilt als einer der interessantesten und für die jüngere Kunstgeschichtsschreibung bedeutendsten Porträtfotografen: denn seit Ende der 1980er-Jahre fotografiert Fuchs Künstler:innen und Akteur:innen der internationalen Kunst- und Kulturszene wie Kurator:innen, Sammler:innen oder Verleger:innen, Musiker:innen und Schauspieler:innen. Mitunter gehen seine Porträts aus Auftragsarbeiten für Zeitungen und Zeitschriften hervor wie der Art, Frankfurter Allgemeine, Monopol, Süddeutsche Zeitung, New York Times oder Zeit. Was seine Bildnisse so reizvoll macht, sind die gegebenen Lichtverhältnisse, mit denen er arbeitet und die Nähe, die er zu den von ihm Porträtierten gewinnt. Denn Albrecht Fuchs fotografiert sie nicht etwa in einem von ihm eingerichteten Studio in Köln, wo er lebt und arbeitet, sondern sucht die Menschen, die er ablichtet, an einem Ort auf, der für sie selbst von Bedeutung ist: in ihren Ateliers oder Wohnungen, in einem temporären Lebensumfeld wie im Hotel oder auf Reisen, bei Spaziergängen im urbanen oder ländlichen Raum. Hierbei erweitert sich das bloße Konterfei der von ihm Porträtierten hin zu einem Genrebild: In welchem räumlichen Setting zeigen sich die Porträtierten, welche Posen und Gesten nehmen sie ein, welches Mobiliar umgibt sie, inmitten welcher Arbeitsmaterialien oder Accessoires zeigen sie sich und welche Rolle spielen dabei Kleidung und Mode? Was sagen diese Bilder schließlich – mit zeitlicher Distanz betrachtet – über die jeweiligen soziokulturellen Strukturen ihrer Zeit, über Netzwerke und den sich rasch wandelnden Hype im Kunstmarkt aus? Dies wird insbesondere dann interessant, wenn Albrecht Fuchs etwa Künstler:innen mit einem Abstand von einigen Jahren erneut ablichtet: Welche Kontinuitäten und Brüche innerhalb einer Biografie lassen sich dann aus seinen Bildern herauslesen?

Menschen und deren Lebenssituation
Die Bielefelder Ausstellung lädt zunächst durch 33 an die Wände gebrachte, gerahmte Prints in verschiedenen Bildformaten zu einer Reise durch ein „Who is Who“ des Kunstbetriebs seit der Mitte der 1990er-Jahre ein. Michel Majerus lehnt 1996 in Köln leicht verlegen an der Wand, hinter ihm ein Bild; Sarah Lucas steht 2003 mit einer übergroßen Sonnenbrille vor einem Schuppen in der britischen Grafschaft Suffolk; John Baldessari liegt 2004 in Los Angeles auf einem Sofa neben einem Ficus elastica und unterhalb eines Bücherregals, dessen Bretter sich durch die Schwere der Bücher biegen. Taryn Simon steht 2007 streng posierend vor einem Bild am Arbeitstisch inmitten eines Studioraums in New York; Jeff Wall lehnt im Jahr 2010 in einer Seitenstraße in Vancouver an einer heruntergekommenen Hütte mit der Hausnummer „666“; Thomas Ruff blickt 2014 in einem sortierten Atelierraum in Düsseldorf an der Kamera vorbei. Nicole Eisenman stützt sich 2019 auf einen Backsteinpfeiler vor einer Häuserzeile in New York und Florentina Holzinger öffnet 2021 in Wien den Ausgang einer Probenhalle. Albrecht Fuchs‘ Fotografien wirken, als seien sie stets im „entscheidenden Augenblick“ im Sinne Henri Cartier-Bressons aufgenommen worden. Doch eine Vitrine mit Kontaktabzügen von Porträts der Künstlerin Cosima von Bonin, die mit Hund in einem streng angelegten Hinterhofgarten in Köln im Jahr 2006 zu sehen ist, oder ein Screenshot von einem Bildbearbeitungsprogramm mit Ansichten der Kuratorin Bice Curiger, die ebenfalls mit Hund in einem Park in Zürich posiert, zeigen, dass auch die Aufnahmen von Albrecht Fuchs in einem längeren Arbeitsprozess entstehen. Anhand eines Kontaktabzug des zuvor beschriebenen Fotos von John Baldessari lässt sich so zum Beispiel nachvollziehen, wie Baldessari mal auf dem Sofa sitzt und in die Kamera blickt, oder mal auf dem Polstermöbel liegt, in Richtung des Bücherregals schaut oder den Blick leicht zum Fotografen wendet. Bildfindungssituationen wie diese zeigt auch die Publikation Album, Portraits 1989–2020 deutlich, die 2020 anlässlich Albrecht Fuchs‘ umfassender Ausstellung im Braunschweiger Museum für Photographie erschienen ist und aus der in der Bielefelder Ausstellung Doppelseiten präsentiert werden. Verschiedene Aufnahmen von Mike Kelley, die Fuchs im Jahr 2004 in Los Angeles machen konnte, zeigen dabei ferner, wie der Künstler seine Bilder archiviert: etwa in Archivkartons oder als abgeheftete Kontaktbögen.


Ein Jahrzehnte umfassendes Netzwerk
Den Blick auf die Entwicklung von Albrecht Fuchs‘ Schaffen zu richten, verfolgt der im Vortragssaal präsentierte Videoloop: Hier werden für die Dauer einer halben Stunde vielzählige Fotografien des Künstlers seit 1989 in einer digitalen Diashow projiziert. Insbesondere die Genese seines fotografischen Blicks zeigt sich im Konvolut der ausgewählten Bilder: Während frühe Porträts von etwa Jitka Hanzlová, die 1991 in Essen rauchend auf einer am Boden liegenden Matratze sitzt und das Bild wie ein Foto aus der Studierenden-Wohngemeinschaft wirken lässt (beide Fotograf:innen, Hanzlová und Fuchs, studierten an der Gesamthochschule Essen Fotografie), professionalisierte sich Fuchs‘ Blick und Konzept zusehends schnell. So fotografierte er bereits 1993 den Düsseldorfer Rahmenbauer Frank Terhard in seiner Werkstatt, lichtete 1994 den Produktdesigner Jasper Morrison in einem Schaufenster in London ab und im selben Jahr Ennio Morricone in dessen privatem Wohnzimmerumfeld in Rom. Martin Kippenberger fotografierte er 1995 in einem Kölner Hotel auf dem Bett liegend (ein Weinglas steht gefüllt auf dem Nachttisch), in St. Georgen lichtete er seinen Hinterkopf beim TV-Gucken ab und im kanadischen Dawson City zeigte er ihn in einem Saloon, wohin er Kippenberger zu dessen fiktivem U-Bahn-Projekt Metro-Net begleitet hatte. Fuchs besuchte 2001 Dieter Rams in dessen Wohnhaus in Kronberg, Mark Leckey und Wolfgang Tillmans im gleichen Jahr in London. Die Liste der Personen, die Albrecht Fuchs bis dato fotografiert hat, ist lang. Dies ist einer der Gründe, weshalb er als Chronist der Kunstwelt gilt. Anlässlich seiner Ausstellung in Bielefeld fotografierte er den in Bielefeld lebenden Fotografen und Fototheoretiker Gottfried Jäger sowie – neben weiteren Neuproduktionen – die Leiterin der Kunsthalle Bielefeld Christina Végh. Einzig von Albrecht Fuchs selbst ist keine Aufnahme in der Schau zu sehen: Vermerken die Bildunterschriften in dem Videoloop den Namen der jeweils porträtierten Person, den Ort und das Jahr, endet die Projektion mit einer weißen Bildfläche nur mit der Unterschrift „Albrecht Fuchs Bielefeld 2025“ – das Selbstporträt des Künstlers bleibt aus.
Ein Besuch der Ausstellung lohnt, denn in der Fülle der Fuchsschen Porträts und durch den Jahrzehnte umfassenden Einblick in die Kunstwelt zeigt sich, wie spezifisch dieses Netzwerk konstituiert ist, wie schnelllebig es ist und wie es sich trotz allem konstant weiterentwickelt.
Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Oktober 2025 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen, geöffnet Di-So 11-18 Uhr, Mi 11-21 Uhr. Am 24. September findet um 19 Uhr ein Gespräch zwischen Albrecht Fuchs und Christina Végh statt.
Ralph Gibson und F.C. Gundlachs 100-Dollar-Scheine
Ralph Gibson, Secret of Light, Deichtorhallen Hamburg, Halle für aktuelle Kunst, 21. April bis 20. August 2023.
Künstler:innenkolonie auf Zeit
Zu Besuch im Mecklenburgischen Künstlerhaus Schloss Plüschow.
„Ich kann nicht in Grenzen denken, sondern in Möglichkeiten“
Zu Besuch bei Tilo Schulz in der Uckermark